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Drahtzieher im Hintergrund – Dieser Mann treibt die Digitalisierung des Gesundheitswesens voran

Gottfried Ludewig treibt im Auftrag von Minister Jens Spahn die Digitalisierung des Ressorts maßgeblich voran. Auch an der Corona-Warn-App hat er mitgewirkt.

Als Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mit mehreren Kabinettskollegen die Corona-Warn-App vorstellte, blieb er im Hintergrund: Gottfried Ludewig. Dabei hat der 37-Jährige über Wochen mit daran gearbeitet, dass Smartphones zur Nachverfolgung der Kontakte von Corona-Infizierten in Deutschland genutzt werden können.

Auch wenn er selten im Vordergrund steht, Ludewig ist im politischen Berlin kein Unbekannter. Er leitet die Abteilung „Digitalisierung und Innovation“ im Bundesgesundheitsministerium – einen Bereich, der in der Pandemie noch weiter an Bedeutung gewonnen hat.

Die Corona-Warn-App sei schon jetzt ein Erfolg, meint Ludewig. Auf Twitter schrieb er am Wochenende: „Rekordverdächtige Beteiligung innerhalb von nur gut vier Tagen. 10,6 Millionen Nutzerinnen und Nutzer.“ Auch wenn einige Länder bei der Entwicklung schneller waren: Im Bundesgesundheitsministerium ist man davon überzeugt, dass die deutsche App mit Blick auf Nutzerfreundlichkeit, Funktionsfähigkeit und Datenschutz international einen Standard gesetzt habe.

Lange wurden digitale Lösungen im Gesundheitssektor als Spielerei abgetan. Mittlerweile gelten sie zunehmend als Instrumente für eine bessere und effizientere Versorgung. Und Ludewig ist überzeugt, dass die Krise digitale Angebote in der Gesundheitsversorgung noch stärker im Alltag der Deutschen verankern wird.

„Die Versicherten erfahren ganz konkret, dass digitale Anwendungen in der Gesundheitsversorgung helfen“, sagt Ludewig. Die Digitalisierung bestehe nicht nur aus Einzelteilen wie der Corona-Warn-App. „Es geht um eine Vielzahl an Maßnahmen, einen ganzheitlichen Ansatz, bei dem wir uns für Innovationen im Gesundheitswesen insgesamt öffnen.“

Und diese treibt der Ministeriumsmitarbeiter entscheidend voran. Als Spahn im Frühjahr 2018 das Ministeramt übernahm, erklärte er die Digitalisierung des deutschen Gesundheitssektors zu einer Priorität. Ein Feld, auf dem die Bundesrepublik ziemlichen Rückstand auswies.

Zwar hatte die Politik schon 2004 das Ziel ausgegeben, Patientendaten zu vernetzen. Doch nicht zuletzt wegen der gegenseitigen Blockade von Krankenkassen, Ärzten und anderen Akteuren der Selbstverwaltung im Gesundheitssystem passierte wenig.

Spahn holte Ludewig als Leiter der neu gegründeten Digitalisierungsabteilung in sein Haus. Zuvor saß der gebürtige Bonner für die CDU im Berliner Abgeordnetenhaus und befasste sich dort als gesundheitspolitischer Sprecher seiner Fraktion bereits mit Digital Health. Dabei arbeitete er mit großen Zielen: Berlin müsse „Europas Gesundheitsmetropole“ werden, sagte er schon damals.

Krise als Chance für die Digitalisierung des Gesundheitswesens

Daran knüpft Ludewig in seiner neuen Aufgabe an. Vergangenes Jahr gründete das Gesundheitsministerium in der Hauptstadt den „Health Innovation Hub“, ein Kompetenzzentrum, das Ideen von Start-ups auf dem Weg in die Regelversorgung begleiten soll.

„Dass die Krise eine Chance für die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist, zeigt sich gerade am Beispiel der Telemedizin“, sagt Ludewig. Der Ärztetag hatte sich vor zwei Jahren für ein Ende des sogenannten Fernbehandlungsverbots ausgesprochen.

Dann setzte sich das Gesundheitsministerium dafür ein, dass Videosprechstunden auch von den Krankenkassen bezahlt werden. Dennoch boten zu Jahresbeginn nur rund 1700 Arztpraxen ihren Patienten an, sich bei leichteren Beschwerden über das Internet zu melden.

Durch die Krise hat sich das Angebot merklich vergrößert: Mittlerweile gibt es mehr als 25.000 Praxen mit Videosprechstunden. „Viele Menschen haben die Telemedizin während Corona im Alltag erfahren und gemerkt: Ich muss mich nicht mit Schnupfen ins Wartezimmer setzen“, erzählt Ludewig. Auch bei Ärzten nimmt er eine größere Akzeptanz für die Telemedizin wahr: „Sie sehen, dass diese Angebote von den Patienten angenommen werden.“

Als weiteres Beispiel nennt Ludewig das neue Onlineregister der Krankenhäuser, an das freie Intensivbetten gemeldet werden. Das Verzeichnis, mit dem Patientenströme gesteuert und eine Überfüllung einzelner Krankenhäuser in der Pandemie vermieden werden sollte, sei „in nur drei bis vier Wochen“ aufgebaut worden.

Das zeige, wie leistungsfähig das Gesundheitssystem bei der Digitalisierung sein könne, wenn alle an einem Strang ziehen und pragmatisch nach Lösungen suchten. „Wenn wir uns diesen Pragmatismus und diese Schnelligkeit für die Zeit nach der Krise erhalten, dann können wir einiges erreichen“, sagt Ludewig.

Seine Hoffnung: Durch die Vernetzung von Daten bekommen Ärzte einen präziseren Überblick zu ihren Patienten, müssen nicht jeden Befund per Fax anfordern, können sich von Künstlicher Intelligenz unterstützen lassen. So werden Diagnosen genauer, Doppeluntersuchungen oder die Verschreibungen von unverträglichen Medikamenten könnten vermieden werden. Und Apps auf dem Smartphone sollen chronisch Kranke wie Diabetiker besser durch den Alltag begleiten.

Weg in digitale Versorgung bleibt weiter steinig

Angesichts steigender Gesundheitsausgaben in der alternden Gesellschaft kann die Digitalisierung auch ein Kostensenker sein. Eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey kam zu dem Schluss, dass im Jahr 2018 bei konsequenter Anwendung digitaler Technologien bis zu 34 Milliarden Euro in der Gesundheitswirtschaft hätten eingespart werden können – das entspricht rund einem Zehntel der Gesamtausgaben im System.

Einsparungen ergeben sich demnach aus der besseren Steuerung der Patientenströme durch den papierlosen Austausch von Daten, aber auch durch zielgenauere Therapien und mehr Prävention. Die Annahme: Patienten, deren gesundheitliche Probleme frühzeitig erkannt werden, werden seltener zum teuren Behandlungsfall im Krankenhaus.

Der Weg in das digitale Gesundheitssystem bleibt aber weiter steinig: Fraglich ist, ob das Herzstück von Spahns Digitalisierungsagenda – die in einer elektronischen Akte gebündelten Informationen zur Krankheitsgeschichte von Patienten – wie geplant zum 1. Januar 2021 einsatzbereit sein wird.

Ludewig gibt sich gelassen: „Verglichen mit den 15 Jahren Stillstand zuvor sind wir in den vergangenen beiden Jahren bei der elektronischen Patientenakte schnell unterwegs“, sagt er. Es sei besser, mit einer Patientenakte zu starten, die noch nicht alles kann und dann weiterentwickelt werde. „Sonst vergehen noch einmal 15 Jahre, ohne dass wir einen Millimeter in der realen Welt vorankommen.“

Die neue Gesundheitswelt löst aber auch Sorgen darüber aus, was mit den sehr persönlichen Daten zum Gesundheitszustand passiert. Ludewig sagt, das Ministerium lege „größten Wert“ auf Schutz und Sicherheit von Gesundheitsdaten. „In mancher Debatte erscheint das Datenschutz-Argument aber nur vorgeschoben, um sich gegen Veränderungen zu wehren.“

Nach den Erfahrungen der vergangenen Monate hofft Spahns Digitalisierungsmann: „Die praktischen Erfahrungen im Alltag mit digitalen Gesundheitsangeboten während der Coronakrise könnten die Wahrnehmung der Menschen verändern – weg von theoretischen Debatten, hin zum konkreten Nutzen.“

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