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Das ist die echte Firma hinter Netflix' „Billion Dollar Code“

·Lesedauer: 5 Min.
Hinter der Geschichte der Netflix-Serie „The Billion Dollar Code“ um die fiktiven Figuren Carsten (l.) und Juri (r.) verbirgt sich die Geschichte der Berliner Designagentur Art + Com.
Hinter der Geschichte der Netflix-Serie „The Billion Dollar Code“ um die fiktiven Figuren Carsten (l.) und Juri (r.) verbirgt sich die Geschichte der Berliner Designagentur Art + Com.

Die Geschichte von „The Billion Dollar Code“ klingt eigentlich zu spektakulär, um wahr zu sein: Im anarchischen Berlin der 90er Jahre arbeiten zwei naive Studenten mit Finanzierung der Telekom an einem Projekt namens Terravision. Das nimmt an Fahrt auf, sie präsentieren ihre Idee schließlich auch im Silicon Valley – und dort ist ein Entwickler so begeistert, dass er damit seine eigene Firma gründet, die später von Google gekauft wird. Dann erscheint Google Earth, das im Kern den Terravision-Algorithmus verwendet. Und den Erfindern bleibt nur die Klage gegen den Internet-Giganten.

Nun, ganz wahr ist die Geschichte tatsächlich nicht. Aber der Mythos vom Ideenklau in der Geburtsstunde des Internets hat einen wahren Kern. Auch in Wahrheit heißt das Projekt Terravision. Und auch in Wahrheit klagen die Erfinder 2014 wegen Patentverletzung gegen Google. Statt Carsten und Juri, den beiden Protagonisten der Serie, gehören aber eigentlich zwei Entwickler und zwei Gestalter der auch heute noch erfolgreichen Berliner Designagentur Art + Com zum Terravision-Team.

Neben dem dieses Jahr verstorbenen, bekannten Medienkünstler Joachim Sauter und dem Künstler Gerd Grüneis ist das zum einen der Entwickler Pavel Mayer, der später, in den 2010er-Jahren, für die Piratenpartei im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt. Außerdem ist Axel Schmidt an Bord, ebenfalls ein Programmierer und Software-Experte, der Ende der Achtzigerjahre jedoch auch Computerkunst und kleine Installationen macht, wie er in einem Interview mit dem „Spiegel“ erzählt. Schmidt gründet 2000 sein eigenes Startup, heute Here Technologies, und entwickelt damit gerade die Infrastruktur für autonom fahrende Autos – unter anderem für Mercedes, BMW und Audi.

Das Terravision-Team 1994 auf einer Präsentation in Kyoto. Von links: Axel Schmidt, Joachim Sauter, Gerd Grüneis und Pavel Mayer (alle Art + Com) sowie Andreas Bläse (DeTe Berkom).
Das Terravision-Team 1994 auf einer Präsentation in Kyoto. Von links: Axel Schmidt, Joachim Sauter, Gerd Grüneis und Pavel Mayer (alle Art + Com) sowie Andreas Bläse (DeTe Berkom).

Schmidt lernt Sauter und Mayer Ende der Achtziger bei der Ars Electronica, einem Festival für elektronische Kunst in Linz, kennen. Die beiden sind gerade dabei Art + Com zu gründen. Die Mitglieder kommen damals aus dem Umfeld der Berliner Hochschule der Künste und des Chaos Computer Clubs. Nach der Wende ziehen sie in das leer stehende WMF-Haus an der Berliner Leipziger Straße, ursprünglich um dort eine Kunstausstellung zu organisieren, erzählt Schmidt in einer Pressemitteilung von Netflix: „Das war eine ganz wilde Zeit, in der man wirklich alles machen konnte in Berlin.“

„Ein Manager sagte uns, das Internet sei ohnehin nur eine Spielerei“

Irgendwann erhalten sie dann von der Firma Silicon Graphics eine Onyx Reality Engine, einen brandneuen Computer in der Größe eines Kühlschranks und im Wert von einer halben Million D-Mark. Schmidt probiert herum und programmiert schließlich eine drehbare Erdkugel – um die Grafikleistung auszutesten, wie er dem „Spiegel“ erzählt. Als er auch Satellitenbilder darauf abbilden kann, werden die anderen aufmerksam und entwickeln das Projekt ab da gemeinsam weiter. „Alles begann ganz harmlos an der Schnittstelle zwischen Kunst und Computertechnologie“, sagt Schmidt.

Trotzdem brauchen sie finanzielle Mittel und die erhalten sie ausgerechnet von der Telekom. In den 90ern hat die nämlich den Auftrag, Forschungsgelder für Zukunftstechnologien vor allem in Berlin zu vergeben – und nimmt die chaotischen Künstler zunächst nicht wirklich ernst, wie Schmidt dem „Spiegel“ erklärt: „Ein Manager sagte uns, das Internet sei ohnehin nur eine Spielerei, das werde sich höchstens an Universitäten durchsetzen.“ Und Joachim Sauter merkte 2016 an, dass mit den Investitionen in Berlin ohne das Wissen der Telekom auch „gefühlt die Hälfte der Mitglieder der Berliner Hackerszene finanziert wurden“.

Demonstration von Terravision mit dem physischen Globus und dem virtuellen Erdball.
Demonstration von Terravision mit dem physischen Globus und dem virtuellen Erdball.

Das Projekt entwickelt sich dann „zu einem echten Show-Projekt“, wie Schmidt weiter erklärt. Mit einem großen physischen Globus navigieren sie die Satellitenbilder auf dem Bildschirm, zoomen stufenlos auf einzelne Straßenzüge heran und lassen zu Demonstrationszwecken auch mal das Handy eines Telekom-Mitarbeiters klingeln. Die erste große Präsentation findet 1994 auf der ITU-Konferenz in Kyoto statt, wo die Telekommunikationsgrößen wie AT&T, Ntt oder die Deutsche Telekom vertreten sind. Danach folgen mehr als 80 weitere, unter anderem beim G7-Treffen in Brüssel, wo Schmidt zufolge plötzlich der damalige US-Vizepräsident Al Gore neben ihnen steht und von Terravision völlig begeistert ist.

Entwickler von Silicon Graphics gründet mit der Idee eine eigene Firma

Einen konkreten Geschäftsplan hatten die Entwickler mit ihrem Projekt aber anscheinend nie. Joachim Sauter zufolge hätten einige bei Art + Com zwar darüber nachgedacht, wie man aus Terravision ein Produkt machen könnte – beispielsweise ein System für Flugzeuge, das es ermöglicht, auf einem kleinen Monitor die Flugbahn zu verfolgen. Das hätte damals aber noch niemand verstanden. Und Jahre später hätten die Anbieter solche Systeme dann selbst entwickelt.

Wie in der Serie auch haben also letztlich andere die Geschäftsidee und die sitzen tatsächlich im Silicon Valley: Das Team präsentiert Terravision auch in Kalifornien, im Showroom von Silicon Graphics – damals „das Gravitationszentrum der Computer-Welt“, wie Joachim Sauter im Interview erklärte. Heute sei die Bedeutung der Veranstaltung nur noch mit der Präsentation eines iPhones zu vergleichen. Weil die eigenen Computer von Art + Com aber für den Transport zu groß sind, nutzen sie die Computer des Hardware-Herstellers.

Screenshots der Terravisino-Software, die man frei bis in einzelne Räume hinein navigieren konnte.
Screenshots der Terravisino-Software, die man frei bis in einzelne Räume hinein navigieren konnte.

Axel Schmidt erzählt im Interview, dass er einem begeisterten Silicon-Graphics-Entwickler viel erklärt und ihm schließlich sogar das eigene System installiert. Und genau dieser Entwickler, so der Vorwurf, gründet mit der Idee dann seine eigene Firma, Keyhole, die schließlich 2004 von Google gekauft wird. Aus Keyhole wird zunächst Earth Viewer und nach der Übernahme Google Earth.

„Unser Code und der von Google sind identisch“

Wie in der Serie zieht Art + Com im Jahr 2014 schließlich wegen Patentverletzung gegen Google vor Gericht. Die Rechte am Terravision-Algorithmus hatten sie sich bereits 1996 gesichert. Und nach dem Erscheinen von Google Earth hatten die Entwickler mit Google zunächst außergerichtlich über den Kauf einer Lizenz gesprochen. Man habe „nur etwa zwei Millionen Euro“ für eine Terravision-Lizenz verlangt, erzählt Schmidt in der Pressemitteilung. „Uns hätte es sogar gereicht, wenn wir mit Google einfach ein oder zwei Projekte realisiert hätten“.

Das Interesse beim Online-Riesen ist allerdings nicht allzu groß: Irgendwann habe Google den Kontakt einfach abgebrochen, erzählt Schmidt. Dabei sei Google Earth eindeutig auf dem Patent von Terravision aufgebaut, findet er. Er selbst habe den Quellcode im Zuge des Gerichtsverfahrens nicht einsehen dürfen. Aber ein Gutachter habe ihn „unter irren Sicherheitsbestimmungen“ analysiert und bestätigt, „dass unser Code und der von Google identisch sind“, erklärt Schmidt dem „Spiegel“.

Die Klage scheitert zwar 2017, missen möchte der Entwickler die unbeschwerte Zeit in den 90er Jahren allerdings nicht, erklärt er weiter. Der Zwang zur Kommerzialisierung und das ständige Bewerten und Vergleichen gehe ihm heute auf die Nerven: „Wenn man kreativ tätig sein will und neue Sachen erfinden, dann ist das ein Killer.“

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