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Deutschland bleibt zu Hause – Tourismusbranche drohen massive Umsatzeinbrüche

Neue Zahlen zeigen: Die Deutschen halten sich bei Urlaubsbuchungen zurück. Es bahnen sich einschneidende Veränderungen in der Tourismusbranche an.

Über 60 Prozent der Deutschen planen noch vor Ende dieses Jahres eine Urlaubsreise im Heimatland, knapp ein Drittel bereits in den nächsten drei Monaten. Foto: dpa

Die Vorfreude war riesig. Um vier Uhr morgens machte sich Kai-Jörg Krall mit seiner Ehefrau Katja von seinem Heimatort an der Mosel nach Frankfurt auf den Weg. Sie wollten zu den Ersten gehören, die am 15. Juni wieder Richtung Mallorca fliegen durften. Spaniens Regierung hatte für rund 11.000 Deutsche frühzeitig eine Ausnahme vom Lockdown genehmigt.

Doch der Urlaubstrip wurde für den 40-jährigen Rheinland-Pfälzer zu einer zweitägigen Odyssee. Der peinliche Fehler seines Reiseveranstalters: Tui hatte beim Flug auf die Baleareninsel einen Zwischenstopp in Zürich eingebaut. Die Maschine aus der Schweiz sahen die Grenzschützer in Palma de Mallorca aber gar nicht gern – schließlich galt die Ausnahmegenehmigung für Deutschland und nicht für die Schweiz.

Die spanischen Beamten setzten Krall und andere Passagiere daraufhin kurzerhand in die nächste Maschine zurück nach Zürich, wo sie dann in der Nacht strandeten. Das Ehepaar holte sich einen Mietwagen und erreichte Stunden später den Parkplatz des Frankfurter Flughafens. Eine Urlaubsübernachtung gönnten sich die beiden doch noch: im Airport-Hotel in Kelsterbach.

Diejenigen, die es nach den wochenlangen Reiseverboten wieder in die Fremde zieht, müssen nach wie vor befürchten, dass böse Überraschungen im Gepäck mitreisen. Welcher Urlaubsort garantiert, dass es dort nicht erneut zu einem Lockdown kommt? Wie sieht es in den Ferienregionen mit der ärztlichen Versorgung aus? Welche Verkehrsmittel sind bedenkenlos nutzbar? Und stecke ich mich im Flugzeug womöglich mit dem Coronavirus an?

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Findet die Tourismusindustrie auf diese Fragen nicht rasch überzeugende Antworten, droht einer ganzen Branche der Kollaps. Schon jetzt gefährden die Finanzlöcher, die die Corona-Pandemie seit März in der Touristik hinterließ, unzählige Existenzen.

Die Branche selbst übt sich in Durchhalteparolen. „Nach der jüngsten Lockerung der Reisebeschränkungen in Europa stiegen die Buchungen für das Sommerprogramm in der vergangenen Woche spürbar an“, sagte Tui-Chef Fritz Joussen jüngst. Auch Ingo Burmester, Zentraleuropa-Chef beim zweitgrößten Wettbewerber DER Touristik, berichtete über ein anziehendes Geschäft – und machte den Urlaubern zugleich Hoffnung auf günstige Konditionen.

„Zum Teil machen uns unsere Leistungsträger sehr attraktive Angebote“, warb er um die Gunst der Kunden. Expedia-CEO Peter Kern ließ sogar eine Pressemitteilung verschicken, nach der sein Internetportal die Buchungszahlen in Deutschland gegenüber Mitte April verdoppelt habe.

Die addierten Zahlen von Urlaubsportalen wie Check24 und Holidaycheck, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegen, zeigen hingegen: Die Buchungsanfragen lagen am Sonntag vergangener Woche 73 Prozent unter dem Vergleichstag des Vorjahres. Eine überraschende Entwicklung. Noch am 7. Juni, als sich die Grenzöffnungen innerhalb Europas zum ersten Mal abzeichneten, lagen sie lediglich 68 Prozent unter Vorjahr – dem vorläufig besten Wert seit Anfang März.

Laut Deutschem Reiseverband (DRV) verursachte die Pandemie bislang Umsatzeinbußen von 10,8 Milliarden Euro. Und die Aussichten bleiben düster. „Die Verlängerung der Reisewarnung für außereuropäische Länder bedeutet für Juli und August weitere neun Milliarden Euro Verlust“, sagt Verbandspräsident Norbert Fiebig.

Es geht um viel Geld. Gut 35,4 Milliarden Euro gaben die Deutschen 2019 für organisierte Reisen aus, also für Pauschal- und Bausteinangebote der Reiseveranstalter. Zusammen mit den Privatbuchungen von Einzelleistungen kam die Branche im vergangenen Jahr auf 70 Milliarden Euro. Zur Bruttowertschöpfung Deutschlands, so ermittelte das Bundeswirtschaftsministerium, trägt der Inlandstourismus jährlich 105 Milliarden Euro bei, was einem Anteil von 3,9 Prozent entspricht und 0,4 Prozentpunkten über dem Maschinenbau liegt. Jeder 15. Arbeitsplatz in Deutschland geht auf das Konto der Reiseindustrie.

Die World Tourism Organisation (UNWTO), eine Unterorganisation der Uno, errechnete für den März einen weltweiten Reisenden-Einbruch um 55 Prozent. Im April lag die Zahl unvorstellbare 97 Prozent unter Vorjahr. Seit Jahresbeginn seien damit global Umsätze von 195 Milliarden Dollar in der Touristik verloren gegangen.

Die Volkswirtschaften der beliebtesten Reiseziele der Deutschen sind noch stärker vom Tourismus abhängig. Sie alle leiden, weil die Deutschen zu Hause bleiben. Immerhin: Die EU-Reiseziele am Mittelmeer profitieren vom Ausfall der 2019 noch starken Urlaubsländer Türkei, Ägypten und Vereinigte Arabische Emirate. Weil für sie die Reisewarnung weiterhin bis Ende August gilt, baute Marktführer Spanien laut dem Marktforscher Trevo Trend seinen Anteil bei deutschen Touristen um fünf Prozentpunkte auf 35,4 Prozent aus. Griechenland konnte ihn sogar auf 26,7 Prozent nahezu verdoppeln.

Coronakrise und Urlaubsansprüche – diese Rechte haben Arbeitgeber

Buchungsweg verändert sich

Die eigene Seele für ein paar Tage baumeln lassen, idyllische Dörfer und Landschaften genießen, entspannte Wochen an türkis schimmernden Buchten – wer ans deutsche Pauschalreisegeschäft denkt, dem kamen bislang Bilder wie diese in den Sinn. Doch das handfeste Gerangel unter den Anbietern, die im implodierenden Urlaubsmarkt um jeden Cent kämpfen, lässt solche Bilder selbst bei den Urlaubern zunehmend verblassen.

Wie groß der Konkurrenzkampf der einzelnen Anbieter untereinander in der Coronakrise ist, erlebte die Kasseler Büroangestellte Bettina Fellner (Name geändert). Mit Freude erfuhr sie, dass Tui am 15. Juni die Hotline in Hannover wieder aufnimmt. Wochenlang war ihr Reiseveranstalter nicht zu erreichen gewesen, seit dem Ende der EU-Reisewarnung aber warben seine Urlaubsverkäufer nun wieder am Telefon mit guten Ratschlägen und verlockenden Zusatzangeboten.

Doch für die Bürokauffrau endete die Hotline-Anfrage abrupt, als die von ihr beim Gespräch durchgegebene Buchungsnummer wohl einen Erstkontakt mit einem Reisebüro verriet. Sekunden später folgte die Antwort – in Form eines Besetztzeichens in der Leitung. „Ihre Hotline öffnet die Tui ausschließlich für ihre Internetkunden“, berichtet Marija Linnhoff vom Verband Unabhängiger Selbstständiger Reisebüros (VUSR). „Wer im Reisebüro gebucht hat, wird abgewimmelt.“ Üblicherweise muss Tui an Agenturen zehn Prozent Provision abgeben.

Viele Orte, insbesondere die an Nord- und Ostsee, sind schon randvoll bis ausgebucht (Bild: Getty)

Auch die millionenfach vorgetragene Bitte, angezahltes Geld ordnungsgemäß zurückzuerstatten, findet bei den Reiseveranstaltern bis heute kaum Gehör. „Was da passiert, ist eine Frechheit“, poltert inzwischen der Tourismusbeauftragte der Regierung, CDU-Politiker Thomas Bareiß.

Die fragwürdige Krisenpolitik der Reisekonzerne wird das Modell verändern, mit dem Deutschlands Sonnenhungrige künftig in die schönsten Wochen des Jahres starten. „Das Vertrauen vieler Reisender ist fundamental erschüttert“, beobachtet Beatrix Morath, Touristikspezialistin bei der Beratungsfirma AlixPartners. Die Folgen der Corona-Pandemie, aber auch Insolvenzen hätten die Risiken der Pauschalreise verdeutlicht. „Die Rückkehr auf das Vorkrisenniveau wird vermutlich nicht nur zwei bis drei Jahre dauern“, glaubt sie, „die Coronakrise könnte die Reisegewohnheiten auch nachhaltig verändern.“

Marktführer Tui denkt schon jetzt an einen radikalen Konzernumbau. So hat Vorstandschef Joussen angekündigt, die Hälfte seiner Flugzeugflotte zu veräußern. Auch Schiffe und Hotels des Konzerns will er verkaufen, um dringend benötigtes Geld in die Kasse zu bekommen. Einen Teil davon will er anschließend zurückmieten. Zudem soll die Digitalisierung beim Sparen helfen, was den teuren Vertrieb über Reisebüros zunehmend ersetzen dürfte.

Schon jetzt zeichnet sich die Misere der Pauschaltouristik ab, deren Anteil am deutschen Reisebuchungsgeschäft 2019 bei 50,5 Prozent gelegen hatte. Nur noch 18,4 Prozent der deutschen Urlaubsinteressenten gaben bei einer Umfrage der Hotelberatung Siteminder an, in diesem Jahr ein Pauschalpaket oder im Reisebüro buchen zu wollen. Das Image ist dahin.

Zuerst trifft es die Kleinen. Während den Branchengrößen Tui und FTI die Bundesregierung mit üppigen Hilfspaketen zur Seite sprang, ging vielen Spezialveranstaltern das Geld aus. Dass ihnen Airlines wie die Lufthansa Geld für wertlose Tickets nicht zurückzahlten, obwohl das Bürgerliche Gesetzbuch dazu eine Frist von sieben Tagen setzt, tat sein Übriges.

Die erste Corona-bedingte Pleite meldete Ende Februar der Hamburger Fernostspezialist China Tours. Wenig später folgten der Karlsruher Radreisenanbieter Radissimo und der Südostasienspezialist Comtour, der beim Essener Amtsgericht einen Insolvenzantrag gestellt hat. Ende April traf es den Canada Reise Dienst (CRD) International, der sich nach 45 Jahren im Markt beim Amtsgericht Hamburg als zahlungsunfähig meldete.

Auch das Verhältnis zwischen vielen Pauschalanbietern und der Reisebüroszene ist zerrüttet. Wenig Freunde machten sich insbesondere Tui und DER Touristik. Die beiden größten Veranstalter ließen sich von den Agenturen ausgeschüttete Provisionen zurückbuchen, sobald die von ihnen verkauften Reisen ausfielen. Wer gegen die Rückzahlung aufbegehrte, dem drohte die Kündigung des Agenturvertrags.

Die unerwartete Aktion kostete die Reisebüros enorm viel Liquidität. Angegriffen waren sie schon vorher, weil die Agenturen über Wochen ausschließlich damit beschäftigt waren, stornierte Urlaubsreisen abzuwickeln – ohne einen Cent damit zu verdienen. „Wir haben monatelang umsonst gearbeitet“, klagt Melanie Renne, Reisebüroleiterin aus Hannover. „Und wir werden erst dann wieder Geld bekommen, wenn die ersten Gäste abgereist sind.“ Nun ruhen die Hoffnungen auf einem Hilfspaket des Bundes, das in wenigen Tagen starten soll. „Von den rund 10.000 Agenturen“, glaubt Marija Linnhoff vom Reisebüroverband VUSR dennoch, „wird wohl ein Viertel der Krise zum Opfer fallen.“

Unsichere Zeit für Pauschalanbieter

Auch die Pauschalanbieter gehen unsicheren Zeiten entgegen. Nach den ersten beiden ausgebuchten Mallorca-Landungen kündigte Tui für die kommenden Tage gleich 20 weitere Flüge an, die in Richtung der Ballermann-Insel und nach Ibiza gehen. Als nächste Destination wählte der Konzern das portugiesische Faro an der Algarve. Urlaubsorte unter anderem in Spanien, Griechenland, auf Zypern, in Italien, Kroatien und Bulgarien sollen Anfang Juli folgen. „Ich gehe davon aus, dass wir Ende Juli in Deutschland wieder über die Hälfte des geplanten Flugreiseprogramms erreichen“, sagte Tui-Chef Joussen vor wenigen Tagen in einer Videokonferenz mit Aktionären.

Wie heikel ein solches Versprechen ist, weiß AlixPartners-Touristikexpertin Morath. „Für die Reiseveranstalter wird die Hochlaufkurve teuer“, sagt sie. Der Grund: Erst mit den zehn letzten Sitzen im Flieger verdienen die Airlines normalerweise Geld. Werden die Flug- und Hotelkapazitäten nicht ausgelastet, fließt weiterhin Cash aus dem Unternehmen. „Viele Pauschalreiseveranstalter sind jedoch jetzt schon hochverschuldet und werden vor existenzbedrohenden Herausforderungen stehen, sollte im Herbst beispielsweise eine zweite große Coronawelle anstehen oder die Erholungskurve zu flach verlaufen“, warnt Morath.

Doch auch der Münchener Wettbewerber FTI, der wie Tui auf einen Notkredit der staatlichen Förderbank KfW zurückgreifen musste, startet Ende Juni wieder mit den ersten Touristenflügen ins Ausland, etwa nach Bulgarien und Malta. Selbst für Urlaubsflüge nach Ägypten, dem Heimat- und Investitionsland seines Hauptaktionärs Samih Sawiris, rührt FTI-Vertriebschef Ralph Schiller längst wieder die Werbetrommel. Dabei muss sich, wer aus dem Land der Pharaonen in die Heimat zurückreist, auf eine 14-tägige Quarantäne gefasst machen. Gleiches gilt für Rückkehrer aus der Türkei, Tunesien, Marokko oder Thailand.

Es bahnen sich große Veränderungen in der Touristik an – zumindest so lange, wie das Coronavirus nicht besiegt ist. So fand die Hotelberatung Siteminder bei einer Umfrage unter 561 deutschen Urlaubern heraus: Über 60 Prozent der Deutschen planen noch vor Ende dieses Jahres eine Urlaubsreise im Heimatland, knapp ein Drittel bereits in den nächsten drei Monaten. Zum Vergleich: Unmittelbar vor Ausbruch der Coronakrise hatte lediglich rund ein Viertel der Deutschen einen Urlaub im Inland geplant.

„Der niedrige Übernachtungspreis hat im Vergleich an Relevanz verloren“, beobachtet Siteminder-Manager Clemens Fisch. Nur knapp 19 Prozent der Befragten gaben an, der Tarif besitze eine hohe Bedeutung. Kurz vor der Coronakrise hatte noch fast ein Drittel den Preis als den ausschlaggebenden Entscheidungsfaktor bei der Hotelbuchung bezeichnet. Fast genauso wichtig wie die Übernachtungsrate ist vielen inzwischen eine „abgelegene Lage“, wichtiger noch sind ausreichende Hygiene- und Schutzmaßnahmen (23 Prozent) und kulante Stornierungsmöglichkeiten (33 Prozent).

Urlaub in Deutschland wird teurer

Entsprechend gehen die Preise nach oben. Eine Nacht im Harz für Juli und August, ermittelte das ARD-Magazin „Plusminus“, kostete 2019 im Durchschnitt 103,39 Euro, nun aber 138,01 Euro. Bayern verlangte vergangenen Sommer im Schnitt für die Nacht in einer Ferienwohnung, einem Ferienhaus oder im Hotel 142,65 Euro, in dieser Saison sind es 190,35 Euro. Auch in Mecklenburg-Vorpommern stiegen die Übernachtungstarife von durchschnittlich 147,74 Euro pro Nacht auf 168,60 Euro. Deutschland-Urlauber zahlen damit überall ein Drittel mehr.

Manche von Deutschlands Vermietern überbieten sich dabei selbst. „Das von uns gebuchte Ferienhaus auf Föhr verlangt jetzt 725 Euro“, erzählt Claudia Opitz, eine Zollbeamtin aus Nordrhein-Westfalen, die es im September mit Ehemann, Tochter und Großmutter an die Nordsee zieht. „Im gedruckten Katalog steht die Unterkunft für 420 Euro.“ Dagegen erscheinen die Preiserhöhungen, die Tui-Deutschlandchef Marek Andryszak vor wenigen Tagen für diesen Sommer mit 14 Prozent angab, als Schnäppchen. Am knappen Angebot liegen dort die Preissteigerungen ohnehin nicht. Das Sommerprogramm sei erst zu 25 Prozent ausgebucht, ließ Tui ausrichten.

Die Prioritäten, nach denen im Sommer 2020 gebucht wird, hat das Coronavirus mächtig durcheinandergewirbelt. „Bislang haben wir immer auf den günstigen Preis und eine reichhaltige Ausstattung geachtet“, sagt Frank Grunwald, leitender Vertriebsmanager eines Lebensmittelherstellers im Badischen. „Diesmal ist es für uns viel wichtiger, dass wir genügend Abstand zu anderen Urlaubern haben.“ Gebucht hat der Vater zweier Töchter deshalb ein abgelegenes Ferienhaus in der Toskana.

Die Wahl der Unterkunft hat sich laut der Siteminder-Studie erheblich verändert. Hatten vor dem Covid-19-Ausbruch 27 Prozent der Deutschen ihren Urlaub in einem Hotelresort geplant, sind es inzwischen kaum noch 20 Prozent. Ferienhäuser und -wohnungen entwickelten sich dagegen mit rund 23 Prozent zur derzeit beliebtesten Unterkunft für den Urlaub, gefolgt von Pensionen (14 Prozent), Häusern von Familien und Freunden (15 Prozent) und Boutique-Hotels (12 Prozent).

Noch schwieriger als der Neustart von Ferienanlagen im Ausland wird es den Reiseveranstaltern fallen, das Kreuzfahrtgeschäft wieder in Gang zu setzen. Nach spektakulären Infektionsfällen auf Ozeandampfern vor Yokohama, Miami und San Francisco hatten nahezu sämtliche Reedereien Mitte März ihr Geschäft eingestellt. Aida, Costa oder Carnival Cruise Lines lassen ihren Betrieb bis mindestens Ende Juli ruhen, MSC und Cunard sogar bis Oktober. Noch im vergangenen Jahr hatten sich weltweit 30 Millionen Urlaubsgäste auf den schwimmenden Urlaubsfabriken eingeschifft, Reedereien rangelten untereinander um die knappen Werftenplätze. Nun aber dümpeln die mehr als 400 Ozeanriesen ungenutzt vor sich hin.

„Von der Teilnahme an Kreuzfahrten wird aufgrund der besonderen Risiken dringend abgeraten“, warnt das Auswärtige Amt. Nur für Flusskreuzfahrten innerhalb des Schengenraums fällt das Urteil milder aus – falls umfangreiche Hygienekonzepte vorliegen. Weil die Reisewarnung jedoch kein Verbot ist, sondern nur ein dringender Appell, drängen die Tui-Reedereien auf einen Neustart. Sie wollen mit drei- bis viertägigen Kurzkreuzfahrten noch diesen Sommer starten und nennen das neue Konzept „Blue Cruises“. Gekreuzt wird, mit reduzierter Kapazität, nur auf Nord- und Ostsee. Weil möglicherweise keine weiteren Häfen angelaufen werden dürfen, hieße die Route dann etwa „von Hamburg nach Hamburg“.

Auch Hapag-Lloyd Cruises, die Luxusmarke von Tui mit Schiffen wie der „MS Europa“, plant die Wiederaufnahme des Betriebs im Sommer, ebenso wie Tuis britische Low-Cost-Reederei Marella Cruises. Dazu allerdings müsste man zunächst weitere Lockerungen aus London abwarten.

Campingfahrzeuge sind beliebt

Profitieren könnten die Reedereien davon, dass ihre Kunden zu den treuesten in der Reisebranche zählen. Etwa die Hälfte der verhinderten Passagiere ließ sich mit Gutscheinen für das nächste Jahr vertrösten, statt die Anzahlungen zurückzufordern. „Ich würde selbst dann an Bord gehen, wenn es noch keinen einsatzfähigen Corona-Impfstoff gibt“, bekundet Nils Hille, der eigentlich für Mai mit Tui Cruises eine Kreuzfahrt vor Italien gebucht hatte. Der Geschäftsführer einer Düsseldorfer Weiterbildungseinrichtung ist sich sicher: „Wenn in einem solchen Fall weniger Leute an Bord dürfen – umso besser!“

Ob der Neustart der Touristik gelingt, hängt sowohl bei den sogenannten „Warmwasserzielen“ wie auch in der Kreuzfahrt davon ab, ob die Airlines das Infektionsrisiko in den Griff bekommen. Denn erweisen sich Flugzeuge als Brutstätte für Coronaviren, bleiben alle übrigen Anstrengungen umsonst.

Über das Ausmaß der Ansteckungsgefahr tobt seit Monaten ein Glaubenskrieg. Die Airlines verweisen auf ihre sogenannten Hepa-Filter (steht für „high efficiency particulate absorbtion“), die 99,97 Prozent aller gefährlichen Partikel aus der Kabine filtern sollen. Alle drei Minuten werde die Luft im Flugzeug ausgetauscht, was sie vergleichbar mache mit einem Operationssaal. Zudem ströme die Luft von der Decke Richtung Boden. Aerosole, die Viren übertragen, würden sich damit kaum in dem Raum verbreiten.

Doch ein Restrisiko bleibt. Steht das Flugzeug am Gate, arbeiten die Klimaanlagen nur mit mäßiger Kraft. Insbesondere beim Ein- und Aussteigen steigt dadurch die Gefahr einer Virenübertragung. Bislang wurden allerdings nur Fälle bekannt, bei denen sich Passagiere im direkten Kontakt mit Crewmitgliedern infizierten. Untereinander sollen sich Fluggäste bislang nicht angesteckt haben.

Fest steht aber auch: Es gibt einen eindeutigen Gewinner der Krise. „Wir sehen derzeit eine enorme Nachfrage nach Campingfahrzeugen“, berichtet Daniel Onggowinarso, Geschäftsführer des Branchenindustrieverbands CIVD. Nicht nur Neufahrzeuge würden den Händlern seit der Wiedereröffnung ihrer Läden aus der Hand gerissen. Auch die Nachfrage nach Gebraucht- und Mietfahrzeugen sei beachtlich. Doch die neu gewonnenen Camping-Enthusiasten sollten sich beeilen, wie man beim CIVD anmerkt. „Viele Plätze, insbesondere die an Nord- und Ostsee, sind schon randvoll bis ausgebucht.“

Video: Urlaub in Europa - Grenzen weitgehend wieder geöffnet