Deutsche Märkte geschlossen

Die Werbepannen des Jahres 2019

Ann-Catherin Karg
Freie Journalistin

Werbung soll auffallen, das ist klar, aber gerade in Zeiten von Social Media kann sie auch ganz schön in die Hose gehen. Egal, ob bewusst provokant, blind für berechtigte Kritik oder optimistischer, als es der Praxistest beweist – im vergangenen Jahr sind viele renommierte Unternehmen wie Tesla oder DHL, aber auch die Bundeswehr, deutlich übers Ziel hinausgeschossen.

Elon Musk bei der Präsentation des Cybertrucks von Tesla. (Bild: Getty Images)

Teslas Cybertruck und das angeblich bruchsichere Glas

Bruchsicher sollten die Scheiben des Cybertrucks von Tesla sein und so kündigte Tesla-Chef Elon Musk das bei der Präsentation auch an. Zur Demonstration ließ er einen Mitarbeiter zunächst einen Vorschlaghammer gegen die Scheibe donnern, die dem Aufprall auch tatsächlich standhielt. Bei der Eisenkugel, die dem ultimativen Beweis der "Unkaputtbarkeit" dienen sollte, war dann aber Schluss. "Oh my f*cking God", entfuhr es Musk, als er sein Versprechen im wahrsten Sinne zerbröseln sah. Dass Musk anschließend versprach, die Sache "in den Griff zu bekommen", konnte es dann auch nicht mehr retten. Die Tesla-Aktie verlor in den Folgetagen sechs Prozent an Wert und Elon Musk verlor mit seinen Firmenanteilen 770 Millionen Dollar.

Maut-Desaster & Co. - Die größten Politik-Aufreger in Deutschland 2019

True Fruits und der Sonnencreme-Penis

Eine offizielle Rüge des Werberats und einen Shitstorm, den u.a. Charlotte Roche unterstützte, zog 2019 die Werbung für den Smoothie "Sun Creamie" nach sich. Auf dem Plakat war ein Frauenrücken zu sehen, auf den mit Sonnencreme ein Penis gemalt war. Dazu die Worte: "Sommer, wann feierst Du endlich Dein Cumback?" Das englische Wort "cum" heißt übersetzt Sperma. Sexismus pur, lautete die ziemlich einhellige Kritik. Und genau damit war True Fruits mit Slogans wie "Oralverzehr – schneller kommst Du nicht zum Samengenuss" und insbesondere auch "Abgefüllt und mitgenommen" für einen To-go-Trinkaufsatz schon früher aufgefallen.

Provokation gehört bei dem Bonner Smoothie-Hersteller seit jeher zum Programm. Unter anderem wurde ein Smoothie in einer schwarzen Flasche als "Quotenschwarzer" bezeichnet und ein anderes Getränk mit den Worten "Ey, verrückter Mango" als Anspielung auf das diskriminierende Wort "Mongo" für Menschen mit Trisomie 21 begleitet. Nach der Sonnencreme-Aktion zeigte Charlotte Roche ihren Followern in einer Instagram-Story, wie sie ihren Protest ausdrückt: In einem Supermarkt stellte sie kurzerhand die Flaschen anderer Smoothie-Hersteller vor die des Bonner Unternehmens, damit diese nicht gekauft würden und forderte ihre Follower dazu auf, es ihr gleichzutun.

DHL-Fotowettbewerb

Wie groß die Diskrepanz zwischen dem sein kann, was ein Unternehmen denkt, anzubieten, und wie das auf der anderen Seite die Kunden beurteilen, wurde beim Fotowettbewerb von DHL offenbart. "Fanfotos" sollten die Kunden da einschicken, wobei die Verantwortlichen bei der DHL offenbar Fotos von glücklichen Kunden im Sinn hatten, die sich über die prompte und freundliche Lieferung eines Pakets freuten. Falsch gedacht. Denn welche Fotos tatsächlich gemacht und gepostet wurden, waren solche, auf denen die Lieferfahrzeuge an unmöglichsten Stellen abgestellt worden waren, Paketbenachrichtigungen die Kunden darüber informierten, dass ihre Lieferung nach einem unglücklichen Wurf auf dem Dach gelandet war und Pakete völlig verknickt und mit offensichtlich kaputtem Inhalt in eine Packstation bugsiert worden waren.

Respektrente & Co. - Das sind die Wörter des Jahres 2019

Schleichwerbung? Julia Klöckner wirbt für Nestlé

Einen echten Bärendienst hat Julia Klöckner ihrem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft erwiesen. In einem auf Twitter veröffentlichten Video nannte sie Nestlé als Positivbeispiel für ihre Reduktions- und Innovationsstrategie mit dem Ziel, die Menge an Zucker, Fetten und Salz in Fertigprodukten zu reduzieren. Eindeutig Schleichwerbung, fanden viele User, und das ausgerechnet für einen derart umstrittenen Konzern wie Nestlé, dem vorgeworfen wird, Menschen in Entwicklungsländern für noch mehr Profit auszubeuten und zudem einer der größten Umweltverschmutzer zu sein. Auch wenn es keine klassische Werbung ist - eine Panne ist es auf jeden Fall.

Der YouTuber Rezo schrieb zum Beispiel: "Fun Fact: Hätte ich exakt diesen Tweet mit genau so einem Video gepostet, hätte ich es als #Werbung kennzeichnen müssen." Um die 20 Anzeigen bei der Medienanstalt Berlin-Brandenburg zog das Video nach sich. Und auch, wenn die Medienanstalt die Ministerin von dem Vorwurf freisprach, verkündete sie, dass die Landesmedienanstalten für solche Fälle in Zukunft "Grenzen zulässiger Öffentlichkeitsarbeit des Staates Leitlinien entwickeln" würden.

Süß, lustig, erschreckend: Die skurrilsten Tiergeschichten 2019

Bundeswehr sucht Handwerker

Die von Nachwuchsmangel geplagte Bundeswehr versucht immer wieder, mit mehr oder weniger originellen Sprüchen auf sich als modernen und potenziellen Arbeitgeber aufmerksam zu machen. Mit dem Slogan "Gas, Wasser, Schießen" sollten gezielt Handwerker angesprochen werden, doch ging der flapsig formulierte Schuss nach hinten los. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) zeigte sich empört, der Präsident Peter Wollseifer teilte mit: "Diese Bundeswehr-Kampagne empfinden wir schon als Geringschätzung gegenüber dem Handwerk. Der Werbespruch ist - finde jedenfalls ich – niveaulos". Auch der Zentralverband Sanitär, Heizung, Klima (ZVSHK) sorgte sich infolge "dieses peinlichen Abwerbeversuchs" um den Ruf der Truppe.

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sagte dazu: "Das Wort Gas im Zusammenhang mit Schießen und Militär lässt wenig Fingerspitzengefühl und geschichtliches Bewusstsein bei den Verantwortlichen erkennen." Und genau so wurde der Slogan auch von Usern der sozialen Netzwerke eingestuft.

Das Jahr 2019: Die einprägsamsten Momente mit Greta Thunberg

Opel zeigt seinen SUV auf dem Gehweg

In einer Social-Media-Kampagne stellte Opel der Netzcommunity folgende Frage: "Was empfindest du, wenn du den Grandland X siehst?" Gerechnet hatten die Marketing-Verantwortlichen wohl mit wohlgesonnenen bis im besten Fall neidischen Kommentaren, doch das Gegenteil war der Fall: Die Bilder zeigten nämlich in Halteverbotszonen oder auf Gehwegen abgestellte Fahrzeuge, die deutlich negative Kommentare provozierten:

Weitere Beispiele waren etwa: "Runter vom Radweg, platzverschwendende hässliche Schlotze!", "Opel, löscht den Mist" und: "Also ich vermute ja da sind feindliche PR Agenten von Mercedes in die Marketingabteilung infiltriert. Das kann doch nicht echt sein? #heuteshow?versteckte kamera?" Opel reagierte folgendermaßen auf den Shitstorm: "Selbstverständlich sind die Fotos in einem abgesperrten Bereich entstanden. Trotzdem entschuldigen wir uns für diesen Fauxpas. Wir werden zukünftig alles dafür tun, Missverständnisse dieser Art zu vermeiden."

Ausblick: Das ändert sich 2020 für Verbraucher

Der Biomarkt und die Atomkraft

Während aktuell Spitzenforscher in den USA zu Kernreaktoren forschen, die die globale Erwärmung stoppen sollen, bewarb der Biomarkt Denn’s seine Kampagne für Saatgutvielfalt und gentechnikfreie Züchtung mit dem Spruch "Kernkraft? Ja, bitte!" Ganz klar eine Anspielung an den Slogan "Atomkraft? Nein danke", den in den 1970er-Jahren die Anti-Atomkraft-Bewegung hervorgebracht hat. Das Anti-Atom-Bündnis Berlin und Potsdam warf den Betreibern des Biomarkts daraufhin vor, beim Kunden unterbewusst ein Gefühl zu erzeugen, nachdem Atomkraft ja nicht so schlimm sein könne, wenn selbst die Bio-Branche sie befürworte. Als bessere, weil unmissverständliche Alternative, hätte Denn’s den Slogan so formulieren können: "Kornkraft? Ja, bitte!"