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In Dortmund entsteht ein "Tiny House Village": Eine Siedlung, für die ihr euch mit Wohn-Konzepten für wenig Raum bewerben könnt

·Lesedauer: 6 Min.

Höhere Mieten, weniger Wohnraum, mehr Nachhaltigkeit: Für viele Menschen in Deutschland ist es schwierig, einen „guten“ Weg zum Wohnen zu finden. Der Traum vieler Deutschen, das sei noch immer das Einfamilienhaus mit Garten, sagt Gerald Kampert. Er arbeitet im Stadtplanungs- und Bauordnungsamt der Stadt Dortmund und hat dort ein neues Projekt angestoßen: Bald soll in der Stadt eine Tiny House-Siedlung entstehen. Im Gespräch mit Business Insider erklärt Kampert, wie die Idee entstanden ist, welche Vorgaben es gibt und wann es mit dem Bau losgehen soll.

Alles begann im Jahr 2018, als Kampert spontan die Bewerbung beim Rat für Nachhaltigkeit der Bundesregierung einreichte. Dort hatte man unter anderem nach Konzepten für nachhaltiges Bauen gesucht. Er habe sich als Stadtplaner schon lange mit alternativen Wohnmöglichkeiten beschäftigt und fand besonders das Konzept Tiny House interessant, erzählt der Dortmunder. In seiner täglichen Arbeit sah Kampert immer wieder: Die Wohnungsnot ist groß, gleichzeitig Bauland aber sehr knapp. „Und was machen wir gegen die Wohnungsnot? Bauen, bauen und bauen.“ Doch damit schaffen wir uns gleichzeitig auch Probleme, sagt der Stadtplaner. „In vielen Städten werden die letzten Grünflächen zugebaut, was dazu führt, dass kein Wasser mehr versickern kann und wir mit der Überhitzung der Städte zu tun haben“, erklärt er. „Außerdem zerstören wir durch die Bebauung von Grünflächen die letzten Erholungsorte für Bürgerinnen und Bürger.“

Jeden Tag werden in Deutschland 60 Hektar versiegelt. Umgerechnet sind das etwa 73 Fußballfelder, die täglich neu bebaut werden, rechnet er vor. „Da muss man sich fragen, wie es weitergeht: Klimaschutz ist das eine Thema, Artenschutz das andere.“ Die Bundesregierung will den Flächenverbrauch bis 2030 auf weniger als 30 Hektar pro Tag senken. Laut Kampert wird es schwierig sein, dieses Ziel zu erreichen – wenn überhaupt, dann seien eher 45 Hektar realistisch.

Die Frage, wie viel Platz jede und jeder wirklich zum Leben braucht, ist dabei eine der wichtigsten Größen. Viele Menschen in Deutschland wollen immer größer wohnen. Brauchte statistisch gesehen eine Person im Jahr 1990 noch 35 Quadratmeter Wohnfläche für sich allein, sind es heutzutage durchschnittlich 47,4 Quadratmeter. Mittlerweile sind Wohnungen in Deutschland durchschnittlich 92 Quadratmeter groß.

Kamperts Idee war es, eine Alternative aufzuzeigen: wie man auch auf kleinem Raum gut wohnen könne. „Wir haben festgestellt, dass Tiny Houses hier ja ein beliebtes Konzept sind.“ Also stellte Kampert den Förderantrag – und bekam eine Zusage über 50.000 Euro. So startete das Dortmunder Stadtplanungsamt 2019 mit verschiedenen Veranstaltungen, initiierte Bürgerdiskussionen, besuchte Wohnmessen. Das Interesse war riesig. "Anfangs wussten wir gar nicht, was genau wir planen, aber die Leute überrumpelten uns regelrecht", sagt er. Kurz darauf bekam Kampert einen Anruf: Die Politik wünschte sich ein Tiny House Village in Dortmund. Im Süden der Stadt gab es einen ehemaligen Sportplatz, der zum Wohngebiet für Einfamilienhäuser umgebaut werden sollte. Diese Fläche sollte nun stattdessen mit Tiny Houses bebaut werden.

„Das klassische Einfamilienhaus geht eigentlich nicht mehr“

Anfang 2021 hatte Anton Hofreiter von den Grünen eine Diskussion losgetreten, indem er Einparteienhäuser kritisierte. Auch Kampert sieht sie sehr kritisch. „Klassische Einfamilienhäuser verbrauchen Fläche, Energie und Ressourcen. Unter Nachhaltigkeitsaspekten geht das eigentlich gar nicht mehr.“ Trotzdem ist es noch immer der große Wunsch der Deutschen. Für eine Immobilien-Studie befragte das Wirtschaftsforschungsinstitut IW Menschen in Deutschland, wie sie am liebsten Wohnen würden. Der klare Favorit: Das Einfamilienhaus gefolgt vom Reihenhaus und Doppelhaushälften.

„Das können wir natürlich nicht ignorieren“, sagt Kampert. Ziel müsse es sein, die Vorteile des Einfamilienhauses mit den Nachhaltigkeitsaspekten einer Wohnung zu kombinieren. „Wir möchten mit unserem Tiny Village eine konkrete Alternative anbieten, die ein frei stehendes Haus im Grünen mit Garten ermöglicht, allerdings eben viel kleiner.“ Das bedeutet nämlich: Man braucht weniger Energie für die Baustoffe, weniger Energie zum Heizen und weniger Platz für die Wohnfläche.

Wie das Tiny House Village aussehen könnte

Auf der Website des Projekts führten Kampert und sein Team verschiedene Umfragen durch: Was stellen sich die Menschen unter einem Tiny Village vor? Wie groß sollen die Häuser sein? Was wünschen sie sich von den anderen Anwohnern? Die meisten der Teilnehmenden gaben an, dass sie gerne feste Tiny Houses bauen wollten – und keine Tiny Houses on wheels. Worin genau der Unterschied besteht, könnt ihr hier nachlesen.

Die Umfragen bei Bürgerinnen und Bürgern zeigten auch, dass sich vor allem Menschen über 50 Jahren für das Tiny Village interessierten. „Die meisten Interessierten sind alleine oder zu zweit und suchen für ihre zweite Lebenshälfte eine gemeinschaftliche Wohnform“, erklärt Kampert.

Ein Entwurf, wie das Tiny Village aussehen könnte.
Ein Entwurf, wie das Tiny Village aussehen könnte.

Als Wohnfläche hat die Stadt folgende Maße definiert: Einer Einzelperson stehen 45 Quadratmeter Wohnfläche zu. Jede zusätzliche Person bekommt 15 weitere Quadratmeter. Ein Tiny House für zwei Personen sollte also maximal 60 Quadratmeter groß sein, drei Personen stehen 75 Quadratmeter zu. Zum Vergleich: Ein Einfamilienhaus ist durchschnittlich 140 Quadratmeter groß.

Durch den Austausch mit den Interessenten erfuhren Kampert und sein Team, dass das Tiny Village nicht einfach nur ein „Wohngebiet im Kleinformat“ sein sollte, wenn es nach den Befragten ging. Vielmehr wünschten die sich, eine Gemeinschaft zu haben. „Ich denke, dass unser Projekt auch so eine Anziehungskraft hat, weil die Menschen sich denken: ‚Hier habe ich Gleichgesinnte gefunden!‘ Und Tiny leben bedeutet auch zu teilen. Und das wollen viele Interessenten.“ So könne man sich doch beispielsweise den Rasenmäher teilen oder eine Gartenlaube. Es muss nicht immer jeder alles besitzen, meint Kampert. Daher gibt es für das Village auch eine ganz besondere Art, wie die Grundstücke verteilt werden.

Keine Einzelkämpfer, sondern gemeinschaftliche Architektur

Um im Tiny Village ein Haus zu bauen, muss man sich mit mindestens drei weiteren Parteien zusammenfinden und einen Bauplan entwerfen. Als Baugruppe bewirbt man sich dann gemeinsam zum Konzeptverfahren, das heißt: Wer das beste Konzept einreicht, bekommt eine Grundstückreservierung. „Das setzt natürlich viel Kommunikation, Kooperation, Planung und Mühe voraus“, sagt Kampert. Aber es habe auch Vorteile, die Grundstücke auf diese Art zu verteilen: Einerseits entstehe schon ein erstes Gemeinschaftsgefühl, andererseits könne so für das Village auch ein gemeinsamer Look entwickelt werden. „Wenn man heute durch ein Einfamilienhausgebiet geht, sieht man Bauhaus-Stil neben Landhaus-Stil, Schwarzwaldholzhaus-Stil neben dem weißen Klinkerbau. Wir erhoffen uns, dass zumindest in den verschiedenen Baugruppen für unser Tiny House Village eine einheitliche Architektursprache entsteht.“

Außerdem solle bei den Gebäuden auch auf Nachhaltigkeit geachtet werden. Dazu gehören Themen wie Bauen mit Holz, Gründächer, Brauchwassernutzung und Photovoltaik. Eine weitere Besonderheit in der Tiny House-Siedlung: Sie soll komplett autofrei werden. Die Fahrzeuge könnten vor der Siedlung abgestellt werden, im Village solle es zu Fuß weitergehen. Der Bebauungsplan wird wahrscheinlich nächstes Jahr rechtskräftig werden, danach das Baugebiet mit Straßen, Abwasserkanälen, Strom und Wasser erschlossen werden. Anfang 2025 soll es dann mit dem Bauen losgehen.

„Unser Ausgangspunkt war der Wunsch, dass Menschen sich mehr damit auseinandersetzen, wie viel Wohnraum wirklich nötig ist“, sagt Kampert. Dass immer mehr Tiny Houses gebaut werden und bald vielleicht in ganz Deutschland Tiny Villages entstehen, sei eine tolle Entwicklung. Aber er wünsche sich, dass die Leute noch mehr ihren eigenen Wohnraum hinterfragen: "Muss es wirklich das 140-Quadratmeter-Haus sein oder reichen nicht vielleicht auch 100 Quadratmeter? Müssen wir uns immer vergrößern, wenn wir in eine neue Wohnung ziehen, oder kann die nächste Wohnung nicht vielleicht auch ein bisschen kleiner sein?"

In Zukunft werden sich immer mehr Menschen mit minimalistischem Wohnen auseinandersetzen, glaubt Kampert. Die Stadt Dortmund könnte also nur eine von vielen sein, in der Tiny House-Siedlungen gebaut werden – das zumindest ist Kamperts Hoffnung.

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