Deutsche Märkte geschlossen
  • Nikkei 225

    28.756,86
    +233,60 (+0,82%)
     
  • Dow Jones 30

    31.176,01
    -12,37 (-0,04%)
     
  • BTC-EUR

    26.283,17
    -2.567,49 (-8,90%)
     
  • CMC Crypto 200

    634,82
    -45,08 (-6,63%)
     
  • Nasdaq Compositive

    13.530,92
    +73,67 (+0,55%)
     
  • S&P 500

    3.853,07
    +1,22 (+0,03%)
     

Ende der Doppelwährung: Kubas Quantensprung in den Kapitalismus

Ehringfeld, Klaus
·Lesedauer: 4 Min.

Die Insel schafft nach mehr als einem Vierteljahrhundert die Doppelwährung ab. Es drohen Inflation, Hamsterkäufe, Preisexplosion und Proteste der Bevölkerung.

Die zukünftige einheitliche Währung soll das Land für Investoren interessanter machen. Foto: dpa
Die zukünftige einheitliche Währung soll das Land für Investoren interessanter machen. Foto: dpa

Nichts ist autoritären Regimen mehr zuwider als Unkalkulierbarkeit und Spontaneität. Dementsprechend fürchten die kommunistischen Machthaber in Havanna den 1. Januar und die Folgen einer entscheidenden Wirtschaftsreform, die ebenso unausweichlich wie überfällig ist. Denn zum Jahresbeginn setzt das Land eine Währungsunion um, schafft nach mehr als einem Vierteljahrhundert den konvertiblen Peso CUC ab und wird von da an nur noch mit dem kubanischen Peso CUP operieren.

Es ist der Quantensprung des kubanischen Kommunismus in den Kapitalismus, mit dem die dem Untergang geweihte Wirtschaft der Insel gerettet werden soll. Die Corona-Pandemie und der damit einhergehende Touristenausfall, die Schwäche des Bruderstaats Venezuela und die massiven Sanktionen der scheidenden US-Regierung haben der Insel dieses Jahr dramatisch zugesetzt. Laut der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) wird die kubanische Wirtschaft dieses Jahr um acht Prozent schrumpfen.

Die Währungsreform stellt den umfassendsten Umbau der sozialistischen Wirtschaft seit der Revolution 1959 dar. Nahezu alle ideologischen Tabus werden dabei geopfert. Die meisten der unrentablen Staatsbetriebe, bei denen 70 Prozent der arbeitenden Kubaner angestellt sind, werden bankrott gehen, zudem werden Subventionen und Lebensmittelrationen perspektivisch abgeschafft und die Preise angehoben.

Die Reform sei schon sehr lange überfällig, sagt Pavel Vidal, kubanischer Ökonom an der Javeriana-Universität im kolumbianischen Cali. „Aber es ist ein politisch und wirtschaftlich heikler Moment.“ Die Arbeitslosenzahlen und die Inflation würden steigen, betont Vidal.

Und so stehen den Kubanern ab Ende dieser Woche ein Preisschock, außerdem Hamsterkäufe und vielleicht sogar eine noch größere Nahrungsmittelknappheit bevor. Alles Dinge, die das Zeug haben, den Ärger der Bevölkerung zu entfachen und sie möglicherweise zu Protesten auf die Straße zu treiben – wovor Präsident Miguel Díaz-Canel große Angst hat. Zudem ist wahrscheinlich, dass der US-Dollar als eine Art geheime Parallelwährung zirkulieren wird.

Die Reform hat den Zweck, die Insel zukunftsfähig zu machen. Die Kubaner diskutieren seit über sieben Jahren über nötige Veränderungen; das ökonomische Katastrophenjahr 2020 macht nun rasches Handeln unausweichlich. Es fehlt Geld an allen Ecken und Enden, allein schon um Nahrungsmittel und Medikamente zu importieren und Rechnungen zu bezahlen. Daher soll die einheitliche Währung das Land für Investoren interessanter machen.

Die Machthaber schufen die Doppelwährung vor 26 Jahren – auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Wer als Tourist nach Kuba reiste oder hier Geschäfte machen wollte, in Hotels oder privaten Restaurants zahlte und Souvenirs kaufte, beglich alles im harten an den Dollar gekoppelten CUC.

Kubaner, die beim Staat angestellt sind, verdienen hingegen die weichen CUP, aber davon nicht wirklich viel. Wenn der Arzt am Krankenhaus sein Gehalt in die Wechselstube trägt, bekommt er gerade mal den Gegenwert von rund 50 CUC. Damit kann er dann Bus fahren und auf dem Markt Gemüse und Obst einkaufen. Nur: Viele Dinge des täglichen Bedarfs gibt es auf der sozialistischen Insel nur gegen CUC: Windeln, Klopapier, Shampoo, Kekse, Mineralwasser, Schokolade, Fleisch.

Die Ungleichheit ihrer Währung sahen die Machthaber auf dem letzten kommunistischen Vorposten der westlichen Welt schon lange kritisch. Als sich die Karibikinsel vor Jahren der Marktwirtschaft öffnete, wurde dies besonders deutlich.

Seit die Regierung mehr als 200 Berufe für die Privatwirtschaft freigegeben hat, haben sich mehr als 600.000 Kubaner als „Cuentapropistas“ angemeldet, als selbstständige Kleinst- und Kleinunternehmer, die auf „eigene Rechnung“ arbeiten. Sie betreiben Cafés, Nagelstudios, verkaufen Souvenirs, bieten ihre US-Oldtimer den Touristen für Rundfahrten an oder vermieten für manchmal 30 CUC ein Zimmer in ihrem Haus in der Altstadt von Havanna.

Auch für Unternehmen sind die doppelten Pesos ein Problem

Manch einer dieser neuen Unternehmer verdient bis zu zwanzigmal mehr als ein Staatsdiener. So entsteht nach und nach eine Zweiklassengesellschaft, die den sozialistischen Idealen entgegenläuft.

Auch für Unternehmen sind die doppelten Pesos ein Problem. Die Staatsbetriebe arbeiten mit CUP, brauchen aber CUC für Importe oder Geschäfte außerhalb der Insel.

Die Reform hin zu einer einzigen Währung werde dem Land helfen, die nötigen Veränderungen zur Stärkung der heimischen Wirtschaft umzusetzen, sagte Präsident Díaz-Canel Mitte Dezember, als er im Beisein von Parteichef Raúl Castro die Währungsunion von jetzt auf gleich ankündigte. Díaz-Canel räumte aber ein, dass es nicht die „magische Lösung aller Probleme“ sein werde.

Dennoch ist die Währungsunion unabdingbar, damit die selbstverordnete ökonomische Öffnung und die damit verbundenen Reformen greifen können. Letztere sind notwendig, damit sich ein neues marktwirtschaftliches Gleichgewicht einpendelt. So müssen die heimische Produktion zügig angekurbelt werden, Kredite an Bauern vergeben und die Abhängigkeit von Importen minimiert werden.

Carmelo Mesa-Lago, Wirtschaftsexperte an der Universität von Pittsburgh, sagt, dass zumindest die ersten Wochen und Monate des neuen Jahres für die Kubaner eine „Rosskur“ werden würden. Sie müssten dann für noch mehr Dinge Schlange stehen und schauen, wie sie mit ihrem durchschnittlichen Gehalt von umgerechnet 30 Dollar an das Notwendige kommen.