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Deutschlands CEOs zeigen sich so politisch wie selten: „Bilder erinnern fatal an die schwarzen Stunden der Weimarer Republik“

Jahn, Thomas Bialek, Catrin Flauger, Jürgen Kerkmann, Christof Ludowig, Kirsten Müller, Anja Scheuer, Stephan
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Die Chefs von Eon, SAP, Telekom und Henkel zeigen sich bestürzt über die Vorfälle in Washington. Doch Donald Trump versetzt die Wirtschaft weiter in einen Zwiespalt.

Die deutschen Top-Manager zeigen sich von den Ereignissen in Washington bestürzt. Foto: dpa, AP, Thomas Berger
Die deutschen Top-Manager zeigen sich von den Ereignissen in Washington bestürzt. Foto: dpa, AP, Thomas Berger

Johannes Teyssen schaute am Mittwochabend „mit großem Entsetzen auf die verstörenden Bilder aus Washington“. Beim Sturm von Trump-Anhängern auf das US-Kapitol in Washington starben vier Menschen, viele wurden verletzt. Der Chef des Energiekonzerns Eon ist persönlich betroffen: „Ich habe Familie in den USA, junge Menschen, die sich für das Land engagieren.“

Die USA galten für ihn immer als „Leuchtfeuer von Demokratie und Freiheit“. Der Manager hofft auf einen Heilungsprozess unter dem neuen Präsidenten Joe Biden. Es sei die Pflicht jedes Bürgers, unabhängig von seiner Parteineigung, sich bedingungslos für das Parlament und den Rechtsstaat zu engagieren. Aber: „Einige der Bilder erinnern fatal an die schwarzen Stunden der Weimarer Republik“, sagte Teyssen.

Das Verhältnis der deutschen Wirtschaft zu Donald Trump ist schwierig und zwiegespalten. Das zeigt sich nach den Vorfällen in Washington exemplarisch. So halten sich viele deutsche Unternehmenschefs auf Anfrage mit Kommentaren zurück. Zu heikel ist die Sache; man will sich nicht in die inneren Angelegenheiten eines Landes mischen, das dazu auch ein überaus wichtiger Geschäftspartner ist.

Kurk Wilks ist selbst Amerikaner. „Was in Washington geschehen ist, sollte nicht geduldet oder unterstützt werden und ist unbestreitbar schädlich für unsere demokratischen Werte“, sagte der Chef des deutschen Filterspezialisten Mann+Hummel. „Für die Zukunft hoffen wir auf eine friedliche Einigung aller Regierungen und setzen auf das Vertrauen in diese Institutionen.“

Für den deutschen Autozulieferer bleibe der amerikanische Markt wichtig. „Wir stehen in diesen schwierigen Zeiten an der Seite all unserer Mitarbeiter und Kunden in den USA.“

„Ich bin von den Ereignissen überrascht und schockiert. Mit Demokratie, wie ich sie in den USA bislang erlebt habe, hat das nichts zu tun“, sagte Christian Haub. Der Tengelmann-Chef lebte lange Zeit in den Vereinigten Staaten. „Es erschüttert mich, dass ein Präsident, der geschworen hat, die Verfassung zu verteidigen, solche Vorgänge ganz offensichtlich anheizt.“

„Zum Glück zeigen die Reaktionen aus allen politischen Lagern, dass die Demokratie in den USA stark ist und dieser Situation trotzt“, erklärte Haub. Beweis dafür sei, dass sich die Kongressabgeordneten nicht hätten einschüchtern lassen und noch in der Nacht die Wahl Joe Bidens zum Präsidenten bestätigten.

Die ehemalige Topmanagerin Simone Menne erinnerten die Bilder aus Washington an die Terroranschläge vom 11. September. „Man schaut sie sich fassungslos an und kann nicht glauben, dass dies die Realität ist“, sagte Menne, die in den Aufsichtsräten etwa von BMW oder der Deutschen Post sitzt. „Demokratien sind gefährdet, und dies ist ein weiterer wichtiger Hinweis, dass jeder von uns sich darum bemühen muss. Insbesondere Menschen, die Sichtbarkeit und Einfluss haben.“

Die Erschütterung über die aktuelle Lage ist auch Christian Klein anzumerken. Der SAP-Chef kommentierte die Ereignisse im Online-Netzwerk LinkedIn mit einem Zitat des amerikanischen Richters Charles W. Pickering: „Eine gesunde Demokratie erfordert eine anständige Gesellschaft. Sie erfordert, dass wir ehrenhaft, großzügig, tolerant und respektvoll sind.“ Es sei an der Zeit, die Gewalt zu beenden und sich auf eine friedliche Machtübergabe zu konzentrieren, ergänzte der Manager.

Der Softwarehersteller unterstützt eine Aussage der Lobbyorganisation Business Roundtable, in der sich zahlreiche internationale Unternehmen zusammengeschlossen haben: Das Chaos in Washington sei „das Resultat von rechtswidrigen Versuchen, die legitimen Resultate einer demokratischen Wahl umzustürzen“, heißt es in einer Stellungnahme. Die Organisation forderte Trump und alle Amtsträger auf, eine friedliche Machtübergabe zu ermöglichen.

„Jegliche Form von Gewalt lehne ich ab“, betonte Timotheus Höttges, Vorstandschef der Deutschen Telekom. „Man kann sich streiten. Man kann verschiedene Meinungen haben. Man kann also inhaltliche Diskurse führen. Aber in einem kultivierten Wertesystem gilt das Recht auf Unversehrtheit absolut und darf niemals verletzt werden.“

Carsten Knobel, seit einem Jahr Vorstandsvorsitzender des Dax-Konzerns Henkel, findet ebenfalls klare Worte: „Auch ich habe die gewalttätigen Auseinandersetzungen und den Angriff auf den Kongress in Washington mit Bestürzung verfolgt“, sagte der Manager.

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„Demokratische Institutionen und eine verlässliche Rechtsordnung sind hohe Güter, die es zu schützen und zu verteidigen gilt. Ich hoffe, dass man sich nun wieder auf die Kraft besinnt, die – trotz unterschiedlicher politischer Haltungen – aus gegenseitigem Respekt und gemeinsamen Werten erwächst“, so Knobel. Die USA sind der größte Einzelmarkt des deutschen Konzerns, der im Jahr rund 20 Milliarden Umsatz erzielt.

Trotz der wiederholten Drohungen von US-Präsident Trump sind die Vereinigten Staaten auch in seiner Amtszeit nicht nur das wichtigste Abnehmerland für deutsche Ware. Die Exporte stiegen von 2017 bis 2019 auch um sechs Prozent. Im vergangenen Jahr wurden Güter im Wert von rund 119 Milliarden Euro dorthin ausgeführt.

Siemens steht stellvertretend für Zwiespalt

Dazu verfügen viele deutsche Unternehmen wie BMW, Daimler oder Siemens in den USA über bedeutende Märkte. So ist das Land für Siemens im jüngsten Geschäftsjahr mit rund 15,5 Milliarden Euro der mit Abstand wichtigste Einzelmarkt, beispielsweise mehr als doppelt so groß wie das Geschäft in China.

Amerika und die deutsche Wirtschaft – kaum jemand steht für das schwierige Verhältnis so sehr wie Joe Kaeser. Der Siemens-Chef ist ein glühender Amerika-Fan, war einer von drei deutschen Topmanagern, die Bundeskanzlerin Angela Merkel 2017 zu Donald Trump ins Weiße Haus begleiteten.

Kaeser erklärte Ivanka Trump bei ihrem Berlinbesuch das deutsche Ausbildungssystem und sprach von einem „historischen Nachmittag“. Trump gratulierte der Siemens-Chef 2018 zu seiner Unternehmensteuerreform, was auf viel Kritik in Deutschland stieß.

Aber genauso fasste Kaeser heiße Eisen an, versuchte Trump beim Weltwirtschaftsforum in Davos von der Notwendigkeit zu überzeugen, etwas gegen den Klimawandel zu tun – was auf wenig Gegenliebe stieß. Im vergangenen Jahr griff der Siemens-Chef dann Trump direkt auf Twitter an, als der Politikerinnen der Demokraten beschimpfte: „Es bedrückt mich, dass das wichtigste politische Amt der Welt das Gesicht von Rassismus und Ausgrenzung wird“, schrieb Kaeser. Zu den aktuellen Ereignissen wollte sich Kaeser bislang nicht äußern.