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Wie diese Lern-App zum Tiktok-Hit wurde

Die Gründer von Knowunity: Gregor Weber, Yannik Prigl, Julian Prigl, Benedict Kurz, Lucas Hild (v.l.n.r.)
Die Gründer von Knowunity: Gregor Weber, Yannik Prigl, Julian Prigl, Benedict Kurz, Lucas Hild (v.l.n.r.)

Mit Fotos von trendigen Outfits, Tanzvideos oder Schminktipps erlangen Teenager auf Youtube, Instagram und Tiktok Ruhm und Reichweite. Lotta schafft das mit Lerntipps. Die 19-Jährige ist mit Erklärungen zu Dreisatz, Trigonometrie und Polynomdivision zum Star geworden – zumindest unter Schülern.

Die Augen der gebürtigen Hallenserin strahlen, wenn sie darüber spricht, wie sie anderen beim Lernen hilft. „Schon in der Schule fragten meine Mitschüler: Lotta, darf ich mir deine Lernzettel ausleihen?“, erzählt die Abiturientin vor der Kamera ihres Laptops. Inzwischen folgt die stolze Zahl von 47.000 Schülern ihrem Account „deinelernzettel“ auf der Lern-Plattform Knowunity.

Hinter dieser App steht ein Gründer, der nur ein Jahr älter ist als Lotta. Der 20-jährige Benedict Kurz kann künftig noch mehr Influencer wie Lotta erreichen: In einer neuen Wachstumsfinanzierungsrunde fließen mehr als zehn Millionen Euro für die Internationalisierung der App, sagte Kurz Welt.

Das Geld sammelte das Startup bei bekannten Investoren wie Redalpine aus Zürich, Stride VC aus London ein. Außerdem bei bereits bestehenden Investoren wie dem Berliner Startup-Finanzierer Project A, dem Fußballer Mario Götze und der Unternehmerin Verena Pausder. Letztere hatten Kurz bereits im April 2021 zwei Millionen Euro Gründungskapital gegeben. „Wir freuen uns nicht nur über die finanzielle Unterstützung, sondern vor allem auch auf das operative Know-how“, sagt Kurz im Knowunity-Büro in Berlin-Mitte.

Erfolgsgeheimnis von Knowunity

Das Erfolgsgeheimnis von Knowunity sieht Mitgründer Kurz darin, dass die Erfinder vor Kurzem selbst noch zur Zielgruppe gehörten. Gemeinsam mit vier Freunden kam Kurz während seiner Abizeit auf die Idee. „Für alles gab es damals eine App auf dem Smartphone – nur nicht fürs Lernen“, sagt Kurz. „Stattdessen hieß es von Eltern und Lehrern immer: Finger weg vom Handy.“

Was aber, wenn genau auf diesem Handy auch eine App ist, mit der man gut und gerne lernen kann? Eine App, die Schülern das Lernen erleichtert – mit Lernzetteln, Präsentationen und durch ein soziales Netzwerk, in dem sie sich gegenseitig Fragen stellen können?

Laut Kurz hat Knowunity mittlerweile mehr als 2,4 Millionen Nutzer. „Damit sind wir die am schnellsten wachsende Bildungs-App“, so der Gründer. Nach einem erfolgreichen Launch in Polen und Frankreich will Knowunity nun in viele weitere europäische Länder expandieren – darunter Großbritannien und Italien. Zudem soll das Team auf über 100 Mitarbeiter wachsen, um die Produktentwicklung weiter voranzutreiben.

Knowunity wurde ein Tiktok-Phänomen

Bislang funktioniert die Werbung vor allem über Empfehlungen. „Vor zwei Jahren sprachen auf TikTok auf einmal alle über Knowunity“, sagt Lotta, Nutzerin der ersten Stunde, heute. So sei sie auf das Startup aufmerksam geworden.

Beigetragen hat sie den wohl beliebtesten Lernzettel im ganzen Knowunity-Kosmos: „Abiturvorbereitung Analysis“. „Daran saß ich bestimmt eine Woche“, erzählt Lotta. Doch der Aufwand hat sich gelohnt: Mehr als 7000 Mal wurde der Beitrag gelikt, kommentiert und gespeichert. „Es ist so motivierend zu erleben, wie vielen Schülern ich damit helfen kann und wie dankbar sie sind.“

Lotta ist sicher, dass sie Themen besser vermitteln kann als Lehrer. „Das ist einfach ein Unterrichten auf Augenhöhe.“ Das bestätigen auch Experten. „Es gibt zahlreiche Studien und Metaanalysen, die zeigen, dass Peer-Teaching eine sehr erfolgreiche Methode für den Wissenserwerb darstellt: sowohl für diejenigen, die dem anderen etwas erklären, als auch für diejenigen, die die Erklärung erhalten“, sagt etwa Birgitta Kopp, Psychologin und Professorin an der Universität LMU München.

Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehört selbst gesteuertes Lehren und Lernen mit digitalen Medien. „Die Ergebnisse können nicht eins zu eins auf eine Online-Situation übertragen werden. Trotzdem ist es mit Sicherheit hilfreich, wenn Peers untereinander Fragen stellen und sich gegenseitig helfen – auch online.“

Monetarisierung nur an zweiter Stelle

Das ist im Sinne der Geldgeber: „Uns geht es zunächst darum, möglichst schnell viele Nutzer für die Plattform zu gewinnen. Monetarisierungsmöglichkeiten werden getestet, rücken aber erst später in den Mittelpunkt“, sagte Anton Waitz, oberster Investor beim Berliner Startup-Finanzierer Project A, zu Welt. Sein Ziel: „Knowunity soll die zentrale Plattform im schulischen Lernbereich werden – einem Feld, in dem sich in Europa noch kein Anbieter durchgesetzt hat.“

Die bekannte Berliner Startup-Investorin Pausder, die selbst die Lern-App-Reihe „Fox & Sheep“ gegründet hat, will Kurz dabei langfristig unterstützen. „Ich investiere nicht im Bildungsbereich, weil ich die ganz schnelle Rendite möchte“, sagte sie. „Ich glaube vielmehr, dass das langfristig echt groß werden kann.“

Allerdings ist das Marketing für die Lern-Apps komplex. Nicht nur, dass die Schüler spätestens mit dem Abschluss aus der Zielgruppe fallen. „Die Nutzer sind die Schüler, doch die zahlenden Kunden sind in der Regel die Eltern. Das ist die Herausforderung bei der Monetarisierung von Schülern als Zielgruppe“, sagte Waitz.

Zudem konkurrieren inzwischen eine ganze Reihe von risikokapitalfinanzierten Lern-Apps um die Nutzer – von der Nachhilfelehrer-Plattform GoStudent über die Lernvideo-Plattformen Sofatutor und Simpleclub bis zur Uni-Lernplattform Charly.

Die Investoren hoffen im Wettbewerb auf die Stärken von Knowunity-Mitgründer Kurz. „Knowunity schickt mir von allen Startups, in die ich investiert habe, die besten Reportings“, lobte ihn Pausder. Kurz sei sehr strukturiert und verfolge eine klare Vision: „Er lässt sich nicht ablenken.“

Eduki als Vorbild

Ein Vorbild ist für die Investorin Pausder die Lehrer-Plattform Eduki. Hier tauschen Lehrkräfte Arbeitsblätter für den Unterricht aus – und bekommen dafür Geld von den Nutzern. Das ist offenbar einer der Wege, über die Knowunity eines Tages Geld verdienen könnte – und mit dem Startup auch die aktivsten Knower. „Klar ist, dass wir zielgruppengerechte Taschengeldpreise anbieten müssen“, sagte Pausder.

Vielnutzerin Lotta jedenfalls geht es nicht in erster Linie ums Geld. Für die Lerninhalte bekommt sie zwar ein kleines Honorar von Knowunity – allerdings nicht mehr als 30 bis 50 Euro im Monat. Deutlich mehr bringt ihr die Online-Nachhilfe ein, die ebenfalls über Knowunity vermittelt wird: 15 Euro pro Stunde zahlt das Startup ihr pro Stunde. Lotta findet das fair. Vor Anfragen kann sie sich kaum retten. „Ich nehme nur noch selten neue Schüler auf.“

Im Herbst will sie ihre Lieblingsfächer Mathe und Französisch auf Lehramt studieren. Doch ihren Nachhilfeschülern möchte sie auch dann noch treu bleiben.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Welt.

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