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Ende der Alleinherrschaft? Der IG Metall droht in der Automobilbranche eine Zersplitterung der Betriebsräte — analog zur Parteienlandschaft

·Lesedauer: 10 Min.

VW-Betriebsratswahlen in Wolfsburg versprachen in der Vergangenheit nicht die geringste Spannung. Ein überwältigender Sieg der IG-Metall-Liste war so gewiss wie die Top-Verkaufszahlen für den Golf. Längst gehört die Dominanz der größten Gewerkschaft der Welt zur Volkswagen-Kultur. Wie selbstverständlich agieren die Arbeitnehmervertreter als Co-Manager, diskutieren auf Augenhöhe über Milliardeninvestitionen und entscheiden über das Schicksal von Vorständen.

Doch mit dem rasanten Wandel in der Automobilbranche geraten augenscheinlich auch die gesetzten Kräfteverhältnisse innerhalb der Arbeitnehmervertretung in Bewegung. Mit Sorge beobachtet die IG-Metall-Führung aus der Frankfurter Zentrale eine spürbare Erosion der Macht. Nicht nur in Wolfsburg. „Die IG Metall bleibt bei den Herstellern auf absehbare Zeit stärkste Kraft“, sagt ein hochrangiger Funktionär. „Aber wir erleben derzeit den Beginn einer Zersplitterung analog zum politischen Parteiensystem.“ Schon bald werde die IG Metall mancherorts gezwungen sein, Koalitionen mit Konkurrenzlisten zu bilden, heißt es aus so manchem Unternehmen. Es wäre das Ende der Alleinherrschaft.

Dabei gibt es nicht den einen Feind, gegen den sich die IG Metall behaupten muss. Während bei Volkswagen prominente Betriebsräte die Seiten gewechselt und sich gegen die „Metaller-Monarchie“ gewandt haben, scharen bei Daimler und Porsche rechtspopulistische Gruppierungen immer mehr Mitarbeiter um sich. Business Insider dokumentiert, wie die Gegenbewegungen an Fahrt aufnehmen und mit welchen Methoden die IG Metall das eigene System zu verteidigen versucht.

Bislang war dieses System sehr erfolgreich. In den vergangenen Jahrzehnten erhielt die Gewerkschaft bei Betriebsratswahlen in Wolfsburg 86 Prozent und mehr der Stimmen. Von den 75 freigestellten VW-Betriebsräten stammen derzeit 66 aus der IG-Metall-Fraktion. Mehr als 50 von ihnen betreuen als Bereichsbetriebsräte die 65.000 Mitarbeiter im Stammwerk. Mit Hilfe von 2500 Vertrauensleuten haben sie Augen und Ohren in jedem Winkel der Fabrikstadt. Die Bereichsbetriebsräte berichten wiederum an neun sogenannte Koordinatoren, die zusammen mit der Betriebsratsvorsitzenden Daniela Cavallo und deren Stellvertreter den tonangebenden Betriebsausschuss bilden. Zudem unterstützt ein Verwaltungsapparat mit rund 70 Geschäftsführern, Generalsekretären, Referenten und Assistenten die Arbeitnehmervertreter. Eine gewaltige Maschinerie, deren Kosten niemand so richtig beziffern kann.

„Der Organisationsgrad ist so hoch und das Netzwerk so groß, dass eine Karriere gegen die IG Metall kaum möglich ist“, sagt ein VW-Manager. Entsprechend gering war in der Vergangenheit auch die Konkurrenz bei Betriebsratswahlen. 2018 traten gerade einmal zwei Listen gegen die Gewerkschaft an. Bei der Betriebsratswahl im kommenden Frühjahr ändert sich das. Nach Informationen von Business Insider kämpfen 2022 insgesamt acht Listen um die Gunst der Belegschaft. Brisant: Darunter ausgeschiedene IG-Metall-Größen, die sich von der mächtigen Gewerkschaft und dem System in Wolfsburg abgewendet haben.

In ihren Augen haben Gewerkschaft und Betriebsrat nicht das Beste für die VW-Belegschaft herausgeholt. "Früher hat die IG Metall mit Arbeitskämpfen das Management weichgekocht, essenzielle Forderungen für die Mitarbeiter durchgesetzt", sagt ein enttäuschter Betriebsrat. "Doch mittlerweile geht es nur noch um Deals, die zwischen Betriebsratsspitze und Vorstand geschlossen werden."

Am Fließband wagten sie in den vergangenen Monaten die Herausforderer der IG Metall aus der Deckung. Zunächst Frank Patta, ehemaliger Geschäftsführer der IG Metall in Wolfsburg und einer der prominentesten VW-Betriebsräte. Auch er prangert die Hinterzimmerpolitik des amtierenden Betriebsrats an, wichtige Entscheidungen, wie die vorzeitige Verlängerung des Vertrags von VW-Chef Herbert Diess im vergangenen Sommer, seien einsam entschieden, die Basis später nur informiert worden, erklärt er. "Patta muss man ernst nehmen", heißt es aus Betriebsratskreisen. "Er ist erfahren, kann reden und Wahlkämpfe organisieren."

Dramatischer inszenierten die langjährigen Bereichsbetriebsräte Norbert Lem und Michael Maginski ihren Angriff auf die IG Metall. In Briefen an die VW-Eigentümer kritisierten sie den "rufschädigenden und Aktienkurs-beeinflussenden Irrweg des aktuellen Betriebsrates". VW-Arbeiterführerin Daniela Cavallo und IG-Metall-Chef Jörg Hofmann würden einen Feldzug gegen VW-Chef Diess konstruieren, mit "bestelltem Applaus" auf Betriebsveranstaltungen die Stimmung anheizen. "Wir haben Sorge, dass Herr Dr. Diess den egoistischen Motiven von Betriebsrat und IG Metall geopfert werden soll", schreibt das Duo.

Bereits seit mehreren Wochen wird im Aufsichtsrat von Volkswagen diskutiert, ob Diess bleiben oder abberufen werden soll. Dem Manager wird besonders von der IG Metall vorgeworfen, bei seinem radikalen Transformationskurs zu wenig auf die Bedürfnisse der Arbeitnehmervertretung einzugehen. Der Führungsstil von Diess polarisiert – und wirkt in der aktuellen Phase wie ein Brandbeschleuniger für die Konflikte innerhalb des Betriebsrats.

Während die Arbeitnehmervertretung in Wolfsburg äußerlich noch betont gelassen auf die Kritik reagiert und die Demokratie hervorhebt, schießt die Gewerkschaft im Hintergrund mit allen Mitteln gegen die Revolutionäre. Das bekamen auch Lem und Maginski zu spüren. Als sie sich im Oktober nicht dazu bekennen wollten, bei der kommenden Betriebsratswahl erneut auf der IG-Metall-Liste anzutreten, entfernte die Gewerkschaft sie kurzerhand aus der Fraktion, warf sie aus ihren Büros und teilte der Belegschaft mit, dass die beiden gewählten Arbeitnehmervertreter den Status als Bereichsbetriebsräte verloren hätten. Nichts Schriftliches habe es zu alldem gegeben, sagen die Betroffenen. "Uns wurde nur gesagt, dass wir eine Pflichtverletzung begangen hätten", sagt Maginski. Und weiter: "Worin die bestanden haben soll, ist uns unklar."

In einem Statement erklärt IG-Metall-Sprecher Jürgen Hildebrandt: „Die Reihen der IG Metall-Fraktion im Betriebsrat des VW-Stammwerkes sind fest geschlossen und wir gehen offen und ehrlich miteinander um. Natürlich sind wir nicht immer alle einer Meinung – aber am Ende tragen wir zusammen den beschlossenen Kurs. Allerdings haben sich bisherigen Fraktionsmitglieder entschieden, ihre Pflichten nicht einzuhalten. Sie blieben den Wahlen zur Nominierung fern und sahen sich auch auf wiederholte Nachfrage nicht in der Lage, sich zur Fraktion der IG Metall zu bekennen. Konsequenterweise sind diese Personen nun nicht mehr Teil unserer IG Metall-Fraktion. Die Chance, sich vor den Kolleginnen und Kollegen in ihrem alten Gremium zu erklären, ließen alle drei ungenutzt. Ohne diese Ehrlichkeit und Offenheit gibt es keine Basis für eine weitere Zusammenarbeit. Für sie ist daher nun kein Platz mehr in unseren Reihen.“

Ob dieser Ausschlussgrund rechtlich tatsächlich vertretbar ist, lassen Lem und Maginski derzeit juristisch prüfen. Hilfe vom Verwaltungsapparat des Betriebsrats oder aus dem Unternehmen hätten sie aber nicht erhalten. Der plötzliche Rauswurf zeige aus ihrer Sicht, wie die IG Metall mit Menschen umgehe: Unliebsame Betriebsräte würden einfach kaltgestellt.

Auch Patta erfährt derzeit diese Härte seiner Ex-Kollegen. Er sei der bestbezahlte Arbeitnehmervertreter in Wolfsburg, heißt es aus Betriebsratskreisen. Mit insgesamt rund 300.000 Euro würde er weit mehr als Cavallo verdienen. Genüsslich erinnern IG-Metall-Vertreter zudem an einen Nachtclub-Besuch des heutigen Widersachers vor 15 Jahren. Damals besuchte Patta auf einer Geschäftsreise eine Table-Dance-Bar in Mexiko und rechnete anschließend 1500 Pesos – umgerechnet rund 105 Euro – als Spesen ab. "So viele Jahre war der Vorgang kein Problem für die IG Metall", sagt Patta. "Nun wird das aufgewärmt, um mich zu beschädigen."

Das gegenseitige Misstrauen ist groß. Für Strategierunden nutzen Lem, Maginski, Patta und Co. private Kommunikationsmittel oder treffen sich außerhalb von Wolfsburg. "Die IG Metall hat überall ihre Leute sitzen", sagt einer. "Wir sind vorsichtig." Große Hoffnung machen sich die Herausforderer dem Vernehmen nach, bisherige Nichtwähler auf ihre Seite ziehen zu können. Rund 40 Prozent der Belegschaft ging 2018 nicht zur Betriebsratswahl. Mit neuen Angeboten zu Ausbildung und Arbeitsplatzsicherheit sollen sie im Frühjahr an die Urnen gelockt werden. Andere brisante Themen, wie der überproportional hohe Anteil von IG-Metall-Betriebsräten mit italienischen Wurzeln, sorgen zwar intern für Diskussionen, dürften aber keine Rolle spielen. Zu groß ist die Befürchtung mit rechtsextremen Strömungen in anderen Betriebsräten der Republik verglichen zu werden.

So verdunkeln sich bei Daimler und Porsche in Stuttgart die Gesichter der Betriebsräte, wenn sie auf rechte Kader angesprochen werden. Es geht um das sogenannte „Zentrum Automobile“, das von Oliver Hilburger angeführt wird. Hilburger war früher nachweislich Mitglied der Neonazi-Band „Noie Werte“ – „das sind schlicht Neonazis“, heißt es übereinstimmend aus Betriebsratskreisen. Das Zentrum ist selbst der AfD zu rechts, sie lehnte es ab, mit Hilburger und seinen Männern zu kooperieren. Vor vier Jahren holte das Zentrum bei den Daimler-Betriebsratswahlen noch 13,2 Prozent und sechs Sitze. Dieses Jahr will die Gruppe dieses Ergebnis deutlich übertreffen.

Dabei hat das Zentrum als Protestgruppe ordentlich Futter. Der Ausstieg aus dem Verbrenner und der Einstieg in Elektrofahrzeuge gefällt einigen Mitarbeitern bei Mercedes – und auch bei anderen Autobauern – überhaupt nicht. Viele sind durch die technologische Zäsur verunsichert. Selbst der amtierende Betriebsrat bei Mercedes würde sich von Konzernchef mehr Fingerspitzengefühl und Sensibilität wünschen in seiner Begleitung des Wandels – und im Umgang mit den Mitarbeitern. Mercedes-CEO Ola Källenius gilt intern als Zahlenmensch, intern soll er weiter darauf pochen, die Personaldecke bei Mercedes zu senken, um Kosten zu sparen, erfuhr Business Insider aus Unternehmenskreisen. In Zeiten sprudelnder Gewinne ist ein solches Vorgehen der Belegschaft nur schwer – oder überhaupt nicht – zu vermitteln.

Der amtierende Betriebsrat verweist auf die eigenen Erfolge und die guten Arbeitsbedingungen, die Mitarbeiter bei den Stuttgartern haben. Üppige Gehälter, Beschäftigungsgarantien bis Ende des Jahrzehnts, erfolgsorientierte Bonifikationen und eine ganze Reihe an Zusatzleistungen. Es gibt wohl keine andere Branche in der Wirtschaft, wo in der Breite so gut gezahlt wird wie bei den Autobauern. Vieles davon wurde von Metallern erstritten und den Vorstandsriegen abgerungen. Ein gutes Beispiel sind die goldenen Handschläge für Mitarbeiter, die im Zuge des Personalabbauprogramms bei Daimler gehen konnten. Mitarbeiter, die Anfang bis Mitte 40 waren, bekommen Abfindungen in Höhe von bis zu 450.000 Euro. „Es wird trotzdem immer welche geben, die unzufrieden sind, da können wir noch so viel raushandeln“, sagt ein Betriebsrat.

Bei den vergangenen Wahlen traten etwa in Sindelfingen sieben Listen an, die CGM, die Unabhängigen, Freie Betriebsräte, die „Basis“, das Zentrum Automobil und die IG-Metall. Letztere holte deutlich über 70 Prozent der Stimmen. Nicht in allen Werken gibt es Listenwahl, in einigen gibt es Personenwahl – die der IG-Metall eher zugutekommt, weil ihre Kandidaten bekannter sind in der Belegschaft. Intern rechnet man damit, dass die vielen Listen bei dieser Wahl wahrscheinlich mehr Stimmen bekommen werden. Das Argument: Die Zersplitterung der Gesellschaft finde auch Einzug in den Betrieben – gerade in so großen Läden wie Mercedes seien sie ein ungefähres Abbild der Gesellschaft, sagen die Betriebsräte.

In Zuffenhausen finden die Arbeitnehmervertreter deutlichere Worte für die Aussichten bei der anstehenden Wahl. Man rechnet mit bis zu acht Listen, die antreten werden. Die Metaller gehen davon aus, dass sie nach der Wahl wahrscheinlich werden koalieren müssen, mit einer der anderen Listen. Die absolute Mehrheit wird man wohl nicht halten können. Eine Zäsur für die Gewerkschaft. Das Zentrum, das auch bei Porsche angreifen will, gilt bei den Porsche-Metallern als Hort von Rechtsextremen. „Wir sind Demokraten und werden die stellen“, sagen Porsche-Betriebsräte übereinstimmend. Bei ihnen klingt aber auch ein wenig Frust durch. Bei Porsche sind die Arbeitsbedingungen wohl noch eine kleine Schippe besser als bei Mercedes: Auszubildende haben eine Übernahmegarantie und anschließend eine Beschäftigungssicherung bis 2030. Die Gehälter bei Porsche gehören mit zu den besten in der Autobranche, die Zuffenhausener werden immer wieder zum beliebtesten Arbeitgeber gewählt. Für diese Bedingungen haben auch hier die Metaller hart verhandelt – und können doch bei der anstehenden Wahl davon nicht so recht profitieren.

Business Insider hat der IG-Metall-Zentrale in Frankfurt einen Fragenkatalog bezüglich des möglichen Machtverlusts bei der kommenden Betriebsratswahl im März zugeschickt. Eine Sprecherin der Gewerkschaft antwortete: „Zum jetzigen Zeitpunkt sind alle Aussagen zum Ausgang der Betriebsratswahlen - ein demokratischer Akt -, Spekulation. Unsere Betriebsräte konzentrieren sich gerade voll auf ihre Arbeit – es gibt in diesen Zeiten mehr als genug zu tun“. Die kommenden Jahre seien entscheidend, um die Transformation zu gestalten und die Mitbestimmung zu stärken. Die Interessen der Beschäftigten könnten in den nächsten vier Jahren nur wirksam vertreten werden, wenn es eine qualifizierte und starke Mitbestimmung gibt, sagt die Sprecherin weiter.
„Bei all dem verfolgen wir das Ziel: Sicherheit und Perspektiven für alle Beschäftigten im Wandel. Darauf liegt der Fokus – in den nächsten Monaten bis zur Betriebsratswahl und darüber hinaus“, fügt die Sprecherin an.

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