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Digital-Spedition Sennder übernimmt Pariser Konkurrenten

Die Fusion mit Everoad soll das Berliner Start-up Sennder auf dem Weg zur Umsatzmilliarde anschieben. Doch nicht jeder Plan gelingt.

Die Kilometer, die ein durchschnittlicher Lkw auf der Straße ist, steigen bereits wieder deutlich an. Foto: dpa

David Nothackers Mission ist nicht ohne Tücken: Der Berliner Start-up-Gründer will die Speditionsbranche digitalisieren. Weil er dafür bis zum vergangenen Sommer insgesamt 100 Millionen Euro bei Investoren wie Klaus Hommels, Holtzbrinck Ventures bis hin zum Lkw-Hersteller Scania eingesammelt hat, gilt er einigen als Hoffnungsträger für einen Tech-Konzern aus Deutschland.

Für den Berliner Digital-Hub der Unternehmensberatung Roland Berger, in dem die Gründer vor fünf Jahren gestartet sind, ist Nothackers Spedition Sennder beispielsweise ein echtes Aushängeschild. Andere sind skeptischer.

Nothacker kann an diesem Dienstag einen weiteren Schritt in Richtung seines Ziels vermelden, bis 2024 auf eine stolze Umsatzmilliarde zu kommen. Sennder schließt sich mit dem etwas kleineren französischen Konkurrenten Everoad zusammen. Damit bekommt Nothacker zu den bestehenden fünf Ländern den französischen Markt hinzu – und neue Investoren wie den Everoad-Finanzier Earlybird. Zusätzlich fließt frisches Geld von den Bestandsinvestoren.

Nothacker spricht von „über zehn Millionen Euro“, insgesamt habe Sennder seit der Gründung 2015 nun 120 Millionen Euro eingesammelt. Die neue Finanzspritze soll gewährleisten, dass Sennder trotz Corona-bedingter Wachstumspause seinen Zeitplan einhalten kann. Die nächste größere Finanzierungsrunde peilt Nothacker für den September 2021 an. Falls er sein Milliarden-Ziel rechtzeitig erreicht, könnte Sennder ab 2025 oder 2026 Geld verdienen, damit die Investoren ihren Ausstieg planen können.

Eine ganze Reihe Start-ups tritt an, um die Welt der Speditionen umzukrempeln. Ihr Versprechen: Digitale Planung soll die Branche, in der bislang viele Aufträge über persönliche Netzwerke der Spediteure und Frachtführer vergeben werden, effizienter machen.

Sicher ist das Gelingen nicht. Sennder könne seinen Gründungsanspruch, E-Mail und Fax in der Speditionswelt überflüssig zu machen, nicht einlösen, ätzen Konkurrenten in der Traditionsbranche. Bislang habe Sennder vor allem dadurch Marktanteile gewonnen, dass Nothacker und seine beiden Mitgründer ein Team aus Start-up-Mitarbeitern zusammengestellt haben, das mit jugendlicher Motivation besonders emsig telefoniere und maile. Ein Wunder-Algorithmus zur Digitalisierung des zersplitterten europäischen Frachtverkehrs sei jedoch nicht absehbar.

Traditioneller als geplant

Den 32-jährigen Ex-Berater Nothacker ficht das nicht an. Tatsächlich habe er erkennen müssen, dass die zunächst angestrebte App-Lösung für Fahrer und Auftraggeber nicht funktioniere, räumt er ein. „Die Realität ist einfach anders. Die kleinen Frachtführer haben teils Angst vor die Digitalisierung, den großen Auftraggebern fehlen die Digital-Ressourcen, um Schnittstellen bereitzustellen“, sagt er.

Daher habe Sennder vor allem seine internen Prozesse digitalisiert und könne so effizienter arbeiten als traditionelle Spediteure – vom Mittelständler bis zu den Großen wie Schenker und Kühne & Nagel. Zwar verschicke Sennder immer noch viele E-Mails, jedoch seien diese oft automatisch generiert. Das Unternehmen könne zudem über Auftragsvergabe per Computer verhindern, dass Aufträge an Subunternehmer weitergereicht und damit teurer werden.

Zudem konzentriere sich Sennder, anders als andere Logistik-Start-ups, ganz auf das Standardgeschäft mit Vollladungen im regelmäßigen überregionalen Verkehr. Das unterscheidet Sennder von vielen Mitstreitern: Andere Start-ups etwa versprechen, computergestützt Beiladungen effizienter zu machen – oder verlegen sich etwa auf Spezialaufträge.

Die Annäherung ans traditionelle Geschäft zeigt sich bei Sennder auch darin, dass Nothacker bei künftigen Übernahmen auch auf traditionelle Mittelständler schauen will, die er dann digitalisieren könnte. Drei bis fünf solcher Übernahmen seien in den kommenden Jahren geplant. Sie sollen die Hälfte zur angepeilten Umsatz-Milliarde beisteuern.

Wie weit er beim Umsatz bereits ist, will Nothacker nicht sagen. Immerhin nennt er die Mitarbeiterzahlen: In Deutschland, Spanien, Italien, Polen und Lettland arbeiten bislang 280 Menschen für Sennder, bei Everoad in Paris sind es 80. Sennder ist damit bislang ein Mittelständler in der zersplitterten Transportbranche, die bei mehreren Hundert Milliarden Euro Marktvolumen für viele Unternehmen Platz hat – allerdings mit Aussicht auf mehr.

In der Coronakrise sieht Nothacker bereites wieder Licht. Seit zwei Wochen stiegen die Kilometer, die ein durchschnittlicher Lkw auf der Straße ist, bereits wieder deutlich an. Allerdings rechnet er damit, dass die Auswirkungen noch mindestens ein halbes Jahr spürbar sein werden.