Deutsche Märkte geschlossen

Der Druck auf Wirecard wächst


Der Kursverfall bei Wirecard nimmt immer dramatischere Formen an. An vier der vergangenen acht Handelstage ist die Aktie des Zahlungsdienstleisters im zweistelligen Prozentbereich eingebrochen. Dabei wurden in der Spitze fast zehn Milliarden Euro an Börsenwert vernichtet. Selbst zu Zeiten der Finanzkrise 2009 oder nach den Anschlägen vom 11. September 2001 verlor kein Dax-Wert in solchen Dimensionen.

Jüngster Akt war am Freitag die Meldung über eine Durchsuchung der Wirecard-Büros in Singapur durch die dortige Polizei. Die „Financial Times“ („FT“) hatte erneut zuerst darüber berichtet. Die Durchsuchung steht in Zusammenhang mit den Vorwürfen zu angeblich manipulierten Konten und gefälschten Dokumenten, über die die britische Finanzzeitung zuvor dreimal in kurzer Abfolge berichtet und so die Aktie auf Talfahrt geschickt hatte.

Wirecard hatte den Vorwürfen stets vehement widersprochen. Am vergangenen Montag gab der Zahlungsdienstleister lediglich zu, dass sich die Vorwürfe auf den Zeitraum zwischen 2015 und 2018 bezogen. Dabei soll es um Umsätze in Höhe von 6,9 Millionen Euro, Kosten von 4,1 Millionen Euro und einen internen Transfer von geistigem Eigentum an Software in Höhe von 2,6 Millionen Euro gehen.

Eine Sprecherin der Polizei in Singapur bestätigte die Durchsuchung dem Handelsblatt, weitere Auskünfte über die Gründe oder möglicherweise bereits erste Erkenntnisse gab sie jedoch nicht. An den Ermittlungen seien rund zehn Beamte beteiligt gewesen, hieß es.

Von Wirecard wurde der Vorfall bestätigt, man habe das Treffen sogar mitinitiiert, sagte eine Sprecherin. Aus Sicht des Unternehmens habe man sich bewusst mit den Behörden getroffen, um ihnen Material zu den „verleumderischen Vorwürfen in der ‚FT‘“ zu übergeben.



Das Treffen habe in einem Konferenzraum der Niederlassung in Singapur stattgefunden, Beamte in Uniform seien nicht dabei gewesen. Wirecard hatte am Donnerstag juristische Schritte gegen die Berichterstattung der „FT“ angekündigt. Die Wirtschaftszeitung äußerte sich nicht auf eine Anfrage zu dem Fall.

Am Freitagabend wies Wirecard-Chef Markus Braun noch einmal alle seit anderthalb Wochen erhobenen Vorwürfe vehement zurück. Der Nachrichtenagentur Bloomberg sagte er: „Es gibt bisher keinerlei Anzeichen für ein kriminelles Fehlverhalten.“ Der Fall werde schnell gelöst sein.

Ähnlich hatte er sich bereits bei einem Call mit elf Analysten am vergangenen Montag geäußert. Die Experten so namhafter internationaler Häuser wie Goldman Sachs, UBS, Deutsche Bank, JP Morgan oder BNP Paribas hatten da seine Ausführungen verfolgt und sich anschließend weitgehend im Sinne des Unternehmens geäußert.

Vieles hängt vom Bericht einer Wirtschaftskanzlei ab

Genützt haben die wohlwollenden Kommentare bislang allerdings nichts. Viel wird deswegen in den kommenden Wochen vom Abschlussbericht der Wirtschaftskanzlei Rajah & Tann aus Singapur abhängen. Die Anwälte hatte Wirecard nach Bekanntwerden der Vorwürfe im Mai vergangenen Jahres mit der Aufklärung des Falles beauftragt, nachdem zuvor bereits die hauseigene Compliance-Abteilung kein Fehlverhalten festgestellt hatte.

Bis besagter Bericht vorliegt, werden allerdings laut Wirecard noch vier bis sechs Wochen vergehen. Einen neuen Zwischenstand wollte die Kanzlei auf Anfrage des Handelsblatts am Wochenende nicht abgeben. Am vergangenen Montag hatte Wirecard eine nur wenige Zeilen umfassende Erklärung von Rajah & Tann veröffentlicht, wonach es bis dato keine Anzeichen für ein kriminelles Fehlverhalten eines Managers oder Mitarbeiters gebe. Zumindest bestätigte die Kanzlei auf Anfrage, dass die Erklärung echt sei. Auch darüber hatte es Spekulationen gegeben.

Die Ermittlungen in Asien verfolgen auch die Behörden in Deutschland intensiv. Die Staatsanwaltschaft München und die Börsenaufsicht Bafin in Bonn bestätigen ihren intensiven Austausch in diesem Fall. Von der Untersuchung in Singapur habe man gewusst, die Ermittlungen richten sich hingegen in Richtung Marktmanipulation.

Immerhin gibt es solche Fälle bei Wirecard seit mehr als einem Jahrzehnt. Nie ging es dabei jedoch gegen das Unternehmen, sondern stets gegen mögliche Angreifer, die den Kurs mit Informationen zu beeinflussen versuchten.



Das ist auch diesmal bislang so. „Wir haben auf eine konkrete Strafanzeige von Wirecard hin ein Ermittlungsverfahren gegen unbekannt wegen des Verdachts der Marktmanipulation rund um den Preisverfall der Aktie eingeleitet“, bestätigte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft München am Freitag.

Kein Einfluss auf die jüngsten Dax-Verluste

Auch bei der Börsenaufsicht Bafin hieß es, dass man sich den Kursverlauf im Hinblick auf eine mögliche Marktmanipulation sehr genau ansehe. Die Untersuchungen dauerten im Moment noch an. Für Wirecard-Chef Braun ist der Fall indes bereits klar: „Das passiert alles nur, um Druck auf die Aktie auszuüben“, sagte er am Freitag der Agentur Bloomberg.

Einen direkten Einfluss des Kurssturzes bei Wirecard auf die jüngsten Verluste im Dax gibt es allerdings nicht. Das deutsche Kursbarometer hatte am Donnerstag und Freitag auch etwa 400 Punkte auf rund 10.900 Punkte verloren. Der Anteil der Wirecard-Aktie am Index beträgt lediglich 1,8 Prozent, auch zweistellige Kursverluste der Aktie schlagen da nur wenig durch. Bei Schwergewichten wie Allianz oder SAP mit einem Anteil von jeweils mehr als neun Prozent wäre das sicher anders.

Börsenstrategen wie Ulrich Hanke vom Informationsdienst Börsianer.info raten in der aktuell unklaren Gemengelage von einem Einstieg bei Wirecard ab. „Da würde ich erst mal die Finger von lassen“, sagte er am Freitag. Das Risiko sei ihm zu hoch, auch wenn der Kurs im Moment einen günstigen Einstieg ermöglicht.

Allen Turbulenzen zum Trotz liefen bei Wirecard zuletzt die Geschäfte weiter. Seit Bekanntwerden der ersten Vorwürfe gab es neue Deals mit Alipay, Google Pay, BASF und der französischen Warenhausgruppe Auchan.