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"Das dicke Ende kommt erst im nächsten Jahr": Oberste Verbraucherschützerin Ramona Pop warnt vor langfristig hohen Kosten in der Gaskrise

"Die Menschen brauchen dringend Unterstützung", fordert Ramona Pop, Chefin der Bundesverbraucherzentrale, mit Blick auf Gasumlage und Inflation. - Copyright: picture alliance/dpa: Bernd von Jutrczenka
"Die Menschen brauchen dringend Unterstützung", fordert Ramona Pop, Chefin der Bundesverbraucherzentrale, mit Blick auf Gasumlage und Inflation. - Copyright: picture alliance/dpa: Bernd von Jutrczenka

Seit dem 1. Juli hat die Bundeszentrale für Verbraucherschutz eine neue Chefin: Im Interview erzählt Ramona Pop, Grünen-Politikerin und ehemalige Berliner Wirtschaftssenatorin, mit welchen Sorgen sich die Deutschen an die Verbraucherschutzzentralen wenden und was die Bundesregierung unternehmen muss, um die Bürger zu entlasten.

Business Insider: Nicht nur Gas und Strom werden teurer, auch alles andere. Wie stark leiden die Verbraucher?

Ramona Pop: "Sehr. Die steigenden Preise sind für viele eine große Belastung. Das zeigt sich auch am Geschäftsklima für Verbraucherinnen und Verbraucher, an der Einkaufslaune, die deutlich zurückgeht. Die Menschen halten ihr Geld zusammen. Aber es gibt auch diejenigen, die schon jetzt an die Grenze ihrer Belastungsfähigkeit stoßen, mit den Ausgaben für Lebensmittel, Energie und Miete. Diese Menschen brauchen dringend Unterstützung."

BI: Was für Menschen kommen im Moment zu Ihnen in die Verbraucherzentrale? Welche Probleme haben sie? 

Pop: "In die Verbraucherzentralen kommt ein Querschnitt der Gesellschaft – und das ist auch gut so. Wir sind Ansprechpartner für jede Verbraucherin und jeden Verbraucher, unabhängig vom Einkommen. Aber die Verbraucherzentralen berichten zunehmend von Menschen, die wirklich verzweifelt sind und Angst davor haben, was mit den Energiepreisen noch auf sie zukommt. Die Beschwerden wegen Gasrechnungen haben sich im Vergleich zum Vorjahr versiebenfacht."

BI: Die neue Gasumlage wurde diese Woche vorgestellt: Ab Oktober kostet die Kilowattstunde 2,4 Cent mehr. Ist das der richtige Weg?

Pop: "Es ist richtig, Vorsorge zu treffen und Anreize zum Sparen zu setzen. Aber die Befürchtung ist ja, dass die Gasumlage nur ein kleiner Teil der Preissteigerungen sein wird und dass das dicke Ende erst mit den Nebenkosten-Abrechnungen im nächsten Jahr kommt. Deshalb fordern wir, dass zusammen mit der Gasumlage auch Entlastungsmaßnahmen getroffen werden, die den Verbraucherinnen und Verbrauchern helfen durch diese Energiekrise zu kommen."

BI: Müssen die Bürger damit rechnen, dass ihnen der Gashahn oder die Stromversorgung abgestellt werden, wenn sie ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können?

Pop: "Das sollte niemand fürchten müssen. Wir fordern, dass für diesen Herbst und Winter ein Moratorium für Strom- und Gassperren ausgesprochen wird. Das war schon in der Corona-Zeit ein wichtiger Baustein, um den Betroffenen eine Last zu nehmen. Ich hoffe sehr, dass die Bundesregierung das mit dem neuen Entlastungspaket auf den Weg bringt."

BI: Noch kritischer ist es, wenn die Energieverträge mit den alten Preisen auslaufen und der Kunde mit den Anbietern „neu“ verhandeln muss. Können Sie das bestätigen? 

Pop: "Wie gesagt: Die Glasumlage ist nur der eine Teil, der andere sind Preiserhöhungen durch die Gasversorger. Dafür gibt es gesetzliche Regelungen – zum Beispiel Fristen für die Ankündigung einer Preiserhöhung –, an die sich die Versorger halten müssen. Nicht alle arbeiten da ganz sauber. Manche wenden zum Beispiel eine Salami-Taktik an, bei der mehrmals hintereinander Preissteigerungen angekündigt werden. Nach drei, vier Briefen verliert man als Verbraucher den Überblick, welcher Preis für die nächsten Monate gilt. Gegen diese Praktiken gehen wir als Verband auch rechtlich vor."

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) gemeinsam mit Finanzminister Christian Lindner (FDP) müssen nun alternative Lösungen für den Mehrwertsteuer-Erlass bei der Gas-Umlage finden.
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) gemeinsam mit Finanzminister Christian Lindner (FDP) müssen nun alternative Lösungen für den Mehrwertsteuer-Erlass bei der Gas-Umlage finden.

BI: Um Gas zu sparen, decken sich viele mit Heizlüftern ein – trotz aller Warnungen.

Pop: "Heizlüfter sind leider nicht die Lösung. Strom ist immer noch teurer als Gas. Das heißt: Wer Gas durch Strom ersetzt, treibt die Stromrechnung in exorbitante Höhen. Außerdem drohen Überlastungen des Stromnetzes, wenn alle gleichzeitig Heizlüfter anwerfen."

BI: Wie können Verbraucher kontrollieren, ob sie zu viel Energie verbrauchen?

Pop: "Die Informationspflichten der Energieversorger und Vermieter müssen von der Bundesregierung klarer definiert werden, damit die Mieter sich regelmäßig einen Überblick über ihren Verbrauch machen und abschätzen können, mit welchen Mehrkosten sie rechnen müssen. Hier muss die Bundesregierung nachlegen.

Was aber die wenigsten wissen: Es ist jetzt schon so, dass Vermieter in bestimmten Fällen verpflichtet sind, den monatlichen Verbrauch von Warm- und Kaltwasser sowie Heizung darzustellen und dem Mieter auf Wunsch zu übermitteln. Das gilt nämlich, sofern im Gebäude bereits Smart Meter installiert sind. Ich kann nur raten, hier hartnäckig zu sein und diese Informationen beim Vermieter einzufordern, um einen Überblick zu bekommen."

BI: Die Regierung hat ab Oktober noch mehr Entlastungen angekündigt, um die steigenden Energiekosten auszugleichen – was wäre sinnvoll? 

Pop: "Zuallererst muss die Bundesregierung dafür sorgen, dass die Gruppen mit geringem Einkommen, die jetzt bereits an der Grenze ihrer finanziellen Belastungsfähigkeit sind, zielgerichtet unterstützt werden. Die Themen sind ja schon in der Diskussion: Eine Erhöhung des Wohngeldes beziehungsweise eine dauerhafte Heizkostenpauschale für Wohngeld-Empfangende, Rentner und Studierende.

Wir brauchen auch eine Verlängerung und Reform des Neun-Euro-Tickets in ein 29-Euro-Ticket, das bundesweit nutzbar ist. Das schont den Geldbeutel und das Klima."

BI: Die meisten Hilfsmaßnahmen laufen Ende August aus ...

Pop: "In der Tat: Die Gasumlage soll kommen, aber die Entlastungen lassen auf sich warten. Das passt nicht zusammen. Im September kommt einmalig die Heizkostenpauschale, aber sonst gibt es nichts, worauf sich die Verbraucher verlassen können. Das halte ich für fatal."

BI: Wir alle müssen sparen, um warm durch diesen Winter zu kommen – aber auch, um die Industrie zu unterstützen und Entlassungen zu verhindern, wenn Fabriken plötzlich nicht mehr laufen, weil ihnen das Gas ausgeht oder es womöglich abgestellt wird. Ist das aus Sicht der Verbraucher nachvollziehbar?

Pop: "Der Gasverbrauch ist in Deutschland ungefähr gedrittelt in Privathaushalte, Industrie und öffentlicher Sektor. Eine Erhebung von uns hat ergeben, dass sich die Verbraucher wünschen, dass die Sparmaßnahmen ebenfalls auf alle Schultern verteilt werden. Jeder muss seinen Beitrag leisten, wir müssen alle gemeinsam sparen. Deshalb sind wir zusammen mit vielen anderen Organisationen auch Teil der großen Energiesparkampagne des Bundeswirtschaftsministeriums und werben für Energiesparmaßnahmen in unseren Beratungen."

BI: Wie kann jeder einzelne von uns einen Beitrag leisten?

Pop: "Jetzt im Sommer ist Warmwasser sparen das Gebot der Stunde, um die Gasspeicher weiter aufzufüllen. Das heißt: Keine Vollbäder nehmen, kürzer und nicht so heiß duschen, was sich bei den aktuellen Temperaturen wahrscheinlich sowieso anbietet. Außerdem raten wir zu einem wassersparenden Duschkopf – aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man gar nicht bemerkt, dass weniger Wasser durch die Leitung fließt. Sinnvoll ist auch, den Kühlschrank runterzudrehen. Er muss nicht auf höchster Stufe laufen, um effektiv zu kühlen.

Für den Winter sollten zur Vorbereitung Fenster und Türen gut abgedichtet werden. Sollten unsere Wohnungen im Winter zwei, drei Grad kälter beheizt werden müssen als gewohnt, empfehlen sich zum Wärmen konventionelle Methoden wie Wollsocken und Strickjacken. Das klingt vielleicht banal, aber diese Kleinigkeiten helfen in ihrer Summe, Gas zu sparen – und sind auch noch gut für den Geldbeutel."