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Vom eigenen Startup ins Familienunternehmen: Ich führe jetzt das Möbelhaus meines Urgroßvaters

Die Familiengeschichte an der Seite: Lena Schaumann hat zuerst ein Startup gegründet – und ist dann in das Möbelhaus ihres Urgroßvaters Hermann Schaumann zurückgekehrt. - Copyright: Lena Schaumann
Die Familiengeschichte an der Seite: Lena Schaumann hat zuerst ein Startup gegründet – und ist dann in das Möbelhaus ihres Urgroßvaters Hermann Schaumann zurückgekehrt. - Copyright: Lena Schaumann

Das familieneigene Unternehmen fortführen – aber wie? Lena Schaumann stellte sich genau diese Frage. Mittlerweile leitet sie in vierter Generation das Möbelhaus Schaumann in Nordhessen und coacht mit ihrer Erfahrung andere Nachfolger. Bevor sie sich zu dem Schritt entschloss, ging sie allerdings nach Berlin und gründete ein eigenes Startup: Lumizil, einen Onlineshop für Leuchten und Deko-Artikel. Im folgenden Text beschreibt sie ihren Weg von der Gründerin zur Nachfolgerin – und wieder zurück. Der Text ist ein Auszug aus dem Sammelband „Gründen – Frauen schaffen Zukunft“. Das Buch ist im Verlag Frankfurter Allgemeine Buch erschienen.

Ich bin Unternehmertocher. Ich wuchs mit einem Vater auf, der unser Familienunternehmen in dritter Generation leitet und es von einem kleineren Möbelhaus in Kassel zum erfolgreichsten Möbelunternehmen Nordhessens entwickelte.

Ich erlebte meinen Vater in den verschiedensten Rollen. Mal nahm ich ihn als Architekten wahr – immer dann, wenn er ein neues Bauvorhaben in die Tat umsetzte und sich sein Alltag hauptsächlich um Baupläne und Baustelle drehte. Ich nahm ihn als Einkäufer wahr, wenn er am Ende eines jeden Jahres Herstellergespräche führte, neue Ware aussuchte und um bessere Konditionen verhandelte. Zwischendurch war er immer wieder Marketingspezialist – er schaute sich jeden Prospekt an, der in unseren Briefkasten flatterte, analysierte ihn und suchte nach Ideen, die er für sein Unternehmen anwenden konnte. Er war Banker, wenn eine größere Investition bevorstand, für die eine Finanzierung notwendig war und er die Vorstände der Banken von seinem Vorhaben überzeugen musste. Kurzum: Wenn ich in der Schule gefragt wurde, was mein Vater beruflich macht, dann gab ich so gut wie jedes Mal eine neue Antwort.

Viel wichtiger jedoch war meine grundsätzliche Wahrnehmung von meinem Vater als Mensch. Nur selten kam er schlecht gelaunt nach Hause – etwa dann, wenn irgendetwas nicht so gelaufen war, wie er es sich vorstellte. Das blieb jedoch die Ausnahme. Im Großen und Ganzen liebte er seinen Job, und davon wurde ich jeden Abend Zeugin. Er liebte die Verantwortung, er liebte es, zu bewegen, zu erschaffen und zu entwickeln. Immer wieder kam er mit neuen Ideen nach Hause, sein Kopf schien niemals still zu stehen und sich niemals nicht zumindest zu einem Teil um sein Unternehmen zu drehen.

Er war mein großes Vorbild. Und früh in meinem Leben wurde mir klar, dass ich später einmal genau diesen Job machen will, der meinen Vater jeden Tag so glücklich macht.

Mein eigenes Startup

So sehr ich wusste, dass ich einmal Unternehmerin sein und einen Alltag ähnlich dem meines Vaters haben möchte, so sehr war ich der Überzeugung, dass ich niemals an ihn herankommen würde. Die Nachfolge in vierter Generation anzutreten, hielt ich zeit meines Lebens für absolut ausgeschlossen. Wie sollte ich all das lernen, was er einfach zu können schien? Wie soll ich jemals aus seinem Schatten treten, wenn ich den gleichen Weg einschlage? Was, wenn ich diejenige bin, die das Unternehmen vor die Wand fährt – könnte ich das ertragen? Wie soll ich jede Nacht mit der Verantwortung für so viele Angestellte ruhig schlafen?

Ich war mir zu hundert Prozent sicher, dass die Geschichte unseres Familienunternehmens entweder mit meiner Generation zu Ende geht oder dass eines meiner Geschwister die Nachfolge antreten würde. Für mich war dieses Konstrukt mindestens zehn Nummern zu groß, und da half auch der Lieblingssatz meines Vaters nicht: „Anfangen hilft!“ Immer wieder probierte er, mich zu ermutigen, dass ich nur beginnen müsse, den scheinbaren Mount Everest vor mir zu besteigen und dass ich dann sehen werde, dass er gar nicht so hoch ist, wie er von unten ausschaut. Doch seine Bemühungen blieben ohne Erfolg.

Und außerdem: Was sollte meine Aufgabe in einem stationären Möbelhaus in Nordhessen sein? Braucht man solch einen Laden in ein paar Jahren überhaupt noch?

Ich tat letztlich das, was man eben tut, wenn man auf gar keinen Fall und niemals ins familieneigene Möbelhaus einsteigen will: Ich gründete einen Onlineshop – für Möbel. Ich zog nach Berlin, in die Gründerstadt Deutschlands, und baute mir dort das Leben, von dem ich immer geträumt hatte, auf: selbstständig, digitalisiert, hip – mitten in der Hauptstadt. Ich machte meine eigenen Erfahrungen, fernab von zu Hause und weit weg vom Schatten meines Vaters. Hier in Berlin bin ich unter Gleichgesinnten, mitten unter unzähligen jungen Leute, die sich verrückte Ideen in den Kopf gesetzt haben und beginnen, sie zum Leben zu erwecken. Sie sind getrieben von dem Gedanken, die Welt zu verändern, und zum Mittagessen treffe ich mich nahezu täglich mit anderen Gründer:innen, die die neusten Ideen diskutieren und einfach nicht still sitzen können.

Cocoli Gründerinnen Gemma Comabella und Greta Schindler
Cocoli Gründerinnen Gemma Comabella und Greta Schindler

Ich müsste eigentlich überglücklich sein, denn genauso verrückt, ungeplant und abwechslungsreich hatte ich mir mein Arbeitsleben schließlich vorgestellt. Doch schon vier Jahre nach der Gründung muss ich mir etwas eingestehen: Mir ist langweilig! Unglaublich langweilig. Arbeit habe ich genug, aber ich sehne mich nach – ja nach was eigentlich?

Startup meets Familienunternehmen

Zur selben Zeit in der Heimat: Mein Vater wird neugierig und schaut immer öfter zu uns nach Berlin. Die ganze Möbelbranche redet von nichts anderem als Digitalisierung, und als mein Vater mich anruft und mir offenbart, dass er keine Ahnung hat, wie er das Thema angehen soll, konnte ich ihn zum ersten Mal mit seinen eigenen Waffen schlagen. „Anfangen hilft, Papa“, trällerte ich ihm entgegen und fühlte mich, ehrlich gesagt, ziemlich großartig.

Sein Anruf kommt zur rechten Zeit: Wir einigen uns darauf, dass ich das erste Digitalisierungsprojekt zu Hause starte: Laptops für die Verkäufer:innen, die Digitalisierung aller Verkaufsunterlagen – weg mit den Bergen von Papierkatalogen. Wir nutzen meinen Onlineshop als erweitertes Ladenregal, um weniger Bestand vorhalten zu müssen und gleichzeitig ein noch größeres Angebot anbieten zu können. Auf meinem hohen Berliner Ross bin ich der festen Überzeugung, dass Kassel mich mit offenen Armen empfangen wird und ich genau das bin, was unser Familienunternehmen gerade braucht.

Tja, was soll ich sagen: Niemand, aber wirklich niemand wartete auf mich, und von Freude kann erst recht keine Rede sein: Ich präsentiere das Projekt, erwarte Dankbarkeit für die tolle technische Ausstattung, die nun alle bekommen würden, und ernte – einen Shitstorm.

Ich kann mich noch gut an die Reaktion meiner Kollegin Heidi erinnern, die zu diesem Zeitpunkt bereits zwanzig Jahre für meinen Vater arbeitete. Sie schaute mich an und sagte: „Lena, du hast keine Ahnung, wovon du sprichst, und wenn du mir nicht endlich auch mal zuhörst, dann sitze ich das hier aus und freue mich auf den Moment, an dem du wieder im Zug nach Berlin sitzt.“

Es passiert, was passieren muss, wenn die Technik stimmt, aber niemand Bock darauf hat – der große Erfolg bleibt aus.

Zudem hatte Heidis Satz gesessen, und im Zug zurück nach Berlin musste ich mir eingestehen: Im Herzen bin ich mehr mit dem Familienunternehmen verbunden, als gedacht. Ich sehe riesige Chancen. Ich bin richtig neidisch auf meinen Vater. Darauf, dass er ein solches Traditionsunternehmen leitet – kein Startup. Und darauf, dass er die Chance hat, ein Unternehmen mit einer über hundertjährigen Geschichte noch mal gänzlich neu zu erfinden. Aus Alt mach Neu – wie geil ist das denn?!

Nachfolge-Kick-Off

Am 1.4.2019 startet das bisher anstrengendste und gleichzeitig erfüllendste Projekt meines Lebens. Ich trete entgegen allen Erwartungen die Nachfolge an und entscheide mich, nun doch auf meinen Vater zu hören und seinem Motto zu folgen: „Anfangen hilft.“

Heute, ziemlich genau drei Jahre später, stecke ich mitten in der Nachfolge. Das Unternehmen ist inzwischen „mehr deins, als meins“, sagt mein Vater. Die Übergabe auf dem Papier steht kurz bevor, und ich blicke zurück auf einen Weg, der ohne vorige Gründung so niemals funktioniert hätte.

In der Gründung habe ich gelernt, groß zu träumen, immer wieder Dinge infrage zu stellen und neu zu denken, Rückschläge in Kauf zu nehmen und was es bedeutet, Selbstvertrauen zu leben. Ich hatte außerdem gelernt, etwas von Grund auf neu zu erschaffen – und genau hier lag der wohl größte Unterschied zur Nachfolge. Bei Möbel Schaumann erwartete mich kein weißes Blatt Papier. Es erwartete mich ein prall gefülltes Buch mit mehr als hundert Jahren Firmengeschichte, geballtem Fachwissen, einer bestehenden Infrastruktur und einem Team, das mich mit großen Augen anschaut und nicht weiß, was genau es von mir zu erwarten hat. Veränderungen kennt das Unternehmen – es hat sich bereits etliche Male völlig neu erfunden und sich immer wieder dem Markt und den Kundenwünschen angepasst.

Aber nun liegt es an mir. Ich bin der lebendig gewordene Wandel, der nun ins Unternehmen eintritt. [...]

Von der Gründung zur Nachfolge und wieder zurück

In den letzten drei Jahren haben wir uns verändert. Wir als Unternehmen, aber, allem voran, ich mich – als Unternehmerin, als Führungskraft, als Frau. Der Wandel war bei Weitem nicht immer leicht, die Firma wurde nicht von heute auf morgen „zu meinem Unternehmen“. Aber der Wandel war auch großartig. Oft bin ich fast traurig, dass große Teile davon bereits vorbei sind und überglücklich, dass Wandel etwas Konstantes ist, auf das ich niemals verzichten werde.

 - Copyright: Frankfurter Allgemeine Buch
- Copyright: Frankfurter Allgemeine Buch

Gleichzeitig schaue ich nach vorne und freue mich auf die Zukunft. Ich fühle die Stimme in mir, die immer lauter wird und mir sagt, dass meine Zukunft nicht ausschließlich in der Nachfolge bei Möbel Schaumann liegen wird. Ich werde wieder gründen. Ich will diesen Vibe zwischen Neu und Alt spüren. Ich brauche ihn, um Möbel Schaumann immer wieder auf das nächste Level zu heben. Die Welt der Startups und die des Mittelstands sind für mich fest verbunden. Das eine ermöglicht uns jeweils den Erfolg des anderen und sorgt dafür, dass wir neugierig, erfinderisch und mutig bleiben.

Und genau darum geht es bei der Gründung doch letztlich – etwas Neues zu erschaffen. Genau das tue ich als Nachfolgerin jeden Tag. Statt auf einem weißen Blatt erfinde ich uns auf einer Familientradition und einem bestehenden Fundament regelmäßig neu. Wie schön, dass ich mich zwischen Gründung und Nachfolge niemals entscheiden muss.