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„Nein, in Deutschland kann nicht jeder einfach so gründen“

·Lesedauer: 6 Min.
Verena Würsig und Julia Kümper haben ihren Inkubator Ventreneurs erst vor wenigen Wochen gegründet.
Verena Würsig und Julia Kümper haben ihren Inkubator Ventreneurs erst vor wenigen Wochen gegründet.

Gründen können alle, einfach so – sie müssen nur eine Idee haben, zum Notar gehen, und fertig ist die Firma. Das ist die deutsche Version der US-Legende vom Tellerwäscher, der zum Startup-Millionär wird. Doch mit jeder Schlagzeile über Diskriminierung und mangelnde Vielfalt in der Szene bekommt sie mehr Kratzer.

Auch Julia Kümper und Verena Würsig glauben nicht, dass es so einfach ist. Kümper ist Geschäftsführerin des Venturevilla-Accelerators, Würsig betreibt die Gründungs- und Förderberatung Includivo. Zusammen haben sie einen neuen Inkubator gestartet: Ventreneurs soll all jenen Menschen helfen, die beim Gründen in Deutschland aktuell durchs Raster fallen. Wer das ist und wie die Startup-Szene sie im Stich lässt, verraten die beiden im Interview.

Verena und Julia, laut eurer Website ist eure Vision: „Gründen für alle“. Können in Deutschland denn nicht alle gründen?

Verena Würsig: Theoretisch können das natürlich alle. Aber praktisch stehen viele Menschen vor Hindernissen. Die können in der Herkunft einer Person begründet sein, im Bildungs- oder Migrationsstatus oder in der persönlichen gesundheitlichen Situation. Gleichzeitig nährt sich die Gründer- und Investorenszene vorzugsweise aus sich selbst heraus: Was man kennt, das unterstützt man. Deswegen sagen wir: Nein, in Deutschland kann eben nicht jeder einfach so gründen.

Dieses Interview erschien zuerst am 6. Mai und hat besonders viele Leserinnen und Leser interessiert.

Umgekehrt gefragt: Wer kann es denn?

Würsig: Hierzulande gründen vor allem Menschen, die sich ein Studium leisten können. Was in der Pandemie noch dramatischer geworden ist, weil viele Nebenjobs wegfallen, mit denen man sich vielleicht die Uni finanziert hätte. Das ist auch dadurch eine Zugangshürde, dass die potenziellen Investoren oft selbst aus einem sehr privilegierten Bildungshintergrund kommen. Viele waren früher Analysten oder Wirtschaftsprüfer. Eine Szene wie in den USA, wo Leute in ihren frühen Zwanzigern Gründer waren, schnell viel Erfolg und Glück hatten und ziemlich schnell selbst VCs werden, die gibt es hierzulande kaum. Bei uns ist das Venture-Capital-Personal sehr etabliert und verbleibt immer in denselben Strukturen und demselben Umfeld.

Julia Kümper: Man muss es sich auch leisten können, VC zu werden beziehungsweise einen eigenen Fonds zu raisen. Wie lang allein die Zeitspanne bis zur Etablierung des Fonds und dann zur Ausschüttung ist, da bedarf es einfach eines gewissen finanziellen Polsters und Netzwerks.

Ist die Startup-Szene also nicht nur zu weiß und zu männlich, wie man oft hört, sondern gibt es auch beim sozialen Status ein Ungleichgewicht?

Kümper: Ja. Es heißt immer: ,Wo ist das Problem? Gründen kann doch jeder. Man muss nur zum Notar gehen und einen Euro Stammkapitaleinlage für eine UG machen.' Aber das ist Quatsch. Von diesem Stammkapital muss man nämlich auch die Notar- und Buchhaltungskosten bezahlen. Unter 5.000 Euro ist es nicht realistisch, in Deutschland – haftungsrechtlich sicher – zu gründen. Aber das ist für viele aus der Startup-Szene keine Summe mehr, über die sie überhaupt noch nachdenken. Es fehlt das Bewusstsein, dass das ein Privileg ist.

Klingt wie bei vielen Startup-Geschäftsmodellen, die auf den ersten Blick nur Luxusprobleme lösen: Die persönliche Lebenserfahrung – oder die des eigenen Millieus – wird für allgemeingültig erklärt.

Kümper: Genau. Überspitzt gesagt: Die Gründer-Genies wollen uns weismachen, dass die ganze Welt die gleichen Probleme hat – und sie die Lösung dafür kennen. Der Universalanspruch lautet: ,Ich weiß, was für euch gut ist.'

Lässt sich das Problem, dass bestimmte Gruppen in der Startup-Szene nicht genug repräsentiert werden, durch mehr Vorbilder lösen – zum Beispiel mehr Gründerinnen auf Konferenz-Podien?

Kümper: Vorbilder sind wichtig, aber die Leute müssen auch einen Bezug zu ihnen haben. Es hilft nicht, wenn eine Person nach vorne gestellt wird, deren Lebensrealität nichts mit der eigenen zu tun hat. Die Investorin mit Vollzeit-Nanny kann für eine alleinerziehende Mutter mit geringem Einkommen nur bedingt ein Vorbild sein. Zwischen denen, die auf den Konferenz-Podien sitzen, entsteht eher ein selbstbestätigendes, sich vor allem gegenseitig empowerndes Netzwerk. Das ist legitim, aber eben auch nur eine andere Form von Kapitalkonzentration.

Würsig: Und es besteht die Gefahr, den Blick für das zu verlieren, was sich wirklich in der Lebensrealität bei einzelnen Menschen abspielt, wenn man ständig auf irgendwelchen Bühnen erzählt: ,Wenn du eine Idee hast, dann gründe halt!'

Wie wollt ihr das Problem, dass nicht alle gründen können, also lösen?

Würsig: Es muss einen Weg geben für sehr individuell geprägte Gründerinnen und Gründer. Also zum Beispiel Menschen, die ein gesundheitliches Problem haben. Die sind deswegen nicht weniger engagiert als andere, nur eben vielleicht nicht jeden Tag, sondern in Schüben, wenn man etwa an Menschen mit Multipler Sklerose denkt. Die Lösung kann nicht sein, auf solche Gründungen allein mit der ROI-Brille zu gucken oder diesen Gründerinnen und Gründern zu unterstellen, sie könnten nicht genauso gute oder engagierte Unternehmerinnen und Unternehmer sein. Wir behaupten, dass die meisten Personen aus diesen vermeintlich schwierigen Zielgruppen sogar besonders motiviert und engagiert sind.

Und wie wollt ihr ihnen helfen?

Kümper: Wir wollen ein Blended Value Incubator sein, also weg von der Wertbemessung über den rein monetären Ansatz. Wir möchten Kapital nicht mit Unternehmen matchen, sondern mit Menschen. Die Idee ist, die rechtlichen und gesellschaftlichen Barrieren dadurch aufzuheben, dass wir die Leute erst einmal bei uns anstellen und es ihnen so ermöglichen, ihre Idee zu evaluieren. Quasi eine Pre-Seed-Phase in Anstellung. Dann können wir als Inkubator auf Geldgeber zugehen und sagen: Schaut mal, das hier ist eigentlich schon ein Investment Case, auch für Risikokapital.

Also spielt Venture Capital doch noch eine Rolle.

Kümper: Wir sind jedenfalls keine Charity. Und natürlich müssen wir erst mal irgendwo Geld herbekommen, um das zu beweisen. Wir wollen eine Umdefinition davon, was Wert ist – und das im bestehenden System. Ich weiß, das klingt paradox. Aber wir befinden uns in einem Übergang, man kann nicht von heute auf morgen sagen: Wir ziehen alle auf den Aussiedler*innenhof und verweigern uns dem kapitalistischen Zwang. Das können sich nämlich auch wieder nur sehr privilegierte Leute erlauben.

Wie könnte das im konkreten Fall aussehen, wenn jemand euer Programm durchläuft?

Kümper: Es könnte eine Nicht-EU-Bürgerin sein, die in Deutschland studiert. Mit ihrem Visum darf sie parallel zum Studium nicht gründen, und wenn sie ihren Abschluss hat und gründen möchte, braucht sie dafür eine andere Art von Visum. Das zu bekommen, kann sich über ein Jahr hinziehen. Man muss außerdem 10.000 Euro auf dem Konto nachweisen und die Ausländerbehörde entscheidet, ob sie den eingereichten Businessplan für wirtschaftlich tragfähig hält. Unser Ansatz wäre dann zu sagen: Wenn wir dich bei uns anstellen, hast du sofort eine deutsche Steuernummer und ein Angestelltenvisum, für das du keine 10.000 Euro auf der hohen Kante brauchst und keine wirtschaftliche Prüfung deines Businessplans.

Würsig: Oder ein Sologründer, der kein Wagniskapital bekommt, weil gesagt wird: ,Der ist alleine, das Ausfallrisiko ist zu hoch.‘ Da könnten wir ein C-Tandem anbieten, also als Co-Geschäftsführerinnen auftreten und notfalls einspringen. Sprich: das Risiko für die Kapitalgebenden minimieren.

Und was habt ihr finanziell davon?

Kümper: In unserer Idealvorstellung geht es in Richtung Darlehen oder Gewinnbeteiligung. Natürlich nehmen wir auch gerne Anteile, aber wir wollen nicht die Notlagen, in den die Leute teilweise sind, auch noch ausnutzen. Erstmal brauchen wir aber eine Anschubfinanzierung, um ein rotierendes System zu bekommen und einen gewissen Kapitalfluss sicherstellen zu können. Dabei geht es uns um Einnahmen, nicht um Exits. Wir wollen persönlich keine Millionen damit machen.

Das heißt dann: Social Startups am laufenden Band?

Kümper: Nein. Wir haben kein Recht, über jemanden zu urteilen und zu sagen: Wir geben dir nur Geld wenn du was ,Besseres' machst als alle anderen.

Würsig: Wenn jemand bei uns das Potenzial hat und sagt, er will das nächste Unicorn werden – dann soll er das auch in Gottes Namen tun!

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