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Eons neue Netzwerkerin: Katherina Reiche geht mit Westenergie an den Start

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Die Ex-Politikerin und Ex-Lobbyistin führt die größte Tochtergesellschaft des neuen Eon-Konzerns – und gilt als Kandidatin für den Konzernvorstand.

Katherina Reiche hat schon viele Phasen in ihrer beruflichen Karriere durchlebt. Fast zwei Jahrzehnte lang war die ehrgeizige Brandenburgerin Berufspolitikerin, dann fünf Jahre lang Lobbyistin – und jetzt ist sie Managerin. Die 47-Jährige führt die Westenergie AG, die größte Tochtergesellschaft des Energiekonzerns Eon, die am 1. Oktober offiziell an den Start geht. Und im Konzern werden Reiche bereits jetzt höhere Ambitionen nachgesagt.

„Übermorgen ist ein besonderer Tag“, sagte Reiche am Dienstag bei der Präsentation des neuen Unternehmens in Essen und per Videostream: „Innerhalb des Eon-Konzerns sind wir die Größten.“

Es war auch eine Präsentation in eigener Sache. Seit Anfang des Jahres arbeitet die Managerin schon bei Eon, die Corona-Pandemie machte öffentliche Auftritte aber schwierig.

In Deutschlands größtem Energiekonzern hat sie eine genauso wichtige wie schwierige Aufgabe übernommen. Westenergie bündelt alle regionalen Aktivitäten von Eon nach der Übernahme von Innogy im Westen Deutschlands, also in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen. Das Unternehmen betreibt neben 180.000 Kilometern an Strom-, 24.000 Kilometern an Gas- und 5.000 Kilometern an Wasserleitungen auch ein 10.000 Kilometer langes Breitbandnetz. Mehr als 7,5 Millionen Menschen werden darüber von Westenergie versorgt.

Die Fusion von Eon und Innogy ist noch nicht verdaut

Die Fusion, die vor einem Jahr besiegelt wurde, ist gerade erst vollzogen, aber längst nicht verdaut. Die Integrationsarbeit wird für Reiche eine große Herausforderung werden. Für 9800 Mitarbeiter ist sie verantwortlich – und damit für jeden siebten Eon-Mitarbeiter. Die Mehrzahl der Westenergie-Mitarbeiter stammt dabei von Innogy. Das Verteilnetz des Konkurrenten, den Eon übernommen hat, ist nicht nur der Kern des neuen Unternehmens, die Westnetz war auch Herz und Stabilisator von Innogy.

Die Sparte lieferte solide Gewinne und trieb auch viele innovative Projekte für die intelligente und digitale Vernetzung bei der Energiewende voran. Entsprechend selbstbewusst sind die Mitarbeiter in die Fusion gegangen, sehen den neuen Eigentümer und seine Führungskräfte noch kritisch und bangen um alle die vielen Projekte, die angestoßen wurden.

„Westenergie kann sich auf Westnetz verlassen“, unterstrich Reiche demonstrativ und lobte vor allem die „Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen“. Die Skepsis wird bleiben. Noch werden Stellen abgebaut – auch wenn Reiche betont, ohne Kündigungen, sondern mit Abfindungen und Vorruhestandsregelungen. Westenergie muss seinen Beitrag zu den von Eon-Chef Johannes Teyssen erhofften Synergien leisten.

Aber auch ihre Erfahrungen in Politik und Lobbyarbeit wird die Diplom-Chemikerin Reiche gut gebrauchen können. Die Netze betreibt Westenergie mit Konzessionen, die von Kommunen vergeben werden. Mehr als 1500 kommunale Partnerschaften muss Reiche pflegen, 130 Beteiligungen an Stadtwerken und Netzgesellschaften gilt es zu verwalten. In Städten wie Essen oder Dortmund, wo Eon – früher RWE, dann Innogy – ein großer Arbeitgeber ist, wird jede Entwicklung von den Bürgermeistern mit Argusaugen verfolgt. „Partnerschaft auf Augenhöhe“, verspricht die Westenergie-Chefin den Kommunen.

Das Netzwerken ist Reiche schließlich gewohnt, und sie kennt auch die Befindlichkeiten kommunaler Unternehmen. Von 1998 bis 2015 saß sie im Deutschen Bundestag, von 2005 bis 2009 als stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Von 2009 bis 2013 war Reiche parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium. Im Herbst 2015 wechselte sie als Hauptgeschäftsführerin zum Verband kommunaler Unternehmen (VKU), der Lobbyorganisation der Stadtwerke.

Eon braucht mehr Frauen in Toppositionen

Aber wie lange wird sich Reiche überhaupt mit den Niederrungen der Kommunalpolitik zufriedengeben? In Unternehmenskreisen werden der Neu-Managerin schon höhere Ambitionen nachgesagt. Wie alle Energiekonzerne hat Eon zu wenige Frauen in Toppositionen. Aktuell sitzen im fünfköpfigen Vorstand nur Männer. Es ist klar, dass Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley zügig Frauen berufen muss. Intern gilt Neueinsteigerin Reiche neben der Chefin von Eon Energie Deutschland, Victoria Ossadnik, als eine Kandidatin.

Dabei hatte Reiche in ihren ersten Wochen selbst mit dem Thema Diversity zu kämpfen. Reiche, verheiratet und Mutter von drei Kindern, wurde in- und außerhalb des Unternehmens ihre Positionierung als Politikerin zu Schwulen und Lesben vorgehalten. Damals hatte sie sich klar gegen eingetragene Lebenspartnerschaften von Homosexuellen positioniert. Kunden und Mitarbeiter kramten die alten Aussagen noch vor Reiches Dienstantritt hervor. Schließlich stellt Eon selbst hohe Ansprüche beim Thema Diversity. Aber die Aufregung hat sich schnell gelegt, als die Coronakrise alle anderen Themen verdrängte.

Jetzt will Reiche mit Westenergie endlich loslegen: „Mit unserem Portfolio wollen wir helfen, die Energiewende voranzubringen“, verspricht sie.