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Diskussion um Ausgangssperren: Was sie tatsächlich bewirken können — und wovon dies abhängt

Tristan Fiedler
·Lesedauer: 4 Min.

Bei unseren französischen, spanischen und italienischen Nachbarn gehören sie längst zum Standardrepertoire der Pandemiebekämpfung: Dort gelten nächtliche Ausgangssperren bereits seit Monaten — in Frankreich gar bereits am frühen Abend ab 18 Uhr. Aufgrund steigender Infektionszahlen gelten sie inzwischen auch in Berlin und Hamburg und könnten bald erstmals auch in Deutschland bundesweit verhängt werden.

Ausnahmen gelten überall für Notfälle, die Betreuung von Angehörigen oder auch das Gassigehen mit Haustieren. Unterstützung für solche Maßnahmen gibt es laut einigen Umfragen sogar von der Mehrheit der Deutschen.

Doch über die Wirksamkeit dieser weitreichenden Eingriffe in die Freiheitsrechte wird lebhaft diskutiert. So haben sich in einem offenen Brief an Angela Merkel kürzlich vier prominente Forscher und Forscherinnen kritisch zu weiteren geplanten Maßnahmen geäußert.

"Wir mussten aber als Aerosol-Forscher die Erfahrung machen, dass die öffentliche Debatte immer noch nicht den wissenschaftlichen Erkenntnisstand abbildet. Viele Bürgerinnen und Bürger haben deshalb
falsche Vorstellungen über das mit dem Virus verbundene Ansteckungspotential", heißt es dort.

"Ausgangssperren müssen in die Aufzählung irreführender Kommunikation aufgenommen werden"

Fälschlicherweise nähmen viele Bürgerinnen und Bürger an, dass im Freien ein erhebliches Infektionspotenzial bestehe, denn "Treffen in Parks werden verboten, Rhein- und Mainufer gesperrt, Innenstädte und Ausflugsziele für den Publikumsverkehr abgeriegelt", so die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Tatsächlich finde die "Übertragung der SARS-CoV-2 Viren fast ausnahmslos in Innenräumen statt." Übertragungen im Freien seien dagegen äußerst selten.

Auch die "aktuell diskutierten Ausgangssperren müssen in diese Aufzählung irreführender Kommunikation aufgenommen werden", so die Forschenden weiter. Denn, so das Argument, wenn Treffen im privaten Raum mit anderen Personen ohnehin verboten und alle Gastronomie ohnehin geschlossen ist, könnten sich Menschen, die abends und nachts ihren Wohnort verlassen, ohnehin nur draußen aufhalten — wo die Infektionsgefahr äußerst gering ist.

Eine noch nicht im Peer-Review-Verfahren überprüfte und kürzlich erschienene Studie aus Oxford legt allerdings eine andere Schlussfolgerung nahe. Dort hatten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Wirksamkeit von Maßnahmen wie Schul- und Gastronomieschließungen, nächtlichen Ausgangssperren und anderen während der zweiten Welle in verschiedenen europäischen Ländern untersucht.

Während der letzten Welle führten Ausgangssperren zu einer Verringerung der Infektionen

Dabei kamen sie zu dem Schluss, dass solche Ausgangssperren "moderate, aber statistisch signifikante Effekte" auf eine Reduzierung der mit dem sogenannten R-Wert bezeichneten Ausbreitungsgeschwindigkeit hatten. Im Mittel lag diese bei 13 Prozent und war damit beispielsweise effektiver als die Schließung von Bildungseinrichtungen (7 Prozent) und etwa genauso effektiv wie eine Maskenpflicht im öffentlichen Raum (12 Prozent).

Die Forschenden weisen allerdings darauf hin, dass es methodisch schwierig ist, die Effekte von isolierten Maßnahmen zu betrachten. So überschneidet sich die Wirkung von Ausgangssperren mit denen von Gastronomieschließungen und Veranstaltungsverboten. Dass das Nachtleben als Ganzes ein großes Infektionsrisiko birgt, ist unumstritten. Wie viel aber konkret Ausgangssperren dazu beitragen, ist schwer zu sagen.

Insgesamt ist die Studienlage dazu sehr dünn. Eine der wenigen weiteren Studien zu dem Thema stammt aus dem französischen Toulouse. Dort stellten die Forschenden einen leicht positiven Effekt der Ausgangssperren für die Pandemiebekämpfung fest, als eine Ausgangssperre ab 20 Uhr erlassen wurde. Dieser Effekt schlug allerdings ins Negative um, als die Ausgangssperre auf 18 Uhr vorverlegt wurde.

Die Wirksamkeit von Ausgangssperren ist von vielen Faktoren abhängig

Die Vermutung: Um nach der Arbeit und vor 18 Uhr noch Erledigungen zu machen oder Bekannte zu sehen, mussten sich die Menschen noch mehr hetzen und beispielsweise auf engem Raum im Supermarkt drängen. Dies zeigt: Bei der Diskussion um die Wirksamkeit von Ausgangssperren müssen viele Faktoren berücksichtigt werden.

Dazu zählen beispielsweise auch psychologische Effekte wie eine einsetzende Pandemiemüdigkeit der Bürgerinnen und Bürger. Zu viele Maßnahmen könnten langfristig dazu führen, dass die Regeln überall weniger eingehalten werden. "Nichts stumpft uns Menschen bekanntlich mehr ab als ein permanenter Alarmzustand", schreiben dazu die deutschen Aerosol-Forschenden.

Auch das nur schwer kalkulierbare Wetter hat einen Einfluss auf den Effekt von Ausgangssperren. Denn der positive Effekt während der zweiten Welle, welchen die Studie aus Oxford feststellte, war im Herbst und Winter zu beobachten. Wer damals nachts sein Haus verließ, tat dies vermutlich in den seltensten Fällen, um sich im Freien aufzuhalten, sondern eher um andere in geschlossenen Räumen zu treffen — wo wiederum ein stark erhöhtes Infektionsrisiko bestand.

"Die Ausgangssperren versprechen mehr, als sie halten können"

Wenn Menschen dagegen bei frühlingshaften Temperaturen die Möglichkeit haben sich im Freien zu treffen, könnten dadurch Treffen im privaten Raum abnehmen. Wenn umgekehrt Ausgangssperren dazu führen, dass wieder vermehrt nicht erlaubte Zusammenkünfte in den eigenen vier Wänden stattfinden, könnten sie sich heute zu Frühlingsbeginn sogar als kontraproduktiv erweisen.

In dem offenen Brief wird die Situation folgendermaßen zusammengefasst: "Wir teilen das Ziel einer Reduzierung problematischer Kontakte in
Innenräumen, aber die Ausgangssperren versprechen mehr, als sie halten können. Die heimlichen Treffen in Innenräumen werden damit nicht verhindert, sondern lediglich die Motivation erhöht, sich
den staatlichen Anordnungen noch mehr zu entziehen. Die Reduzierung problematischer Kontakte in Innenräumen gelingt deshalb nur mit überzeugenden Argumenten für einen gelingenden Selbstschutz."