Deutsche Märkte geschlossen

Diese zwei Gründer haben mit ihren Boxen die Kinderzimmer erobert

Kleine Kästen mit Ohren, die Geschichten abspielen – Tonieboxen sind populär in deutschen Kinderzimmern. Jetzt wollen die Gründer auch den US-Markt erobern.

Es war der Moment, der alles veränderte – als Patric Faßbender den kleinen Hund aus dem Comic „Tim und Struppi“ auf einer kleinen Box platzierte. „Heureka“, dachte der Familienvater – das müsste es sein.

Seine Lösung für das Problem all der zerkratzen CDs, die im Kinderzimmer verteilt lagen, war eine quadratische Kiste von zwölf Zentimeter Kantenlänge plus Spielzeugfigur. Der allerersten Toniebox, die Faßbender an diesem Tag im April 2013 entwarf, fehlte nur noch ein zentraler Aspekt: Sie war stumm.

Die Tonieboxen von heute unterscheiden sich im Design kaum von ihrem Prototypen. Aber sie können Hörspiele oder Musik abspielen – einfach, indem die Helden der Geschichten auf der Bühne der Box platziert werden.

„Struppi“ hat Gesellschaft bekommen: den Sandmann, Benjamin Blümchen und viele andere Figuren hat das Düsseldorfer Unternehmen „Boxine“ im Sortiment. Über einen Chip in der Figur weiß die Box, welchen Titel sie abspielen soll. Dazu muss sie nur beim ersten Einschalten und bei Inbetriebnahme einer neuen Figur mit dem WLAN verbunden werden.

Patric Faßbender war von seiner Idee selbst derart begeistert, dass er seine Arbeit in einer Werbeagentur aufgab, um sich ganz den Tonieboxen zu widmen. Den passenden Partner für sein Vorhaben fand er in Marcus Stahl, den er aus einem gemeinsamen Kindergartenprojekt kannte. Stahl war als Ingenieur bei Nokia Experte für die technische und die finanzielle Seite. Auch er war von der Idee so fasziniert, dass er seinen Job aufgab, um Kinderspielzeughersteller zu werden.

Investoren zu überzeugen gelang dem Team recht schnell. Aber wichtig für den Erfolg war vor allem die Meinung der ganz Kleinen. „Als ich meinem Sohn das erste Mal die Box gezeigt habe, dachte er, Lars der Eisbär würde ihm die Geschichte selbst erzählen“, erinnert sich Marcus Stahl. Es war klar, dass das Konzept auch vor den kritischen Augen und Ohren der Kinder bestehen konnte.

Mittlerweile ist aus dem Duo ein mittelständisches Unternehmen mit 157 Mitarbeitern geworden. Boxine war 2019 der schnellstwachsende Spielzeuglieferant Deutschlands. 1,5 Millionen der bunten Boxen und 15 Millionen Abspielfiguren sind bisher verkauft worden.

Nicht nur in deutschen Kinderzimmern finden sich die kleinen Hörspielkasten, auch in Österreich, der Schweiz, Großbritannien und Irland ist das Unternehmen mittlerweile aktiv. Im Herbst soll der ganz große Schritt über den Atlantik folgen: „Wir wollen im September in den USA in den Läden sein, um das Weihnachtsgeschäft mitnehmen zu können“, sagt Marcus Stahl. Dafür war es wichtig, Inhalt und Vermarktung an die lokalen Kinder- und Elternvorstellungen anzupassen.

Disney als Kooperationspartner

Benjamin Blümchen oder den Räuber Hotzenplotz kennt in den USA niemand. Um die Kinderherzen dort zu erreichen, musste ein großer Kooperationspartner ins Boot geholt werden: Disney. Um Figuren und Geschichten anderer nutzen zu können, muss Boxine jedes Mal aufs Neue mit Urhebern verhandeln, Lizenzen kaufen und Erlösbeteiligungen vereinbaren. Jetzt gibt es auch Aladdin oder die Helden der „Toy Story“ als Tonträger – und weitere Figuren sind geplant.

Eltern in Großbritannien und den USA lassen sich vor allem von einem Argument überzeugen: dem fehlenden Bildschirm. Im Gegensatz zu den flimmernden Bildern, die sich negativ auf die Aufmerksamkeitsspannen von Kindern auswirken, sollen die Tonieboxen für die Entwicklung förderlich sein: „Hören regt die Fantasie an“, sagt Patric Faßbender.

Auch über eine Toniebox für Erwachsene denken die Gründer nach, das sei allerdings ein aufwendiges Projekt für die weite Zukunft. „Viele Senioren und Parkinsonpatienten benutzen die Tonieboxen aber schon“, bemerkt Patric Faßbender. Sie seien so kinderleicht zu bedienen, dass auch Menschen mit eingeschränkten motorischen Fähigkeiten damit zurechtkämen. Die müssen sich dann aber nicht auf den kleinen Prinzen und das Dschungelbuch beschränken. „Unsere Kreativtonies können auch mit eigenen Inhalten bespielt werden“, erklärt Faßbender.

Nach 103 Millionen Euro im vergangenen Jahr wollen Stahl und Faßbender 2020 zwischen 140 und 150 Millionen Euro Umsatz erzielen. Seit dem Heureka-Moment in Faßbenders Atelier ist aus den Tonies eine im Wortsinne hörbare Erfolgsgeschichte geworden. Den Vätern Faßbender und Stahl ist dabei wichtig: „Wir wollen das gute alte Vorlesen nicht ersetzen – denn da kommt am Ende doch nichts dran.“ Noch nicht einmal ihre eigene Erfindung.