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Warum aus Deutschland keine Konkurrenz zum Krügerrand kommt

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Die Bundesrepublik verkauft Goldmünzen zum Discountpreis. Am Münzmarkt spielen sie trotzdem kaum eine Rolle. Das liegt auch am Behörden-Chaos.

Experten haben sich seit Jahren für eine deutsche Anlagemünze stark gemacht. Foto: dpa
Experten haben sich seit Jahren für eine deutsche Anlagemünze stark gemacht. Foto: dpa

Wenn am Donnerstag die neue 100-Euro-Goldmünze der Bundesrepublik Deutschland auf den Markt kommt, dürften sich Schnäppchenjäger wieder einmal die Hände reiben. Bestellen konnten Anleger die 15,5 Gramm schwere Münze für 807 Euro. Vergleichbare Münzen sind im Handel aktuell 30 bis 50 Euro teurer.

Noch höhere Rabatte waren im vergangenen Jahr möglich: Im Oktober 2019 hatte die verantwortliche „Verkaufsstelle für Sammlermünzen der Bundesrepublik“ (VfS) den Goldeuro deutlich unter Materialwert verkauft – und sich damit vor der Fachwelt blamiert.

Inzwischen hat sich die VfS ein neues Image verpasst: Sie firmiert unter dem Namen „Münze Deutschland“ und gehört zum Bundesverwaltungsamt (BVA), das wiederum dem Bundesinnenministerium unterstellt ist. Sie hat die Schauspielerin Esther Schweins und den Fußballfunktionär Reiner Calmund als Werbegesichter eingespannt. Doch noch immer ist die Reputation der Münze Deutschland weit entfernt von berühmten staatlichen Prägeanstalten wie der U.S. Mint, der Royal Canadian Mint oder der Münze Österreich.

Geprägte Historie – Was bei Sammlermünzen zu beachten ist

Hauptgrund dafür ist, dass die Münze Deutschland keine unlimitierte Investmentmünze im Angebot hat. Anzeichen, an dieser Strategie etwas zu ändern, gibt es trotz der Namensänderung nicht. Das BVA erklärt nach Abstimmung mit dem Bundesfinanzministerium: „Durch den neuen Markenauftritt sollen unsere Angebote für Münzsammler attraktiver und für neue Zielgruppen interessanter werden. Damit ist jedoch kein Strategiewechsel verbunden.“

Hohe Nachfrage

Händler und Edelmetallexperten machen sich seit Jahren für eine deutsche Anlagemünze stark. Die Gelegenheit scheint nach dem sprunghaften Anstieg der Goldpreise in diesem Jahr günstiger denn je. Allein im ersten Halbjahr 2020 haben die Deutschen Goldmünzen und -barren im Umfang von 83 Tonnen gekauft, wie Daten des World Gold Council zeigen. Damit haben deutsche Anleger in diesem Zeitraum mehr Gold gekauft als 1,3 Milliarden Chinesen.

Dominik Lochmann vom Edelmetallhändler ESG in Rheinstetten bestätigt: „Die Nachfrage nach Goldmünzen und Barren ist dieses Jahr minuszins- und Corona-bedingt sehr hoch.“ Dennoch spielten die goldenen Euro-Sammlermünzen, die Deutschland seit 2002 ausgibt, nur eine kleine Rolle auf dem Gesamtmarkt. „Hier hat allein der Krügerrand immer noch einen Marktanteil von über 50 Prozent.“ Dabei, ist Lochmann überzeugt, könnte eine Deutsche Investment-Münze innerhalb kürzester Zeit zur Weltspitze aufschließen.

Ähnlich sieht das Michael Eubel, Leiter des Kompetenzzentrums Edelmetalle der BayernLB in Nürnberg: „Der Bundesrepublik Deutschland als einem der goldaffinsten Länder der Erde würde eine international bekannte Gold-Investment-Münze ‚made in Germany‘ gut zu Gesicht stehen.“ Sie hätte zudem das Potenzial, im Ausland ähnlich beliebt zu werden wie hierzulande der südafrikanische Krügerrand, ist Eubel überzeugt.

Dass den goldenen Euros aus der Bundesrepublik der Durchbruch am Goldmarkt bislang verwehrt blieb, liegt an den limitierten Stückzahlen und den für Investmentmünzen ungeeigneten Gewichten. Die Münze Deutschland hat aktuell 20-Euro-Goldmünzen mit einem Gewicht einer Achtelfeinunze (3,89 Gramm), 50-Euro-Goldmünzen mit einem Gewicht von einer Viertelfeinunze (7,775 Gramm) sowie 100-Euro-Münzen mit einer halben Unze Feingold (15,5 Gramm) im Angebot.

Lediglich zur Euro-Einführung 2002 hat die Bundesrepublik eine 200-Euro-Münze mit dem bei Investmentmünzen gängigen Gewicht von einer Unze ausgegeben, diese hat jedoch inzwischen Sammlerwert. Für Anleger sind Barren und Münzen mit einem Gewicht von weniger als zehn Gramm Gold wenig vorteilhaft, weil die Prägekosten im Verhältnis zum Materialwert hoch sind.

Die Münzen sind als gesetzliches Zahlungsmittel in Deutschland zugelassen. Zwar liegt der Nominalwert deutlich unter dem Materialwert. Doch die Zulassung als Zahlungsmittel in einem stabilen Staat wie Deutschland könnte insbesondere für ausländische Investoren ein zusätzlicher Sicherheitsanker sein, der sich positiv auf die Nachfrage auswirkt.

Gewinn für den Steuerzahler

Ein deutsches Pendant zum Krügerrand wäre jedoch nicht nur für die Anleger und Goldhändler lohnend – sondern auch für den Staat. Münzen werden in der Regel mit einem Aufschlag von zwei bis drei Prozent auf den Materialwert ausgegeben. Bei einer Auflage von mehreren Hunderttausend Stück pro Jahr wären das mögliche Millioneneinnahmen für den Fiskus. Auch BayernLB-Experte Eubel sagt: „Mit einer deutschen Gold-Bullion ließe sich gutes Geld verdienen, wenn man es richtig anpackt.“

Auf die Frage, was gegen die Einführung einer Investment-Münze spreche, antwortet das BVA knapp: „Die Münze Deutschland vertreibt und vermarktet die Sammler- und Gedenkmünzen der Bundesrepublik Deutschland. Sie gibt keine Anlagemünzen aus.“ Ob sich das Geschäft möglicherweise lohne, dazu könne keine Aussage getroffen werden.

Bisher scheut die Münze Deutschland eine unlimitierte Goldmünze auch deshalb, weil das Finanzministerium für die Behörde das Edelmetall bei der Bundesbank ordert, so heißt es. Jährlich verbrauche die Münzprägung etwa vier bis fünf Tonnen aus dem Bundesbankbestand. Die Münze Deutschland äußerte sich dazu nicht. Die Goldreserve der Bundesbank ist hochpolitisch, ein Abschmelzen der Bundesbankbestände und ein Verkauf an Investoren wären umstritten.

Eine deutsche Anlagemünze wäre jedoch leicht umsetzbar, ohne den Goldbestand der Bundesbank anzutasten. Das zeigt das Beispiel der Münze Österreich. Sie ordert ihr Gold bevorzugt beim Schweizer Barrenhersteller Argor-Heraeus, an dem die Münze zwischenzeitlich sogar beteiligt war.

Die Münzprägung ist ein einträgliches Geschäft, selbst wenn das Edelmetall extern eingekauft wird, wie die Jahresabschlüsse der Münze Österreich zeigen: Obwohl die Auflage der Anlagemünze, dem „Wiener Philharmoniker“, 2019 deutlich gesunken ist, lag der Jahresüberschuss noch bei rund 35 Millionen Euro. 2018 waren es 57 Millionen, 2017 sogar noch 90 Millionen Euro Gewinn.

Christian Brenner, Co-Geschäftsführer beim österreichischen Goldhändler Philoro setzt so viele „Wiener Philharmoniker“ in Deutschland ab wie kein anderer Konkurrent. Auch er sagt: „Es überrascht mich sehr, dass Deutschland keine eigene Anlagemünze hat.“ Eine solche „wäre vom ersten Tag an ein Bestseller“.

Komplexe Strukturen

Die Pannen rund um den Verkauf der 100-Euro-Sammlermünze „Dom zu Speyer“ im vergangenen Jahr nähren jedoch den Verdacht, dass es der Münze Deutschland mit der aktuellen Struktur ohnehin schwerfallen dürfte, eine Anlegermünze kosteneffizient auf den Markt zu bringen. Das BVA, dem die Münze zugeordnet ist, vergibt unter anderem auch Bafög-Studienkredite und stellt Waffenscheine aus. Bei der Materialbeschaffung sind zudem Finanzministerium und Bundesbank eingebunden.

Der Planungs- und Produktionsprozess für die Münzen dauert mehrere Monate. Trotzdem unterlässt es der Bund offenbar, sich gegen etwaige Preisschwankungen abzusichern. Das BVA erklärt: „Der Goldkauf erfolgt ausschließlich zur Herstellung der Goldmünzen. Der Bund tätigt keine Spekulationsgeschäfte.“ Eine nachträgliche Anpassung des Verkaufspreises erfolge nicht.

So kam es, dass der Bund die Münze „Dom zu Speyer“ mit einem Rabatt von fast zehn Prozent auf den Materialwert verkaufte. Die Folge: Ein Ansturm bei den Bestellungen, der wiederum die Behörde überforderte. Einzelne Händler gaben Orders für die komplette Charge auf.

Die Zustellung der Münzen verzögerte sich um zwei Wochen. Hinter vorgehaltener Hand bescheinigen Edelmetallexperten den beteiligten Behörden Dilettantismus und mangelnden politischen Willen. Das BVA hält dagegen: „Die Ausgabe der 100-Euro-Goldmünze 2019 war ein großer Erfolg. Die gesamte Auflage wurde verkauft und der Bund hat seine Einnahme uneingeschränkt erzielt.“

Doch immerhin eine Konsequenz haben die Behörden unter Federführung des Finanzministeriums gezogen: „2020 wurde der Abstand zwischen Goldkauf und Bestellfrist erheblich verkürzt.“

Ein voller Erfolg war es auch für die glücklichen Anleger, die sich im vergangenen Oktober eine Goldmünze zum Discountpreis von 626,98 Euro sichern konnten. Aktuell erhalten sie im Ankauf Daten von Vergleichsportalen wie gold.de zufolge rund 804 Euro für die Münzen. Das entspricht einer Rendite von 28 Prozent. Der Goldpreis ist in Euro innerhalb der vergangenen zwölf Monate lediglich um 19 Prozent gestiegen.

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