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Die Deutschen zahlen in der Coronakrise immer seltener in bar

Viele Geschäfte bitten wegen der Pandemie um Kartenzahlung – und die Verbraucher folgen diesem Appell. Experten rechnen mit einem dauerhaften Wandel.

Immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher verzichten angesichts des Coronavirus auf Bargeldzahlungen. Viele Läden fordern ihre Kunden derzeit auf, auf Bargeld zu verzichten – in der Annahme, dass Kartenzahlungen hygienischer sind. „Rewe und Penny empfehlen aktuell die Zahlung per Karte oder durch ein kontaktloses, mobiles Verfahren“, betont zum Beispiel der Handelskonzern Rewe.

Die Verbraucher scheinen den Bitten der Händler nachzukommen, auch wenn Experten die Wahrscheinlichkeit der Ansteckung über Bargeld für gering halten. 57 Prozent zahlen seit Ausbruch der Corona-Pandemie häufiger mit der Giro- oder Kreditkarte, ergab eine Online-Umfrage der Markforschungsfirma Infas Quo unter fast 1.500 Personen. In Auftrag gegeben hat die Studie die Initiative Deutsche Zahlungssysteme, ein Zusammenschluss von Zahlungsdienstleistern und Banken.

Beliebter wird vor allem das komplett kontaktlose Bezahlen. Die Karte muss sie dabei nicht mehr in das Kartenterminal hineinstecken, sondern nur noch dicht an das Gerät heranhalten und Beträgen bis 50 Euro muss sie oft auch keine Geheimnummer (PIN) mehr eingeben. Dass Kartenzahlungen in der Coronakrise häufiger genutzt werden, könnte einen langjährigen Trend beschleunigen. Der Anteil der Kartenzahlungen nimmt zwar seit Langem zu, allerdings nur langsam. Nun dürfte sich das Tempo beschleunigen.

Das Bezahlen ist damit ein prominentes Beispiel dafür, dass sich das Verhalten von Menschen in der Coronakrise rasant ändert. Auch in anderen Gesellschaftsbereichen erwarten Experten, dass die Digitalisierung durch die Krise einen Schub bekommt.

Felix Sühlmann-Faul, der sich als Techniksoziologe mit den Folgen der Digitalisierung beschäftigt, erklärt das so: „Das Coronavirus wird von vielen Menschen als ein Risiko wahrgenommen, das von außen aufgezwungen ist.“ Das sei ein klassischer Auslöser dafür, dass man ein stark vermeidendes Verhalten an den Tag legt, um das Risiko zu mindern. „Und dazu gehört auch, dass jetzt viele mit Karte und kontaktlos bezahlen.“

In der aktuellen Notsituation studierten viele ein anderes Verhalten ein, dass sich wahrscheinlich auch dauerhaft festsetze, sagt Sühlmann-Faul. „Das gilt gerade auch für ältere Menschen, die bisher vorwiegend mit Bargeld gezahlt haben.“

Dabei war es bislang so, dass Bargeld besonders in Krisenzeiten wichtig war. Schon ein Stromausfall nach einem Sturm, der auch Geldautomaten lahmlegt, zeigt, wie wertvoll Geldscheine und Münzen sein können. Auch bei Finanzkrisen, in denen Kapitalmarktkontrollen eingeführt werden oder gar Banken pleitegehen, ist Bargeld das sicherste Zahlungsmittel.

Traditionell greifen die deutschen Verbraucher oft – und häufiger als in vielen anderen europäischen Ländern – zu Bargeld. Laut der jüngsten großen Bundesbank-Studie zum Zahlungsverhalten aus dem Jahr 2017 beglichen die Deutschen fast drei Viertel ihrer Einkäufe in Bar. Gemessen am Umsatz lag der Baranteil bei 48 Prozent. Knapp zehn Jahre zuvor waren es beim Umsatz 58 Prozent, mehr als 80 Prozent aller Transaktionen wurden in bar beglichen – ein Wandel in Zeitlupe also.

Andreas Pratz, Partner der Beratungsfirma Strategy- & , die zu PwC gehört, rechnet zwar nicht damit, dass nun fast alle immer und überall mit Karte zahlen, aber: Der Anteil der Barzahlungen könnte sich auch nach der Coronakrise bei 60 Prozent einpendeln, meint er. Das heißt, was sonst zehn Jahre braucht, dürfte sich nun binnen eines Jahres abspielen.

Auch die Zahlungsexperten des Beraters Oliver Wyman erwarten eine „Entwöhnung von Barzahlungen“ im Zuge der Coronakrise. Sie rechnen damit, das der Anteil von Barzahlungen nach Umsatz bis 2025 auf 32 Prozent fällt. In einem Extremszenario seien sogar 20 Prozent denkbar. Oliver-Wyman-Partner Gökhan Öztürk sagt: „Eine Entwicklung, die mehrere Jahre dauern sollte, wird durch die Corona-Pandemie nun auf wenige Monate kondensiert.“

Mit Bargeld Ausgaben besser im Blick

Für die traditionelle Bargeldliebe der deutschen Verbraucher gibt es mehrere Gründe. Dazu zählen grundsätzliche wie praktische Erwägungen. So werden bei jeder elektronischen Zahlung Daten über die Kunden gespeichert, was manchen Menschen Unbehagen bereitet.

Zudem schützt die Möglichkeit, Scheine und Münzen vom Bankkonto abzuheben, die Sparer vor Negativzinsen. Immer mehr Geldhäuser in Deutschland berechnen Minuszinsen von vermögenden Privatkunden sowie Neukunden. Die Geldhäuser reagieren damit auf den Strafzins von 0,5 Prozent der Europäischen Zentralbank.

Darüber hinaus gibt es einige Geschäfte, in denen man nicht per Karte bezahlen kann. Und viele Menschen finden, dass sie ihre Ausgaben durch Barzahlungen besser im Blick haben. Außerdem ist das Bezahlen mit Scheinen und Münzen zum Teil schneller als Kartenzahlungen mit der Eingabe einer PIN. Diese Sichtweise könnte sich allerdings mit der steigenden Popularität von kontaktlosen Zahlungen verändern, schließlich hat man so binnen einer Sekunde den Einkauf beglichen.

Die zunehmende Nutzung vor allem der Girocard, von der mehr als 100 Millionen in Umlauf sind, ist für die deutschen Geldhäuser positiv. Bei jeder Kartenzahlung kassieren die Banken schließlich ein Entgelt vom Händler.

Die Deutsche Kreditwirtschaft (DK), die gemeinsame Interessenvertretung der deutschen Bankenverbände, sieht seit der Beginn der Coronakrise einen Zuwachs von 50 Prozent bei den Girocard-Transaktionen. Das ist viel, schließlich waren die Einkaufsmöglichkeiten begrenzt, weil viele Geschäfte geschlossen waren oder noch sind.

Bei den Volks- und Raiffeisenbanken nahmen die Girocard-Transaktionen bereits im März gegenüber dem Vorjahr um 40 Prozent zu. „Das ist der Durchbruch beim digitalen Bezahlen, der bislang in weiter Ferne war“, sagt Martin Beyer, Chef des genossenschaftlichen IT-Dienstleisters Fiducia GAD.

Zugleich registriert die DK, dass bereits die Hälfte der Girocard-Zahlungen kontaktlos erfolgt. Dabei geholfen hat womöglich, dass die deutschen Geldhäuser sich kürzlich darauf geeinigt haben, das Limit für solche Zahlungen von 25 auf 50 Euro anzuheben. In immer mehr Geschäften sind auch die Kartenterminals entsprechend aufgerüstet.

Auch das Bezahlen per Smartphone dürfte nun Fahrt aufnehmen. Bisher zeigen sich die Deutschen hier sehr zurückhaltend. In den meisten Umfragen geben allenfalls zehn Prozent an, sie zahlten regelmäßig per Smartphone-App an der Ladenkasse. Doch mittlerweile sind Bezahl-Apps für immer mehr Verbraucher nutzbar.

Gleichwohl wird Bargeld so schnell nicht aus dem Alltag verschwinden. So hatten die deutschen Haushalte Ende 2019 insgesamt 253 Milliarden Euro gehortet, 15 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Das zeigt eine Auswertung der Beratungsfirma Barkow Consulting im Auftrag der Direktbank ING. Und in der Coronakrise ist der Bargeldumlauf laut Barkow in der gesamten Euro-Zone noch einmal deutlich gestiegen. Viele Menschen haben also mehr Geld abgehoben – benutzen es aber seltener zum Bezahlen.