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„Ende mit Schrecken“ – Commerzbank-Chef Knof mistet aus

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Das Geldhaus steuert nach hohen Abschreibungen auf einen deftigen Milliardenverlust 2020 zu. Auch die Aussichten für das neue Jahr sind mau.

Der neue Commerzbank-Chef Manfred Knof mistet gleich in seiner ersten Arbeitswoche aus. Der 55-Jährige hat nicht nur die Zuständigkeiten im Vorstand neu verteilt, sondern auch Abschreibungen über 1,5 Milliarden Euro vorgenommen. Zudem legt die Commerzbank wegen des zweiten Corona-Lockdowns in Deutschland mehr Geld für drohende Kreditausfälle zurück als bisher geplant.

„Nach dieser bilanziellen Maßnahme sehen wir uns gut für den weiteren Weg gerüstet“, sagte Knof am Freitag. „Unser Ziel ist es, die Bank nachhaltig profitabler zu machen.“

2020 steuert Deutschlands zweitgrößte Privatbank jedoch auf einen deftigen Milliardenverlust zu. Neben Abschreibungen und Belastungen durch faule Kredite muss das Institut nämlich auch Restrukturierungsaufwendungen von mehr als 800 Millionen Euro verdauen. Die Commerzbank-Aktie verlor gut vier Prozent.

Bei Analysten und Politikern kommt Knofs Großreinemachen dennoch gut an. „Ein Ende mit Schrecken ist bekanntlich besser als ein Schrecken ohne Ende“, sagt der CDU-Finanzexperte Sepp Müller. „Nun muss Herr Knof aber noch beweisen, dass er neben diesen Einsparmaßnahmen und Risikoabschreibungen auch die strukturellen Probleme der Commerzbank konsequent angeht.“

Dass ein neuer Vorstandschef nach seinem Amtsantritt aufräumt und dabei möglichst viele Belastungen noch in der Bilanz des Vorjahres unterbringt, ist nicht unüblich. Manche sehen darin jedoch auch einen Beleg, wie schwierig die Lage der Commerzbank und anderer Geldhäuser aktuell ist.

Böses Omen für gesamte Branche

Es sei zwar richtig, dass sich die Commerzbank aus dem Investmentbanking zurückgezogen habe und sich nun auf das Mittelstandsgeschäft konzentriere, sagte der FDP-Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler. „Doch in der Pandemie kann dies jetzt zum Fallbeil werden. Denn der hohe Wertberichtigungsbedarf ist ein Vorbote für das, was in diesem Jahr noch auf die gesamte Branche zukommt.“

Experten erwarten, dass die Zahl der Firmenpleiten und Kreditausfälle infolge der Coronakrise im laufenden Jahr deutlich steigen wird. Damit dürfte auch der Druck auf die deutschen Banken steigen, die bisher dank umfangreicher staatlicher Hilfsprogramme vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen sind.

Die Commerzbank, die besonders viele Mittelständler zu ihren Kunden zählt, hatte für 2020 bisher eine Risikovorsorge für faule Kredite von 1,3 bis 1,5 Milliarden Euro prognostiziert. Nun erwartet das Institut mindestens 1,7 Milliarden Euro. Darin ist auch eine zusätzliche Vorsorge von 500 Millionen Euro für erwartete Corona-bedingte Belastungen 2021 enthalten.

„Mit der Erhöhung der Risikovorsorge reagieren wir auf die anhaltende Corona-Pandemie und sind für die weiteren Entwicklungen in diesem Jahr gut vorbereitet“, sagte Finanzchefin Bettina Orlopp.

Die Abschreibungen auf Firmenwerte begründete das Frankfurter Geldhaus mit einer Verschlechterung der Rahmenbedingungen, „unter anderem wegen des Zinsniveaus der Euro-Zone und in Polen“. In dem osteuropäischen Land ist die Commerzbank mit der M-Bank vertreten, die nach dem gescheiterten Verkaufsprozess 2020 nun wohl auf absehbare Zeit Teil des Konzerns bleiben wird.

Die Kapitalpuffer der Commerzbank werden wegen der Abschreibungen nicht schrumpfen, betonte das Geldhaus. Ende 2020 werde die Eigenkapitalquote bei rund 13 Prozent liegen. Das detaillierte Zahlenwerk will das Institut am 11. Februar präsentieren.

Wofür steht die Commerzbank?

Der neue Vorstandschef Knof hat sich bereits in seiner Zeit beim Versicherer Allianz einen Ruf als Sanierer erworben. Seine ersten Maßnahmen bei der Commerzbank kommen bei Experten gut an. „Bei der Bank wird nun anscheinend durchgegriffen – die Handschrift des neuen Chefs ist schon deutlich zu erkennen“, sagte Analyst Philipp Häßler vom Brokerhaus Pareto.

Er findet es clever, dass die Commerzbank weitere Pauschalwertberichtigungen gebildet und auch noch andere Belastungen mit in die Bilanz des Jahres 2020 gepackt hat. „Denn im laufenden Jahr werden für den geplanten Personalabbau voraussichtlich immense Kosten anfallen.“

Knof will vermutlich im Februar die neue Strategie des Geldhauses vorlegen. Er hat die Mitarbeiter bereits auf harte Einschnitte eingestimmt. In internen Gesprächen hat er durchblicken lassen, dass er die Strategiepläne des alten Vorstands, die den Abbau von 10.000 Stellen vorsahen, an der einen oder anderen Stelle noch einmal verschärfen könnte.

„Am wichtigsten ist es, dass Manfred Knof die Profitabilität der Commerzbank erhöht“, sagt Analyst Häßler, der das Institut seit rund 20 Jahren begleitet. „Das wird vermutlich nur durch harte Kostensenkungen gelingen, denn auf der Ertragsseite fehlt mir die Fantasie, wo sich die Commerzbank im Niedrigzinsumfeld deutlich verbessern sollte.“

Darüber hinaus fordert Häßler eine klarere Positionierung des Geldhauses. „Bei der Deutschen Bank ist die Ausrichtung klar: Sie hat weiter einen starken Fokus auf das Investmentbanking“, erklärt Häßler. „Bei der Commerzbank muss Herr Knof dagegen noch die Frage beantworten, wofür das Institut künftig stehen will.“

Im Privatkundengeschäft hat die Bank lange an einem großen Filialnetz festgehalten, was sie nun aber ausdünnen will. Zudem gebe es großen Druck durch neue digitale Angebote und Konkurrenten, sagt Häßler. „Mir erschließt sich nicht, was in diesem Bereich der Wettbewerbsvorteil der Commerzbank ist.“

Auch das Firmenkundensegment, das lange Zeit die zentrale Stütze des Instituts war, steht seit Jahren unter Druck. „Im Firmenkundengeschäft ist die Situation nicht einfach – besonders, wenn es 2021 wie erwartet eine große Insolvenzwelle gibt“, warnt Häßler.

Übernahme kurzfristig nicht in Sicht

Knof hat in internen Gesprächen angekündigt, dass er für eine eigenständige Zukunft des Geldhauses kämpfen will. Viele Experten haben jedoch Zweifel, ob ihm das gelingt.

Häßler ist sich sicher, dass es in den nächsten ein bis zwei Jahren zu keiner Übernahme kommen wird. „Potenzielle Käufer wie BNP oder Unicredit sind bereits in Deutschland aktiv und machen hier auch Firmenkundengeschäft“, betont der Pareto-Analyst. „Warum sollten sie sich die Commerzbank mit ihrem Privatkundengeschäft inklusive des umfangreichen Filialnetzes ans Bein binden?“

Auf mittlere Sicht kann sich Häßler eine Commerzbank-Übernahme aber vorstellen. „Wenn das Institut restrukturiert wird und irgendwann eine Eigenkapitalrendite von mindestens fünf Prozent erreicht, könnte eine Übernahme für einen europäischen Konkurrenten vielleicht interessant sein.“