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„Endlose Slack-Schikane“ und „Opferdenken“: Eine interne Mail zeigt, wie Shopify-Chef Tobi Lütke über Debatten in seinem Unternehmen denkt

·Lesedauer: 8 Min.
Shopify-Mitgründer und Geschäftsführer Tobi Lütke.
Shopify-Mitgründer und Geschäftsführer Tobi Lütke.

Seit etwa einem Jahr gibt es in der Unternehmenswelt eine Debatte über die Rolle, die Unternehmen im Leben ihrer Mitarbeiter spielen sollten. Viele Angestellte haben hohe Erwartungen daran, wie sich ihr Arbeitgeber in sozialen Fragen engagieren sollte. Die Unternehmen wiederum überlegen, wie sie am besten darauf reagieren und sich gleichzeitig auf ihr Geschäft konzentrieren können. All das wurde durch die Coronavirus-Pandemie noch verschärft, die für viele die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben verwischt hat.

Im Januar gab eine Gruppe von mehr als 400 Google-Mitarbeitern bekannt, dass sie eine Gewerkschaft gegründet haben. Diese will sich auf ethische Fragen konzentrieren und eine Struktur für das Engagement ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schaffen. Der Geschäftsführer von Coinbase, Brian Armstrong, schrieb im September einen Brief, in dem er erklärte, dass sich das Unternehmen nicht in gesellschaftlichen Themen engagieren werde, "die nichts mit unserer Grundtätigkeit zu tun haben, weil wir glauben, dass Wirkung nur mit Fokus kommt." Coinbase bot Angestellten, die damit nicht einverstanden waren, Abfindungspakete an — und 60 Personen nahmen das Angebot an. Die Softwarefirma Basecamp führte im April ein Verbot politischer Diskussionsrunden ein, was zur Trennung von mindestens 18 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern führte.

In einer E-Mail an die Führungskräfte erläuterte Shopify-Chef Tobi Lütke im August die Haltung des E-Commerce-Unternehmens zu Leadership und sozialen Themen. Nur wenige Wochen zuvor war eine interne Debatte ausgebrochen, weil einige Mitarbeiter ein Galgen-Emoji im Slack-System des in Ottawa ansässigen Unternehmens entdeckt hatten, das sie als verstörend empfanden. Außerdem hatten sich einige Angestellte über ein Video mit dem Titel "Zehn Slack-Gebote" aufgeregt, das ein Team von Shopify in Anlehnung an die "Zehn Crack-Gebote" von The Notorious B.I.G. erstellt hatte. Zu dieser Zeit gab es weltweit Proteste wegen der Ermordung von George Floyd am 25. Mai. Im Zuge der internen Debatten änderte Lütke die Einstellungen von Shopifys auf Diversität ausgerichteten Slack-Kanal, genannt #belonging, dahingehend, dass er nur noch gelesen werden konnte, Mitarbeiter aber selbst nichts posten konnten. Dies verärgerte einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich dadurch mundtot gemacht fühlten.

Lütkes E-Mail vom August an die Shopify-Führungskräfte verdeutlicht seine Haltung. Darin schreibt er, dass "endlose Slack-Schikanen, Opferdenken, Wir-gegen-sie-Denken und Nullsummendenken" eine Gefahr darstellen, an der Teams zerbrechen können. Er ermutigte Führungskräfte, sich auf das Unternehmensziel von Shopify zu konzentrieren, nämlich den Online-Handel und das Unternehmertum zu fördern.

Ein Shopify-Sprecher sagte, dass das Unternehmen nicht versuche, Basecamp in seinem Umgang mit politischen Themen nachzuahmen, sondern dass man Diskussionen über aktuelle Ereignisse begrüße. "Da Shopify schnell wächst und jeden Tag neue Teammitglieder hinzukommen, sendet unser Führungsteam oft unternehmensweite Nachrichten, um alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an unsere Vision für ein gerechtes Unternehmertum zu erinnern und unseren Geist der positiven Zusammenarbeit neu zu entfachen", so der Sprecher. "Dies bestärkt uns darin, gemeinsam an einer Zukunft zu arbeiten, die verbindet und nicht trennt."

Lest hier die vollständige E-Mail von Lütke:

Team,

Führung ist schwierig. Führung in Zeiten der Krise und Ungewissheit ist doppelt schwer. Führung in Zeiten von sich mehrfach verstärkenden globalen Sturmfluten kann unmöglich erscheinen. Um auf meinen Vortrag beim Summit zurückzukommen: Shopify befindet sich in einer neuen Situation, die wir noch nicht verstehen. Die Welt befindet sich in einer neuen Situation, die sie noch kaum versteht. Wir haben nur einen kleinen Teil dieses Systems erfasst und haben gerade erst begonnen, den Rest der riesigen dunklen Flecken zu erforschen. Das wird noch einige Zeit dauern.

Außerdem brauchen uns unsere Teammitglieder mehr denn je. Das Beste, was wir für sie tun können, ist nicht zu der Ungewissheit beizutragen. Shopify war in der Vergangenheit nicht besonders gut darin, klare Erwartungen für das gesamte Unternehmen zu formulieren. Ich glaube, dass dies zu einer gewaltigen Menge an Unternehmensschulden führt, die außer Kontrolle geraten sind.

Ich kann euch nicht sagen, wie ihr das in euren verschiedenen Abteilungen machen sollt. Aber ein guter Anfang wäre, alle daran zu erinnern, dass wir ein Unternehmen sind. Und was noch wichtiger ist, wir sind ein sehr ehrgeiziges Unternehmen. Wir versuchen, ein Weltklasse-Produkt zu schaffen, das den Händlern, von denen wir überzeugt sind, Superkräfte verleiht. Alles, was Shopify tut, dient dazu, dies zu erreichen. Jeder bei Shopify sollte in der Lage sein zu beschreiben, wie seine Arbeit durch direkte oder indirekte Schritte diese Mission vorantreibt.

Damit ihr das euren Teammitgliedern deutlicher machen könnt, sind hier einige Anmerkungen darüber, was Shopify nicht ist:

Shopify ist, wie jedes andere gewinnorientierte Unternehmen, keine Familie. Schon die Idee ist absurd. Man wird in eine Familie hineingeboren. Man sucht sie sich nicht aus und man kann auch nicht aus der Familie entlassen werden. Es sollte eigentlich völlig klar sein, dass Shopify keine Familie ist, dennoch beobachte ich, dass manche Angestellte, sogar Führungskräfte, beiläufig Begriffe wie "Shopifam" verwenden. Das führt dazu, dass die Mitglieder unserer Teams (insbesondere die jüngeren, die noch nie woanders gearbeitet haben) einen falschen Eindruck bekommen. Die Gefahren des "Familiengedankens" sind, dass es ungeheuer schwer wird, schlechte Angestellte gehen zu lassen. Shopify ist ein Team, keine Familie.

Wir wollen tatsächlich nur die besten Leute der Welt. Der Grund, warum ihr zu Shopify gekommen seid, ist - so hoffe ich - dass all die anderen Leute, die ihr während des Vorstellungsgesprächs getroffen habt, wirklich klug, fürsorglich und engagiert waren. Das ist Magie und es erzeugt einen magnetischen Effekt auf talentierte Menschen. Nur sehr wenige Menschen auf der Welt tragen diese Eigenschaft in sich. Menschen, die das nicht haben, sollten nicht Teil dieses Teams sein. Diese Magie und dieser Magnetismus sind ein Produkt des straffen Leistungsmanagements, von dem ich erwarte, dass wir alle zu ihm zurückfinden.

Shopify ist auch nicht die Regierung. Wir können hier nicht jedes gesellschaftliche Problem lösen. Wir sind Teil eines Ökosystems, der Wirtschaft, der Kultur und konkreter Länder. Wir können uns nicht um alle Bedürfnisse kümmern. Wir tun unser Bestes, um uns um die zu kümmern, die sicherstellen, dass unsere Arbeit erfolgreich sein kann. Das Weltbild von Shopify ist gut dokumentiert: Wir glauben an liberale Werte und Chancengleichheit. Manchmal sehen wir Möglichkeiten, diese Anliegen voranzutreiben. Wir tun dies, weil es unserem Geschäft und unseren Händlern direkt hilft und nicht wegen irgendeiner moralischen Selbstüberschätzung.

Wir wollen eines der besten Unternehmen der Welt aufbauen. Wir sind wie besessen von unseren Händlern. Wir wollen, dass jeder eine Chance hat, sein Schicksal durch Unternehmertum zu verbessern. Wir wollen Shopify, das Produkt, zur Weltklasse machen und dort halten oder bei dem Versuch sterben.

Der einzige Weg, dies zu erreichen, sind großartige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Einige von ihnen stellen wir aufgrund ihres zukünftigen Potenzials ein und helfen ihnen, aber wir erwarten, dass sie in ihr Potenzial hineinwachsen. Einige von ihnen stellen wir erst später in ihrer Laufbahn ein. Aber wir alle müssen uns jedes Jahr neu für unsere Jobs qualifizieren. Aufgrund des historischen Wachstums von Shopify von 40 Prozent oder mehr gilt, dass sich jeder jedes Jahr um mindestens 40 Prozent verbessern muss, um sich für unsere aktuellen Jobs zu qualifizieren. Ich erwarte von euch, dass ihr euch selbst und eure Teams an diesem Standard messen lasst. Diese Verbesserung ist daran zu messen, ob ihr eine wachstumsorientierte Einstellung habt, das Handwerk vertieft, Risiken eingeht, bessere Entscheidungen trefft und das tut, was nötig ist, um unsere Vision und unsere Händler besser zu unterstützen.

Wir werden immer Mitgefühl für Teammitglieder in wirklich schwierigen Situationen aufbringen. Zum Beispiel für diejenigen, die sich plötzlich als primäre Pflegeperson wiederfinden oder für diejenigen, die mit psychischen Problemen zu kämpfen haben. Es gibt auch zweite Chancen, vor allem für diejenigen, die zuvor Höchstleistungen erbracht haben. Abgesehen von diesen Fällen müssen wir jeden daran erinnern, dass es wie bei jeder anderen wettbewerbsfähigen (Sport-) Mannschaft darauf ankommt, wie man sich täglich zeigt und zum Erfolg des Teams beiträgt. Über die reine Leistungserbringung hinaus müssen alle, die sich endlosen Slack-Schikanen, Opferdenken, Wir-gegen-sie-Denken und Nullsummendenken hingeben, als die Bedrohung gesehen werden, die sie darstellen: Sie machen Teams kaputt. Teams überleben und gedeihen durch die Aktionen des Kollektivs und den Zusammenhalt der Gruppe. Schlechte Leistung und Uneinigkeit können nicht toleriert werden.

Falls sich das für euch überraschend anhört, liegt das daran, dass wir irgendwie etwas verloren haben. Shopify war schon immer so. Ich habe das Gefühl, dass viele dieser Kernüberzeugungen in den letzten Jahren verwässert worden sind. Da ich die einzige Person bin, die jede Minute der Existenz von Shopify miterlebt hat, möchte ich einige dieser Kernprinzipien wiederholen. Shopify ist heute so erfolgreich aufgrund der Folgewirkungen dieser frühen Ideen. Derzeit sind wir trotz der Verwirrung erfolgreich. Das wird aber nicht mehr lange funktionieren. Also müssen wir wieder dahin zurück.

Trotz all des externen Rummels um Shopify (Marktkapitalisierung, größtes Unternehmen in Kanada, …) stehen wir noch immer am Anfang. Wir gehören sowohl zu den größten als auch zu den schlechtesten Unternehmen der Welt. Wenn wir mit unserer Strategie Erfolg haben, geht es Millionen von Händlern besser. Millionen von Menschen finden eine Arbeit. Wir haben die Möglichkeit, daraus in Zukunft Dutzende oder sogar Hunderte von Millionen zu machen. Für dieses Potenzial stehe ich ein und dafür brauche ich auch euch.

— — —

OK, das ist eine Menge Stoff zum Verinnerlichen. Vielleicht seid ihr dazu geneigt, die Informationen durch eine Art Filter laufen zu lassen und sie in eure eigene Ausdrucksweise zu übersetzen, bevor ihr sie mit euren Kollegen und Führungskräften besprecht. Tut das nicht. Das, was oben steht, muss jeder verstehen. Es ist wichtig, eine Botschaft nicht zu verwässern, die gegen die Verwässerung von Prinzipien kämpft. Ihr seid dafür verantwortlich, diese Lektionen zu bekräftigen und eure Teams dazu anzuhalten, sich daran zu halten. Das Personalteam wird in den kommenden Tagen die nächsten Schritte einleiten. Helft ihnen aktiv mit Ideen und Möglichkeiten, diese Ideen umzusetzen. So sieht Führung in Aktion aus.

— tobi

Dieser Artikel wurde von Ilona Tomić aus dem Englischen übersetzt und editiert. Das Original lest ihr hier.