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Dramatisches Szenario führender Institute: Bei einem kalten Winter droht Deutschland eine beispiellose Wirtschaftskrise

In ihrer Gemeinschaftsprognose haben die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute ein Risikoszenario berechnet: Danach droht Deutschland im Falle einer Gasknappheit eine dramatische Krise. - Copyright: Picture Alliance
In ihrer Gemeinschaftsprognose haben die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute ein Risikoszenario berechnet: Danach droht Deutschland im Falle einer Gasknappheit eine dramatische Krise. - Copyright: Picture Alliance

Wie kommt Deutschland durch den Winter? Reichen die Gasvorräte, stehen ausreichend Alternativen zur Energie aus Russland bereit? Auf diese Frage versuchte Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) vor ein paar Tagen etwas Optimismus auszustrahlen: „Wenn beim Gassparen alles gut geht und wir Glück mit dem Wetter haben, dann haben wir eine Chance, gut durch den Winter zu kommen.“

Und wenn nicht? Wenn Haushalte und Unternehmen nicht genügend Gas sparen, auch weil der Winter sehr kalt wird? Was droht dann eigentlich?

Damit haben sich die vier großen Wirtschaftsforschungsinstitute befasst, die diese Woche ihre gemeinsame Konjunkturprognose vorgestellt haben. In ihrem Basisszenario erwarten die Ökonomen demnach eine eher milde Rezession. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) werde 2023 um 0,4 Prozent schrumpfen, die deutsche Wirtschaft werde aber bereits im Laufe des Jahres wieder wachsen.

Das Risikoszenario der Wirtschaftsinstitute?

In ihrem 83-seitigen Gutachten befassen sich die Institute aber auch intensiv mit einem weniger beachteten Risikoszenario. Es stellt genau die "Habeck"-Frage. Was passiert, wenn der Winter kalt wird und wir nicht genug Gas sparen? Antwort der Forscher: Die Folgen wären ein dramatischer Einbruch der Wirtschaft und die tiefste und längste Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg.

Im Jahr 2023 würde die Wirtschaftsleistung in Deutschland dann um 7,9 Prozent einbrechen. Im Winterquartal würde das BIP sogar um 14 Prozent schrumpfen. Die Krise wäre nicht nur tief, sondern auch lang. Denn auch im Folgejahr 2024 würde die Wirtschaft noch einmal um deutliche 4,2 Prozent schrumpfen, im ersten Quartal 2024 sogar um 15 Prozent.

Eine solche Depression hat es in der Bundesrepublik noch nie gegeben. Die Folgen für Wohlstand, Einkommen, Arbeitsmarkt und mit großer Wahrscheinlichkeit für die soziale und politische Stabilität wären immens.

Das größte Risiko für Deutschland ist die Verfügbarkeit von Gas

"Das größte Risiko für die konjunkturelle Entwicklung stellt derzeit die Verfügbarkeit von Gas dar", schreiben die Forscher. "Sollte der Verbrauch in diesem Winter nicht, wie in dieser (Basis-)Prognose unterstellt, ausreichend sinken, käme es zu einer staatlichen Rationierung. In dieser Situation müssten die Unternehmen ihre Produktion zusätzlich einschränken." Mehr noch: "Auch im darauffolgenden Winter ist eine Gasmangellage nicht auszuschließen, sofern es nicht gelingt, die Speicher im Laufe
des Jahres ausreichend zu füllen." Dann käme es im Winter 2023/2024 abermals zu Ausfällen der Produktion.

Das Besondere an der Situation ist, dass sich die Wahrscheinlichkeit der Risiken schwer schätzen lässt. Denn das Wohl und Wehe der deutschen Wirtschaft hängt in einem hohen Maß vom Wetter ab. "Sollte der kommende Winter deutlich wärmer (kälter) als im Durchschnitt der vergangenen Jahre werden, würde die Gasnachfrage geringer (größer) ausfallen als in dieser Prognose unterstellt. In diesem Fall dürften die Gaspreise schneller (langsamer) zurückgehen und die Wirtschaftsaktivität in geringerem (größerem) Maße dämpfen", beschreiben die Ökonomen die Unsicherheit.

Um eine Rationierung von Gas zu verhindern, müsse der Gasverbrauch um 20 Prozent zum Vorjahr sinken. Dies wäre aber wohl nur dann zu erreichen, wenn es keinen außergewöhnlich kalten Winter gibt. Zusätzlich müsse der Import von Gas aus anderen Quellen, vor allem von Flüssiggas, erhöht werden.

Gelinge dies nicht, "sind gravierende Konsequenzen für die wirtschaftliche Aktivität zu erwarten", heißt es in der Prognose. "In einem Risikoszenario, welches unter anderem einen sehr kalten Winter sowie geringere Gaseinsparungen unterstellt, dürfte das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt jeweils zu Jahresbeginn 2023 und 2024 massiv einbrechen."

Für ihre Szenarien haben die Institute ihre Modelle deutlich verfeinert. Das gilt sowohl für die Annahmen über das Gasangebot als auch für die Einsparpotenziale bei Haushalten und Unternehmen sowie die Folgewirkung von Gasrationierungen auf die Wirtschaft. Besonders wurden die Modelle aber um den Einfluss des Wetters ergänzt. Die vollständige Studie findet ihr hier. Die Details zur Methodik der Szenarien findet ihr dort ab Seite 68.

Der große Einfluss des Wetters im Winter

Die Institute berechnen den Einfluss des Wetters auf den Gasverbrauch anhand von Erfahrungswerten zu Temperatur und Gasverbrauch aus der Vergangenheit. Sie rechnen mehrere Szenarien anhand vieler Parameter.

"Eine entscheidende Rolle spielt das Wetter", steht in der Studie. Wird der Winter wärmer als im Mittel der vergangenen Jahre, kommt es zu keinem Mangel an Gas. Im mittleren Szenario "besteht ein erhöhtes Risiko, dass es zwischen Januar und März 2024 zu Rationierungen in der Industrie kommen kann". Der Grund ist, dass die Gasspeicher leer laufen und vor dem Winter 2024 nicht wieder gefüllt werden können. Ein Mangel ließe sich durch den Weiterbetrieb der verbliebenen Atomkraftwerke und die volle Auslastung der Flüssiggas-Terminals vermeiden.

Sind die Temperaturen im kommenden Winter ähnlich dem Durchschnitt der vergangenen Jahre, könnte ein Gasmangel vermieden werden, wenn:

  • der Gasverbrauch um zehn Prozent reduziert wird,

  • die Gasexporte (zum Beispiel nach Tschechien) um 20 Prozent reduziert werden,

  • über Pipelines weiterhin etwa so viel Gas wie im August 2022 importiert wird.

Für den Fall, dass die beiden kommenden Winter sehr kalt werden, reiche dies aber nicht aus. Um einen Gasmangel auch dann zu vermeiden, müssten 20 Prozent Gas gespart werden. Dies ist gerade bei tieferen Temperaturen aber unwahrscheinlich. Daher müssten die Importe über Pipelines oder Flüssiggas-Terminals entsprechend erhöht werden.

Sollte es aufgrund eines Gasmangels zu Einschränkungen der Produktion kommen, seien die Folgen gravierend, lautet das Fazit der Ökonomen. In ihrem Szenario gehen die Forscher davon aus, die gesamtwirtschaftliche Aktivität im ersten Quartal 2023 um rund 14 Prozent und zum Jahresanfang 2024 noch einmal um rund 16 Prozent einbrechen würde. In den Jahresverläufen würde es dann jeweils eine Erholung geben, die die Einbußen aber nicht mehr aufholen könnte.

Zur Wahrscheinlichkeit ihres Risikoszenarios stellen die Forscher fest: "Die Modellsimulationen zur Gasverfügbarkeit zeigen, dass eine Reduktion des Gasverbrauchs um 20 Prozent bei gleichzeitiger Erhöhung der Importe (inklusive der geplanten LNG-Terminals) eine Gasmangellage bei jeder Wetterlage verhindern kann." Bei den Haushalten entspreche eine Senkung der Raumtemperatur um drei Grad einer Einsparung um 18 Prozent. Wenn die Einsparungen aber nicht gelingen, seien gravierende Folgen zu erwarten. Selbst wenn die Rationierung von Gas dann nicht mit einer Pleitewelle einhergehe, würden das BIP 2023 um 7,9 Prozent und 2024 nochmals um 4,2 Prozent schrumpfen.

In jedem Fall kostet die Energiekrise Wohlstand

Die Institute weisen darauf hin, dass die Gaskrise in jedem Fall einen Wohlstandsverlust für Deutschland bedeute, den der Staat mit allen Entlastungsprogrammen nicht ausgleichen könne.

"Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer Energiekrise, die das Ausmaß der Ölpreisschocks der 1970er Jahre übertreffen könnte", schreiben die Institute. Der Ölpreis hatte sich 1973/74 verdoppelt und war 1979/80 um das Eineinhalbfache gestiegen. Die Folgen waren jeweils Rezessionen, die mit minus 2,5 Prozent und minus einem Prozent zwar vergleichsweise mild blieben, aber stark steigende Arbeitslosenzahlen mit sich brachten.

Für den Wohlstand Deutschlands müsse zudem bedacht werden, dass die Preise für Güter, die Deutschland importiert, viel stärker steigen als für Güter, die Deutschland exportiert. Das bewirkt einen Einkommensverlust ans Ausland, den die Ökonomen auf rund 100 Milliarden Euro schätzen.

Die aktuelle Energiekrise werde in Deutschland zu dauerhaften Einkommenseinbußen führen. "Diesen Wohlstandsverlust kann die Politik mit Entlastungspaketen nicht aus der Welt schaffen", mahnen die Ökonomen. Wichtiger seien daher eine Ausweitung des Energieangebotes, die Steigerung der Energieeffizienz und die Stabilisierung der Energiepreise.