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Deutschland sollte dem Wirtschaftswunder an der Weichsel mehr Beachtung schenken

Brüggmann, Mathias Münchrath, Jens
·Lesedauer: 7 Min.

Polen kommt vergleichsweise gut durch die Krise. Jetzt steht ein riesiger Umbau der Wirtschaft bevor – deutsche Unternehmen könnten profitieren.

Immer China und die USA – egal mit wem man spricht und um welche Branche es geht: Wenn es um deutsche Wirtschaftsperspektiven geht, ist vor allem von den beiden weltgrößten Volkswirtschaften die Rede. Das räumlich Naheliegende, also die Bedeutung unserer Nachbarländer für den deutschen Wohlstand ist meist nur eine Randnotiz wert.

Ein Land, bei dem die Diskrepanz zwischen mangelnder Aufmerksamkeit und ökonomischer Relevanz besonders groß ist, ist Polen. Seit der Chef der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), Jaroslaw Kaczynski, der heimliche Herrscher Polens, die Politik dominiert, macht die sechstgrößte EU-Volkswirtschaft vor allem mit der Debatte um mangelnde Rechtsstaatlichkeit auf sich aufmerksam.

Wie kritisch die Lage diesbezüglich ist, zeigte sich einmal mehr am Mittwoch, als die privaten Medien sich entschlossen, die eigenen Inhalte aus Protest gegen politische Repressionen für 24 Stunden zu schwärzen.

Doch auch die Widerstandskraft der polnischen Wirtschaft – und vor allem die guten Perspektiven – sorgen in Europa für Erstaunen. Nach der internationalen Finanzkrise, die der Weichselstaat als einziges EU-Land ohne Rezession durchstand, ist die polnische Wirtschaft auch in der Corona-Pandemie mit einem Minus beim Bruttoinlandsprodukt von 2,8 Prozent so glimpflich durch die Krise gekommen wie kaum ein anderes Mitgliedsland der EU.

Und inzwischen – auch dies für viele Deutsche wohl verwunderlich – rangiert der östliche Nachbar auf Platz fünf der Handelspartner Deutschlands. Sogar der größte Börsengang Europas kam voriges Jahr aus Polen: der des Internethändlers Allegro.pl.

Diese positive ökonomische Entwicklung seit dem EU-Beitritt 2004 hatte niemand wirklich erwartet. Und manch einer spricht schon vom kleinen Wirtschaftswunder an der Weichsel. Ein Wunder, von dem auch der große Nachbar im Westen profitiert.

Vor allem der geplante Umbau der Energiewirtschaft, weg von der Kohle hin zu erneuerbaren Energien könnte ein großes Betätigungsfeld deutscher Unternehmen sein. „Insgesamt 240 Milliarden Euro werden wir bis zum Jahr 2030 investieren“, kündigte Klima- und Umweltminister Michal Kurtyka im Handelsblatt-Gespräch an.

Schon jetzt ist die deutsche Wirtschaft eng mit Polen verflochten. In Lodz lässt Bosch-Siemens Hausgeräte nicht nur Waschmaschinen von den Bändern rollen, sondern forscht auch an neuer Haushaltstechnik.

In der Sonderwirtschaftszone Walbrzych bei Breslau hat Daimler seine neu aufgebaute Motorenproduktion um ein zweites Batteriewerk erweitert, auch dieses mit Industrie-4.0-Standard und CO2-neutral, gespeist mit Strom aus einem zehn Kilometer entfernten Windpark. Volkswagen produziert nicht nur Caddy-, Crafter- und Transporter-Modelle, auch Aluminiumgießteile kommen von Posen aus ins weltweite VW-Netz.

„Polen und Deutschland – das Powerhaus der EU“

Auch für zahlreiche Nischen-Weltmarktführer des deutschen Mittelstandes ist der größte osteuropäische EU-Staat allen politischen Friktionen zum Trotz ein bedeutender Standort und längst mehr als eine verlängerte Werkbank. Zugleich sind Firmen wie Drutex aus dem pommerschen Bytów und die Warschauer CD Projekt zu europäischen Marktführern bei Fenstern und Computerspielen aufgestiegen.

Die Bedeutung unserer direkten Nachbarn für die deutsche Wirtschaft wird oft unterschätzt. Das gilt besonders für Polen, „wo die wirtschaftliche Verflechtung sehr eng ist“, sagt Ifo-Chef Clemens Fuest. Der polnische „Markt wächst dynamisch“, mehr als fünf Prozent Plus seien im kommenden Jahr möglich.

Polens Wirtschaft zeichne sich durch zwei besondere Merkmale aus: „Vielfalt und Flexibilität“, sagt die aus Krakau stammende heutige Chefökonomin der Osteuropaförderbank EBRD, Beata Javorcik. „Beides habe dem Land während der Coronavirus-Pandemie gute Dienste geleistet“, sagt sie. Polen helfe, „dass es nicht ein dominantes Exportprodukt gibt, was sektorspezifische Risiken begrenzt“.

Während der Coronakrise, die auch Polen stark traf, habe „ein großzügiges Unterstützungspaket“ geholfen, so Javorcik. Für das laufende Jahr rechne die EBRD mit drei Prozent Wachstum – und damit wäre Polen das einzige EU-Mitglied, das Ende 2021 das Vorkrisenniveau erreicht hätte.

Firmen richteten sich in der Pandemie neu aus

Tatsächlich sei Polen mit einem Einbruch der Wirtschaftleistung um 2,8 Prozent weniger hart getroffen worden als andere EU-Länder, sagt auch der für Wirtschaft zuständige Vizepremier Jaroslaw Gowin im Handelsblatt-Interview: „Viele polnische Firmen haben die Pandemie genutzt, um sich umzuorganisieren, stärker zu digitalisieren und einzuspringen, wo andere Lieferketten abgerissen sind.“

Im November war Polen wieder die Nummer drei in der EU beim Anstieg der Industrieproduktion. Und der deutsch-polnische Handel rangiert seit August über dem Niveau von 2019 – Tendenz: steigend. Polen habe im November erneut die USA als Nummer drei der deutschen Importländer überrundet, betont auch Oliver Hermes, Chef des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft. Und der Ruf des Landes als einer der dynamischsten deutschen Auslandsmärkte habe gute Gründe, so Hermes: „Deutschland und Polen sind gemeinsam ein Powerhouse für den EU-Binnenmarkt.“

75 Prozent des Stroms kommen noch aus Kohle

Produktionsstandorte im Nachbarland seien längst fester Bestandteil der Wertschöpfungsketten der deutschen Industrie. Zahlreiche innovative Produkte deutscher Firmen würden bereits in Polen entwickelt, sagt Hermes, der auch CEO des Dortmunder Pumpenherstellers Wilo ist. Insbesondere im Bereich der Industrie 4.0, also der Implementierung digitaler Lösungen in die Industrieproduktion, könnten Deutschland und Polen gemeinsam eine Führungsrolle in Europa übernehmen.

Mittelfristig entscheidend für den Erfolg Polens ist vor allem ein Projekt: die polnische Energiewende. Noch immer kommen dort drei Viertel der Stromerzeugung aus Kohlekraftwerken. Die schlesischen Reviere, wo Bergmänner in den Flözen eng an eng schwarze Brocken schlugen, war im letzten Sommer der größte Corona-Hotspot im Weichselstaat.

61 polnische Städte stehen auf der Liste der am meisten mit Feinstaub belasteten Orte der EU. Das größte Braunkohlekraftwerk Europas und die Nummer zwei weltweit in Bełchatów ist der größte einzelne CO2-Emittent in der Union – größer als ganz Irland oder die Slowakei.

Innerhalb von 20 Jahren will Umweltminister Kurtyka den Kohleanteil auf einen Wert zwischen 28 und elf Prozent verringern – je nachdem, wie schnell die bis 2030 für den Energiesektor benötigten Investitionen flössen. Bis 2040 sollten allein Windparks 8000 bis 11.000 Megawatt Strom produzieren. Neben staatlichen, und davon hauptsächlich EU-Geldern müssten aber auch große Privatinvestitionen gestemmt und Milliarden über Umweltabgaben auf den Strom eingespielt werden.

Wirtschaftlicher Erfolg dank EU-Milliarden

Vor allem aber müsse das Land, das seit seinem EU-Beitritt 2004 von damals 49 auf heute gut 70 Prozent der durchschnittlichen EU-Wirtschaftskraft zugelegt hat, ein „Schockerlebnis für die Wirtschaft bei diesem Wandel“ vermeiden, sagt Kurtyka. Zwar habe Schlesien schon heute mehr Einnahmen durch die Autoproduktion als durch Kohle und Stahl, aber „wir müssen vom Ruhrgebiet, der Wallonie oder Manchester lernen und die Menschen beim Wandel mitnehmen“.

Es müssten, so Kurtyka, in den Bereichen Elektromobilität, Bau von Windkraftanlagen und Wärmepumpen sowie Photovoltaik so viele Jobs aufgebaut werden, wie in den traditionellen, auf fossilen Energien basierenden Industrien verloren gingen.

Sicherlich ist die ökonomische Erfolgsbilanz Polens nicht ohne die massiven Hilfsgelder aus Brüssel zu erklären. Bisher hat das Land fast 190 Milliarden Euro EU-Fördermittel seit dem Beitritt 2004 erhalten. Hinzu kommen noch die 24 Milliarden Euro an Zuschüssen und 34 Milliarden Euro als Darlehen, die Polen aus dem Corona-Wiederaufbaufonds ab diesem Jahr erhält. D

as Land habe den Wandel „mustergültig“ geschafft, sagt der rumänische Osteuropa-Experte Gratian Mihailescu. Polen hätte – anders als andere osteuropäische Staaten – die EU-Mittel vorbildlich verwendet.

Polen ist sichtlich stolz auf seinen ökonomischen Erfolg. Das betont auch Kaczynski bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Und der vor allem im Westen umstrittene Parteichef hat noch viel vor: „Polen muss sich schnell entwickeln, schneller, deutlich schneller als die Länder Westeuropas.“ Dazu arbeite er gerade einen „New Deal“ aus.

Was allerdings der Parteichef genau unter „New Deal“ versteht, bleibt im Unklaren. Aus Sicht seiner Kritiker jedenfalls muss das wie eine Drohung klingen. Denn zuletzt bedeuten politische Initiativen Kaczynskis vor allem Angriffe auf Justiz, Medien und Frauenrechte. Und auch das dürfte am Ende ein Teil der Polen-Geschichte sein: Der ökonomische Erfolg hängt auf lange Sicht vor allem davon ab, ob Polen ein Land bleibt , das auf demokratischen und rechtsstaatlichen Werten basiert.