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Diese Startup-Videobrille wird von Soldaten in Mali getragen – ich habe sie getestet

·Lesedauer: 6 Min.
In den Räumlichkeiten des Cyber Innovation Hubs in Berlin testet unsere Autorin die Videobrille.
In den Räumlichkeiten des Cyber Innovation Hubs in Berlin testet unsere Autorin die Videobrille.

Stell dir einen See vor, hinter dem sich ein Alpenpanorama versteckt. Bäume spiegeln sich links und rechts im türkis blauen Gletscherwasser. Du hörst das Rascheln der Blätter, die vom Wind bewegt werden. Nein, ich mache gerade keinen Urlaub. Ich habe nur einen kurzen Halt an einem sehr entspannenden Ort gemacht – mithilfe der Videobrille des österreichischen Startups Happymed.

Weniger paradiesisch klingt, was ich von Christoph Ritschel zu hören bekomme, als ich die Videobrille absetze: „Zuletzt hat eine Frau diese Brille getragen, während ihr Schläuche aus dem Mund gezogen worden sind“, sagt der in grüner Flecktarnuniform gekleidete Ritschel. Er ist 29 Jahre alt und Innovationsmanager der digitalen Innovationseinheit der Bundeswehr, dem Cyber Innovation Hub. Ihm zufolge sei die Frau während der Behandlung mit der Videobrille durch die orange-roten Landschaften Namibias gereist, da sie dort bereits mehrmals Urlaub gemacht habe. „Man konnte live an ihren Biowerten sehen, dass ihr Puls sank, sobald sie die Brille aufhatte.“

Brille soll Patienten von Stress befreien

Das Medizinprodukt von Happymed besteht aus einer Videobrille inklusive Kopfhörer, über die Nutzer Inhalte wie beispielsweise Spiel- oder Naturfilme konsumieren können. Das Tragen der Brille soll ihnen dabei helfen, Stress vor, während und nach medizinischen Eingriffen zu reduzieren. Dem Wiener Startup Happymed zufolge sollen Patienten dadurch sogar weniger angstlösende Medikamente wie etwa Beruhigungsmittel benötigen.

Die Brille ist derzeit in über 200 Kliniken in Deutschland im Einsatz, erzählt der Happymed-Gründer Philipp Albrecht. Darunter auch in den Helios-Kliniken, einer der größten privaten Krankenhausbetreiber in Europa. Dort werden sie in zahlreichen Abteilungen getestet, beispielsweise in der Anästhesie, Kardiologie oder während Chemotherapien in der Onkologie.

Schneller einschlafen: Soldaten nutzen das Gerät bereits im Ausland

Seit Ende November 2021 werden drei Videobrillen des Startups auch im westafrikanischen Mali eingesetzt, – und zwar von Soldaten der Bundeswehr. Dort sollen die Videobrillen den Streitkräften helfen, sich vom Stress zu erholen. Wenn sie beispielsweise nach langen Patrouillen und tagelanger Angst vor Anschlägen und Schusswechsel wieder zurück ins Lager kehren. „Wir hoffen, dass Soldaten mit der Brille abends schneller einschlafen können und nicht so lange wach liegen“, erzählt Ritschel.

So schaut das Display der Happymed-Videobrille aus. Die Auswahl an Naturfilmen ist groß.
So schaut das Display der Happymed-Videobrille aus. Die Auswahl an Naturfilmen ist groß.

Für den Auslandseinsatz der Bundeswehr musste Happymed die eingebauten SIM-Karten deaktivieren, damit die Brillen nicht geortet werden konnten – und damit keine automatischen Updates durchgeführt wurden. Denn über das Mobilfunknetz könne das im Ausland hohe Kosten verursachen, so der Gründer.

Anhand solcher Sicherheitsvorkehrungen wird deutlich, dass es sich bei der Bundeswehr um eine ganz spezielle Zielgruppe handelt. Das sei dem Happymed-Gründer Albrecht besonders bewusst geworden, als er die Mitarbeiter des Cyber Innovation Hubs persönlich getroffen habe: „Du marschierst neben jemandem in Tarnklamotten mit Abzeichen auf der Schulter her. Das ist im ersten Moment etwas eigentümlich“, erzählt der Gründer. Albrecht sagt, dass er die Streitkräfte und die Bundeswehr zunächst gar nicht auf dem Radar gehabt habe als potenzielle Nutzer.

Der öffentliche Sektor ist für Startups am Anfang wenig attraktiv

Der öffentliche Sektor ist häufig nicht die vorrangige Zielgruppe von Startups. Unter anderem, weil junge Firmen Flexibilität und schnelle Verhandlungen brauchen, die Organisationen wie etwa Bundesämter selten bieten können. Dort können staatliche Vergabeverfahren sich schon mal über Monate oder Jahre hinziehen. Mit der Privatwirtschaft lassen sich da schneller Geschäfte machen.

Nichtsdestotrotz nahm Albrecht an einer Ausschreibung der Bundesregierung teil und gab ein Angebot ab – um zukünftig den ganzen Militärapparat mit seinen Videobrillen ausstatten zu können. Noch liegt keine Entscheidung vor. Solange das Verfahren läuft, kann die Bundeswehr die Brille für ihre Soldaten testen. Ein Auftrag des Cyber Innovation Hubs wäre lukrativ. Die Einheit verfügt über ein Jahresbudget von rund 10 Millionen Euro. Dieses Geld soll unter anderem in Startups wie Happymed fließen, die mit ihren Lösungen die Arbeit der Truppen und auch der behandelten Ärzte erleichtern.

Bislang laufe die Zusammenarbeit mit den Streitkräften einwandfrei und zuverlässig, erzählt Albrecht, anders als mit Krankenhäusern. Denn dort steht Happymed im direkten Kontakt mit den Ärzten. „Wenn dein Ansprechpartner in der Klinik einen Notfall hat oder der Dienstplan gerade voll ist, dann hörst du tagelang nichts von der Person“, erklärt Albrecht. So könne es schnell passieren, dass sich beispielsweise Schulungen zu dem Gerät verzögern – und das strapaziere auf Dauer die Nerven des Startup-Unternehmers.

Als sich der Gründer mit Otto-Filmen von der Angst ablenkte

Die Idee für eine medizinische Videobrille hatte Albrecht 2012. Der Gründer erzählt es so: Als er auf dem Behandlungsstuhl seines Zahnarztes saß und vergebens nach Ablenkung suchte, bekam er es mit der Angst zu tun. Eine unangenehme Wurzelbehandlung stand dem damals 24-Jährigen bevor. Dabei wollte er seine Augen nicht krampfhaft geschlossen halten, – aber auch nicht in die Augen des behandelnden Arztes starren. Daraufhin baute er den ersten Prototypen seiner Videobrille.

Das Gehäuse der Bedienung bestand damals aus Holz, sein Handy konnte an der Oberfläche befestigt werden. Innendrin: Akkupacks und die Kontrolleinheit für die Videobrille. Panzertape habe dem ganzen Konstrukt Halt gegeben. Die Bedienung aus Holz war über ein Kabel mit der Videobrille verbunden. Seinen ersten Prototypen testete er während seiner Wurzelbehandlung – und lenkte sich dabei mit Filmen des Komikers Otto Waalkes ab.

So sah der erste Prototyp der Videobrille aus, die Albrecht durch die schmerzhafte Wurzelbehandlung begleitete.
So sah der erste Prototyp der Videobrille aus, die Albrecht durch die schmerzhafte Wurzelbehandlung begleitete.

Vom Behandlungsstuhl aus begann Albrecht also mit der Planung seines ersten Startups, das er 2014 gemeinsam mit seinem Studienkollege Florian Fischer aufbaute. Das Gründerduo arbeitete nebenbei in der Unternehmensberatung, um Happymed am Anfang finanzieren zu können. 2015 sammelten sie schließlich 200.000 Euro von der Familie und Freunden ein. In den darauffolgenden Jahren flossen insgesamt drei Millionen Euro an Wagniskapital in das Unternehmen, so Albrecht. 2020 hat sein Co-Gründer Fischer die Firma aus privaten Gründen verlassen. Heute zählt das Unternehmen sieben Mitarbeiter – und ist Albrecht zufolge profitabel. Wie viel Umsatz das Startup jedoch im Jahr einnimmt, möchte er nicht verraten.

Pro ausgeliehener Happymed-Brille zahlen Kunden eine monatliche Gebühr in Höhe von 200 Euro. 30 der Brillen seien aktuell im Besitz der Bundeswehr. Davon befinden sich drei in Mali, die restlichen Brillen verteilen sich über die Bundeswehrkrankenhäuser hierzulande. Hochgerechnet zahlt das Cyber Innovation Hub der Bundeswehr also monatlich rund 6.000 Euro an das Startup.

Weshalb die Videobrille kein 3D kann

Aber zurück zu dem Ort, an dem dieser Text begonnen hat: dem See mit dem Alpenpanorama am Horizont. Mein Stresslevel reduzierte sich zwar, so richtig umgehauen hat mich das Motiv aber auch nicht. Eines verwundert nämlich beim Tragen der Brille: Warum projiziert die Brille nur zwei- und keine dreidimensionalen Bilder? 2021 böte doch weitaus mehr Möglichkeiten, virtuell in andere Welten einzutauchen als 2005.

Bei den Happymed-Produkten handelt es sich jedoch aus medizinischen Gründen nicht um VR-Brillen, erklärt Albrecht. Zum einen sollen Patienten während einer Untersuchung nicht dazu animiert werden, ihren Kopf zu bewegen. Zum anderen können dreidimensionale Bilder Schwindel, Übelkeiten und Kopfschmerzen beim Nutzer erzeugen. Für medizinische Behandlungen eignen sich VR-Brillen daher nicht. Diese seien mit über 400 Gramm außerdem sehr schwer, die Brille des Startups bringe mit 100 Gramm hingegen deutlich weniger auf die Waage.

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