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Milliardenmarkt Lieferdienst: Discoeat und Wolt attackieren Monopol von Lieferando

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Weil Bundesbürger in der Pandemie Restaurants meiden, zählen Lieferdienste zu den Corona-Gewinnern. Während sich Delivery Hero zurückgezogen hat, gehen neue Anbieter in die Offensive.

Für Moritz Heininger schien die Coronakrise den Traum vom erfolgreichen Gründer gleich wieder zu beenden. Nach anfänglichen Finanzierungsschwierigkeiten hatte er zusammen mit Nicolo Luti 2019 in Berlin das Unternehmen Discoeat gestartet. Der Reservierungsdienst für Restaurants, der Kunden Rabatte bietet, wenn sie außerhalb der Stoßzeiten essen gehen, lief gut an. Doch mit den Restaurantschließungen brach ihnen der komplette Umsatz weg.

Aus der Not heraus entwickelte das Unternehmen einfach ein neues Geschäftsfeld: Mit „Discodelivery“ bietet es nun eine Plattform für Essenslieferungen – und macht damit dem bisherigen Monopolisten Lieferando Konkurrenz. „Die Coronakrise war für uns Fluch und Segen zugleich“, sagt Heininger und räumt ein: „Ohne die Restaurantschließungen hätten wir die Lieferplattform nicht gestartet.“

Nur zwei Monate dauerte es, bis die Entwickler den neuen Service eingerichtet hatten. 80 Restaurants in Berlin hat Discodelivery in einem guten Monat bereits auf die Plattform genommen.

Die Aussichten für die Art Service sind so gut wie noch nie. Nach einer aktuellen Umfrage des Marktforschungsunternehmens Mintel haben 43 Prozent der Deutschen Bedenken, die Innenräume eines Restaurants oder einer Bar zu besuchen. Damit drohen erneute Umsatzeinbrüche in der Gastronomie, wenn das Wetter im Herbst kühler wird.

Das befördert das Geschäft der Lieferdienste. „Neben die Besorgnis über die Einhaltung der Corona-Maßnahmen tritt mit den aktuell steigenden Infektionszahlen die Unsicherheit über einen zweiten Lockdown unter den Gastronomiebetreibern. Lieferservices und Take-away-Optionen bieten Gastronomiebetreibern dabei eine potenzielle Ausfluchtsmöglichkeit“, erklärt Christina Wessels von Mintel.

Gemäß der Mintel-Studie lässt sich in der Altersgruppe der 16- bis 34-Jährigen bereits die Hälfte der Befragten ihr Essen bevorzugt nach Hause liefern, statt ins Restaurant zu gehen. Selbst bei den Verbrauchern über 55 Jahre sind es immerhin schon 13 Prozent. Für die Lieferdienste ein Milliardenmarkt.

Für Discoeat bedeutet die Coronakrise gleich in zweifacher Hinsicht eine Chance. Auch ihr Reservierungsdienst hilft den Restaurants aus der Klemme. Weil sie drinnen weniger Tische anbieten können, ist es für sie umso wichtiger, diese über den Tag gleichmäßig auszulasten.

Genau dafür soll Discoeat sorgen. Für jede halbe Stunde kann das Restaurant andere Preise und Angebote festlegen und so – ähnlich wie bei Reservierungssystemen der Airlines – die Kunden mit Rabatten in die wenig frequentierten Zeiten locken. Die Plattform gibt es bereits in Berlin, Köln und London. Zum Jahreswechsel sollen Düsseldorf und Münster dazukommen, anschließend Bonn.

Delivery Hero beklagt geringe Margen

Angesichts der steigenden Nachfrage soll aber auch der Lieferdienst, den es bisher nur in Berlin gibt, auf weitere Städte ausgedehnt werden. Noch in diesem Jahr beispielsweise wird Köln dazukommen.

Doch die Konkurrenz ist hart in diesem Geschäft – und die Margen sind gering. Delivery Hero hat daher im vergangenen Jahr nach anhaltenden Verlusten sogar sein Deutschlandgeschäft für eine Milliarde Euro an den Wettbewerber Takeaway verkauft. Vom aktuellen Boom in Deutschland kann der Dax-Neuling so nicht profitieren.

Weil kurz darauf auch der Lieferdienst Deliveroo in Deutschland aufgab, wurde Takeaway unter seiner Marke Lieferando hierzulande über Nacht zum Monopolisten. Nach Einschätzung von Michael Lidl, Chef der Gastronomieberatung Treugast, eine logische Entwicklung. Es gelte das Prinzip „Last Man Standing“, in vielen Ländern werde nur ein Anbieter übrig bleiben.

Nicht nur Jungunternehmer Heininger will das Gegenteil beweisen. Fast zeitgleich mit seiner Plattform Discodelivery startete in Berlin auch das finnische Unternehmen Wolt einen Restaurantlieferdienst. 258 Millionen Euro hat das 2014 gegründete Start-up bereits an Finanzierungen bekommen, zu den Investoren gehört sogar Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Wolt-Gründer Miki Kuusi hat mit dem Geld Lieferdienste in 23 Ländern aufgebaut.

Es gibt jedoch einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Wolt und Discodelivery. Das finnische Unternehmen beschäftigt eine ganze Flotte eigener Fahrer. Discodelivery dagegen ist reine Plattform, die Auslieferung besorgen die Restaurants selbst.

„Das macht uns schlank und flexibel“, sagt Gründer Heininger. Da keine Infrastruktur aufgebaut werden muss, sind die Kosten gering und der Betrieb kann rasch hochgefahren werden. Auch Lieferando setzt überwiegend auf den Plattformbetrieb, hat aber auch eine kleine eigene Lieferflotte. Genau solche Details können angesichts der geringen Gewinnspanne über Erfolg und Misserfolg eines Lieferdienstes entscheiden.

„Die durchschnittliche Gebühr liegt nur bei sieben bis neun Prozent“, bezifferte Delivery-Hero-Chef Niklas Östberg jüngst im Interview mit dem Handelsblatt. Davon müssten dann Kundendienst, Marketing, Vertrieb, Technologie und Overhead bezahlt werden. „Wir verdienen nicht viel pro Bestellung – die Masse macht’s“, so Östberg.

Discoeat-Gründer Heininger versucht deshalb, immer weitere Services mit seiner Plattform zu verknüpfen. Seine jüngste Idee: Die Plattform könnte den Kunden im Restaurant Empfehlungen geben, wie etwa den passenden Wein zum Essen. Den könnten sie dann gleich per QR-Code ordern – und Heininger weitere Provision bescheren.