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Tönnies – So steht Deutschlands größter Schlachtereikonzern finanziell da

Wegen des Corona-Ausbruchs drohen Tönnies hohe Entschädigungsforderungen. Doch Unternehmer Clemens Tönnies macht es schwer, die Ertragslage seines Imperiums zu entschleiern.

Das Firmenkonstrukt sorgt aber dafür, dass Familienmitglieder nur mit geringen Beträgen haften würden. Foto: dpa

Schon vor wenigen Tagen hat sich Clemens Tönnies, Chef des größten deutschen Schlachtereikonzerns, öffentlich um die Zukunft seines Unternehmens gesorgt. „Sie sehen mich hier als Familienunternehmer“, verkündete er mit ernster Miene vor Journalisten, „dem es vergönnt war, in fast 50 Jahren einen tollen Konzern aufzubauen, der aber vor der größten Krise – und zwar einer existenziellen Krise – des Unternehmens steht.“

Für den ostwestfälischen Schlachtereikonzern, in dem sich mehr als 1550 Mitarbeiter mit dem Coronavirus infizierten, könnte es in den kommenden Wochen tatsächlich teuer werden: Eine Kostenübernahme für Corona-Tests in den Landkreisen Gütersloh und Warendorf hat das Unternehmen bereits zugesagt, Vertragskündigungen von Handelsketten könnten folgen.

Möglicherweise drohen sogar Entschädigungszahlungen an Barbesitzer oder Fitnessstudios, wie sie zuletzt Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) ins Spiel brachte. Selbst die Bundeswehr wird Tönnies für ihren umfangreichen Einsatz möglicherweise eine Rechnung schreiben.

Tönnies betont indes: „Alle Vorgaben und Empfehlungen der Behörden sind in unserem Unternehmen zeitnah und vollständig umgesetzt worden.“ Das Stammwerk in Rheda-Wiedenbrück, wo in der Woche 140.000 Schweine geschlachtet werden, wurde zwangsgeschlossen.

Ein Termin für die Wiedereröffnung des Schlachthofs ist noch nicht absehbar. Das machte der Gütersloher Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) am Montag deutlich. „Die konkreten wirtschaftlichen Folgen sind heute noch nicht zu beziffern“, sagte ein Firmensprecher auf Anfrage.

Doch Geschäftszahlen, die dem Handelsblatt vorliegen, zeigen: Den Bestand des Unternehmens, mit einem Marktanteil von 30,3 Prozent größter Schweineschlachter Deutschlands, dürfte dies alles kaum gefährden. Zum Jahresende 2018, so zeigt der Geschäftsbericht, lagen 335 Millionen Euro an flüssigen Mitteln in der Konzernkasse der Ostwestfalen. Zudem fanden sich zum Bilanzstichtag 778 Millionen Euro Eigenkapital in der Konzernbilanz.

„Clemens Tönnies bestimmt seit 20 Jahren in ganz Europa, ob die Schweinefleischpreise rauf- oder runtergehen. Seine Marktmacht ist enorm“, sagt ein Branchenkenner, der ungenannt bleiben möchte. Logistik und Maschinenpark seien hochmodern und weltweit einzigartig. Da würden ein paar Wochen Zwangsschließung des Stammwerks finanziell verkraftbar sein.

Registriert in Kopenhagen

Dabei macht es Tönnies Beobachtern schwer, die Ertragslage seines Imperiums zu entschleiern. Wer nach Angaben über den Gewinn sucht, muss unter anderem in Kopenhagen beim „Erhvervsstyrelsen“ vorstellig werden, dem dänischen Gewerbeamt, in dessen Register die „Tönnies Holding Verwaltungs ApS“ als persönlich haftender Gesellschafter eingetragen ist. Seit 2017 residiert die Komplementärgesellschaft des Konzerns nicht mehr in Rheda-Wiedenbrück, sondern im dänischen Brörup.

Doch so verschachtelt der als „ApS & Co. KG“ geführte Gesamtkonzern auch immer aufgebaut ist, sicher ist eines: Für Schäden durch den Corona-Ausbruch haftet zunächst allein das Unternehmen. Persönlich würden die Gesellschafter erst dann zur Kasse gebeten, wenn es zur Insolvenz käme – wonach es nicht aussieht.

Kopenhagen ist im Übrigen ein von Tönnies geschickt gewählter Ort. Zwar setzen die dänischen Behörden für die Veröffentlichung der Jahreszahlen eine denkbar kurze Frist von fünf Monaten, publiziert werden aber nur die kaum aussagekräftigen Ergebnisse der Einzelgesellschaft.

Bei ihr wäre, sollten die Reserven im Konzern für die Entschädigungen nicht ausreichen, ohnehin kaum etwas zu holen. Die dänische Gesellschaftsform ApS („Anpartsselskab“) gleicht der deutschen GmbH, wobei das von den Gesellschaftern eingebrachte Stammkapital von umgerechnet 6700 Euro sogar noch geringer ausfällt als bei dem deutschen Pendant.

Auch das Vermögen der Familiengesellschafter ist vor allzu forschen Forderungen der Gläubiger größtenteils geschützt. Clemens Tönnies (45 Prozent Geschäftsanteil), sein Sohn Maximilian (fünf Prozent) und sein Neffe Robert Tönnies (50 Prozent) haften zunächst lediglich in Höhe ihrer Einlagen. Diese bezifferte der Konzern, der 1,08 Milliarden Euro an Verbindlichkeiten auflistete, auf zusammen gerade einmal zehn Millionen Euro – neben Gesellschafterdarlehen in Höhe von 68 Millionen Euro.

Dabei glaubt das US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“, dass Clemens und Robert Tönnies jeweils ein Vermögen von zwei Milliarden Euro besitzen. Ein Teil des familiären Immobilienvermögens befindet sich laut Geschäftsbericht außerhalb des Konzerns. So hat Clemens Tönnies in den vergangenen Jahrzehnten in seiner Doppelrolle als Geschäftsführer und Gesellschafter offenbar gut verdient.

Seit 2010 beziehe er allein als Tätigkeitsvergütung jährlich fünf Millionen Euro netto, schreibt Neffe Robert in einer Schiedsklage gegen seinen Onkel und dessen Sohn Maximilian, die dem Handelsblatt vorliegt. Zuvor seien es 2,5 Millionen Euro im Jahr gewesen. Zwischen Onkel und Neffe herrscht seit Längerem ein Machtkampf im Konzern.

Ein Unternehmenssprecher will sich dazu auf Anfrage nicht äußern. „Wir halten uns zu Fragen des Einigungsvertrages an die vereinbarte Vertraulichkeit und nehmen deshalb hierzu nicht Stellung“, sagte dieser. Hinzu kommen laut Klageschrift Gewinnentnahmen von Clemens Tönnies, die zwischen 1994 und 2016 im dreistelligen Millionenbereich lagen. Danach gab es von beiden Familienstämmen angeblich weitere Privatentnahmen von jeweils 40 Millionen Euro.

Schwache Ertragslage

Doch der Unternehmenserfolg litt in den vergangenen Jahren, wie eine gründliche Analyse der zuletzt veröffentlichten Geschäftsberichte zeigt. Eine Gewinn-und-Verlust-Rechnung veröffentlicht der Gesamtkonzern zwar nicht. Doch der Geschäftsbericht verrät: „Die sonstigen Konzernrücklagen beinhalten die (...) Jahresergebnisse der Tochterunternehmen.“ Der jährliche Zuwachs entspricht damit im Wesentlichen dem Konzernjahresgewinn.

2017 blieben Tönnies damit unterm Strich 58 Millionen Euro, 2018 nur noch knapp 19 Millionen Euro – wenn man Buchgewinne durch die Umgliederung einer Tönnies-Tochter außer Acht lässt.

Wie ertragsschwach das Unternehmen erscheint, zeigt ebenso der Teilkonzern „Tönnies International Holding GmbH“ in Rheda-Wiedenbrück, der – anders als der Gesamtkonzern – eine Gewinn-und-Verlust-Rechnung veröffentlicht. Hier schaffte Tönnies eine Umsatzrendite vor Zinsen und Steuern (Ebit) von gerade einmal 2,8 Prozent, nachdem das Unternehmen im Vorjahr sogar rote Zahlen geschrieben hatte.

Zum Vergleich: Der Lebensmittelhersteller Nestlé kam 2018 auf eine Marge von 17 Prozent, Unilever sogar auf 24,6 Prozent. Die gesamte Fleischbranche hingegen ist von solchen Gewinnmargen meilenweit entfernt. Tönnies-Wettbewerber Westfleisch musste sich 2018 mit einer Ebit-Rendite von 0,9 Prozent begnügen, Vion in Bad Bramstedt sogar mit nur 0,2 Prozent.

Den Wettbewerb im Schlachtereigeschäft, in Deutschland vor allem befeuert durch die Discounter, bezeichnet selbst Marktführer Tönnies als beinhart. Er dürfte in vielen Unternehmen der Grund dafür sein, weshalb man die eigenen Kosten mithilfe fragwürdiger Subunternehmer zu drücken versucht.

Zuletzt gab es allerdings ein wenig Entspannung. 2019 stieg die Nachfrage aus China rapide, weil dort die Afrikanische Schweinepest für Engpässe sorgte. Tönnies steigerte den Umsatz um fast zehn Prozent auf 7,3 Milliarden Euro, was den Gewinn aller Wahrscheinlichkeit nach oben trieb. Damit dürfte nun jedoch wieder Schluss sein. Der vorläufige Produktionsstopp und die Negativwerbung werden 2020 zweifellos den Gewinn mindern.

Das durchkreuzt ebenfalls die Pläne des Neffen Robert Tönnies, der seinem Onkel und dessen Sohn Maximilian am 26. Juli 2019 eine 29-seitige Schiedsklage zustellen ließ. Mit ihr will Robert feststellen lassen, dass wegen Zerrüttung ein Gesamtverkauf der Tönnies-Gruppe stattzufinden hat.

Der Streitwert lag zum damaligen Zeitpunkt bei 600 Millionen Euro. Der schwere Imageschaden dürfte den Unternehmenswert nun deutlich nach unten bewegt haben.