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Duisburg will „Deutschlands China-Stadt“ sein – doch Jobs fehlen und die Zeit läuft ab

Verfürden, Michael
·Lesedauer: 6 Min.

Die Stadt am Rhein will über eine exklusive Partnerschaft bei der Neuen Seidenstraße Investitionen aus China anziehen. Ein wichtiges Projekt ist allerdings noch offen.

Der Duisburger Hafen baut seine Verbindungen nach China aus. Foto: dpa
Der Duisburger Hafen baut seine Verbindungen nach China aus. Foto: dpa

Wer wissen will, wie es um den Duisburger Strukturwandel steht, muss nach Rheinhausen fahren. Dort, wo einst die Arbeiter des Krupp-Werks schufteten, stapeln Hafenkräne heute Türme aus Containern. Auf den Behältern prangen Logos chinesischer Konzerne wie Cosco und China Railway. Für die Ruhrpott-Stadt sind es Symbole der Hoffnung.

In Duisburg endet eine 11.000 Kilometer lange Bahnstrecke, die von China über Kasachstan, Russland und Polen bis an das Hafenbecken in Rheinhausen führt. Etwa jeder dritte Güterzug, der zwischen der Volksrepublik und Europa verkehrt, macht hier Station. Im vergangenen Jahr waren es bis zu 60 Züge wöchentlich. Das sind 25 mehr als 2019.

Erich Staake ist stolz auf diese Zahlen. Die China-Züge seien ein wichtiger Faktor „zur Sicherung der Wertschöpfung in der Region“, sagt der Chef der Duisburger Hafen AG. Kürzlich hat er eine neue Verbindung nach Shenzhen gestartet. Weitere Ziele sollen in diesem Jahr folgen. „Diese Entwicklung stärkt auch den Standort Duisburg“, sagt Staake.

Die chronisch klamme Stadt könnte es gut gebrauchen. Sie hofft, dass die China-Züge zu einer Erfolgsgeschichte im permanenten Strukturwandel werden – und hat sich deshalb ungewöhnlich offensiv gegenüber der chinesischen Wirtschaft geöffnet. Duisburg, so heißt es schon seit Jahren aus dem Rathaus, will „Deutschlands China-Stadt“ sein. Doch bislang ist es ihr nicht gelungen, den Erfolg des Hafens auf die Wirtschaft jenseits der Containerterminals zu übertragen.

Dabei gibt es einen China-Beauftragten, der die Kontakte in die Volksrepublik pflegt. Ein China Business Network, das Firmen in die Stadt locken soll. Und der umstrittene Techkonzern Huawei soll Duisburg zur Smart-City aufrüsten, um die Stadt „für Menschen und Investoren“ attraktiver zu machen. So steht es im „Memorandum of Understanding“ von 2017.

Huawei hat sich darin bereit erklärt, Know-how an die Duisburger Behörden zu vermitteln, um „ein vorteilhaftes technologisches Ökosystem zu errichten“. Auch eine Demonstration der Technologien und „Infrastrukturen von Huawei“ sei möglich. Die Stadt erhofft sich im Gegenzug „mehr Sichtbarkeit“ gegenüber chinesischen Akademikern und Investoren.

Die Kooperation gilt zunächst noch bis Oktober 2022. Viel genützt hat sie bislang offenbar nicht. Die Zugverbindung schaffe laut Wirtschaftsdezernent Andree Haack einige Jobs in der Logistik. „Dass sie die Bruttowertschöpfung spürbar ankurbelt, kann man derzeit aber nicht sagen.”

Die Zahl der angesiedelten chinesischen Firmen entwickele sich zwar positiv. „Noch spielt sie aber eine untergeordnete Rolle“, sagt Haack. Derzeit gibt es rund 120 chinesische Unternehmen mit Sitz in Duisburg – ohne Repräsentanzen chinesischer Städte, Regionen und deutsch-chinesischer Institutionen oder Verbände. Das sind 40 mehr als Mitte 2019 und dreimal so viele wie 2014.

Chinas Staatspräsident Xi Jinping hatte den Duisburger Binnenhafen 2014 mit einem Besuch geadelt und von einem „starken Signal an chinesische Unternehmen“ gesprochen. Seitdem soll die Stadt auf den meisten chinesischen Europakarten eingezeichnet sein – mitunter größer als Berlin, wie Hafenchef Staake gerne betont.

Doch seit Xis Besuch stellen sich die Duisburger auch die Frage, was es bedeutet, Teil von Chinas Neuer Seidenstraße zu sein. Das wohl ambitionierteste Infrastrukturprojekt aller Zeiten sieht Investitionen in Asien, Afrika und Europa vor. Während die einen eine Jahrhundertchance wittern, warnen die anderen vor zu hohen Erwartungen.

Decoupling: Chinas Pläne für die Zukunft

Ein Grund dafür ist Pekings Politik der zwei Kreisläufe. Chinas Führung will den Binnenkonsum anheizen und die Abhängigkeit von Exporten reduzieren. Experten nennen diese Strategie „Dual Circulation“. Der Austausch mit der Weltwirtschaft soll in Zukunft eine ergänzende, aber keine dominierende Rolle mehr für die Volksrepublik spielen.

Das treibt auch die deutsche Politik um, wie ein Schreiben des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages von November zeigt. „Ob sich hieraus ggf. ein ‚Decoupling chinesischer Prägung‘ ergeben kann, bleibt abzuwarten“, wird darin das Bundeswirtschaftsministerium zitiert. Auch mögliche „Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft“ seien noch nicht absehbar.

Hafenchef Staake hat andere Sorgen. Weil es auf seinem Gelände allmählich eng wird, plant er ein neues „Duisburg Gateway Terminal“, an dem sich auch Chinas Reederei Cosco beteiligt. Es soll das größte inländische Containerterminal Europas werden – und vor allem für den Chinahandel genutzt werden. Geplante Kosten: rund 100 Millionen Euro.

Es wird wohl Staakes letztes Großprojekt als Vorstandschef der Hafengesellschaft sein. Der Manager, der im November 2021 altersbedingt in den Beirat wechselt, hat als Starttermin 2022 angepeilt. Wenn es fertig ist, so Staake, sollen statt 60 wöchentlich bis zu 100 Züge zwischen China und Duisburg verkehren.

So ambitioniert die Pläne des scheidenden Hafenchefs sind, so schleppend kommt ein anderes Leuchtturm-Projekt voran. Der chinesisch-deutsche Projektentwickler Starhai wollte auf einer Brachfläche in der Nähe von Staakes Hafen ein Handelszentrum für 260 Millionen Euro bauen. So kündigte es die Firma im Juni 2017 an.

Die Duisburger empfingen Starhai mit offenen Armen. „Unsere Beziehungen zu China wachsen weiter – und das ist mir ein echtes Anliegen“, zitiert eine Pressemitteilung von damals Oberbürgermeister Sören Link (SPD). Das Duisburger Handelszentrum solle „ein weiteres Fenster für China in Richtung Europa“ werden.

Hunderte chinesische Firmen sollten sich auf dem 60.000 Quadratmeter großen Grundstück im Businesspark Alsterlagen ansiedeln, um von dort ihren Vertrieb in Mitteleuropa zu organisieren. In Restaurants, einem Hotel und einem E-Commerce-Center sollten mehr als 2000 Jobs entstehen. Die Pläne sahen auch ein 16-stöckiges Hochhaus auf der Fläche vor.

Starhai rechnete mit einer Bauzeit bis maximal 2021. Doch weil es planungsrechtliche und finanzielle Probleme gab, sind bis heute keine Bagger angerückt. Inzwischen ist klar: So, wie ursprünglich geplant, wird es das „China Trade Center Europe“ wohl nicht geben.

Starhai hat mit dem Heidelberger Projektentwickler FOM Real Estate und der börsennotierten Zhongnan Group als möglichem Ankermieter zwar zwei prominente Partner gefunden, die das Handelszentrum an einem anderen Standort realisieren wollen. Doch wegen des Corona-Virus steht auch dieses Projekt auf der Kippe.

Der chinesische Zhongnan-Konzern zögere, den Mietvertrag abzuschließen, teilte Starhai dem Handelsblatt mit. Da die Pandemie schon so lange und weltweit grassiere, finde die Firma „kaum Mieter für die Büroflächen“. Derzeit sehe es so aus, als würde „das Projekt auf unbestimmte Zeit verschoben“. Starhai selbst habe „dadurch erhebliche Verluste erlitten.“

Duisburg plant neue China-Strategie

Haben sich die Duisburger zu viel von der Neuen Seidenstraße versprochen? Wirtschaftsdezernent Haack betont, dass Duisburg nicht als Stadt für China wichtig sei, sondern als Verteilstandort. „Dieser Weg muss aber keine Einbahnstraße sein. Er sollte uns dazu motivieren, herauszufinden, wie auch wir stärker profitieren können“, sagt Haack.

Eine Studie soll dabei helfen. Die Stadt will mit Wissenschaftlern herausfinden, wie sie einen besseren Zugang zur Neuen Seidenstraße finden kann. Die Ergebnisse sollen die Grundlage für eine neue China-Strategie bilden.

Immerhin die Tierkreiszeichen spielen Duisburg in die Karten. Wenn die Stadt am 11. Februar das chinesische Frühlingsfest feiert, beginnt das Jahr des Büffels. Er steht für Kraft, Geduld und Ausdauer – und verheißt all jenen Wohlstand, die einen langen Atem beweisen.