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Deutscher Meister Volkswagen: Der Computer lenkt, der Roboter baut

Kein anderes Unternehmen ist hierzulande innovativer als Volkswagen. Der Grund: Die Wolfsburger sind inzwischen weit mehr als nur ein Autohersteller.


Innovationen – sie sind schon immer entscheidend für den Erfolg eines Unternehmens gewesen. Welche Unternehmen besonders relevante Innovationen hervorbringen, lässt sich in der Datenbank der Firma Patentsight ablesen.

Auf Basis dieser Daten hat das Schweizer Beratungsunternehmen Econsight für das Handelsblatt eine Rangliste jener 100 Unternehmen erstellt, die auf dem derzeit wirtschaftlich wichtigsten Innovationsfeld führend sind: an der Schnittstelle zwischen analogen und digitalen Technologien.

Deutscher Gesamtsieger: Volkswagen. Ein überraschendes Ergebnis, schließlich schien es eher so, als habe VW seinen Erfindungsgeist auf manipulierte Abgaswerte konzentriert.

Die fünf Elektro-Golf sind vollgestopft mit Technik. Zusätzliche Sensoren auf dem Dach und in den Kotflügeln, in der Frontpartie und am Heck überwachen die Umgebung. Außerdem können die Autos entlang der Straßen mit den Ampeln kommunizieren.

Die kleine Golf-Flotte ist auf einer neun Kilometer langen Teststrecke zwischen dem Hamburger Dammtor-Bahnhof und der Elbphilharmonie unterwegs. In der Hansestadt testet der weltgrößte Automobilhersteller das autonome Fahren – ein wichtiges Zukunftsfeld der Fahrzeugbranche, das in den kommenden zehn Jahren mit Milliardenumsätzen lockt.

Volkswagen ist heute nicht mehr nur ein Autohersteller, sondern ein führender Innovator an der Schnittstelle zwischen analogen und digitalen Technologien. Der Dieselskandal war ein zusätzlicher Katalysator, der die Veränderungen beschleunigt hat. Im weltweiten Innovationsranking von Patentsight und Econsight rangierte der VW-Konzern im Jahr 2010 noch irgendwo hinten auf Platz 90. Von großer Innovationskraft war nichts zu sehen.


Doch in der zurückliegenden Dekade ist in Wolfsburg viel passiert. Von Jahr zu Jahr hat sich der VW-Konzern im Innovationsranking nach vorn gearbeitet und belegt im weltweiten Vergleich inzwischen sogar schon den zehnten Platz. Unter den deutschen Unternehmen hat sich Volkswagen sogar auf den ersten Rang gesetzt. Die Wolfsburger punkten beim autonomen Fahren, bei der Robotik mit der Industrie 4.0 und neuen Mobilitätsdiensten.

Insbesondere beim autonomen Fahren strengt sich Volkswagen heute an, nicht nur auf der Teststrecke in Hamburg. Im speziellen Teilranking für diesen Bereich von Patentsight und Econsight hat der Wolfsburger Autohersteller mittlerweile den zweiten Platz erreicht und liegt damit vor dem US-Konkurrenten Waymo. Die Google-Schwester gilt auch heute noch als der entscheidende Treiber beim autonomen Fahren. Die US-Softwareentwickler hatten frühzeitig gesehen, dass moderne Computerprogramme eines Tages den Fahrer eines Autos ersetzen können.

Auch Volkswagen hat inzwischen die Potenziale des autonomen Fahrens erkannt. „Das Thema ist adressiert“, bestätigt Stefan Bratzel, Professor am Center of Automotive Management (CAM) an der Fachhochschule Bergisch Gladbach. Das CAM-Institut bescheinigt dem Volkswagen-Konzern ebenfalls einen Spitzenplatz bei den Innovationen.

Bei Volkswagen geht es jetzt ganz besonders darum, kommerzielle Nutzungen für das autonome Fahren zu entwickeln. Nur wenige Privatkunden dürften dazu bereit sein, für ein Robo-Taxi bis zu 100 000 Euro vom privaten Konto aufzubringen. Ganz anders sieht das bei kommerziellen Nutzungen aus. Wenn Taxifirmen oder Ride-sharing-Dienste keinen Fahrer brauchen und nicht mehr durch Lohnkosten belastet werden, dann lohnt sich das hohe Investment in das autonome Fahren.

Der VW-Konzern arbeitet jetzt an einer Software-Plattform, die bei einem erfolgreichen Abschluss der Entwicklungsarbeiten hunderttausendfach in Transportern und leichten Nutzfahrzeugen verwendet werden könnte. „Etwa Mitte des kommenden Jahrzehnts wollen wir mit der Kommerzialisierung des autonomen Fahrens in großem Maßstab beginnen“, verspricht Alexander Hitzinger, im VW-Konzern verantwortlich für Projekte im Bereich autonomer Fahrzeuge.

Zu diesem Zweck hat Volkswagen eine eigenständige Konzerngesellschaft gegründet. Ihren Sitz soll die Volkswagen Autonomy GmbH (VWAT) in München und Wolfsburg sowie bei einer weiteren Tochtergesellschaft im Silicon Valley haben. Im Jahr 2021 wird in China eine weitere Tochter dazukommen. Bis 2024 investiert Volkswagen knapp 27 Milliarden Euro in die Digitalisierung, das autonome Fahren und in die Entwicklung neuer Mobilitätsdienste.


Als Ergänzung des öffentlichen Nahverkehrs ist Volkswagen in Hamburg und Hannover mit den Sammeltaxis der Konzerntochter Moia unterwegs. Mit diesen Elektro-Rufbussen im Kleintransporter-Format testet der VW-Konzern die praktische Anwendung der Konzepte, die im eigenen Konzern von der neuen Autonomie-Tochter entwickelt werden. Außerdem etabliert sich Volkswagen mit Moia zusätzlich als Anbieter neuer Mobilitätsdienste. In früheren Jahren wäre so etwas in Wolfsburg undenkbar gewesen

Bei der Entwicklung neuer Software für das autonome Fahren hat sich Volkswagen zudem schlagkräftige Unterstützung gesichert. Wegen der immens hohen Kosten ist der Wolfsburger Konzern eine Allianz mit dem US-Wettbewerber Ford eingegangen, der als einziger Autokonzern weltweit im Innovationsranking noch vor Volkswagen liegt. „Eine Kooperation ist die richtige Antwort auf den hohen Entwicklungsaufwand“, sagt CAM-Professor Bratzel. Die Kosten für autonome Systeme gehen in die Milliarden

Nicht nur beim autonomen Fahren will sich Volkswagen einen vorderen Platz bei Innovationen sichern, sondern auch in der Produktion. Besonders weit ist diese Entwicklung in der Fertigung der neuen Elektroautos aus der ID-Familie vorangeschritten. Im VW-Werk in Zwickau werden rund 1700 Fertigungsroboter der neusten Generation eingesetzt.

Dazu kommen mehr als 500 fahrerlose Transportsysteme, die Bauteile völlig selbstständig an die Montagelinie bringen können – das ist also autonomes Fahren in der Autoproduktion. So wird etwa das Fahrzeugcockpit vollautomatisch und als komplettes Modul mithilfe eines Industrieroboters eingebaut. Menschen sind hier kaum noch zu sehen.

Die innovativsten Unternehmen der Welt im Porträt:

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