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DIHK fordert mehr Offenheit für blauen und türkisen Wasserstoff

Wasserstoff bietet der Wirtschaft enorme Zukunftschancen. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag hat dazu nun ein Positionspapier vorgelegt.

Elektrolyse-Anlage in Mecklenburg-Vorpommern: Hier soll ab Herbst 2020 grüne Energie unter anderem für Industrie und Gewerbe produziert werden. Foto: dpa

Europa will bis Mitte des Jahrhunderts treibhausgasneutral sein. Dafür muss der Einsatz von Öl, Kohle und Gas bereits in den nächsten Jahren deutlich reduziert werden, um die klimaschädlichen Emissionen zu reduzieren.

Wasserstoff spielt dabei eine Schlüsselrolle. Er kann CO2-neutral hergestellt werden, über größere Entfernungen transportiert und über längere Zeiträume hinweg gespeichert werden. „Vor allem aufgrund dieser Eigenschaften bietet er sich als wichtige Ergänzung zu den volatilen erneuerbaren Energiequellen im Stromsektor an“, heißt es in einem noch unveröffentlichten Positionspapier des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), das dem Handelsblatt vorliegt.

Die Reduzierung der CO2-Emissionen ist nur ein Grund, warum sich die Wirtschaft für Wasserstoff starkmacht. „Wasserstoff bietet den Betrieben viele Zukunftschancen“, sagt DIHK-Präsident Eric Schweitzer. Rund um Wasserstoff und Brennstoffzellen könnten die Hersteller von Maschinen und Anlagen neue Geschäftsfelder entwickeln und die starke Position der deutschen Technologieanbieter auf den Weltmärkten ausbauen.

Der DIHK hat bereits die globale Technologieführerschaft Europas vor Augen: Es bestehe die Chance für die EU, einen Industriezweig mit hoher Wertschöpfung und Innovationskraft entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu schaffen, heißt es in dem zehnseitigen Positionspapier, in dem der Verband zwölf Handlungsempfehlungen an die Bundes- und EU-Politik richtet. Zentraler Punkt: Wie der Markthochlauf von Wasserstoff am günstigsten realisierbar ist.

Wasserstoff dient bereits als Grundstoff in der Industrieproduktion. Allerdings handelt es sich dabei um grauen Wasserstoff, bei dessen Herstellung CO2 anfällt. Die Bundesregierung setzt in ihrer nationalen Wasserstoffstrategie darum vor allem auf grünen Wasserstoff, der aus erneuerbaren Energien hergestellt wird, also CO2-frei ist.

Der DIHK dagegen fordert Technologieoffenheit bei der Herstellung. „Wasserstoff aus erneuerbarem Strom kann den Bedarf auf absehbare Zeit nicht decken“, sagt Schweitzer. Grüner, blauer und türkiser Wasserstoff sollten deswegen gleichberechtigt als CO2-neutrale Herstellungsoption anerkannt und in den Verkehr gebracht werden.

Carbon-Capture-and-Storage-Technik umstritten

Blauer Wasserstoff wird wie grauer aus fossilen Brennstoffen gewonnen. Es fällt also CO2 an, das allerdings per Carbon-Capture-and-Storage-Technik (CCS) bei der Herstellung abgeschieden und gespeichert wird. So wird verhindert, dass die Emissionen in die Atmosphäre gelangen. Die Technik ist in Deutschland umstritten.

Türkiser Wasserstoff wiederum wird über die thermische Spaltung von Methan hergestellt. Anstelle von CO2 entsteht dabei fester Kohlenstoff, der dann aber sicher gelagert oder weiterverarbeitet werden muss. Hierbei, sagen Experten, besteht allerdings noch hoher Forschungsbedarf.

Für den DIHK soll auch grauer Wasserstoff zunächst eine Option bleiben dürfen. In der ersten Phase des Markthochlaufs sollte Wasserstoff ungeachtet seiner Emissionswirkung einen wichtigen Beitrag zur Transformation leisten können. Der derzeitige und künftige Wasserstoffbedarf in Deutschland, so der DIHK, würde aus Kosten- und Mengengründen nicht vor 2030 CO2-neutral hergestellt werden können – schon gar nicht in Deutschland.

„Übergangsweise sollten daher auch neue Wasserstoffverbraucher mit konventionell beziehungsweise CO2-arm erzeugtem Wasserstoff versorgt werden können.“ Das würde eine schnellere Markteinführung von Wasserstoff unterstützen, heißt es. Vorbild sei der Stromsektor, wo Elektrofahrzeuge gefördert werden, obwohl sie derzeit nicht zwangsläufig nur mit erneuerbarem Strom betrieben werden.

Lieferinfrastruktur notwendig

Der DIHK mahnt, dass die Produktionskosten für Wasserstoff aus Ökostrom deutlich sinken müssten. „Erreichen wollen wir das, indem wir Strom durch weniger Nebenkosten günstiger machen“, so Schweitzer. „Ansatzpunkte hierfür gibt es viele – eine weitere Absenkung der EEG-Umlage gehört in jedem Fall dazu.“

Attraktiver werde Wasserstoff zwar auch, weil fossile Energieträger wie Erdgas ab 2021 durch den geplanten CO2-Preis auch in Sektoren außerhalb des europäischen Emissionshandels teurer würden. „Das alleine wird auf absehbare Zeit aber nicht ausreichen, um Wasserstoff preislich wettbewerbsfähig zu machen.“

Um die Nachfrage anzukurbeln benötige Deutschland vor allem auch eine Lieferinfrastruktur, also Pipelines und Tankstellen. Weil nicht jeder Industriebetrieb sofort einen Wasserstoffanschluss haben wird, fordert der DIHK übergangsweise auch einen Handel mit Zertifikaten über klimaneutralen Wasserstoff. Auf diese Weise könnten Unternehmen bilanziell CO2-freien Wasserstoff kaufen, auch wenn sie physisch vorerst weiterhin Erdgas beziehen.