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Der Divimove-Chef baut Europas größtes Influencer-Netzwerk aus

Die Bertelsmann-Tochter erhält grünes Licht für die Übernahme des Konkurrenten Tube One. Firmenchef Tobias Schiwek hat nun große Pläne.

Nikkie heißt ein niederländischer Youtube-Star, der den Zuschauern Schminktechniken beibringt. Inklusive Fachterminologie. Foundation ohne Primer? Undenkbar! Die 25-Jährige ist gnadenlos in ihrer Wortwahl. Das kommt gut an. Mehr als 30 Millionen erreicht Nikkie in den sozialen Medien mit ihren „The Power of Make-up“-Videos.

Sie ist eines der Toptalente, die bei dem Onlinevideo-Unternehmen Divimove unter Vertrag stehen. Als Nikkie sich im Januar als transsexuell outete, erreichte das Youtube-Video mehr als 33 Millionen Aufrufe.

Es sind solche Beispiele, auf die Tobias Schiwek besonders stolz ist. Seit einem Jahr ist der 37-Jährige CEO von Divimove, einer Tochter der RTL Group. Er hat die Nachfolge der drei Gründer angetreten, die das Unternehmen verließen, kurz nachdem RTL Ende 2018 die kompletten Firmenanteile gekauft hatte.

Divimove versteht sich als Medienunternehmen einer neuen Generation: Seit der Gründung 2012 produziert das Berliner Unternehmen Onlinevideo-Formate, sogenannten Branded Content und Originals für internationale Marken, für Plattformen und TV-Sender. Dazu gehören Sechs-Sekunden-Filme ebenso wie ganze Sitcoms im Auftrag des Kondomherstellers Durex.

Fragmentierter Markt

Divimove beherbergt Europas größtes Influencer-Netzwerk mit mehr als 1500 Partnern in mehr als acht europäischen Märkten, die eine Gesamtreichweite von mehr als 3,5 Milliarden Videoabrufen im Monat auf Youtube generieren. „Wir sind der schnellste Weg zu allen Europäern“, wirbt Schiwek selbstbewusst. Der Medienexperte will den fragmentierten Markt des Influencer-Marketings zusammenführen.

Seit diesem Monat hat sich die Reichweite von Divimove noch einmal erhöht: Die Kartellbehörde hat ihre Zustimmung für die Übernahme der Influencer-Marketing-Agentur Tube One gegeben. Damit stärkt sich das Unternehmen vor allem auf dem deutschen Markt, denn hier war deren Reichweite bislang eher gering.

Tube One gilt mit etwa 250 Influencern in der Kartei als eines der bekanntesten Influencer-Netzwerke in Deutschland. „Das ist eine Hochzeit auf Augenhöhe“, meint Schiwek. Zu den 200 Mitarbeitern von Divimove kommen nun weitere 30 von Tube One hinzu.

Schiwek hat ehrgeizige Ziele – und verliert wenig Zeit. Anfang 2019 wurde das Digitalstudio Ufa X mit Divimove in ein integriertes Haus für die Produktion und Verwertung von Videoinhalten zusammengeführt. Im Sommer 2019 wurden zudem die Geschäfte des skandinavischen Video-Netzwerks United Screens in Divimove gebündelt.

Der Zusammenschluss mit Tube One markiert nun einen weiteren Schritt in der Expansionsstrategie von Divimove. Umsatzzahlen nennt Schiwek nicht, nur so viel: Bis 2022 will er mit dem fusionierten Unternehmen einen Umsatz von 100 Millionen Euro erzielen.

Fester Bestandteil des Marketingmixes

Seit 2014 arbeitet Schiwek bei dem Gütersloher Familienunternehmen Bertelsmann, dem Mutterkonzern der RTL-Gruppe. Unter anderem war er Chief Digital Officer der Filmproduktionsfirma Ufa und Geschäftsführer des Digitalstudios Ufa X. Er arbeitete von New York aus, analysierte Beteiligungen des Konzerns.

Dabei konnte er auf eigene Erfahrungen zurückgreifen: Schiwek hat mit Simfy und Endore bereits selbst zwei Start-ups aufgebaut – und später verkauft. Zu seiner Ernennung zur Rolle des CEO bei Divimove hieß es vor einem Jahr bei RTL, Schiwek habe „seine Expertise bei der Erstellung von innovativem Digital-First-Content unter Beweis gestellt“.

„Wie es sich für einen Start-up-Unternehmer gehört, habe ich mein Politikstudium abgebrochen“, sagt er und lächelt. Aber er bringt die Dinge auch zu Ende: Nachdem er 2012 das Kapitel Unternehmertum für sich erst mal abgeschlossen hatte, nahm er das Studium wieder auf, machte – nach insgesamt 18 Semestern – seinen Abschluss.

Schiwek, der zwischen den Welten Musik, Daten und Video wandelt, schrieb seine Abschlussarbeit zum Thema „Propaganda in den sozialen Netzwerken“. Dieses Wissen kann er heute, bei der Betreuung seiner Influencer-Stars und -Sternchen, durchaus anwenden.

Influencer-Marketing hat sich inzwischen zum festen Bestandteil des Marketingmixes entwickelt. Die Werbeausgaben für diese Marketingdisziplin stiegen in Deutschland nach Angaben der Influencer-Agentur Intermate von 554 Millionen im Jahr 2018 auf 779 Millionen 2019.

Die Akzeptanz für Werbung sei auf Instagram sehr hoch, heißt es in der Studie: Die durchschnittliche Engagement-Rate von gekennzeichneten Werbe-Postings einerseits und privaten Postings andererseits sei mit 3,4 beziehungsweise 3,9 Prozent nahezu identisch. Das nutzt die Werbeindustrie aus. „Youtube und Instagram sind die präferierten Plattformen, die Musikvideoplattform Tiktok verzeichnet größere Zuwächse“, meint Schiwek.

Youtuber Rezo geht

„Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit und sehen großes Synergiepotenzial innerhalb der RTL-Familie, von denen sowohl unsere Künstler als auch Kunden profitieren werden“, sagt Mark Lucht, der auch künftig die Geschäfte von Tube One führen und an Schiwek berichten wird.

Die Synergien gehen noch weiter: Laut Konzernmutter Bertelsmann soll Divimove auch eng mit der vor einem Jahr gegründeten Content Alliance zusammenarbeiten. In der Allianz besprechen Bertelsmann-Töchter wie Gruner + Jahr, RTL, Penguin Random House und BMG die Verwertung ihrer Inhalte.

Die jungen Influencer sind das Kapital von Divimove. Youtuber wie Nikkie sind seit dem frühen Jugendalter unter den Fittichen der Firma. Auch Tube One ist bekannt für die erfolgreiche Vermarktung, den Aufbau und das Management von Influencer-Größen. Wer nicht mit unter das neue RTL-Dach schlüpft, ist der Youtuber Rezo, der sich im vergangenen Jahr als „CDU-Zerstörer“ einen Namen gemacht hat. Der Informatikstudent hatte in einem einstündigen Youtube-Video die Politik der CDU massiv angegriffen.

Rezo, der bislang von Tube One vertreten wurde, wechselt zum Künstlermanagement All In. Ist das als Rebellion gegen den Zusammenschluss der beiden Influencer-Marketing-Firmen zu verstehen, wie manche in der Branche vermuten? Nein, stellte der Youtuber am Mittwoch beim Branchenevent „Horizont-Award“ fest. Er sei von Tube One weggegangen, weil er einfach nur seinem Manager gefolgt sei, der eben zu All In gewechselt sei.