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Empörung über deutsches Einreiseverbot für viele Tiroler

Imwinkelried, Daniel
·Lesedauer: 3 Min.

In Österreich ist der Unmut über die Grenzsperren zwischen Tirol und Bayern groß. Tiroler Geschäftsleute sind aber auch sauer auf Österreichs Regierung.

Zwei Bundespolizisten kontrollieren die Dokumente von aus Österreich kommenden Lkw-Fahrern an der Autobahn A93 bei Kiefersfelden in Richtung Deutschland. Foto: dpa
Zwei Bundespolizisten kontrollieren die Dokumente von aus Österreich kommenden Lkw-Fahrern an der Autobahn A93 bei Kiefersfelden in Richtung Deutschland. Foto: dpa

Anders als befürchtet ist an der Grenze von Tirol zu Bayern das Chaos ausgeblieben. Es würden eher weniger Leute die Grenze überqueren als sonst jeweils an einem Montag, sagten Berufspendler. Offenbar hatte sich bereits am Sonntag herumgesprochen, dass der Grenzübertritt nicht mehr ohne Weiteres möglich ist. Das bewegte viele Pendler dazu, zu Hause zu bleiben.

Unklar war auch am Montag weiterhin, wie das neue Grenzregime genau aussehen wird. Bereits am vergangenen Donnerstag hatte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) Tirol zum Coronavirus-„Mutationsland“ erklärt. Aus Tirol durften am Montag nur noch Ärzte, Pflegekräfte, Lkw-Fahrer und landwirtschaftliche Saisonkräfte nach Deutschland reisen. Am Sonntag gestand Söder auch Pendlern eine Ausnahme zu, die in systemrelevanten Berufen arbeiten. Wahrscheinlich wird Bayerns Regierung aber erst am Dienstag entscheiden, wer genau in diese Kategorie fällt.

Die Empörung über das von Bayern verhängte Einreiseverbot ist in Österreich derzeit groß. Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) sagte: „In der Eile war Berlin und München wohl nicht bewusst, welches Chaos sie da anrichten.“ Und Außenminister Alexander Schallenberg meinte, ihm fehle das Augenmaß in dieser „besonders volatilen Situation“.

Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) hatte bereits am Sonntag eine Ausnahme für alle Tirol-Pendler gefordert. Die Situation sei, so sagte er, „absolut inakzeptabel“.

Der wirtschaftliche Austausch zwischen Bayern und Österreich ist rege. Der Freistaat sei für österreichische Firmen sowohl das Eingangstor zum deutschen Markt als auch der klassische Erstmarkt für Neuexporteure, sagte ein Vertreter der Wirtschaftskammer Tirol.

Besonders eng sind die Verflechtungen in der Region Inntal bei Kufstein und Kiefersfelden. Ungefähr 6000 Pendler überqueren die Grenze jeden Tag in der einen oder anderen Richtung. Darunter sind Ärzte, Pflegekräfte, Dozenten oder spezialisierte Handwerker sowie Industriearbeiter. Ein großer Arbeitgeber auf der österreichischen Seite ist beispielsweise das Schweizer Pharmaunternehmen Novartis.

Viele Deutsche arbeiten für die Gesellschaft und fahren dafür täglich über die Grenze. Sie benötigen nun eine Bestätigung, dass sie für die Firma tätig sind. Auch Konsumenten nutzen in der Regel fleißig die Möglichkeiten, die das Wohnen an der Grenze bietet.

Das Stigma von Ischgl lastet auf Tirol

Österreichische Politiker und Verbandsvertreter ärgern sich allerdings nicht nur über Bayern, sondern auch über die österreichische Regierung. Seit vergangenem Freitag prüfen Polizisten und Militärangehörige alle Personen, die aus Tirol in andere Bundesländer Österreichs reisen. Diese müssen dabei einen negativen Antigen- oder PCR-Test vorweisen.

„Deshalb sollten wir uns über das Vorgehen von Bayern nicht wundern“, sagt Walter Mayr, Präsident der Euregio Inntal-Chiemsee-Kaisergebirge-Mangfalltal. Dieser Organisation gehören 80 Gemeinden auf beiden Seiten der Grenze an. Die österreichische Regierung habe die Tiroler ausgesperrt, und nun ziehe Bayern eben nach. „Dabei gehören wir in unserer Region doch zusammen.“ Mayr befürchtet, dass die Ämter in Bayern überfordert sein werden, wenn sie Pendlern nun eine Arbeitsbescheinigung ausstellen müssen.

Gleichzeitig sind die Firmen im Freistaat aufgeschreckt: Ihnen fehlen in den nächsten Tagen möglicherweise Fachkräfte, die nicht als systemrelevant eingestuft werden. Überbordende Maßnahmen würden die ohnehin geschwächte Wirtschaft weiter behindern, sagte Österreichs Außenminister Schallenberg.

Die Stimmung in Tirol ist derzeit ohnehin gereizt. Die Bewohner und Politiker des Bundeslandes fühlen sich von der Regierung in Wien missverstanden. Das Stigma von Ischgl belastet nach wie vor Tirols Ruf. Viele Einheimische glauben, dass sie immer noch für gewisse Versäumnisse, die sich im März 2020 im Skiort ereigneten, büßen müssen.

Dabei sei, so betonen Politiker, die Sieben-Tage-Inzidenz bei den Corona-Infizierten in Österreich nirgends so niedrig wie in Tirol: Bei 76 liegt der Wert derzeit. Selbst Österreichs Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) hatte den Tiroler Behörden attestiert, dass die Kontaktnachverfolgung vorbildlich funktioniere.

Gleichzeitig ist aber die sogenannte Südafrika-Mutation des Coronavirus in Österreich nirgends so verbreitet wie in Tirol. Insgesamt liegen im Bundesland 505 bestätigte und unbestätigte Fälle vor.