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Dramatische Tage - 60 Jahre Grubenunglück in Lengede

Lengede (dpa) - Die Tage im Herbst sind häufig emotionaler in Lengede. Denn die kleine niedersächsische Gemeinde mit ihren knapp 15.000 Einwohnern erinnert dann immer an 1963, als es Ende Oktober ein großes Grubenunglück gab, aus dem sich bis Anfang November ein Wunder entwickelte, das in die Geschichte einging.

Die dramatischen Tage, in denen in der traditionsreichen Bergbauregion 29 Menschen unter Tage starben, aber elf Arbeiter nach 14 Tagen noch gerettet werden konnten, sind nun 60 Jahre her.

«Ich begegne diesem Tag immer mit großem Respekt», sagt Maren Wegener mit Blick auf den Unglückstag am 24. Oktober. Sie ist zwar erst 37 Jahre alt, als Bürgermeisterin weiß sie aber genau, was die Menschen rund um die Gedenktage berührt. Ihr Opa habe auf dem Schacht gearbeitet. Sie gehöre also zu der Generation, die mit den Geschichten aufgewachsen sei, erzählt sie. Die Ereignisse von damals begleiten sie jeden Tag. Allein wegen ihres beruflichen Alltags, wenn sie an der Dauerausstellung im Rathaus vorbeikommt.

Wasser und Schamm strömen in die Grube

Die Beschreibungen darin klingen bis heute dramatisch. Am 24. Oktober 1963 liegt dichter Nebel über Lengede, als gegen 20.00 Uhr der Klärteich 12 einbricht und bis zu 500.000 Kubikmeter Wasser und Schlamm in die Grube strömen. Ab diesem Moment kämpfen 129 Menschen um ihr Leben. Bis 1.00 Uhr in der Nacht schaffen es 79 Bergleute ins Freie. Am nächsten Tag werden sieben Kumpel befreit.

Am zweiten Tag werden bereits 39 Männer für tot erklärt und nur noch vier Bergleuten wird eine Überlebenschance eingeräumt. «Die Totenliste hängt am Pförtnerhaus aus. Die Trauerfeier wird auf den 4. November festgesetzt», heißt es in der Dokumentation. Tatsächlich werden am Folgetag Überlebende in einer Luftblase aufgespürt, es sind aber nur drei statt der erhofften vier Kumpel. Sie können nach acht Tagen gerettet werden. Jetzt wird von 40 Toten ausgegangen.

Elf Mann auf engstem Raum

«Mit großem Nachdruck und in drastischer Form» muss der Bergwerksdirektor danach aufgefordert werden, überhaupt weiter zu suchen. Und tatsächlich deutet sich am 3. November die Sensation mit «schwachen Antwortzeichen aus der Tiefe» an. Ein Zettel aus dem Hohlraum bringt die Nachricht: Elf Mann auf engstem Raum, völlig durchnässt und seit zehn Tagen ohne Nahrung und Licht. Das «Wunder von Lengede» beginnt.

Bundeskanzler Ludwig Erhard (CDU) eilt zur Unglücksstätte und spricht den Eingeschlossenen Mut zu. 449 Reporter sind vor Ort, erstmals wird live im Rundfunk und Fernsehen berichtet. Am 7. November werden zwischen 13.00 Uhr und 14.00 Uhr 10 Bergleute und ein Elektromonteur mit einer Dahlbuschbombe - einer 2,50 Meter langen Metallkapsel mit knapp 40 Zentimeter Durchmesser - nach oben geholt. Die Rettung, mittlerweile ein weltweites Medienereignis, endet.

«Da war für mich die Welt in Ordnung, denn da begann mein zweites Leben», sagte der Elektromonteur von damals jüngst in einem Bericht der «Süddeutschen Zeitung». Adolf Herbst ist mittlerweile 80 Jahre alt und der letzte noch lebende Gerettete. Da auch die Retter und Helfer von damals weniger werden oder nicht mehr so mobil sind, wird es immer schwieriger, das Gedenken mit Überlebenden aufrechtzuerhalten.

Zeugnisse des Unglücks

«Der 24. Oktober soll aber ein Tag bleiben, an dem sich getroffen wird», sagt Bürgermeisterin Wegener. Es soll über das Unglück gesprochen werden. Da die Tradition mit Zeitzeugen schwieriger wird, sind sie in Lengede froh, dass es zum 60. Jahrestag nicht nur eine größere Gedenkveranstaltung gibt, sondern auch das neue Museum am Unglücksort eröffnet wird. Die Zeugnisse des Unglücks ziehen aus dem Keller im Rathaus an den authentischen, geschichtsträchtigen Ort um.

In einem alten Verwaltungsgebäude der Schachtanlage soll die neue Ausstellung junge Menschen ansprechen, ihnen die alte Bergbautradition näherbringen und ein Gefühl für die Bedeutung des Unglücks weit über die Lengeder Grenzen hinaus vermitteln. Die Erinnerungsstätte bezeichnet Gerd Biegel von der TU Braunschweig als «zentral für den Ort und die Region». Im Museum seien viele Dinge in all ihrer Dramatik da und im Stundenablauf nachvollziehbar.

«Niemand war nicht betroffen»

Für den Historiker ist das enorm wichtig, weil die Ereignisse von damals «identitätsstiftend» für Lengede und die Region gewesen seien. «Niemand war nicht betroffen», sagt Biegel. Heute sei es für viele Menschen wichtig, zu erinnern statt zu wundern. Denn bei aller Freude über die elf Geretteten dürften die 29 gestorbenen Bergleute nicht vergessen werden. Sie konnten teils nicht aus der Grube geborgen werden.

Um die Bedeutung des Grubenunglücks von Lengede weiß auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, der in der Region aufgewachsen ist. Zur Gedenkfeier wird der SPD-Politiker in seinen Wahlkreis kommen und eine Rede halten. 1963 sei zwar ein tragisches Kapitel, aber eben auch ein Symbol für Solidarität und Zusammenhalt, sagt Heil vorab der dpa. «Es schien, als gebe es keine Hoffnung auf Rettung. Doch die Menschen vor Ort und aus der gesamten Bundesrepublik mobilisierten sich, um den Verschütteten zu helfen.»