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Epidemiologe Timo Ulrichs macht Hoffnung: Im Frühjahr 2022 könnte Deutschland die Herdenimmunität erreichen

·Lesedauer: 7 Min.

Seit Beginn der Corona-Pandemie taucht ein Begriff immer wieder in den Debatten um die Corona-Regeln auf: Herdenimmunität. Darunter wird in der Regel die Impfquote bezeichnet, die erreicht werden müsste, damit die Pandemie zum Erliegen käme und alle Corona-Einschränkungen aufgehoben werden könnten.

Doch seit Beginn der Pandemie verschiebt sich die Quote immer weiter nach oben: 2020 hieß es noch, dass rund 70 Prozent der Bevölkerung immun sein müssten, um Herdenimmunität zu erreichen. Im Frühjahr 2021 hieß es dann 85 Prozent, später 95 Prozent und schließlich erklärte das Robert-Koch-Institut (RKI) im Juli: Das "Erreichen einer 'Herdenimmunität' (...) ist nicht realistisch."

Herdenimmunität ist ein Phänomen, das bei jeder Infektionskrankheit auftauchen kann: Sobald ein gewisser Anteil der Population (der „Herde“) in Kontakt mit einem Virus gekommen und durch eine Infektion immun geworden ist, ist auch der Rest der Population vor dem Virus geschützt. Denn das Virus findet dann nicht mehr genügend nicht-immune Individuen, um sich weiter auszubreiten. Das Ausbreitungsgeschehen kommt langsam zum Erliegen. Während Immunität in der Natur nur durch eine durchgemachte Infektion erreicht wird, kann sie bei Menschen auch „künstlich“ durch eine Impfung erreicht werden. Der Effekt ist derselbe.

„Grundsätzlich ist eine Herdenimmunität bei allen Infektionskrankheiten erreichbar – außer bei solchen Erregern, die sich extrem schnell verändern wie zum Beispiel HIV“, erklärt der Gesundheitswissenschaftler Timo Ulrichs von der Akkon Hochschule im Gespräch mit Business Insider. Entscheidend für das Erreichen des Ziels der Herdenimmunität sei die Ausbreitungsgeschwindigkeit eines Virus.

2020: Zu Beginn der Pandemie rechnete man mit einer Herdenimmunität ab 70 Prozent

Diese wird mit der sogenannten Basis-Reproduktionszahl (R0) angegeben. Dieser Wert sagt aus, wie viele Personen ein Infizierter im Laufe einer Erkrankung im Durchschnitt ansteckt, wenn das Virus sich ungehindert ausbreiten kann. Je höher diese ist, desto schneller breitet sich das Virus also aus. Für den Wildtyp des Corona-Virus wurde ein R-Wert von 3,8 angenommen. Eine infizierte Person steckte also im Durchschnitt 3,8 andere Personen an.

Doch was heißt das nun für die Herdenimmunität? Diese lässt sich anhand der Formel 1 - (1/R0) bestimmen. Bei einer Basis-Reproduktionszahl von 2 muss beispielsweise die Hälfte der Bevölkerung immun sein, um Herdenimmunität zu erreichen. Dann trifft das Virus so häufig auf Immunisierte, dass seine Ausbreitungsgeschwindigkeit negativ wird. Das heißt: Die dann noch Infizierten genesen im Durchschnitt schneller, als dass sie das Virus weitergeben. Für den R0-Wert 3,8 des Wildtyps ergibt sich, dass ungefähr 70 Prozent für Herdenimmunität notwendig sind. Allerdings war für die Alpha-Variante war der R0-Wert circa 1,5-mal so hoch und für die Delta-Variante liegt dieser nochmals höher.

Frühjahr 2021: Durch die Delta-Variante erhöhte sich dieser Wert auf 85 Prozent – und durch die nur 90-prozentige Wirksamkeit der Impfungen auf 95 Prozent

Für die jetzt grassierenden Delta-Variante heißt das: Um Herdenimmunität zu erreichen, müssten rechnerisch rund 84 Prozent der Deutschen immun sein. Aber dieser Wert würde nur gelten, wenn Impfungen zu 100 Prozent wirksam wären. Doch bereits mit Beginn der Impfkampagne wurde deutlich, dass sie diesen 100-prozentigen Schutz nicht bieten können. So sind Impfstoffe zunächst zu circa 90 Prozent wirksam. Das heißt, in einer vollständig geimpften Gruppe werden 90 Prozent der Infektionen verhindert, die sich in einer vollständig ungeimpften Kontrollgruppe ereignen.

Durch die verringerte Wirksamkeit muss folglich der Anteil der Immunisierten zum Erreichen der Herdenimmunität steigen. Die Schwelle liegt bei der Delta-Variante dann bei rund 95 Prozent. Doch auch diese Zahl könnte nach Ansicht von Wissenschaftlern noch zu optimistisch sein. Denn mit Fortschreiten der Impfkampagne wurde klar, dass Impfungen ihre volle Wirksamkeit von 90 Prozent wohl nur in den ersten Monaten zeigen. Im Verlaufe der Zeit nimmt sie weiter ab. Je länger die Impfung zurückliegt, desto weniger effektiv verhindert sie die Weitergabe des Virus.

Sommer 2021: Wenn die Wirksamkeit der Impfungen mit der Zeit nachlässt, dann kann Herdenimmunität nicht alleine durch Impfen erreicht werden

Daraus ergibt sich ein Problem: Wenn die Wirksamkeit der Impfungen unter 84 Prozent fällt, dann kann Herdenimmunität nicht mehr allein durch Impfungen erreicht werden. Aus der Formel der Herdenimmunität ergibt sich in diesem Fall, dass rein rechnerisch mehr als 100 Prozent der Menschen geimpft sein müssten. Da dies offensichtlich niemals der Fall sein kann, heißt das im Klartext: Es kann keine Herdenimmunität geben.

Und so haben nicht nur das RKI, sondern auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und der Bonner Virologe Hendrik Streeck inzwischen erklärt, dass es alleine durch Impfungen keine Herdenimmunität geben werde. Das heißt zwar nicht, dass Impfungen wirkungslos wären. Ohne diese wäre die Ausbreitungsgeschwindigkeit viel höher. Doch die Ausbreitung der Pandemie kann damit praktisch nie ganz zum Erliegen kommen. Lediglich die Infektions- und Sterbezahlen könnten durch Impfungen und andere Maßnahmen auf einem kontrollierbaren Niveau gehalten werden. Für das Fortbestehen der Corona-Regeln hieße das: Sie müssten eigentlich dauerhaft gelten.

Neben den Impfungen trägt auch die natürliche Durchseuchung zur Herdenimmunität bei

Dem widerspricht jedoch Wissenschaftler Ulrichs: „Es gab immer mal wieder Annahmen, man könne eine Herdenimmunität durch Impfen gar nicht erreichen. Das stimmt aber so nicht, denn dabei werden die Genesenen vernachlässigt. In Deutschland sind bereits mehr als vier Millionen Menschen mit dem Coronavirus infiziert worden und es werden immer mehr. Diese Kombination von Impffortschritt und einer Durchseuchung macht ein Erreichen einer Grundimmunisierung der Bevölkerung durchaus möglich. Das wird das pandemische Geschehen bei uns beenden.“

Durchseuchung bedeutet, dass diejenigen, die nicht immunisiert sind, sich mit dem Virus infizieren und dadurch eine natürliche Immunität aufbauen. Aktuell laufen laut Ulrichs „zwei parallele Prozesse ab: die Durchimpfungskampagne und die Durchseuchung der Ungeimpften“. Nach neusten Schätzungen dürfte die Impfquote unter denjenigen, für die es eine Impfempfehlung gibt, bei rund 80 Prozent liegen. Diese Quote dürfte sich in den nächsten Monaten noch um einige Prozentpunkte erhöhen, dann jedoch stagnieren. Denn man geht davon aus, dass ein gewisser Anteil der Bevölkerung sich unter keinen Umständen impfen lassen werde und ein anderer dies aus medizinischen Gründen nicht tun könne.

Ulrichs plädiert zwar dafür, die Impfquote so stark wie möglich zu erhöhen – etwa indem auch zunehmend Kinder ab einem gewissen Alter geimpft werden. Doch früher oder später werden alle nicht-immunen Personen in Kontakt mit dem Virus kommen. Durch diese unausweichliche Durchseuchung entstehe zwangsläufig eine Herdenimmunität, selbst wenn die Impfquote stagniere, so Ulrichs. Deshalb gehe er davon aus, dass „die Durchimpfungsquote bald so hoch sein wird, dass sich verbreitende Viren eher auf Immune treffen als auf ungeimpfte Empfängliche“.

Herdenimmunität wird schließlich durch die parallel ablaufende Durchseuchung erreicht

Dadurch verlangsame sich das Infektionsgeschehen zunächst: „Das sehen wir im Ansatz bereits jetzt während der vierten Welle. Denn sie geht ja nicht steil nach oben, sondern dümpelt bei 60 bis 70 Neuinfizierte pro 100.000 Einwohner herum“. Die Herdenimmunität wird nach Ansicht Ulrichs schließlich „im Frühjahr 2022 erreicht werden. 80- bis 85 Prozent Durchimpfungs- plus die entsprechende Durchseuchungsrate sollte dann ausreichen, auch die fittere Delta-Variante einzudämmen.“

Doch Ullrichs weist auch darauf hin, dass dieser Zustand der Herdenimmunität, selbst wenn er in Deutschland bald erreicht sein könnte, fragil bleibe: Denn erstens bestehe die Gefahr weiterer Mutationen, selbst wenn darüber auf dem heutigen Stand nur spekuliert werde. Zweitens könne das Virus immer wieder von außen eingeschleppt werden, solange nicht eine weltweite Herdenimmunität bestehe. Wenn die Wirksamkeit von Impfungen im Inland dann gleichzeitig nachließe, könne es erneut zu einer Ausbreitung innerhalb der „Herde“ kommen – die dann wiederum von demselben Herdenimmunitäts-Effekt verlangsamt würde.

Herdenimmunität wird also weder ein für alle Mal die Ausbreitung des Virus beenden, noch wird die Pandemie endlos andauern. Denn die ganze Debatte um Herdenimmunität betrachtet ausschließlich die Infektionszahlen, ignoriert aber völlig, wie tödlich diese Verläufe sind. Doch Impfungen schützen nach wie vor sehr effektiv vor schweren- und tödlichen Verläufen. Auch wenn es also zukünftig immer wieder zu kleineren Corona-Ausbrüchen unter denjenigen kommen dürfte, deren Impfung schon eine Weile zurückliegt, dürften diese Ausbrüche kontrollierbar bleiben – und die davon Betroffenen größtenteils mit milden Verläufen rechnen können.

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