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Wie ein deutschstämmiger US-Verfassungsrechtler über seine Wahlheimat denkt

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Der gebürtige Hamburger und ehemalige Präsident der Stanford-Universität Gerhard Casper erwartet einen heftigen Streit um das US-Wahlergebnis, bei dem sich Donald Trump durchaus durchsetzen könne.

Wie siebzig Millionen andere Amerikaner haben der Verfassungsrechtler Gerhard Casper und seine Frau Regina, eine Professorin für Psychiatrie, per Brief bei der US-Präsidentschaftswahl abgestimmt. Wenige Tage vor der Wahl am 3. November sitzt Casper im Garten seines Hauses im Silicon Valley, unweit von der Stanford Universität, der er einst als Präsident vorstand. Er hat sich extra Zeit für ein Interview mit der ARD und der WirtschaftsWoche genommen, um die Tücken des US-Wahlrechts zu erläutern. Casper ist besorgt.

Die Präsidentschaftswahl, meint er im Video-Interview, könne durchaus wie 2016 ausgehen, als Trump trotz fast drei Millionen weniger Wählerstimmen siegte. „Ich werde wohl bis zur Wahl nicht gut schlafen“, sagt Casper, „und vermutlich noch Monate danach.“ Er hält es für möglich, dass, wenn die Wahl angefochten wird, auch im Januar noch kein Präsident und Vizepräsident feststehen. Nach den Regeln müsste dann die Chefin des US-Repräsentantenhauses Nancy Pelosi die Amtsgeschäfte übernehmen. Seiner Meinung nach müsste sich die neue Verfassungsrichterin Amy Coney Barrett bei einem möglichen Anfechten des Wahlergebnisses vor dem Supreme Court der Stimme enthalten. Aber das werde wohl eher nicht geschehen.

Die Vorgärten im Silicon Valley sind gepflastert mit Biden-Harris-Schildern. Das Hightech-Tal ist seit den achtziger Jahren fest in der Hand der Demokraten. Auch Casper und seine Frau wünschen sich, dass Trump abgelöst wird. Zu ihm fällt dem Professor wenig Gutes ein. Außer der wieder in Gang gekommene Nahost-Friedensprozess. „Trump hat dem Amt ungemein geschadet“, sagt Casper. Aber die US-Gesellschaft wäre schon zuvor tief gespalten gewesen, Trump habe das nur verstärkt. Auch hätte Trump-Vorgänger Barack Obama sich stärker von Europa abgekehrt und mehr nach Asien ausgerichtet. Beide Parteien seien mittlerweile vor allem ideologisch getrieben.

Neulich hat Casper einen Brief gefunden, den er 1954 seinen Eltern von Amerika aus schrieb und in leuchtenden Farben die US-Politik lobte. Der Hamburger hatte damals als 16-jähriger Schüler eine Einladung zu einer Reise in die US-Bundeshauptstadt Washington bekommen, um sich vor Ort das Wirken der amerikanischen Demokratie anzuschauen. Die 30 Schüler aus dreißig Ländern lebten drei Monate bei amerikanischen Familien, besuchten den Kongress und sprachen mit Senatoren. Casper war zutiefst beeindruckt, wie herzlich auch politische Gegner miteinander umgingen, immer auf der Suche nach einer Lösung für das Gemeinwohl. Es war das Gegenteil von dem, was er aus dem tief zerstrittenen Nachkriegsdeutschland kannte. So schrieb er es nach Hause. „Wer hätte gedacht, dass sich das so umkehren würde“, sagt er.

Der gebürtige Hamburger hat es in seiner Wahlheimat weit gebracht. Er studierte in Hamburg, Freiburg und in Yale Jura. In Freiburg hat er promoviert und seitdem eine Verbundenheit zur badischen Metropole und badischen Wein. Seinen Garten in Kalifornien ziert ein mehrere Jahrhunderte alter Stein des Freiburger Münsters. Als das Münster erneuert und einige der alten Steine zur Finanzierung verkauft wurden, war Casper gerade in Deutschland. Und fuhr schnurstracks nach Freiburg, um für seine Frau einen davon zu erwerben.

Im Herbst 1964 ging er in die USA, lehrte lange an der Universität von Chicago und schaffte es schließlich bis an die Spitze der Stanford Universität, die er von 1992 bis 2000 leitete. Die war bei seinem Amtsantritt wegen finanzieller Konflikte mit der Regierung in der Krise, die Casper beilegte und die Uni finanziell wieder auf die Füße stellte.

In seiner Zeit an Stanford entstanden aus der Universität heraus einige der bekanntesten Adressen des Internets, unter ihnen Yahoo und Google. Die Stanford-Studenten Larry Page und Sergey Brin hatten mit dem Prototyp ihrer Suchmaschine fast das Universitätsnetz lahmgelegt. Als der Google-Förderer und Stanford Informatik-Professor John Hennessy den Namen des Stanford-Präsidenten in die Suchmaschine eintippte, erschien tatsächlich dessen offizielle Stanford-Seite. Und nicht wie bei anderen Suchmaschinen die Comic-Figur „Casper the friendly ghost“.

Casper und seine Frau sind seit vielen Jahrzehnten Amerikaner. Ihre deutsche Staatsbürgerschaft mussten sie damals ablegen, weil im Gegensatz zu heute das deutsche Recht keine doppelten Staatsbürgerschaften erlaubte. Momentan kann er deshalb als Staatsbürger eines Corona-Hochrisikogebiets nicht in Deutschland einreisen. Obwohl er im Dezember 83 wird, ist Casper noch immer sehr viel unterwegs, auf allen Kontinenten. Der Jurist berät viele Universitäten in der ganzen Welt, hält Vorträge. Anfang des Jahres war er noch in Pakistan, bis Corona weitere Reisepläne vereitelte. Jetzt nutzt er die Ruhe und die gewonnene Zeit und liest sehr viel. Aber man merkt, dass ihm das Reisen fehlt.

Den Supreme Court der USA kennt er wie kein anderer, auch viele der gegenwärtigen Richter persönlich. Über ein Jahrzehnt war er Chefredakteur des Fachjournals „The Supreme Court Review.“ Den Anhörungen der neuen Richterin Amy Coney Barrett ist er mit gemischten Gefühlen gefolgt. Casper hält nichts davon, den Supreme Court in konservativ und liberal einzuteilen. Viele Richter hätten sich im Laufe ihrer Karriere je nach Entscheidung von konservativ zu liberal entwickelt und umgekehrt. Dem Supreme Court werde zudem zu viel Macht angedichtet, politische Entscheidungen immer noch größtenteils von den Politikern getroffen.

Als Präsident Ronald Reagan 1987 den konservativen Richter Robert Bork für den Supreme Court nominierte, fungierte Casper als einer der Verfassungsexperten. Er rasselte damals mit Joe Biden heftig zusammen, der dem Justizausschuss des Senats vorstand und Bork laut Meinung von Casper „extrem unfair“ behandelte. „Bork war ohne Zweifel zutiefst qualifiziert für das Amt“, sagt Casper. Die Demokraten vereitelten seine Berufung.

Casper hat für Biden gestimmt, den er inzwischen für „sehr unparteiisch“ hält. Allerdings nicht für den besten Kandidaten. „Aber er wird sich sicherlich gute Berater holen“, sagt der Professor. Das hatte man bei Trump auch gehofft. Aber bei Biden ist die Chance hoch, dass er auch auf sie hört.

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