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Ein Ende der Werkverträge zerstört das Geschäft dieser Männer

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In Deutschland lassen sich kaum Arbeitskräfte finden, die in der Kühle der Fabriken die körperlich schwere Arbeit leisten wollen. Deshalb werben Subunternehmer unablässig Arbeitskräfte aus Osteuropa an. Foto: dpa
In Deutschland lassen sich kaum Arbeitskräfte finden, die in der Kühle der Fabriken die körperlich schwere Arbeit leisten wollen. Deshalb werben Subunternehmer unablässig Arbeitskräfte aus Osteuropa an. Foto: dpa

Subunternehmen holen immer neue Werkarbeiter in deutsche Fleischfabriken und verdienen daran – bis jetzt. Nun aber kündigt Tönnies an, die Arbeiter selbst einzustellen und es droht das Ende der Werkverträge per Gesetz.

Es gibt einen Grund, dass im rumänischen Lokalfernsehen manchmal Werbespots für den deutschen Schlachtkonzern Tönnies laufen. Dieser Grund heißt Dumitru Miculescu. In einem Spot ist er selbst zu sehen: In blauem Jackett, mit leicht hochgegelten Haaren, erklärt er zwei Bewerbern die Vorzüge der Arbeit in der deutschen Fleischindustrie. Dann ein Schnitt ins Tönnies-Werk. Schweinehälften schwingen durchs Bild. Ein Schriftzug erklärt: Miculescus Unternehmen MGM „beschäftigt qualifizierte und ungelernte Arbeitskräfte“. Die Zuschauer müssen nur noch zum Hörer greifen.

Dumitru Miculescu ist das, was man in Rumänien einen Lokalbaron nennt. Der Lokalfernsehsender gehört zu seinen Besitztümern, ebenso wie zahlreiche weitere Unternehmen. In seiner Heimatregion Dâmbovița im südlichen Rumänien ist Miculescu Unternehmer, Medienbesitzer, Politiker und Arbeitsvermittler zugleich. Doch sein wohl wichtigstes Geschäft findet mittlerweile nicht mehr in seiner Heimat statt, sondern in Deutschland: Jedes Jahr bringt Miculescu Scharen von rumänischen Arbeitern hier her.

Sein Unternehmen MGM ist eines der insgesamt 25 Subunternehmen von Tönnies. Er stellt Arbeitskräfte ein, die im Auftrag des Schlachtkonzerns in dessen Hallen Schweine zerlegen oder Grillspieße zusammenstecken. Mit etwa 1700 Beschäftigten ist Miculescu der wahrscheinlich wichtigste Partner von Tönnies. Konkurrenz um diesen Titel machen ihm nur zwei andere Firmen: Das Unternehmen DSI, dessen Eigentümer Markus Sander und Christian Doits beste Verbindungen nach Polen haben – und der auf Reinigungskräfte spezialisierte Unternehmer Josef Besselmann.

Ohne diese Männer wäre die deutsche Fleischindustrie eine andere. In Deutschland lassen sich kaum noch Arbeitskräfte finden, die in der Kühle der Fabriken die körperlich schwere Arbeit leisten wollen, vor allem, wenn dabei kaum mehr als der Mindestlohn herausspringt. Deshalb werben Subunternehmer unablässig Arbeitskräfte aus Osteuropa an, legen ihnen Arbeitsverträge vor, karren sie nach Deutschland, bringen sie in eigens gemieteten Wohnungen unter – und versuchen aus jedem einzelnen Schritt auf diesem Weg ein Geschäftsmodell zu machen.

Der WirtschaftsWoche liegen Jobangebote, Arbeitsverträge, Lohnabrechnungen und Mietverträge vor, außerdem Zahlungsaufforderungen und Klagen gegen die Subunternehmer. Die Dokumente geben Aufschluss darüber, wie das Geschäft mit den Werkarbeitern funktioniert. Sie zeigen, wie viel Macht die Subunternehmer über ihre Angestellten haben. Und wie das nun von der Regierung angekündigte Ende der Werkverträge in der Branche diese Macht bedroht.

Urlaubsgeld und Überstunden vergessen

Armin Wiese zieht Akten wahllos aus seinem Schrank. Er durchblättert handgeschriebene Stundenübersichten und computererstellte Lohnabrechnungen. Wiese ist Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) für die Region Ostwestfalen-Lippe. Die Akten auf dem Tisch gehören seinen Mitgliedern, die bei Subunternehmern der Fleischbranche angestellt sind. Alle haben eine Gemeinsamkeit: Die Lohnabrechnungen sind fehlerhaft. Mal sei der Überstundenzuschlag zu niedrig, mal werde das vereinbarte Urlaubsgeld oder die Vergütung für die Wegezeiten nicht gezahlt, sagt Wiese. „Dass Subunternehmer Arbeitsstunden nicht korrekt abrechnen, hat System“, sagt Wiese: „Für sie ist das die einfachste und effektivste Methode, Geld zu sparen.“ Für jede Stunde, die nicht in den Rechnungen auftaucht, müssen sie auch keinen Lohn oder Steuern zahlen.

Wiese mahnt die fehlenden Beträge im Namen der Gewerkschaftsmitglieder an, meist erfolgreich. Damit, meint er, wollen die Unternehmen wohl auch Gerichtsstreite und Präzedenzfälle vermeiden.

Ein Namen taucht in den Akten auf Wieses Tisch immer wieder auf: Besselmann Services. Das Unternehmen mit Sitz in Beelen in Ostwestfalen gehört zu den ganz Großen. Der Gründer und Inhaber Josef Besselmann soll einst selbst als in der Fabrik als Vorarbeiter gearbeitet haben, heißt es in der Branche, bevor er sich vor fast drei Jahrzehnten Schritt für Schritt zum Dirigenten über die Werkverträge hocharbeitete. Wer ihn heute auf Fotos oder Videos sieht, mit Goldkettchen, Halbglatze und breitem Kreuz, kann sich das sofort vorstellen.

In den ersten Jahren war die Wurstfabrik Stockmeyer Besselmanns wichtigster Auftraggeber, das Unternehmen hielt sogar Anteile an der Personalvermittlung. Jahrelang reichte Besselmann dort Rechnungen ein für Leistungen, die das Unternehmen nie erbracht hat. Das so erschwindelte Geld zahlt Besselmann als Schwarzlohn an seine Reinigungskräfte aus. Er spart sich so Sozialabgaben und Steuern. Der damalige Geschäftsführer von Stockmeyer duldete das. Das Gericht verurteilte beide. Besselmann musste eine Geldstrafe von 1,4 Millionen Euro zahlen und bekam zwei Jahre Haft auf Bewährung.

Seinem Erfolg in der Branche schadete das kaum. Wieso auch? Auch bei Konkurrenten wie Westfleisch standen Subunternehmer wegen Scheinrechnungen vor Gericht. Besselmanns Konkurrent Miculescu war in einen Bestechungsfall verwickelt, berichten rumänische Medien und die Deutsche Welle. Ein rumänisches Gericht verurteilte ihn zu anderthalb Jahren Haft auf Bewährung.

Auftraggeber Tönnies stört sich daran nicht: „Wir haben mit diesen Unternehmen langfristig zusammengearbeitet und hätten dies nicht getan, wenn wir in der direkten Zusammenarbeit schlechte Erfahrungen gemacht hätten“, erklärt ein Sprecher auf Anfrage der WirtschaftsWoche.


Bei Krankheit zehn Euro Miete mehr

Der Druck der Auftraggeber wie Tönnies auf ihre Subunternehmer ist groß. In der Fleischverarbeitung muss alles schnell gehen, jeder Griff und jeder Schnitt muss sitzen. Schaffen die Arbeiter nicht die vereinbarten Mengen, ist etwas falsch verpackt oder gibt es gar Hygieneverstöße, können die Auftraggeber Strafgebühren bei den Subunternehmern verlangen.

Umgerechnet nur etwa 18 bis 19 Euro die Stunde zahlen Tönnies und Co den Subunternehmern für die Arbeit der meist ungelernten Kräfte, heißt es in der Branche. Davon müssen die Subunternehmer nicht nur den Mindestlohn, sondern auch Steuern und Sozialabgaben zahlen. Hinzu kommen die Kosten für Anwerbung der Arbeitskräfte oder die Verwaltung. Viel übrig bleibt in der Regel nicht. Wer zu teuer ist, kann Aufträge verlieren.

Deshalb nutzen die Subunternehmer auch ihre Angestellten, um Geld zu verdienen: So besitzen MGM oder Besselmann gleich mehrere Immobilienfirmen, über die sie Wohnungen an Mitarbeiter vermieten. Auch den Transport zum Werk und zurück lassen sie sich oft bezahlen, Besselmann etwa verlangt dafür 100 Euro pro Monat von seinen Angestellten.

Als besonders trickreich gilt DSI. Der Name steht für Datenservice International. Den Ursprung hat das Unternehmen in der Lohnabrechnung. Statt Gehaltsabrechnungen verarbeitet DSI heute eher Werkarbeiter. Das Unternehmen gehört den Unternehmern Markus Sander und Christian Doits, beide stammen aus Polen, rekrutieren dort einen Großteil ihrer Beschäftigten.

Die können dann in Werkswohnungen von DSI leben. Allerdings berechnet DSI nicht nur Miete, sondern zieht auch noch zum Teil zu hohe GEZ-Gebühr vom Lohn ab. Das belegen Gehaltsabrechnungen, die der WirtschaftsWoche vorliegen. Zwar liegt die Rundfunkgebühr in Deutschland aktuell nur bei 17,50 Euro pro Haushalt. DSI aber berechnet jedem Mieter fünf Euro pro Monat – unabhängig davon, wie viele Menschen in der Haushalt leben. Bei zwölf Arbeitern würde sich DSI so einen Gewinn von über 40 Euro im Monat je Wohnung erwirtschaften. DSI äußerte sich dazu auf Anfrage der WirtschaftsWoche nicht.

Das Unternehmen lässt die Arbeiter auch dafür zahlen, wenn sie ihre Wohnung mehr als erwartet nutzen. So steht in einem Vertrag: „Im Falle eines unentschuldigten Fernbleibens von der Arbeit wird dem Arbeitnehmer eine Nutzungspauschale in Höhe von € 10,00 pro Tag für die Nutzung der Werkswohnung berechnet.“ Auch wer länger als zwei Tage krankgeschrieben ist, bekommt pro Tag in der Wohnung zehn Euro mehr von seinem Gehalt abgezogen. Auch dazu reagierte DSI auf Anfrage der WirtschaftsWoche nicht. Damit bleibt unklar, ob das Unternehmen eine solche Pauschale auch für seine Mitarbeiter geltend machen könnte, die nun in Quarantäne sind.

Späte Großzügigkeit

Die Konkurrenten bemühen sich in der Krise um mehr Aufklärung. Die Firma Besselmann etwa erklärt, ihre Mitarbeiter seien „von 5.00 Uhr morgens bis nachts“ im Einsatz, um ihre 1113 Kollegen in Quarantäne zu versorgen. Und MGM will seinen Mitarbeitern sogar eine Prämie für die Zeit zahlen, als Ausgleich für entgangene Zulagen.

Die Großzügigkeit kommt spät. Bereits Ende des Monats könnte die Regierung einen Gesetzesentwurf vorlegen, der das Ende der Werkverträge in der Fleischindustrie ab 2021 besiegelt. Tönnies selbst will noch schneller sein. Schon ab September sollen 1000 Werkvertragsarbeitern einen Arbeitsvertrag direkt in Rheda-Wiedenbrück erhalten, verkündete Deutschlands größter Fleischkonzern jüngst. Bis Jahresende sei das Ziel, alle „Mitarbeiter der Kernbereiche direkt beim Unternehmen einzustellen“, also sämtliches Werkvertragspersonal in Schlachtung, Zerlegung und Verpackung. Das verschärft die Lage für sie Subunternehmer noch einmal frühzeitiger.

Für die Subunternehmer sind das keine guten Nachrichten. Besselmann Services hat immerhin noch eine relativ breite Kundschaft. „Sicher ist die Fleischindustrie eine wichtige Branche für uns“, sagt Ralf Kerkhoff, Geschäftsführer des Unternehmens. „Aber sie ist eben auch nur eines unserer Standbeine.“ In dem Gesetzesvorhaben sieht er daher einen Schritt nach vorne, vielleicht sogar einen Schritt „gegen die Wettbewerbsverzerrung durch unseriöse Anbieter“, sagt er.

Der Konkurrent MGM sieht dem weniger entspannt entgegen. „Natürlich ist es ein Problem, wenn MGM in diesen Bereichen nicht mehr tätig sein könnte“, sagt Anwalt Thomas Kuhn, der das Unternehmen vertritt. Wie die Unternehmensgruppe darauf reagiert, sei noch nicht endgültig entschieden, sagt Kuhn. „Die Planungen dazu laufen noch.“

Immerhin: Kuhns Klient Dumitru Miculescu hat in seiner Heimat noch genügend andere Geschäfte. Nur in seinem Fernsehsender laufen dann vielleicht weniger Werbespots für die Arbeit in deutschen Schlachtbetrieben.

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