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Donald Trump in London: Der Gast aus den USA kommt Boris Johnson ungelegen

Normalerweise sonnen sich britische Premiers im Glanz der US-Präsidenten. Doch Johnson meidet Trump beim Nato-Gipfel – er gilt als Wahlkampfrisiko.

Donald Trump und First Lady Melania Trump kommen zu einem Treffen mit Großbritanniens Premierminister Johnson und anderen Staats- und Regierungschefs der Nato. Foto: dpa

Dieses Mal kamen im Anflug auf London-Stansted keine bissigen Tweets aus der Air Force One. Auch auf explosive Interviews im Vorfeld hatte Donald Trump verzichtet. Anders als bei früheren Besuchen in Großbritannien hatte der US-Präsident sich offenbar vorgenommen, beim Nato-Gipfel diese Woche keinen innenpolitischen Eklat herbeizuführen.

„Ich halte mich raus“, erklärte Trump am Dienstag bei der ersten Pressekonferenz seines dreitägigen Besuchs. Er habe „keine Gedanken“ zur britischen Parlamentswahl am 12. Dezember.

Dann schob er doch noch hinterher, dass er ja bekanntlich ein Fan des Brexits sei und Premierminister Boris Johnson für „sehr fähig“ halte. Aber auch mit Labour-Chef Jeremy Corbyn würde er in der Downing Street klarkommen, er könne schließlich mit jedem reden.

Der Empfang im Buckingham-Palast am Dienstagabend verlief ohne Zwischenfall. Trump-Kritiker Corbyn hatte vorher angekündigt, den US-Präsidenten zur Rede stellen zu wollen. Doch die beiden liefen sich nicht über den Weg.

In der Downing Street war der Besuch des US-Präsidenten mit Bangen erwartet worden. Johnsons Berater fürchten jegliche Störung in ihrem Wahlkampf. Die Bedenken sind berechtigt, denn in der Vergangenheit hat Trump sich gern und deutlich in die britische Innenpolitik eingemischt.

So groß ist offenbar Johnsons Angst vor den falschen Worten und Bildern, dass keine gemeinsame Pressekonferenz vorgesehen ist. Die beiden redeten am Dienstagabend nur kurz in der Downing Street miteinander, ein Foto gab es von dem bilateralen Treffen nicht.

Trump reißt sich zusammen

Johnson hatte bereits vergangene Woche nach Washington signalisiert, dass Interventionen nicht hilfreich seien. Die Botschaft wurde Trump wohl auch noch auf anderen Kanälen eingeimpft, jedenfalls bemüht sich der Gast seit seiner Landung am Montagabend, alle Klippen zu umschiffen.

So bestritt Trump, dass er bei künftigen Freihandelsgesprächen Zugang für US-Firmen zum britischen staatlichen Gesundheitssystem NHS durchsetzen wolle. Er würde den NHS nicht wollen, „selbst wenn er uns auf dem Silbertablett serviert würde“, tönte der Präsident. „Ich weiß nicht, wo dieses Gerücht herkommt.“

Dummerweise hatte er es höchstpersönlich beim Staatsbesuch in London vor sechs Monaten befeuert. Damals hatte er gesagt, in bilateralen Freihandelsgesprächen werde alles auf den Tisch kommen, auch der NHS.

Im britischen Wahlkampf ist ausgerechnet dies nun der wirkungsvollste Slogan der Labour-Opposition. Die Tories unter Johnson wollten den NHS an die Amerikaner verhökern, behauptet Corbyn bei jeder Gelegenheit. Für den Labour-Chef ist Trumps Besuch ein Geschenk. Zum Auftakt forderte er in einem Brief an den US-Präsidenten eine klare Ansage, dass über den NHS nicht verhandelt werde.

Die Konservativen weisen Corbyns Warnungen als böse Unterstellungen zurück. Doch die Empörung verstärkt nur Labours Botschaft. Sie entwickelt eine ähnliche Durchschlagskraft wie einst Johnsons Behauptung, der EU-Austritt werde 350 Millionen Pfund pro Woche für den NHS freilegen.

Der Wahlkampf um den NHS ist nicht der einzige Grund, warum Trump seinem Gastgeber höchst ungelegen kommt. Der Amerikaner erinnert die Briten auch daran, dass sie mit Johnson einen ganz ähnlichen Sprücheklopfer und Populisten in der Downing Street haben – „Britain Trump“, wie der US-Präsident selbst es einmal formulierte.

Trump hat seine Fans in Großbritannien, aber sie sind klar in der Minderheit. Dieses Mal gab es zwar keine Massendemonstrationen wie bei Trumps letzten Besuchen im Königreich. Vor dem Buckingham-Palast fanden sich am Dienstagabend nur einige hundert Trump-Gegner ein. Aber gewinnen kann Johnson durch einen Schulterschluss mit dem US-Präsidenten nichts. Er wird daher aufatmen, wenn Trump ohne großes Aufheben wieder abfliegt.