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Drogen, Mordverdacht, Prostituierte: Die abenteuerliche Geschichte des verstorbenen Software-Millionärs John McAfee

·Lesedauer: 6 Min.
Der Softwareentwickler John McAfee.
Der Softwareentwickler John McAfee.

John McAfee: Wer diesen Namen hört, wird unweigerlich auch an das Antivirenprogramm denken, das auf Millionen PCs installiert ist. Sein Erfinder hatte in den 80er-Jahren die Bedrohung durch Computerviren erkannt und gilt als einer der Wegbegleiter für die Technologie. Das ist die eine Seite des hochgelobten Software-Pioniers. Doch McAfee führte nach seiner IT-Laufbahn ein äußerst bizarres Leben, das nur wenigen bekannt ist. So baute er sich in Belize eine eigene Privatarmee aus Kriminellen auf, wurde in dem Land wegen Mordverdachts gesucht, begab sich auf eine Flucht durch Mittelamerika und strebte 2016 sogar eine Kandidatur als US-Präsident an. Nun wurde der Entwickler tot in einer Gefängniszelle in Barcelona aufgefunden.

Doch fangen wir von vorne an: McAfee kam wenige Tage nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf einem US-Militärstützpunkt in Schottland zur Welt. Wenig später zog es die Familie in den US-Bundesstaat Virginia. McAfee wuchs als Einzelkind auf und wurde von seinem stark alkoholisierten Vater immer wieder geschlagen. Als McAfee 15 Jahre alt war, nahm sich sein Vater das Leben. Nach der Schule begann McAfee sein Mathematik- und Informatik-Studium. Ihn zieht es in das gelobte Land für Soft- und Hardwareentwickler: dem Silicon Valley.

Hier beginnt McAfee, sich mit einer neuen, bisher unbekannten Bedrohung für PCs auseinanderzusetzen: den Computerviren. Sein eigener Computer wurde mit dem ersten PC-Virus „Brain“ infiziert, was ihn dazu veranlasste, das Computersicherheitsunternehmen McAfee zu gründen. Bereits 1993 war McAfee das größte Virenprogramm der Welt und kontrollierte 67 Prozent des Marktes.

Zu diesem Zeitpunkt bestand das Unternehmen gerade einmal aus 20 Mitarbeitern. Doch wer für McAfee arbeitete, machte nicht nur einfach seinen Job und ging danach nach Hause. Das Arbeitsumfeld in dem Unternehmen wurde als eine Art Sekte beschrieben. McAfees ehemaliger PR-Manager Mark Coker beschrieb seinen Ex-Boss als „Genie, aber auch völlig paranoid.“

1996 verkaufte McAfee schlussendlich seine Anteile am Unternehmen und wurde so zum Multimillionär. Infolgedessen eröffnete er unter anderem ein eigenes Yoga-Zentrum im US-Bundesstaat Colorado. Auf dem riesigen Waldgrundstück lud er regelmäßig Freunde und Lehrer zum Meditieren ein. Wegbegleiter von damals beschrieben die Atmosphäre auf dem Grundstück als besonders mythisch. Auch hier kam der Vergleich mit einer Sekte auf. Goldy Ivashkov, eine ehemalige Yogalehrerin, hielt McAfee sogar für einen erleuchteten Guru. Doch die Persönlichkeit des Software-Pioniers veränderte sich im Laufe der Jahre. Er fühlte sich zunehmend durch sein Umfeld ausgenutzt.

Dann kam 2008 die Wirtschaftskrise und McAfees Vermögen wurde laut Medienberichten pulverisiert. Der Millionär musste sein Anwesen versteigern. McAfee selbst behauptet später, dass dies eine Lüge gewesen sei, die er geschickt in den Medien verbreitet hatte. Im selben Jahr kaufte der Unternehmer ein Grundstück in Belize. Hier begann das denkwürdigste Kapitel im Leben des Softwareentwicklers.

Der „Donald Trump von Belize“

Der Staat an der Ostküste Mittelamerikas ist ein beliebtes Ziel für US-Amerikaner, die untertauchen möchten. Doch McAfee tauchte hier alles andere als unter. Er gab spenden an die Polizei, schenkte der Regierung ein Boot für eine Million US-Dollar und besorgte sich bewaffnete Wachleute. In kürzester Zeit stieg er somit zu einem der mächtigsten Männer in der Region auf, ohne auch nur ein politisches Amt zu bekleiden. Mitarbeiter sollen ihn als den „Donald Trump von Belize“ bezeichnet haben.

Das galt vor allem für den Distrikt Orange Walk, in dem McAfee im Dschungel ein Labor für sein gegründetes Pharmaunternehmen „QuorumEx“ aufbaute. Doch sein Einfluss und Reichtum zog auch viele Feinde an. Denn Kriminalität steht in Belize an der Tagesordnung und die Mordrate ist besonders hoch. So erhielt er ständig Drohanrufe – seine Paranoia verschlimmerte sich.

Also entschloss er sich dazu, Feuer mit Feuer zu bekämpfen, stellte brutale und gefürchtete Kriminelle als Wachleute ein, die er selbst als seine „Killer“ bezeichnete und verbündete sich mit den regionalen Straßengangs. Seine Wahnvorstellungen gingen sogar so weit, dass er in Orange Walk Town, der Hauptstadt des Distrikts, Ausgangssperren am Abend verhängte.

McAffe hatte jedoch nicht nur zu Kriminellen, sondern auch zu Frauen ein besonderes Verhältnis. Ständig umgab er sich mit jungen Prostituierten, die, wie er selbst zugab, sich teilweise noch im „Teenage-Alter“ befanden.

Seine Flucht durch Mittelamerika

Eine ehemalige Labormitarbeiterin wirft McAfee vor, sie vergewaltigt und mit einer Waffe bedroht zu haben. Doch nachdem sie ihn anzeigt, passiert nichts. Der Fall wurde nie aufgelöst.

McAfee galt als unantastbar. Zumindest bis zum 30. April 2012. An diesem Tag stürmte die Elitepolizeieinheit GSU sein Anwesen in Orange Walk. Es gab einen Durchsuchungsbefehl. Vermutet wurde, dass McAfee auf seinem Anwesen Drogen herstellt und verkauft. Doch bis auf ein paar Waffen konnten die Polizisten nichts vorfinden.

McAfee zog es daraufhin in die Kleinstadt San Pedro. Auch hier krempelten er und seine Entourage das Stadtleben um. Seine Wachleute mit Gewehren und Kampfhunden schüchterten die lokalen Nachbarn ein. Einer von ihnen war Gregory Faull. Er beschwerte sich bei McAfee und wurde daraufhin von ihm mit einer Waffe bedroht. Kurze Zeit später wurden die Kampfhunde von McAfee vergiftet. Er vermutete, dass sein Nachbar Faull hinter der Vergiftung steckte. Nur wenige Tage nach dem Vorfall wurde die Leiche von Gregory Faull in seinem Wohnzimmer gefunden. Er starb durch einen Kopfschuss.

McAfee galt in dem Fall sofort als Hauptverdächtiger. Doch bevor die Polizei ihn fassen konnte, verließ er das Land, färbte seine Haare und begab sich auf eine Flucht durch Mittelamerika. Gleichzeitig blieb er jedoch in Kontakt mit den Medien und verbreitete seine eigene Version der Geschichte. Nachdem er illegal in Guatemala eingereist war, konnten Polizeikräfte von Interpol ihn ausfindig machen und festnehmen. Doch McAfee ging in Berufung und wurde schlussendlich an die USA ausgeliefert. Obwohl er immer noch als einer der Hauptverdächtigen hinter dem Tod von Gregory Faull gilt, konnten die Polizeikräfte in Belize keine Beweise gegen ihn aufbringen. Die Mordaufklärungsquote dort liegt bei unter drei Prozent.

Zurück in den USA und Einstieg in die Politik

Als er wieder in den USA war, schien seine Zeit in Belize wie vergessen. Nur Wenige sprachen noch von Vergewaltigungsvorwürfen und Mordanklagen. 2016 plante er sogar eine Präsidentschaftskandidatur für die Libertäre Partei, wurde jedoch nur auf Platz drei nominiert.

Trotz seiner kriminellen Vergangenheit genoss McAfee in der Software-Welt weiterhin ein hohes Ansehen und war Gastredner auf vielen Messen und Veranstaltungen. Am 5. Oktober 2020 holte ihn jedoch schließlich die Vergangenheit ein. An diesem Tag wurde er in Spanien wegen Steuerhinterziehung und unlauterer Werbung für Kryptowährungen festgenommen. Nach einem unaufgeklärten Mord, dem Vorwurf der Vergewaltigung und dem Aufbau einer Privatarmee aus Kriminellen drohte dem Erfinder eines der bekanntesten Virenprogramme eine Haftstrafe von bis zu 30 Jahren.

Hier war McAfee inhaftiert: Das Gefängnis Centre Penitenciario Brians 2 in der Nähe von Barcelona.
Hier war McAfee inhaftiert: Das Gefängnis Centre Penitenciario Brians 2 in der Nähe von Barcelona.

Doch McAfee wehrte sich gegen die Behauptungen. Noch Anfang Juni betonte der ehemalige Software-Entwickler vor Gericht, dass er gezwungen wäre, sein gesamtes Leben hinter Gittern zu verbringen, wenn er in die USA ausgeliefert werde. Während seiner Inhaftierung blieb sein Twitter-Account aktiv und McAfee postete munter weiter. Erst im März wurde er deswegen in den USA erneut wegen Betrugs verklagt. Der Unternehmer soll zusammen mit seinem Leibwächter Jimmy Gale Watson über den Twitter-Account den Markt manipuliert und sich somit über 13 Millionen Dollar ergaunert haben. Aus einer Gefängniszelle heraus.

Doch das zwielichtige Leben von McAfee nahm an diesem Mittwoch ein Ende. Er wurde tot in seiner Zelle in Barcelona aufgefunden. Das spanische Nationalgericht hatte zuvor einer Auslieferung McAfees an die USA zugestimmt. Die örtlichen Behörden in Spanien gehen aktuell von einem Suizid des Unternehmers aus. John McAfees Leben nahm demnach ein genauso tragisches Ende wie das seines alkoholkranken Vaters. Er wurde 75 Jahre alt.

Wer Suizidgedanken hat, sollte sich an vertraute Menschen wenden. Oft hilft ein Gespräch dabei, die Gedanken zumindest vorübergehend auszuräumen. Wer für weitere Hilfsangebote offen ist oder sich um jemanden sorgt, kann sich an die Telefonseelsorge wenden: Sie bietet schnelle Hilfe und vermittelt Ärzte, Beratungsstellen oder Kliniken unter der Nummer 0800/111 01 11. Hier könnt ihr auch nach Beratungsstellen in eurer Nähe suchen.

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