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Die teuerste Wahl aller Zeiten: Der Finanzkampf ums Weiße Haus

Moritz Piehler
·Freier Autor
·Lesedauer: 5 Min.

Der US-Wahlkampf 2020 war der teuerste in der Geschichte. Doch das Geld sagt nur bedingt auch etwas über die Erfolgschancen der Kandidaten aus.

Geld gewinnt auch in den USA keine Wahlen, dennoch kann eine gut gefüllte Wahlkampfkasse ein mitentscheidender Faktor sein. (Symbolbild: Getty)
Geld gewinnt auch in den USA keine Wahlen, dennoch kann eine gut gefüllte Wahlkampfkasse ein mitentscheidender Faktor sein. (Symbolbild: Getty)

Der demokratische Präsidentschaftsanwärter Joe Biden galt lange als eher mäßiger Wahlkämpfer. Zu wenig mit den wichtigen Geldgebern vernetzt, zu steif, um die Basis zum großflächigen Spenden zu motivieren. Doch zum Beginn des wichtigen Monats Oktober, dem letzten vor der Wahl am 3. November, war es nicht Biden, der in Geldschwierigkeiten steckte. Seine Kampagne hatte 177 Millionen US-Dollar auf ihrem Wahlkonto und damit nahezu das Dreifache seines Konkurrenten Donald Trump. Noch im April verhielt es sich fast genau umgekehrt.

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Der US-Wahlkampf ist ungeheuer langwierig und teuer. Von der ersten Vorkandidatur bis zur tatsächlichen Nominierung der Partei allein haben viele Kandidaten schon dutzende Millionen Dollar ausgegeben. Derjenige, den die Partei dann tatsächlich kürt, tut gut daran, so schnell wie möglich große Summen einzuwerben. So teuer wie in diesem Jahr, war der Wahlkampf noch nie. Laut des unabhängigen “Center for Responsive Politics” (CRP) werden beide Parteien ingesamt elf Milliarden US-Dollar ausgeben. Vor vier Jahren beliefen sich die Gesamtbudgets noch auf etwas mehr als die Hälfte. Das Duell Hillary Clinton vs Donald Trump kostete Demokraten und Republikaner insgesamt “nur” 6,5 Milliarden US-Dollar. Mit 54 Prozent der Summe geben die Demokraten deutlich mehr für das Rennen um die Präsidentschaft und die Wahlen für das Repräsentantenhaus und den Senat aus, als die Republikaner. Ende September hatten laut der Politikanalyse-Seite The Conversation beide Kandidaten allein jeweils mehr als 350 Millionen US-Dollar ausgegeben.

Der teuerste Wahlkampf aller Zeiten

Für die Kandidaten bedeutet dies vor allem: Von Beginn an Spenden sammeln, wo es nur geht. Denn allein der monatelange Kampagnenzug durch das Land ist ebenso kräftezehrend, wie kostspielig. Unter Normalbedingungen, also ohne die Einschränkungen durch das Coronavirus, haben die Kandidaten in den Monaten vor der Wahl unzählige Townhall-Meetings besucht, sind in Hallen und Arenen aufgetreten und das alles begleitet von einem riesigen Wahlkampftross. In jedem US-Bundesstaat und jeder wichtigen Stadt unterhalten sie Wahlkampfbüros, oft betrieben von ehrenamtlichen Mitarbeitern, die ihrem Kandidaten zum Wahlsieg verhelfen wollen. Und dann sind da noch die teuren TV-Werbespots, mit denen vor allem die Wähler in den sogenannten Swing-States, also den bisher nicht eindeutig für einen Kandidaten entschiedenen Staaten, überzeugt werden sollen. Bis vor Kurzem war das die wichtigste Waffe im Duell der Präsidentschaftsbewerber. Doch spätestens mit dem Wahlkampf 2016 hat sich das Geschehen in die sozialen Medien verlagert. Weitaus direkter können dort gezielte Wählergruppen angesprochen werden. Und mit Informationen - oder Missinformationen - versorgt. Durch die Einschränkungen der Corona-Pandemie hat sich der Wahlkampf nun noch mehr ins Internet bewegt. Ständig produzieren beide Parteien neue Inhalte, die sie über ihre Kanäle verbreiten.

Trump geht das Geld aus

Trump hat das Spiel um Spenden und Geld-Wahlkampf so verinnerlicht, wie kaum ein Präsident vor ihm. Direkt nach seiner Wahl ging er bereits wieder auf Spendensammlung. Oft schien es, als wäre er am liebsten andauernd auf Wahlkampftour anstatt sich mit den lästigen Alltagsaufgaben des Regierens zu beschäftigen. Dass Geld allein keine Wahlen gewinnt, könnte er indessen wissen. Hillary Clinton hatte deutlich mehr Geld zur Verfügung und verlor bekanntermaßen dennoch trotz einer deutlichen Mehrheit der Gesamtstimmen. Das lag wohl auch daran, dass Trump seine Finanzen gezielter einsetzen konnte und eine fokussiertere Social-Media-Strategie hatte. Er ließ bereits verlorene Staaten fast komplett aus und konzentrierte sich auf einige Kernstaaten, deren Wahlmänner und -frauen ihm schließlich den Sieg bescherten. Für eine Wiederholung dieses Erfolgs sammelte er seit seinem Amtsbeginn 2017 fleißig und hat insgesamt etwa eine Milliarde US-Dollar an Spenden gesammelt. Doch ausgerechnet im Endspurt versiegen jetzt seine Geldquellen.

Bettel-E-mails und Spenden-SMS

In diesem Jahr könnten wieder einige wenige Wählergruppen den entscheidenden Ausschlag geben, doch besonders in den Swing-States werden Trump seine schwachen Finanzen momentan zum Verhängnis. Während Joe Biden mit vollen Händen aus der Kriegskasse schöpfen kann und einen Werbespot nach dem anderen über die Lokalsender in umkämpfte Wahlbezirke schickt, musste die Trump-Kampagne die eingeplanten Wahlwerbungen in mehreren Staaten reduzieren. Sie konnten sich die Kosten nicht mehr erlauben. Dass man im Trump-Lager nun sparen muss, soll auch mit dem Missmanagement seines Wahlkampfchefs Brad Parscale zu tun haben. Über permanente Spendenmails, Push-Nachrichten aus der Trump-App und Bettel-SMS versucht das Team, die schiefe Finanzlage irgendwie zu retten, doch das könnte zu spät kommen. Kein Wahlvideo auf seinem Twitter-Account, das nicht mit einer Bitte um Spenden versehen ist.

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Weil Trump das Geld für andere Werbe-Strategien ausgegangen ist, macht er das, was ihm am liebsten ist. Er tourt auf den letzten Drücker so viel es geht durchs Land und erhofft sich so nationale Berichterstattung durch die Medien, TV-Werbespots umsonst sozusagen. North Carolina, Georgia, Florida - überall versucht der US-Präsident noch Wähler für seine Wiederwahl zu gewinnen. Doch die Umfragen sehen seinen Herausforderer deutlich vorne, nicht nur bei den Spenden. Auf seinen finanziellen Lorbeeren ausruhen kann sich Biden dennoch nicht, denn das kollektive demokratische Trauma von Clinton 2016 hat gezeigt, dass Zahlen schnell Schall und Rauch sein können, wenn die Unentschlossenen sich am Wahltag unvorhergesehen verhalten.

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