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Ein Energieloch, das selbst 90 Kohlekraftwerke nicht schließen könnten: Das sind die Gasmangel-Szenarien der Regierung für den Winter

Robert Habeck (Grüne), Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, spricht bei einem Pressestatement zur Energie und Versorgungssicherheit. Habeck hat die Alarmstufe des Notfallplans Gas ausgerufen. - Copyright: picture alliance/dpa/Michael Kappeler
Robert Habeck (Grüne), Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, spricht bei einem Pressestatement zur Energie und Versorgungssicherheit. Habeck hat die Alarmstufe des Notfallplans Gas ausgerufen. - Copyright: picture alliance/dpa/Michael Kappeler

"Gas ist in Deutschland von nun an ein knappes Gut", so fasste Klima- und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) die Lage in der aktuellen Energiekrise am Donnerstagmorgen zusammen. Habeck hatte da gerade die zweite Stufe des Notfallplans Gas bekannt gegeben. Das Ausrufen der sogenannten Alarmstufe sei eine Reaktion auf die Drosselung der Gaslieferungen aus Russland seit dem 14. Juni und das weiterhin hohe Preisniveau auf dem Gasmarkt.

"Die Lage ist ernst, und der Winter wird kommen. Wir dürfen uns nichts vormachen: Die Drosselung der Gaslieferungen ist ein ökonomischer Angriff Putins auf uns", sagte Habeck. "Das wird sich auf die industrielle Produktion auswirken und für viele Verbraucherinnen und Verbraucher eine große Last werden."

Wie groß, ja gigantisch diese Last werden könnte, zeigen Szenarien der Bundesnetzagentur, die diese am Donnerstag veröffentlicht hat.

Liefert Russland weiter Gas oder nicht? Stoppt Deutschland seine Gas-Exporte? Wie viel Gas können wir sparen?

Die Analysten der Bundesnetzagentur haben insgesamt sechs Szenarien entworfen, die sich aus mehreren Grundannahmen ergeben.

1. Wird Russland weiter Erdgas liefern oder nicht? Aktuell liefert Russland nur 40 Prozent der bisher vertraglich vereinbarten Erdgasmengen nach Deutschland. Im Juli stehen Wartungen der Pipeline Nord Stream 1 an. Die Szenarien der Bundesnetzagentur gehen von zwei Möglichkeiten aus: Entweder Russland liefert nach diesen Wartungen ab dem 11. Juli weiter die auf 40 Prozent reduzierte Menge Gas – oder es stoppt die Lieferungen komplett.

2. Stoppt Deutschland seine Gas-Exporte oder nicht? Deutschlands Energieversorger importieren nicht nur Gas, sie exportierten es auch an andere Länder in der EU. Die Bundesnetzagentur macht hier zwei verschiedene Annahmen für ihre Szenarien: Deutschland könnte die Exporte weiterführen – oder stoppen. Die zweite Variante, der Exportstopp, ist jedoch ein hypothetisches Szenario. Wirtschaftsminister Habeck schloss dies am Donnerstag aus; nach Informationen von Business Insider tut dies auch die Bundesnetzagentur.

Denn der europäische Gasmarkt ist wirtschaftlich und gesetzlich miteinander vernetzt: Im Fall einer Notlage hätte etwa die Versorgung österreichischer Krankenhäuser Vorrang vor der Versorgung deutscher Industriebetriebe. Die Bundesregierung sieht es als alternativlos an, dass die EU die Gaskrise gemeinsam bewältigt.

3. Gelingt es Deutschland, seinen Gasverbrauch einzuschränken? Als weiteres Kriterium hat die Bundesnetzagentur die Annahme eingeführt, ob es den deutschen Haushalten und der deutschen Wirtschaft gelingt, Stand Juli dieses Jahres auf 20 Prozent des bisherigen Gasverbrauchs zu verzichten – oder eben nicht. Laut Wirtschaftsminister Habeck hat die Industrie ihren Verbrauch im Vergleich zum Vorkrisenniveau zuletzt um acht Prozent gesenkt. Um dem Szenario der Bundesnetzagentur zu entsprechen, fehlt also noch einiges an Einsparungen.

Wenn diese Szenarien eintreten, droht Deutschland ein teils dramatischer Gasmangel

Insgesamt geben sich aus den Modellierungen der Bundesnetzagentur drei Szenarien, bei der ein teils erheblicher Gasmangel in Deutschland entstehen würde.

1. Russland liefert, Deutschland exportiert weiter Gas: Tritt dieses Szenario ein, würde sich ab Februar 2023 eine Gaslücke von 19 Terawattstunden (TWh) in Deutschland auftun. Ein Wert, der der Stromerzeugung aller Wasserkraftwerke in Deutschland zusammen im vergangenen Jahr entspricht. In der Spitze würden etwa 55 Gigawatt Gas fehlen – das entspricht der Leistung von etwa 40 modernen Gaskraftwerken.

2. Russland liefert kein Gas, Deutschland exportiert weiter, der Gasverbrauch wird um 20 Prozent gesenkt: Sollte dieses Szenario eintreten, beliefe sich das Gasdefizit in Deutschland ab Mitte Januar 2023 auf 44 TWh. Das entspricht der Stromzufuhr sämtlicher deutscher Photovoltaikanlagen in die öffentlichen Netze im vergangenen Jahr. Bis zu 70 Gigawatt Gas würden im kommenden Jahr demnach fehlen – eine Leistung, die die komplette deutsche Offshore-Windkraft Schätzungen zufolge erst im Jahr 2045 erreichen soll.

3. Russland liefert kein Gas, Deutschland exportiert weiter Gas: das drastischste aller Szenarien. 107 Terawattstunden würde das Gasdefizit ab Mitte Dezember bis Mai 2023 betragen – das entspräche einem Zehntel des gesamten Gasverbrauchs 2021. Vergleicht man den TWh-Wert des Gasdefizits mit dem deutschen Stromverbrauch, entspräche das einem Fünftel des im gesamten Jahr 2021 verbrauchten Stroms. Über 90 Gigawattstunden Gas würden fehlen – ein Energieloch, das die Leistung von 90 Kohlekraftwerken überträfe.

 - Copyright: Bundesnetzagentur
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Den Modellierungen der Bundesnetzagentur zufolge gibt es nur ein Szenario, in dem sowohl keine Gasmangellage vorliegt als auch die deutschen Gasspeicher ausreichen gefüllt sein würden – um den Winter zu überstehen. Die Voraussetzungen dafür wären, dass Russland weiter Gas nach Deutschland liefert und Deutschland seine Gas-Exporte an Drittstaaten einstellt. Letzteres schließt die Bundesregierung allerdings kategorisch aus. In sämtlichen anderen Szenarien würden die deutschen Speicherziele – teils massiv – verpasst werden. Bei gleich zwei Szenarien wären die Speicher im Winter komplett leer.

 - Copyright: Bundesnetzagentur
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