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Entgleister Thriller um Schwarm-Spekulanten

Hohensee, Matthias
·Lesedauer: 5 Min.

Haben sich Silicon Valley und Wall Street verbündet, um Kleinanlegern das Geld aus der Tasche zu ziehen und sie noch zu verhöhnen? Spannender Stoff vor dem US-Parlamentsausschuss für Finanzdienstleistungen.

Vor den US-Kongress als Zeuge in einem Skandal geladen zu werden, ist ungefähr so angenehm wie eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt. Die Gesichter der Protagonisten der GameStop-Saga, die am Donnerstag via Video in den Ausschuss für Finanzdienstleistungen des US-Repräsentantenhauses geschaltet wurden, waren schon allein deshalb mächtig zerknirscht.
Ihre Rollen:

  • Ken Griffin als mächtiger Wall-Street-Titan, dessen Citadel Securities weite Teile des Aktienhandels organisiert.

  • Vlad Tenev als hemdsärmeliger Silicon Valley Gründer, dessen Robinhood App vornehmlich Kleinanleger ködert.

  • Gabe Plotkin als unsympathischer Spekulant, dessen Hedgefonds Melvin Capital auf den Niedergang des Videospiele-Vermarkters GameStop wettete und dabei Milliarden verlor.

  • Keith Gill als sympathischer Spekulant, der über soziale Medien GameStop als unterbewertet anpries und damit angeblich 48 Millionen Dollar verdient haben soll.

  • Steve Huffman als vermeintlich unparteiischer Silicon Valley Gründer, über dessen soziale Plattform Reddit sich Kleinanleger gegen den Shortseller Melvin Capital verbündet haben sollen und mit der Macht des Schwarms GameStops Kurs nach oben trieben.

Der zentrale Vorwurf: Ist der US-Aktienmarkt korrumpiert? Wie konnte ausgerechnet eine Aktie wie GameStop mit angeschlagenem Geschäftsmodell, eine Art Blockbuster für Videospiele, im Januar bis zu 2000 Prozent steigen, um dann wieder kräftig abzufallen?

Haben sich Silicon Valley und die Wall Street miteinander verbündet, um erst Kleinanleger mit einer süchtig machenden App und kostenlosen Transaktionen Geschmack auf Spekulieren und schnellen Reichtum zu machen? Und als diese sich unerwartet über soziale Medien wie Reddit miteinander verbündeten und plötzlich gegen Profis gewannen, ihnen durch das Untersagen von Käufen kurzerhand den Stecker ziehen? Welche Rolle spielt Tesla-Gründer Elon Musk, der über Twitter den Feldzug gegen Melvin Capital noch anheizte. Geschah das aus Rache, weil der Hedgefonds wie viele andere Shortseller auch gegen Tesla gewettet hatte?

Die Statements der Zeugen in Kurzform: Wir sind unschuldig, kommen aus einfachen Verhältnissen und wissen, wie mühsam es ist, Geld zu verdienen. Der Stoff würde zu einem Netflix-Thriller taugen – eine Art „The Big Buy“ statt „The Big Short“. Warum griff Griffin über seinen Hedgefonds dem Shortseller Melvin Capital finanziell unter die Arme, als dessen Wette gegen GameStop entglitt? Ausgerechnet der Mann, dessen Citadel Securities weite Teile des US-Aktienhandels organisiert. Zwang er Robinhood, den Handel mit hochspekulativen Aktien wie GameStop kurzzeitig auszusetzen und manipulierte damit den Markt, weil der Aktie so Verkaufsorder fehlten, um zu steigen?

Ist Reddit eine Gefahr, weil es Schwarm-Spekulanten auf die Wall Street los lässt? Oder ein Segen, weil so endlich Kleinanleger gegen die Profis aufbegehren können? Ist Robinhood eine Droge, die naive oder bequeme Anleger mit der Verheißung schnellen Reichtums das letzte Hemd kostet? Und bei der dann eventuell ähnlich wie bei der Finanzkrise von 2008 dann der Steuerzahler einspringen muss, um Unheil zu vermeiden?

Um es kurz zu machen: Alle diese Fragen wurden gestreift, aber nicht beantwortet. Dass die Anhörung keine Netflix-Produktion war, zeigte sich schon an dem grottenschlechten Ton und Bild. Auch an der tristen Kulisse der zugeschalteten Protagonisten – mit abwechselnd Topfpflanzen, Schreibtisch und Drucker als Dekoration. Einzig der für öffentliche Auftritte geschulte Spekulant Keith Gill zeigte etwas Kreativität durch das Foto einer Katze, gemäß seinem Youtube Spitznamen „Roaring Kitty“ (Brüllendes Kätzchen).

Aufklärung war auch nicht zu erwarten. Dass sich die meisten US-Abgeordneten trotz ihrer Position mit Wirtschaftsthemen nur oberflächlich oder gar nicht auskennen, hatten schon die Anhörungen über Digitalwährungen und die Macht von Facebook demonstriert.

Auch am Donnerstag hatte man den Eindruck, dass die Parlamentarier nicht aufklären wollten, sondern sich je nach Partei abwechselnd lieber als Retter des kleinen Mannes oder Retter des Kapitalismus vor ihren Wählern in Szene setzten.
Es gab Ausnahmen wie Brad Sherman, der Wall Street Tycoon Griffin, der es eigentlich gewohnt ist, Fragen zu stellen anstatt sie zu beantworten, mächtig auf die Pelle rückte. Der kalifornische Kongressabgeordnete von den Demokraten wollte wissen, ob die Order von Kleinanlegern über kostenlose Transaktionen schlechter als die preispflichtigen von professionellen Investoren behandelt werden. Griffin wollte die Frage partout nicht beantworten. Deshalb gab Sherman die Antwort selbst: Ja, das sei ausweislich seiner Recherchen so.

Noch interessantere Fragen, etwa über die Feinheiten des Geschäftsmodells von Robinhood, wurden vom unerbittlichen Holzhammer-Knall der Ausschussvorsitzenden Maxine Waters vereitelt, die mit dem Hinweis auf Zeitknappheit jeden längeren Dialog unterband.

Muss das Geschäftsmodell von Robinhood, das seine kostenlosen Transaktionen ähnlich wie Facebook über das Vermarkten von Informationen über seine Kunden finanziert, unterbunden oder gar eingeschränkt werden? Eine Lösung wäre, dass Robinhood nur noch eine bestimmte Anzahl von Transaktionen kostenlos offerieren darf.

Sollte man das Leerverkaufen von Aktien besser regulieren? Vielleicht indem Aktien nur bis zu einer bestimmten Grenze leerverkauft werden dürfen – bei Gamestop gab es mehr Leerverkäufe als Anteile vorhanden waren.

Dass sich schnell etwas ändert, ist unwahrscheinlich. Auch dass sich die Börsenaufsicht SEC in das Regulieren von sozialen Medien einmischt, was die Redefreiheit einschränken könnte.

Das bekommt man ja schon bei Facebook nicht hin. Hinzu kommt, dass Gary Gensler, der neue Chef der Börsenaufsicht, erst noch in seinem Amt bestätigt werden muss, was seine Handlungsfähigkeit einschränkt. Bis dahin ist der Ärger über die GameStop-Intervention vielleicht schon verpufft. Zumindest drängt die Zeit nicht. Die Finanzmarktexpertin Jennifer Schulp vom konservativen Cato-Institut beruhigte die Abgeordneten: „Die US-Aktienmärkte funktionieren.“

Mehr zum Thema: Mit einer E-Mail an seine Nutzer will sich der Neobroker Trade Republic für die Handelsausfälle durch den Gamestop-Hype entschuldigen. Das Vertrauen ist weg, viele wollen Geld zurück.