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Doc Morris startet Plattform und bindet Vor-Ort-Apotheken ein

Die Versandapotheke will auf einer Plattform das eigene Geschäft mit dem der deutschen Apotheken zusammenbringen. Die Konkurrenz sieht die flächendeckende Versorgung in Gefahr.

Vom Versandhändler zur Plattform: Doc Morris gründet den „Marktplatz“. Gerüchte zum Aufbau einer Plattform hatte es schon länger gegeben. Dem Handelsblatt liegt nun vorab eine Mitteilung mit der Ankündigung vor, dass die niederländische Versandapotheke tatsächlich eine eigene Plattform starten wird.

Demnach will Doc Morris in den kommenden Monaten einen offenen Marktplatz für den Handel mit pharmazeutischen Produkten aufbauen. So sollen Patienten aus einer Auswahl von Apotheken und anderen Dienstleistern wählen können. Das Arzneimittel können sie sich direkt durch Doc Morris senden lassen, bei einer nahegelegenen Vor-Ort-Apotheke bestellen oder es sich von dort durch einen Boten bringen lassen. Auch weitere Gesundheitsdienstleister sollen integriert werden. Doc Morris arbeitet beispielsweise mit dem schwedischen Telemedizin-Anbieter Kry zusammen.

Malte Dous soll den Marktplatz leiten. Der Onlinehandel-Spezialist, der bereits die Plattform beim Modehändler Zalando aufgebaut hatte, sagte Handelsblatt Inside: „Mit dem Marktplatz wollen wir partnerschaftlich den Arzneimittel-Handel voranbringen, zum Wohle aller. Das ist eine Win-Win-Win-Situation, für Patienten, für Vor-Ort-Apotheken, weitere Gesundheitsanbieter und uns.“

Ab dem zweiten Quartal sollen Softwareentwickler gemeinsam mit Marktplatz-Experten der spanischen Schwestergesellschaft Promofarma am Aufbau arbeiten. Die Zur Rose Group, Schweizer Muttergesellschaft von Doc Morris, hatte Promofarma 2018 übernommen. Promofarma entwickelte und betreibt in Südeuropa mit über 800 Apotheken-Partnern eine Plattform im Gesundheitsbereich.

Nicht die erste Plattform

Dass Doc Morris nun den Schulterschluss mit den Vor-Ort-Apotheken sucht, ist pikant. Die Branchenvertreter der Vor-Ort-Apotheken tragen seit Jahren einen Kampf mit Versandhändlern aus und würden diese am liebsten verbieten, weil der Versandhandel wegen technischer Unsicherheiten die Versorgung gefährde. Dous erwartet trotzdem Zuspruch zum Marktplatz: „Der Großteil der Apotheker sieht die Vorteile des digitalen Wandels. Allein kommt man da nicht mehr weiter.“

Für Vor-Ort-Apotheker sei der Marktplatz die Möglichkeit, rasch an der Innovation des elektronischen Rezepts (E-Rezept) teilzuhaben. Das E-Rezept, dass voraussichtlich Ende 2020 oder Anfang 2021 eingeführt wird, soll eine direkte digitale Übertragung von Arzneimittel-Verschreibungen durch Ärzte zum Apotheker ermöglichen.

Die Schaffung von Apotheken-Plattformen sei die richtige Antwort auf ein verändertes Konsumverhalten, findet der Pharmahandel-Experte und Chef der Digitalberatung Etribes Nils Seebach: „Wer heute Zugang zu seiner Zielgruppe bekommen will, muss sich in die Abhängigkeit von Plattformen begeben.“

Doc Morris‘ Plattform-Vorstoß ist in der Branche kein Novum. Die Vorbestellplattform des vom Burda-Verlag und Pharmagroßhändlers Noweda ins Leben gerufenen Zukunftspakts Apotheke „ihreApotheken.de“ ist seit April dieses Jahres online, spricht aber eher die Apotheker als die Patienten an.

Der Zusammenschluss „Pro AvO“ des Lagersystem-Anbieters BD Rowa, des IT-Dienstleisters Noventi, der Großhändler Sanacorp und Gehe Pharma Handel sowie des „Wort & Bild“-Verlags hingegen ähnelt der Doc-Morris-Plattform. Die Plattform soll bundesweit den Online-Zugriff auf die Leistungen von möglichst allen 19.300 Apotheken in Deutschland bieten und bereits in den nächsten Monaten starten.

Kannibalisierungseffekte?

Die Konkurrenz durch Doc Morris sorgt bei „Pro AvO“ für Unmut. „Wenn es mehrere Plattformen gibt, wird es auch zu einem Verdrängungswettbewerb kommen“, sagte Geschäftsführer Peter Menk Handelsblatt Inside.

Der Versandhändler könne die flächendeckende Versorgung mit Apotheken in Gefahr bringen: „Der Endkunde profitiert am meisten, wenn die flächendeckende Versorgung durch die digitale Plattform der Apotheken vor Ort gestärkt wird. Börsennotierte Anbieter haben eine ganz andere Motivation. Sie müssen aus den hohen Verlusten der letzten Jahre eine Erfolgsstory machen.“

Doc-Morris-Mann Dous widerspricht: „Der Markt ist groß genug und es gibt noch genügend Pionierarbeit zu leisten, sodass es kein Problem ist, dass es mehrere Plattformen gibt. Und Wettbewerb belebt Innovation.“

In der Diskussion gibt es noch eine große Unbekannte: Amazon. Der US-Digitalriese hat vor einiger Zeit den Arznei-Versandhändler Pill Pack zugekauft und verschickt bereits in New York Medikamente innerhalb von zwei Stunden nach Bestellung. Digitalberater Seebach erwartet, dass Amazon damit auch in „zwei bis vier Jahren“ in Europa starten werde: Apotheken und Versandhändler müssten gleichermaßen auf das veränderte Konsumverhalten Antworten finden – oder verschwinden.

Dous macht das keine Sorgen: „Mit der Amazon-Frage habe ich mich schon in mehreren Branchen beschäftigt. Doc Morris ist mit seiner starken Marke und dem Marktplatz-Know-How in diesem komplexen Markt gut gerüstet.“

Darauf dürfe sich Doc Morris allerdings nicht ausruhen, denn Amazon müsse sich gar nicht von Anfang an mit den komplexen verschreibungspflichtigen Arzneien auseinandersetzen, denn Gewinn werfe vor allem der Verkauf nicht-verschreibungspflichtiger Produkte ab, sagt Seebach: „Ist diese Marge erst einmal wegdigitalisiert und das Apotheken-Sterben beginnt, werden Amazon und Co. zwangsläufig in die Lage kommen, den gesamten dann frei gewordenen Pharma-Markt bedienen zu können.“