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Zäsur bei Siemens – Chef Joe Kaeser schafft sich ab

Ein historischer Schritt: Siemens spaltet sich 2020 auf. Und das Ende der Ära von Vorstandschef Kaeser naht. Die Risiken der Neuordnung sind enorm.

Die Kanzlerin schätzt den Siemens-Chef. Foto: dpa
  • Siemens steht vor dem radikalsten Umbau der Unternehmensgeschichte. Der Konzern spaltet das Energiegeschäft vom Rest ab – und bringt es an die Börse.
  • Der zentrale Wegbereiter des Umbaus, Joe Kaeser, stellt derweil die Weichen für seinen Abschied – und schafft seinen eigenen Posten ab. Wer wird ihn bei dem Münchener Konzern beerben?
  • Der US-Rivale General Electric galt für Siemens lange als Vorbild. Doch der US-Konzern kämpft derzeit mit massiven Problemen – bis hin zum Vorwurf der Bilanzmanipulation.

Wieder einmal Bagdad. Die Stadt kocht in der Septemberhitze. Aber die Temperaturen sieht man Joe Kaeser nicht an. Er steht im dunklen Anzug und mit blauer Krawatte makellos in dem Konferenzraum des Hotels Al-Rashid. Ein riesiger Kronleuchter hängt über seinem Kopf, neben ihm steht eine irakische Flagge. Es läuft das Iraq Energy Forum, um den Deutschen scharen sich Minister und Unternehmer aus dem Land und der Region.

Zum vierten Mal reist Kaeser in 18 Monaten in den kriegsgebeutelten Staat. Es geht um Milliardenaufträge für den Wiederaufbau der Energieinfrastruktur des Landes. Da erwarten die Würdenträger vor Ort, dass der Chef persönlich kommt. Es ist ein guter Tag für Kaeser. Siemens baut zusammen mit dem ägyptischen Baukonzern Orascom zwei Kraftwerke im Norden vom Irak auf, kann der Siemens-Chef verkünden. Die Werke wurden von der Terrororganisation Islamischer Staat zerstört. „Wir sind hier, um zu bleiben“, sagt Kaeser.

Staatsmännisch, das kann er. Kaeser wirkt mit feinem Lächeln, randloser Brille und grauem Haar freundlich, strahlt Ruhe und Kompetenz aus. Nur wird er solche Auftritte schon bald nicht mehr haben. Künftig wird Michael Sen auf politisch heikle Missionen gehen, der neue Chef der Energiesparte.

Der Grund: Siemens spaltet diese im nächsten Jahr ab. Einen „Eingriff in die DNA von Siemens“ nennt Kaeser den von ihm vorangetriebenen geschichtsträchtigen Umbau. Und das soll etwas heißen: Siemens wurde gegründet, als es dem ersten Dampfschiff gelang, die Welt zu umrunden. Das war 1847.

Im Jahr 2020 wird der Konzern de facto zerschlagen. Die Energiesparte mit den internen Namen „Powerhouse“ oder „Newco“ geht an die Börse, erzielt rund 40 Prozent der Umsätze von der heutigen Siemens. Es entsteht ein neuer Energietechnik-Konzern mit 30 Milliarden Euro Umsatz und mehr als 80.000 Mitarbeitern.

Siemens, das war schon immer mehr als ein normales Unternehmen. Der Münchener Konzern war tief in der Deutschland AG verwurzelt und ist heute einer der letzten deutschen Technologiekonzerne von Weltrang. Kaum jemand prägte das Unternehmen so sehr wie Kaeser, dessen Ära nach sechs Jahren Amtszeit sich langsam dem Ende entgegenneigt. Aus Altersgründen muss er abtreten.

Der Vertrag des 62-Jährigen läuft nur noch bis Anfang 2021. Einen Nachfolger präsentierte Siemens jetzt auch: Roland Busch, der in die eigens geschaffene Position des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden befördert wird. Zudem wurde ihm auch noch die Verantwortung für die Implementierung der „Vision 2020+“ übertragen. Viel deutlicher kann man jemanden nicht zum Kronprinzen erheben.

Houdini hätte es nicht besser hinbekommen können: Kaeser schafft sich selbst ab, verschwindet von der Bühne. Aber wie in jeder guten Zaubervorstellung darf der Cliffhanger nicht fehlen. Wird Busch wirklich neuer CEO? Denn der bisherige Technologievorstand soll in den nächsten Monaten eine Art Probezeit durchlaufen, um seine CEO-Qualitäten zu beweisen.

Reicht es nicht, könnte Kaeser noch einmal um zwei Jahre verlängern. Denn eine Alternative ist nicht in Sicht. Sen galt ebenfalls als Anwärter auf den Chefposten, ist jetzt aber an die Energiesparte gebunden, die im Herbst 2020 an die Börse geht. Allerdings wären einige Aufsichtsräte nicht zufrieden mit einer Amtsverlängerung von Kaeser, drängen auf einen Wechsel: Der Konzern brauche wieder einen Ingenieur an der Spitze. Und Busch ist einer.

Kaeser könnte ein Fernziel verfolgen. Der CEO könnte nach seinem Rücktritt 2021 nach einer gesetzlich vorgeschriebenen Abkühlungsphase 2023 als Aufsichtsratschef zurück ins Unternehmen kehren. Ob das der bisherige Amtsinhaber Jim Hagemann Snabe so mitmacht, wird spannend zu beobachten sein. Snabe wurde von Kaeser geholt, der Däne folgte bislang dem Vorstandschef getreu in seiner „Vision 2020+“.

Ob Kaesers radikaler Umbau ein Erfolg wird, ist noch offen. Die Börse ist noch zurückhaltend, der Aktienkurs steht heute nicht viel höher als bei Kaesers Amtsantritt im Sommer 2013. Vom Höchststand bei mehr als 130 Euro ist der Kurs wieder auf unter 100 Euro gefallen. Und auch die Konzernmargen sind alles in allem nicht viel besser geworden. Gleichzeitig aber birgt der Umbau Risiken. Kaeser zerschlage Siemens, fürchten einige. Der wichtigste deutsche Technologiekonzern verzwerge sich selbst, er drohe in die zweite Liga abzusteigen. Das sei auch ein Problem für den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Der Gefahr sind sich auch Kaeser und sein Aufsichtsratschef Snabe durchaus bewusst. Daher steht der nächste große Schritt noch aus: Siemens braucht im Digitalgeschäft wohl große Zukäufe. Der Münchener Konzern soll nicht mehr in der Breite wachsen, sondern vertikal in klar definierten Zukunfts- und Wachstumsmärkten. Geht der Plan von Kaeser und Snabe auf, gibt es drei starke deutsche Weltkonzerne in den Bereichen Digitalisierung, Energie und Medizintechnik.

Aufsichtsrat drängt auf Klarheit

Auf den Fluren am Wittelsbacher Platz gab es in den vergangenen Wochen und Monaten vor allem ein Thema: die Zukunft von Joe Kaeser. Kaum ein CEO in Deutschland ist derart dominant, ist derart viel diskutiert wie der Niederbayer. Egal, ob er in einem Tweet die AfD angreift oder ob er zwischenzeitlich ein Werk im strukturschwachen Görlitz schließen will: Der Siemens-Chef polarisiert wie kaum ein anderer CEO in Deutschland.

Würde der Ex-Finanzvorstand noch einmal um zwei Jahre verlängern, obwohl die Geschäftsordnung vorschreibt: „Die Mitglieder des Vorstands sollten in der Regel nicht älter als 63 Jahre sein“? „Vertragslaufzeiten kann man verkürzen, einhalten oder verlängern. Jedenfalls würde ich spätestens dann aufhören, wenn ich glaubte, dass ich unersetzlich sei“, sagte er noch vor einigen Monaten im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Und doch wurde der Druck, Klarheit zu schaffen, größer. „Die offene Personalie lähmt das Unternehmen“, sagte ein Siemens-Manager dem Handelsblatt. Einzelne Aufsichtsräte drängten, spätestens zur Hauptversammlung Anfang 2020, also ein Jahr vor Ende seiner Vertragslaufzeit, müsse Klarheit herrschen.

Interessant ist in dem Zusammenhang die Rolle von Aufsichtsratschef Snabe. Im Auftreten sind sie sehr unterschiedlich: Der Vorstandschef steht meist im Mittelpunkt und führt das große Wort, Snabe steht eher einen Schritt dahinter. Einen „typischen Dänen“ nennt ihn ein Personalberater. Sehr freundlich im Auftreten, aber keinesfalls zu unterschätzen.

So glauben inzwischen einige bei Siemens, dass Snabe nicht so einfach den Platz freimachen würde, falls Kaeser nach einer zweijährigen Abkühlphase Anfang 2023 auf den Aufsichtsratsvorsitz wechseln möchte. „Snabe hat großen Gefallen an der Aufgabe gefunden“, heißt es in Industriekreisen. Solange er das Gefühl habe, das Unternehmen voranbringen zu können, wolle er weitermachen. Doch Kaeser hatte schon immer seine Masterpläne.

Sein Umbau entspricht genau der Philosophie, die Snabe in seinem Buch „Dreams and Details“ festgehalten hat. Darin erläutert er, wie Firmen in der digitalen Zukunft bestehen können. „Die SAP ist an der Spitze der Softwareindustrie und eines der wenigen weltweit führenden Unternehmen mit Hauptsitz in Europa, weil sie die Fähigkeit hat, sich aus einer Position der Stärke heraus neu zu erfinden“, schrieb Snabe. Die meisten Unternehmen warteten, „bis die Katastrophe über sie hereinbricht“.

Der Däne, der einst Co-Chef bei SAP war, hält Kaeser laut Aufsichtsratsumfeld für einen Glücksfall für Siemens. Modernes Management müsse Wachstumsmärkte identifizieren und sich dann auf die wenigen Segmente fokussieren, in denen sich der Profit konzentriert. Dabei gelte: „In der digitalen Welt ist Größe nett, aber entscheidend ist die Geschwindigkeit.“ Abzuwarten, wie sich die Märkte entwickeln, um dann als „schneller Zweiter“ anzugreifen, funktioniere heute nicht mehr. Daher habe Siemens auf Synergien eines integrierten Konzerns verzichtet, um Geschwindigkeit zu gewinnen. „Snabe ist ziemlich stolz darauf, was das Management gemacht hat“, heißt es im Aufsichtsratsumfeld.

Aber sosehr Snabe Kaeser und dessen Strategie bewundert: Eine Vertragsverlängerung für Kaeser wäre kein Selbstläufer. „Es ist nicht Joe Kaeser, der entscheidet, ob sein Vertrag verlängert wird“, sagt ein Insider. Nach Informationen des Handelsblatts gab es Aufsichtsräte, die auf einen raschen Wechsel an der Spitze drängen. Kaeser habe seine Verdienste um das Unternehmen, heißt es in ihrem Umfeld. Doch sei es langsam Zeit für einen Wechsel.

Der Aufsichtsrat hatte nach Informationen des Handelsblatts von einer Personalberatung ein Profil für die beiden zu besetzenden CEO-Posten ausarbeiten lassen. Im alten Siemens-Konzern ging es um große Infrastrukturprojekte, war ein Ergebnis der Untersuchung. Der CEO reist um die Welt und verhandelt mit den Autoritäten. Diese Aufgabe liegt künftig beim Chef des neuen Energiekonzerns. Bei der Siemens AG mit ihren Digitalgeschäften werden unzählige, eher kleinere Aufträge an Industriekunden vergeben. Da ist es vor allem wichtig, keine technologische Entwicklung zu verpassen. Das spricht für einen Ingenieur mit strategischem Blick an der Spitze.

Zudem fragen sich viele bei Siemens, ob eine Verlängerung mit Kaeser um zwei Jahre überhaupt sinnvoll wäre. Die neue Siemens AG brauche einen CEO mit einer Langfristperspektive, heißt es in Aufsichtsratskreisen. Hier mit einem Chef zu starten, dessen Amtszeitende schon wieder absehbar sei, ergebe da wenig Sinn. Er kenne keinen Fall, in dem so eine nochmalige Verlängerung funktioniert habe, meint ein Personalberater, der viel im Hause Siemens zu tun hat.

Bei den Investoren war das Meinungsbild in den vergangenen Wochen gemischt. Viele Analysten und Investoren hatten die Strategie grundsätzlich begrüßt, den Geschäften mehr Eigenständigkeit zu geben. Zudem musste Kaeser, anders als sein Vorgänger, die Gewinnerwartungen nie nach unten korrigieren. Als Fortschritt sehen zudem viele, dass die Ergebnisqualität in der Breite zugenommen habe: Der Großteil der Geschäfte erfüllte in den vergangenen Jahren die Renditevorgaben.

Dennoch häuften sich zuletzt die kritischeren Stimmen. Siemens sei an der Börse ein Underperformer im internationalen Vergleich der Investitionsgüterhersteller, sagte Vera Diehl, Portfoliomanagerin bei Union Investment, vor Kurzem dem Handelsblatt. Die Ideen von Kaesers Programmen „Vision 2020“ und „Vision 2020+“ seien zwar gut, doch hapere es an der Umsetzung. „Was zählt, sind nicht Visionen, sondern handfeste Fakten wie eine Margenausweitung und ein positiver Cashflow.“ Sie könne sich vorstellen, dass Kaeser eine Verlängerung anstrebe. „Angesichts seiner bisherigen Bilanz bin ich nicht für eine Verlängerung.“

Harald Smolak von der Managementberatung Atreus, der früher selbst im Siemens-Management tätig war, zieht eine insgesamt positive Bilanz von Kaesers Arbeit: „Er hat es nicht nur geschafft, die Mitarbeiter wieder hinter sich zu bringen, sondern auch ein komplexes Unternehmen wie Siemens erfolgreich in kleinere, agilere und weitgehend selbstständige Einheiten umzustrukturieren.“ Das zeige sich gerade auch im Vergleich mit dem kriselnden US-Konkurrenten General Electric.

Der Aufsichtsrat sei gut beraten, wenn er noch einmal mit Kaeser verlängere. „Unternehmensseitig sehe ich derzeit auch noch niemanden, der ihm hier das Wasser reichen könnte, gerade auch mit Blick auf seine Erfahrung, seinen Mut zur Veränderung und seine exzellente Vernetzung in Wirtschaft und Politik.“

Busch ist nun halboffiziell Kronprinz. Allerdings, heißt es in Aufsichtsratskreisen, gibt es keinen Automatismus. Busch müsse in den nächsten Monaten beweisen, dass er CEO könne. Er müsse weg vom Mikromanagement und zeigen, dass er zum Beispiel die Kommunikation mit den Kapitalmärkten beherrsche. „Man wird sich das sehr genau anschauen.“ Falls er patze, müsse eine andere Lösung gefunden werden. Und dann – da ist sie, die Hintertür – sei es denkbar, dass Kaeser doch weitermacht, um noch einmal auszuhelfen. „Wenn Herr Busch nicht reüssiert, wird Kaeser verlängern.“

Der Siemens-Chef steht ja im Verdacht, sich für zumindest schwer ersetzbar zu halten. Und auch wenn ihm manche in letzter Zeit vorwarfen, sich zu viel zu politischen Themen und zu wenig zu Siemens geäußert zu haben, ist von Amtsmüdigkeit wenig zu spüren.

Ein radikaler Kurswechsel bei Siemens ist so oder so nicht zu erwarten. „Die Veränderungen sind kaum noch rückholbar“, meint ein Siemensianer. Kaeser habe mit der Holdingstruktur Fliehkräfte ausgelöst, einmal herausgelöste Teile seien kaum reintegrierbar.


Mister Siemens

Die Machtübernahme von Kaeser 2013 deutete sich früh an. Das Unternehmen war nach einer Reihe von Gewinnwarnungen nicht in bester Verfassung. Der damalige Finanzvorstand war überzeugt, da sind sich fast alle bei Siemens sicher, dass er es besser könne als der Österreicher Peter Löscher, den das Schicksal im Zuge des Schmiergeldskandals eher zufällig an die Spitze des Traditionskonzerns gespült hatte. Mal stahl ihm Kaeser die Show, in dem er sich vor der Bilanzpressekonferenz über Nacht seinen Bart abrasierte, mal redete er über die niedrig hängenden Früchte, die Löscher geerntet habe.

Den Österreicher stürzte nicht Kaeser. Aber der fintenreiche Finanzvorstand, spekulieren bei Siemens manche, habe nichts unternommen, um seinen Vorstandschef zu retten. Als die Führungskrise ihren Höhepunkt erreicht, war Kaeser in seiner Heimat im Bayerischen Wald. Die Freiwillige Feuerwehr in Thalersdorf weihte an dem entscheidenden Sonntag ein neues Fahrzeug ein.

Der gebürtige Josef Käser ist schon lange Mitglied, auch in der Krise stellte er seine Heimatverbundenheit zur Schau und kam kurz vorbei. Ein paar Tage später hat es Kaeser geschafft. An einem sonnigen Tag Ende Juli tritt er im Innenhof der Konzernzentrale als neu ernannter Siemens-Chef an die Öffentlichkeit. Er verspricht eine Beruhigung des verunsicherten Konzerns. Doch rasch macht er sich an die Ausarbeitung einer neuen Strategie.

Kaeser wird zum neuen, allmächtigen Mister Siemens. In der ersten Phase musste Energievorstand Michael Süß gehen, später nahm auch der beliebte Industrievorstand Siegfried Russwurm seinen Abschied. Mit einem kleinen Küchenkabinett entwickelt Kaeser seine Zukunftspläne. Unter Löscher verdienten nur wenige Geschäfte wirklich Geld und schleppten die anderen mit.

Kaeser kann Erfolge zeigen, es verbessert sich die Profitabilität auf breiter Basis. Auch dank Finanzvorstand Ralf Thomas gehören die ewigen Sonderbelastungen bei schlecht gemanagten Großprojekten der Vergangenheit an. Kaeser weiß, wie er mit den unterschiedlichen Stakeholdern reden muss – er weiß, was den Analysten und Aktionären gefällt, aber auch, wie er vor den Beschäftigten reden muss.

Der Wandel in Richtung einer Holding geht anfangs eher schleichend. Doch nach und nach wird das Bild klarer, das ihm vorschwebt. Von einem „Flottenverbund“ spricht Kaeser anfangs. Aus dem großen, trägen Industriedampfer Siemens sollen schnelle, agile Einheiten werden. Das Bild hat Kaeser später nicht mehr so oft benutzt, es drohen zu viele schiefe Sprachbilder.

In der neuen, schicken Siemens-Zentrale in München haben sie im Eingangsbereich die Werkstatt des Firmengründers Werner von Siemens nachgebaut, Passanten können durch die Fenster einen Blick darauf werfen. In der Originalwerkstatt in einem Berliner Hinterhof fertigten einst zehn Handwerker gemeinsam mit Werner von Siemens die ersten Zeigertelegrafen aus Weißblech, Kupferdraht und Holzkisten. Sie legten damit den Grundstein für einen Weltkonzern.

Doch Kaeser ist in den vergangenen Jahren zu dem Schluss gekommen, dass dieser Weltkonzern mit seinen zuletzt etwa 83 Milliarden Euro Umsatz zu langsam werden könnte für die unsicheren, disruptiven Zeiten, die da kommen werden. Er hat anfangs eher im Verborgenen die ersten Schritte vorbereitet, Geschäfte verselbstständigt, Töchter wie die Medzintechnik-Sparte Healthineers und die Windkraft über die Fusion mit dem Konkurrenten Gamesa an die Börse gebracht.

Nun kommt, kurz vor dem Ende von Kaesers Amtszeit, der entscheidende Schritt: Siemens wird im kommenden Jahr aufgespalten. Die Gaskraftwerke, für die er im Irak wieder einmal einen Auftrag eingesammelt hat, werden künftig von Michael Sen geleitet. Übrig bleibt ein nun viel kleinerer Siemens-Konzern mit den Digitalgeschäften, der Bahntechnik und der Mehrheitsbeteiligung an den Healthineers. „Fokussierte Spezialisten“ wollte Kaeser schaffen. Größe, ist er überzeugt, ist heute kein Wert an sich mehr.

So radikal hat noch keiner seiner Vorgänger eingegriffen, am ehesten noch Heinrich von Pierer, der einst mit einem legendären Zehn-Punkte-Programm unter anderem die Abspaltung der Chipsparte Infineon einleitete.

Der Nachfolger

Roland Busch ist ein anderer Typ als Kaeser. Der große Auftritt liegt dem Physiker nicht unbedingt, bei Innovationstagen oder wenn er einmal bei der Vorlage der Quartalszahlen den Chef vertreten durfte, blieb Busch eher blass. Der Manager ist hochdiszipliniert. Siemens-Mitarbeiter treffen ihn zuweilen morgens um fünf Uhr im firmeneigenen Fitnesscenter. Als er die Fusion mit Alstom organisieren sollte, hatte er Kopfhörer auf und verbesserte nebenbei sein Französisch. Danach gönnt er sich dann ein Rührei ohne Eigelb.

In der Welt von Busch herrscht Ordnung, regieren die Zahlen und Fakten. Beispiel Schlaf: „Sechs Stunden sind okay, es geht auch mal eine gewisse Zeit mit fünfeinhalb, aber sicherlich nicht nachhaltig, viel mehr brauche ich dann auch nicht.“ Die restliche Zeit nutzt er, um sich in Akten zu vertiefen oder zu lesen. Auch die private Lektüre folgt durchaus einem System. Der 54-Jährige hat sich eine Liste von Klassikern der Weltliteratur erstellt, zwischendurch dann wird auch einmal ein aktuelles Werk gelesen.

Ähnlich fuchst er sich ein, wenn es in seinem Verantwortungsbereich Probleme gibt. Dann wolle Busch bis zur letzten Schraube wissen, wie ein ICE funktioniert, sagt einer, der mit ihm zusammengearbeitet hat. Gerade in der Mobilitysparte hatte er damit Erfolg. Die einst schwächelnde Einheit erfüllt nun schon seit etlichen Quartalen die Renditevorgaben der Konzernführung, zuletzt war sie sogar profitabler als der Gesamtkonzern.

Allerdings, heißt es in Industriekreisen, müsse Busch nun in den nächsten Monaten zeigen, dass er vom Mikromanagement wegkomme hin zum großen CEO-Blick. Snabe wolle beides „Dreams & Details“, wie der Titel seines Buchs lautet. Also auch Inspiration und die Vision, Dinge zu antizipieren, die in fünf oder zehn Jahren wichtig sind.

Der Wechsel könne Siemens aber guttun, ist ein Personalberater überzeugt. Kaeser habe viel gefordert und ein enorm hohes Tempo vorgelegt. Busch könne ausgleichend wirken. Zudem hat er die Expertise da, wo sie im neuen Siemens-Konzern künftig benötigt wird: Busch habe ein großes Verständnis für die Schnittstellen zwischen Hard- und Software, sagte der frühere französische Finanzminister Thierry Breton dem Handelsblatt.

Der Atos-Konzern, den er führt, kooperiert intensiv mit Siemens, Busch sitzt im Aufsichtsrat. „Roland Busch liebt Technologie.“ Als Ingenieur sei er sehr offen für Innovationen. Einer, der mit ihm zusammengearbeitet hat, nennt Busch einen „klugen Manager“, der sich in den acht Jahren im Vorstand bewährt habe. Es sei ungewöhnlich, dass er sich nun noch als eine Art Lehrling beweisen solle.

Busch versucht, das papierlose Büro zu praktizieren. Auf seinem iPad malt er Besuchern gern auf, wie die Digitalisierung der Industrie abläuft und welche Schnittstellen man besetzen muss. Siemens will mit Mindsphere das Betriebssystem für die Digitalisierung der Industrie schaffen. Für den neuen Siemens-Konzern wird es essenziell wichtig sein, die Plattform zu etablieren.

Wenn es Busch einmal nicht schnell oder exakt genug geht, kann er auch einmal etwas ruppig sein, berichten Mitarbeiter. Darauf angesprochen sagte er dem Handelsblatt: „Wenn es so wirkt, tut mir das leid. Richtig ist: Ich bin fordernd, rede Klartext, und ich komme schnell auf kritische Punkte. Dabei versuche ich aber, stets fair zu sein. Für mich ist wichtig, dass ich mit den Menschen so umgehe, wie ich gern selbst behandelt werde, mit gegenseitigem Respekt und Wertschätzung.“

Busch höre zu und sei für Kritik auch empfänglich, meint ein Personalberater, der ihn gut kennt. In den vergangenen Jahren habe er sich als lernfähig erwiesen. Zudem hat Busch ein gutes Netzwerk im Konzern. Dass er auch in heiklen Situationen die Ruhe bewahren kann, zeigte sich im Streit über Osram. Kaeser kritisierte damals die neue Strategie der Ex-Lichttochter, an der Siemens noch beteiligt war, heftig. Der Osram-Aufsichtsrat, in dem auch Busch saß, hatte aber die Strategie mitgetragen.

Ob dies zu Reibereien zwischen Busch und Kaeser führte, drang nicht nach außen. Nach Einschätzung in Industriekreisen hatten es die Siemens-Vorstände nicht immer einfach mit der Dominanz ihres Chefs. So soll es zwischen Kaeser und Personalchefin Kugel immer einmal Spannungen gegeben haben, unter anderem im Zusammenhang mit dem Ringen um die drohende Schließung des Werks in Görlitz.

Dieses Thema war besonders heikel für Kaeser. „Wir sind der Meinung, dass ein Unternehmen nur eine Existenzberechtigung hat, wenn es nachhaltig und langfristig Wert für die Gesellschaft schafft“, ließ er in einen Nachhaltigkeitsbericht von Siemens schreiben. Solche Thesen wurden Kaeser immer wieder vorgehalten, wenn er zum Beispiel Stellenabbau verkündete.

Doch glaubt Kaeser, dass Unternehmen nur aus einer Position der Stärke heraus den Schwächeren helfen können. Schwäche dagegen könnten sich die Unternehmen nicht mehr erlauben. In einem Beitrag für den „Harvard Business Manager“ blickt Kaeser noch einmal detailliert auf die Entwicklung des Konzerns in den vergangenen Jahrzehnten zurück.

Anfang der 80er-Jahre, als er startete, sei Siemens ein hochintegrierter Technologiekonzern gewesen. Das Portfolio war breit, von der Kommunikationstechnik bis zur Energie. „Synergien zu heben, zum Beispiel in Vertrieb und Technologie, steht im Vordergrund.“ Kaeser blickt zurück auf seine Zeit in der Halbleiterei bei Siemens: „Ich sehe diese Jahre bis heute als Schlüsselerfahrung an, als einen wertvollen Vorausblick in die unaufhaltsame Veränderung der Welt.“

Wer diese Entwicklung verstehe und mitpräge, dem stünden riesige Chancen offen. „Wer sie verpasst, dem droht innerhalb kürzester Zeit das Aus.“ In der Telekommunikation musste Siemens dies schmerzhaft erfahren. Im Netzwerkgeschäft hatte der Konzern den Paradigmenwechsel hin zu internetbasierten Routertechnologien verpasst.

Auch bei den Handys verpasste der Konzern den Anschluss. Am Ende musste er ganz aus der Telekommunikation aussteigen. „Hüte dich vor der Arroganz und Blindheit, die Erfolg mit sich bringen kann. Und: Verpasse niemals einen Paradigmenwechsel“, hat Kaeser nach eigenen Worten daraus gelernt.

Damit sich die Geschichte nicht wiederholt, sollen die Geschäfte eigenständiger werden, die Konsequenz ist die Aufstellung in drei Konzerne: die verbliebene Siemens AG mit dem Digitalgeschäft und Mobility, die Healthineers und künftig der neue Energiekonzern. „Ab einem bestimmten Zeitpunkt sollte jedes dieser Unternehmen in der Lage sein, aktiv am ‚Merger Endgame‘ teilzunehmen, also branchenprägende Zusammenschlüsse zu gestalten.“

Das also wird die nächste Aufgabe von Kaeser und Busch sein: Siemens in den Kerngeschäften auch durch Übernahme wieder zu alter Größe zu führen. Der Konzern soll nicht in die Breite wachsen, sondern die Teile in ihren Segmenten in die Höhe.

Ein neuer Dax-Chef

Die Aufmerksamkeit war riesengroß. Kaeser holte 2014 die Amerikanerin Lisa Davis in den Vorstand. Heute spielt sie kaum eine Rolle. Davis führt derzeit noch die Kraftwerkssparte GP und wäre eigentlich die natürliche Chefin des neuen Energiekonzerns. Doch gilt sie zwar als unermüdliche Verkäuferin und gute Kennerin des Öl- und Gasgeschäfts. Doch so ganz angekommen in der Siemens-Welt ist sie nicht. Die Sparte führte sie aus den USA heraus, fernab vom bayerischen Erlangen. Und ihre persönliche Lebensplanung sah wohl auch nicht vor, noch einmal die ganz große Herausforderung anzupacken.

Der neue Energiekonzern muss seinen Sitz in Deutschland haben – sonst wäre die Abspaltung mit den Arbeitnehmern auch kaum zu machen. Davis wird den Konzern verlassen, wenn Sen eingearbeitet ist und ihr Vertrag ausläuft. Zum Abschied gibt es wohlwollendes Lob. „Lisa Davis hat in den vergangenen fünf Jahren Herausragendes für GP erreicht. Sie hat angesichts der drastischen strukturellen Marktveränderungen den notwendigen Umbau und die damit einhergehenden wichtigen Kapazitätsanpassungen in schwierigem Umfeld angestoßen“, erklärte Aufsichtsratschef Snabe.

In der Tat hatte Davis keinen dankbaren Job. Die Kraftwerkssparte war über lange Jahre ein stabiler Gewinnbringer bei Siemens, der half, andere Sparten mit durchzuschleppen. Der Münchener Konzern entwickelte immer größere und immer effizientere Gasturbinen.

Doch in Zeiten der Energiewende sind kleinere, dezentrale Lösungen gefragt. Der Markt für die großen Turbinen brach weltweit ein und erholte sich nicht mehr. Alle Anbieter haben Überkapazitäten und kämpfen deshalb wie Kaeser und die Konkurrenz von General Electric zum Beispiel im Irak um jeden Auftrag. Eine Lösung für GP zu finden war daher in letzter Zeit Kaesers kniffligste Aufgabe. Durch die Kombination mit den erneuerbaren Energien von Siemens Gamesa habe er eine zukunftsfähige Lösung gefunden, lobt ein Aufsichtsrat.

Michael Sen gilt nun als der richtige Mann, um den neuen Konzern und künftigen Dax-Wert im Markt zu positionieren. Die Berufung Sens zeichnete sich daher schon seit Monaten ab. Für den ehrgeizigen Manager, der seine Karriere ganz klassisch mit einer Stammhauslehre bei Siemens begonnen hatte, bedeutete das aber auch, dass er seine Hoffnungen auf die Kaeser-Nachfolge begraben musste. „Sen traut sich jeden Job zu“, sagt ein Insider. Doch manchem ähnelt Sen zu sehr Kaeser. Beide starteten als Finanzer, beide träge großes Selbstbewusstsein, beide gelten als ein wenig eitel.

Ein „führungsstarker Stratege“ sei Sen, lobte Aufsichtsratschef Snabe. Als Ex-Finanzvorstand von Eon kenne er die Branche aus Kundensicht, er könne die Chancen des Börsengangs nutzen. Auch ein geschliffenes Auftreten kann Sen bieten. In seinem Energiegeschäft ist der diplomatische Auftritt ja essenziell. In den vergangenen Wochen vertrat er Kaeser schon einmal auf Auslandsreisen, auch war er zum Beispiel mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier in China unterwegs.

Zwar liegen die zukunftsträchtigen Wachstumsfelder eher in den Digitalgeschäften der verbleibenden Siemens AG. Doch ist Sens Aufgabe spannend: Es gilt, die kriselnde Kraftwerkssparte weiter zu stabilisieren, und den Kunden gleichzeitig bei der Transformation hin zu den Erneuerbaren zu helfen. Der neue Siemens-Energie-Konzern, der finale Name steht noch nicht fest, sei der einzige Anbieter, der alles aus einer Hand anbiete, werben sie bei Siemens.


Merkel kann gut mit Kaeser

Der Siemens-Chef Joe Kaeser steht in der Großen Halle des Volkes in Peking. Die deutsche Wirtschaftsdelegation hat gerade mir ihren chinesischen Geschäftspartnern elf Kooperationsabkommen im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsident Li Keqiang unterschrieben.

Kaeser, seit Kurzem neuer Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, gibt danach den Journalisten Interviews. Keine Selbstverständlichkeit. Die zwölfte Reise der Kanzlerin nach China ist heikel, da sie von den Protesten der Menschenrechtsaktivisten in Hongkong überschattet wird. Kaeser mahnt die Einhaltung der Menschenrechte an.

Kaeser muss sich bereits kurz danach wegen seines angeblichen Herumlavierens in Sachen Demokratie aus Deutschland viel Kritik anhören. Trotzdem, den Journalisten im Regierungsflieger auf der Reise zurück nach Berlin steht er weiter lange Rede und Antwort, erklärt die Haltung der Wirtschaft und bleibt dabei.

Kaeser hat längst die Wandlung vom klassischen Dax-CEO zum politischen CEO vollzogen. Wenn er im Kanzlerflieger nach China, USA, Afrika oder Ägypten sitzt, nutzt ihm das auch, Staatsaufträge an Land zu ziehen. Er selbst bezeichnet seine Reise ins autokratisch regierte Ägypten im Frühjahr 2015 als wohl seinen größten Coup. Obwohl die Konkurrenz von General Electric gute Karten hat, ordert Präsident Abdel Fattah al-Sisi bei Kaeser Gaskraftwerke und Windräder für acht Milliarden Euro.

Kein anderer CEO wagt zudem, so stark in politische Debatten einzugreifen und Haltung zu zeigen. Seine Reaktion auf Twitter über eine verbale Entgleisung der AfD-Politikerin Alice Weidel im Bundestag: „Lieber Kopftuch-Mädel als Bund Deutscher Mädel“, hätte sich wohl kein anderer Vorstandschef in dieser Wortwahl getraut und vielleicht auch angesichts der heute noch anhaltenden Kritik darauf zugemutet.

Früher galt „Mister Siemens“ Heinrich von Pierer als „Außenminister der deutschen Wirtschaft“, der enge Kontakte zu Kanzlerin Merkel und bis tief hinein in die Politik pflegte. Das ging so weit, dass der CSU-Politiker als Kandidat der Union für das Amt des Bundespräsidenten gehandelt wurde. So weit ist es bei Kaeser lange nicht. Er hat aber die politische Rolle, die einem Siemens-Chef zukommen kann, angenommen.

Die Politik hat es ihm auch nie leicht gemacht. Als er etwa 2017 in den sächsischen Städten Görlitz und Leipzig Arbeitsplätze abbauen will. Der damalige SPD-Chef Martin Schulz nannte das Verhalten „asozial“ und sprach von „Manchester-Kapitalisten“. Kaeser dringt mit seinen rationalen Argumenten, die Politik hätte mit der Energiewende auch bestimmte Geschäftsfelder kaputt gemacht, nicht durch. Auch sein Hinweis, Siemens habe allein in den vergangenen fünf Jahren 20 Milliarden Euro Steuern und andere Abgaben an den Staat überwiesen, greift nicht.

Anders sieht es aber aus, wenn es darum geht, Ivanka Trump, die Tochter von US-Präsident Donald Trump, die sich für die Vorzüge der dualen Ausbildung interessiert, einen Musterbetrieb vorzuführen. Hier klopft das Kanzleramt zuerst bei Kaeser an. Ansonsten ist das Verhältnis zur Familie Trump ambivalent. 2016 überreichte er noch beim Rundgang über die Hannover Messe dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama lachend einen Golfschläger.

Drei Jahre später ging Kaeser, der lange Zeit in den USA gelebt hatte, mit dessen Nachfolger hart ins Gericht. Trump hatte zuvor vier farbige Politikerinnen der Demokraten in Reden und auf Twitter angegriffen. Er empfahl ihnen, in ihre vermeintlichen Herkunftsländer zurückzugehen – unter dem Jubel seiner Anhänger. Kaeser twitterte daraufhin: „... es bedrückt mich, dass das wichtigste pol. Amt der Welt das Gesicht von Rassismus und Ausgrenzung wird.“

Bei der Bundeskanzlerin hat man schon lange nicht mehr das Gefühl, dass sie sich intensiv mit Wirtschaftsgrößen austauscht. Doch Kaeser und Merkel können miteinander. Das zeigt auch eine gemeinsame Reise nach China 2016: Die Kanzlerin besuchte dabei die Provinzstadt Shenyang. In Begleitung von Kaeser begutachtet sie im Industriemuseum das Modell einer modernen Fertigungsstraße für Autos. Roboter eines chinesischen Herstellers rotieren hier neben den Greifarmen der Firma Kuka.

Nach einigen Minuten will Merkel wissen, was denn an der Fertigungsstraße eigentlich von Siemens komme. Für Kaeser eine Steilvorlage. Er bittet die Kanzlerin, einfach mal zu fragen, von wem die Steuerungen seien. Der Siemens-Chef kennt natürlich die Antwort der Chinesen: Siemens. Er lächelt – und auch die Kanzlerin kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Doch so gerne er eine öffentliche Person ist, so hat Kaeser sich eine Distanz zum Berliner Betrieb bewahrt. Kaeser twittert seine Meinung zum Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke oder wie er die Seenotrettung oder wie er die Festnahme der „Sea-Watch 3“-Kapitänin Carola Rackete sieht.

Er sieht sich aber nicht in einem Bundeskabinett als Wirtschafts- oder Finanzminister. Geschmeidigkeit und Kompromissfähigkeit gehen ihm ab, so seine Selbsteinschätzung. Er sieht sich als Stratege, der lange nachdenkt und dann den als richtig erkannten Weg durchziehen möchte. Er wäre nicht der erste Manager oder Unternehmer, der mit einem solchen Ansatz in der Politik scheitert. Viele müssen lernen, dass sie Mehrheiten organisieren und auch sachfremde Kompromisse schnüren müssen, um ans Ziel zu kommen. Das kennt auch ein CEO wie Kaeser, aber nicht in dem Ausmaß wie das in Berlin Tag für Tag üblich ist.

Schon allein, dass Kaeser gerne über einen „inklusiven Kapitalismus“ spricht, zeigt, wie schwierig es für ihn in der Politik wäre. Kein Spitzenpolitiker verwendet das Wort Kapitalismus, sondern alle reden von der Sozialen Marktwirtschaft. In Deutschland vermuten viele Politiker, dass das Wort Kapitalismus in weiten Teilen negativ besetzt ist.

Vor Kurzem hatte Larry Fink, der Blackrock-Chef zur 25-Jahr-Feier des größten Vermögenverwalters der Welt eingeladen. Rund 100 Vertreter der deutschen Wirtschaft erschienen in der Villa Kennedy in Frankfurt. Unter den Gästen waren Wirtschaftsgrößen wie die CEO Martin Brudermüller von BASF, Werner Baumann von Bayer, Christian Sewing von der Deutschen Bank oder Hans van Bylen von Henkel.

Die Keynote hielt aber nicht der mächtige Blackrock-Chef, sondern Kaeser. In einer Zeit mit großen geopolitischen Veränderungen und gewaltigen technologischen Umbrüchen stelle sich mehr und mehr die Frage, was für die Wirtschaft der richtige Kompass sei, fragte er laut Redemanuskript. „Es kommt nicht von ungefähr, dass wir heute eine intensive Suche nach dem Sinn in Unternehmen erleben.“ Das Streben nach nachhaltigem Wert, finde immer mehr Anklang. Und das sei auch gut so.

Kaesers politische Äußerungen hat mancher Aufsichtsrat in den vergangenen Jahren zumindest mit einem Stirnrunzeln gesehen. Bei vielen Mitarbeitern kam sein Engagement gegen Rassismus gut an. Zwei Kleinaktionäre, einer davon von der AfD, wollten dem Siemens-Chef auf der Hauptversammlung wegen seiner politischen Äußerungen die Entlastung verweigern.

Doch von wichtigen Investoren gab es Rückendeckung für den Manager und seine öffentlichen Debattenbeiträge. Auch besetzte er das Thema „Purpose“, von dem heute viele reden, früher als andere Manager. Gesellschaftlich schwebt Kaeser ein „inklusiver Kapitalismus“ vor. Eindringlich warnte er vor einer Spaltung der Gesellschaft. „Arm und Reich haben sich zu sehr voneinander entfernt“, sagte Kaeser dem Handelsblatt.

Und natürlich munkeln manche, dass der Manager eine politische Karriere anstreben könnte. Wahrscheinlich wird es anders kommen. Joe Kaeser war ja schon immer für manche Überraschung gut.

Was wird aus Kaeser?

Der Vertrag von Kaeser läuft Anfang 2021 aus. Doch kaum jemand im Unternehmen mag ausschließen, dass der trickreiche Kaeser, dem ja Siemens auch am Herzen liegt, sich am Ende doch noch einmal als Retter in der Not zur Verfügung stellt.
Das Urteil über Kaesers Hinterlassenschaft wird sich vor allem an der Geschäftsentwicklung der neuen Siemens AG entscheiden.

Bislang haben sich die Healthineers bestens an der Börse entwickelt, die Eigenständigkeit hat der Sparte gutgetan, meinen auch die, die Kaesers Strategie skeptischer sehen. In der Windkraft gestaltete Siemens durch die Fusion mit der spanischen Gamesa die Branchenkonsolidierung mit. Drittes Beiboot sollte die Bahntechnik werden. Die Fusion mit Alstom zu einem neuen europäischen Zugchampion scheiterte zwar, doch steht das Geschäft auch alleine derzeit gut da.

Was bleibt, ist nun ein Kern-Siemens, das vor allem aus den Digitalen Industrien und der Intelligenten Infrastruktur besteht. Die Stärke von Siemens ist die Kombination von Hardware und Software. Die Plattform Mindsphere soll das Betriebssystem bei der Digitalisierung der Produktion sein und auch in Windparks und Krankenhäusern zum Einsatz kommen.

Die Chancen stehen nicht schlecht. Siemens hat eine gute Ausgangsbasis, weil in fast jeder Fabrik dieser Welt Simatic-Automatisierungstechnik der Münchener verbaut ist. Die aktuelle Version von Mindsphere kommt gut bei den Kunden an. Gab es anfangs am Markt viele Plattformen für die Anbindung von Anlagen und Maschinen, dürfte sich der Markt bald konsolidieren. Denn sie müssen nicht nur aufwendig entwickelt, sondern danach vor allem stets gepflegt und aktualisiert werden.

Allerdings hat sich Siemens nun auch abhängiger gemacht von zyklischen Schwankungen. Wenn es in der konjunktursensiblen Digitalen Fabrik nicht so gut läuft, zuletzt sanken die Margen, wird es künftig den Konzern stärker treffen. Im Abschwung könnten die Vorteile der guten, alten Holding fehlen: Gut laufende Geschäfte helfen, Probleme in anderen Sparten auszugleichen.

Mit anderen Worten: Eine Rezession könnte das Bild verdüstern. Aber mit ihm oder ohne ihn: Den Konzern wird er auf Jahrzehnte geprägt haben.

Mehr zum Thema:

  • Siemens stellt die Weichen für die Führung in den nächsten Jahren. Wenn sich Roland Busch bewährt, soll er Joe Kaesers Nachfolge antreten.
  • Bei Siemens werden in den kommenden Wochen wichtige personelle Weichen gestellt – auch in der Frage, ob der Chef einen weiteren Vertrag bekommen soll.
  • Bescheiden und effizient führt der Däne Jim Hagemann Snabe den Siemens-Aufsichtsrat. Er ist die perfekte Ergänzung zum extrovertierten Konzernchef Joe Kaeser.
  • Der Aufsichtsrat hat eine weitere Aufspaltung des Siemens-Konzerns beschlossen. Das Energiegeschäft soll ausgegliedert und an die Börse gebracht werden.