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Auf diese Schwellenländer-Währungen setzen Investoren

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Zuletzt haben Emerging Markets von starken Kapitalzuflüssen profitiert – die ihre Währungen aufwerteten. Der Trend setzt sich nach Einschätzung von Experten 2021 fort.

Viele Schwellenländer haben an den Finanzmärkten magere Zeiten hinter sich. Mehrere Jahre hintereinander haben ihre Währungen zum Teil deutlich abgewertet, was sich auch negativ auf die Aktienmärkte dort niedergeschlagen hat. Besonders dramatisch gerieten die Schwellenländer-Währungen zu Beginn der Corona-Pandemie unter Druck.

Zeitweise verloren Währungen wie der brasilianische Real, der russische Rubel und der mexikanische Peso um bis zu 30 Prozent an Wert gegenüber dem Dollar. Inzwischen hat sich die Stimmung jedoch gedreht. Seit der Nachricht über einen Impfstoff gegen das Coronavirus haben sie wieder markant zugelegt. Viele Devisenexperten erwarten, dass dieser Aufwärtstrend auch im kommenden Jahr anhält.

„Ab Frühjahr 2021 prognostizieren wir für Schwellenländer eine deutliche Erholung,“ urteilen Commerzbank-Devisenanalyst Tatha Ghose und Kollegen in einer aktuellen Analyse. Sie erwarten, dass vor allem die Währungen Russlands, Chinas und Mexikos im kommenden Jahr profitieren. Devisenexperte Ebrahim Rahbari von der US-Großbank Citigroup zählt neben dem chinesischen Yuan ebenfalls den mexikanischen Peso und den russischen Rubel zu seinen Favoriten. Letzteren sieht er als eine Art Wette auf den weltweiten Aufschwung.

Thomas Rutz, Fondsmanager für Schwellenländer beim Vermögensverwalter Mainfirst, ergänzt: „Das Renditepotenzial der Schwellenländer stützt sich in erster Linie auf die Schwäche des US-Dollars, die starken Rohstoffmärkte, eine sachlichere Politik unter dem neuen US-Präsidenten Joe Biden und die Bekämpfung des Coronavirus durch mehrere erfolgreich getestete Impfstoffe.“ Aus seiner Sicht dürften die zuletzt hohen Kapitalzuflüsse in die Schwellenländer anhalten und damit ihre Währungen aufwerten. Das wiederum treibe auch die Aktienmärkte an.

Auch der Chefvolkswirt des internationalen Bankenverbands IIF, Robin Brooks, hält die chinesische Währung Yuan für unterbewertet und sieht ebenfalls bei lateinamerikanischen Währungen wie dem brasilianischen Real Potenzial. Brooks rechnet wie sein Kollege Rutz mit einer Erholung der Rohstoffpreise, von der Länder wie Brasilien und ihre Währungen besonders profitierten.

Für Anleger ist die Wechselkursentwicklung vor allem relevant, wenn sie in Anleihen aus anderen Währungsräumen investiert haben. Hier fallen Änderungen besonders ins Gewicht, weil sie weniger schwanken als Aktien. Aber auch bei Aktieninvestitionen kann der Wechselkurs eine so entscheidende Rolle spielen, dass er darüber entscheidet, ob sich eine Investition lohnt oder nicht – vor allem wenn es so starke Schwankungen gibt wie in diesem Jahr.

Seit der Nachricht über einen Corona-Impfstoff hat die Risikobereitschaft der Investoren zugenommen. Das wiederum hat zu massiven Umschichtungen geführt: Unter Druck geraten ist dabei der US-Dollar, der in Phasen der Unsicherheit besonders gefragt ist. Die US-Währung hat ihre Verluste gegenüber dem Euro verstärkt und vor allem gegenüber den Schwellenländer-Währungen nachgegeben. Letztere profitieren besonders von zunehmender Risikobereitschaft und größerem Optimismus für die

Weltkonjunktur. Hinzu kommt, dass ihre Bewertung nach einer langen Schwächephase vergleichsweise niedrig ist. Außerdem besteht die Hoffnung, dass der neue US-Präsident Joe Biden in der Handelspolitik vom konfrontativen Kurs des Amtsinhabers Donald Trump abrückt, wovon die Schwellenländer besonders profitieren würden. Bei einem besseren Gesamtumfeld für die Schwellenländer könnten dann auch die höheren Zinsen zum Beispiel in Ländern wie Mexiko oder Russland für zusätzliche Kapitalzuflüsse sorgen und damit die Währungen stärken.

Für eine weitere Erholung der einzelnen Schwellenländer-Währungen gibt es unterschiedliche Argumente. Ein Überblick:

Chinesischer Yuan profitiert von rigoroser Corona-Politik

Der Kurs des Yuans hat in den vergangenen Monaten deutlich zugelegt. Er hat bereits seit Ende Juni um über sieben Prozent gegenüber dem Dollar an Wert gewonnen. Hierfür gibt es mehrere Gründe. So hat China die Corona-Pandemie bislang besser unter Kontrolle gebracht als Europa und die USA. Dadurch ist die wirtschaftliche Erholung dort weiter fortgeschritten.

Citi-Analyst Rahbari hält die aktuelle Wachstumsdynamik in China für „beeindruckend“. Er verweist außerdem darauf, dass die Pandemie die Wachstumsaussichten digitaler Technologien gestärkt hat, wo China eine führende Rolle spielt. Zudem geht er davon aus, dass die Handelsstreitigkeiten mit den USA unter der Biden-Regierung nachlassen werden.

Auch könnten die Kapitalzuflüsse auf den chinesischen Finanzmarkt zunehmen. Bislang hat China bei internationalen Investoren einen vergleichsweise geringen Stellenwert im Verhältnis zur seiner wirtschaftlichen Stärke.

Gegen einen deutlich stärkeren Yuan spricht allerdings, dass der Wechselkurs nicht frei handelbar ist und sich die chinesische Notenbank einer zu starken Aufwertung entgegenstellen könnte. Außerdem ist nicht ausgemacht, dass sich die Handelsbeziehungen zu den USA unter Biden verbessern. Auch innerhalb der Demokratischen Partei des neuen Präsidenten Biden ist der Ton gegenüber China zuletzt schärfer geworden.

Mexikanischer Peso punktet durch Zinsvorteil

Zu den bisher stärksten Gewinnern der Schwellenländer-Rally der vergangenen Wochen zählt der mexikanische Peso. Seit seinem Tiefpunkt Mitte März hat er um über 15 Prozent gegenüber dem Dollar aufgewertet.

Im Vergleich zu anderen Ländern hat Mexiko finanzpolitisch weniger stark auf die Krise reagiert und sich zum Beispiel mit Hilfen für Unternehmen zurückgehalten. Für 2020 prognostiziert die Commerzbank für das Land einen Wirtschaftseinbruch um neun Prozent. Im nächsten Jahr dagegen soll die Wirtschaft wieder um 3,5 Prozent zulegen.

Als direktes Nachbarland der USA ist die Wahl Bidens für Mexiko und seine Währung wichtiger als anderswo. Unter dem bisherigen Amtsträger Donald Trump war das Verhältnis beider Staaten angespannt. Trump hatte unter anderem verlangt, Mexiko solle für den Bau einer Grenzmauer zwischen den Ländern zahlen. Nun erwarten viele eine Entspannung.

Ein weiteres Argument für den Peso ist das vergleichsweise hohe Zinsniveau in Mexiko. Aktuell notiert der Leitzins bei 4,25 Prozent. Das macht die Währung potenziell für sogenannte Carry-Trader attraktiv, die Zinsunterschiede zwischen verschiedenen Währungsräumen nutzen.

Die Zinsdifferenz dürfte auch noch länger bestehen. Auf ihrer Sitzung am Donnerstag hat die mexikanische Notenbank den Zins auf dem bisherigen Niveau belassen. Das Votum im Zentralbankrat fiel äußerst knapp aus. Daher ist eine weitere Senkung später durchaus möglich. Viel weiter nach unten wird es aus Sicht von Ökonomen aber nicht gehen.

Es gibt aber auch einige Risikofaktoren für den Peso. So ist angesichts des Sparkurses der Regierung ungewiss, ob sich die Wirtschaft schnell erholt. Zudem gibt es die Sorge, dass es zu stärkeren politischen Eingriffen bei der Notenbank kommt.

Brasilianischer Real ist eine Wette auf die Rohstoffpreise

Besonders unter Druck geraten ist in diesem Jahr der brasilianische Real. Zeitweise wertete er um bis zu 30 Prozent gegenüber dem Dollar ab. Das hing aus Sicht von Devisenexperten auch mit dem Umgang mit der Corona-Pandemie zusammen. Der brasilianische Präsident Bolsonaro leugnet bis heute die Gefahr des Virus. Das Land hat besonders viele Infizierte und Tote.

Aktuell profitiert der Real allerdings vom Aufschwung der Schwellenländer-Währungen. Ein Faktor, der ihm starken Auftrieb geben könnte, ist eine Erholung der Rohstoffpreise. Brasilien gehört zu den größten Exporteuren von Eisen und Kupfer, fördert aber auch immer mehr Öl. IIF-Chefvolkswirt Brooks geht davon aus, dass der Real auf seinem aktuellen Niveau um etwa 20 Prozent unterbewertet ist.

Doch auch hier gibt es Risiken. So ist unklar, wie schnell sich die brasilianische Wirtschaft nun erholt. Außerdem war die Finanzlage Brasiliens bereits vor der Corona-Pandemie sehr angespannt. Anders als Mexiko hat die Regierung von Präsident Bolsonaro mit massiven Ausgaben auf die Krise reagiert. Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) belaufen sich die Maßnahmen auf etwa 18 Prozent der Wirtschaftsleistung – was weltweit ein sehr hoher Wert ist. Das wirft die Frage auf, ob sich Brasilien das leisten kann. Wenn Investoren daran zweifeln, könnte das den Real erneut unter Druck bringen.

Zudem hat neben der Finanzpolitik auch die Notenbank stark auf die Krise reagiert – und den Leitzins auf ein Rekordtief von zwei Prozent gesenkt. Zum Vergleich: Anfang 2019 lag er noch bei sechs Prozent. Damit liegt der Zins deutlich niedriger als in anderen Schwellenländern.

Russischer Rubel profitiert von der Erholung des Ölpreis

Ähnlich wie Brasilien ist auch Russland sehr abhängig von Rohstoffen und vor allem vom Ölpreis. Entsprechend deutlich fiel der russische Rubel, als der Ölpreis zu Beginn der Corona-Krise in den Keller rutschte. Zuletzt hat sich der Ölpreis aber wieder erholt, und im Schlepptau hat auch der Rubel zugelegt.

Commerzbank-Analyst Ghose erwartet, dass sich dieser Trend fortsetzt. „Das erste Halbjahr 2021 wird wahrscheinlich von einer positiven Stimmung und Kapitalzuflüssen in die Schwellenländer sowie möglicherweise von verbesserten Ölpreisaussichten geprägt sein, sagt der Analyst. Dies ermögliche eine weitere Produktionssteigerung, was wiederum den russischen Exporten zugutekomme. Ghose erwartet, dass der Rubel bis Ende 2021 im Vergleich zum Dollar, aber auch zum Euro zulegen wird.

Ein weiterer positiver Faktor ist in Russland, ähnlich wie in Mexiko, das vergleichsweise hohe Zinsniveau von aktuell 4,25 Prozent, an dem die Notenbank auf ihrer Sitzung am Freitag nicht gerüttelt hat. Ghose erwartet, dass sie die Zinsen im nächsten Jahr noch etwas senken wird – allerdings nur leicht auf 3,75 Prozent.

Der wichtigste Risikofaktor für den russischen Rubel ist die Geopolitik. Zuletzt gab es eine Reihe von Konflikten mit der EU und den USA durch die mutmaßliche Vergiftung des Kremlkritikers Alexej Nawalny und die mutmaßlich manipulierten Wahlen in Weißrussland.

Anders als andere Schwellenländer gilt Russland zudem eher als Verlierer der Wahl Bidens zum neuen US-Präsidenten. Der russische Präsident Putin pflegt persönlich gute Beziehungen zu Trump. Biden dagegen könnte unter Umständen die Sanktionen gegen Russland verschärfen – was negativ für den Rubel wäre.