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Deutschen Unternehmen droht die Rezession – und doch steigen die Investitionen

Die schwächere Weltwirtschaft trifft die deutschen Großkonzerne hart. Doch auf eines verzichten die Unternehmen in der Krise nicht: Investitionen in der Fremde.


Wer Bill McDermott bei der Präsentation der Quartalszahlen zuhörte, mochte glauben, der SAP-Chef präsentiere gerade wieder ein neues Rekordergebnis. Doch Anleger schickten die Aktie auf Talfahrt, denn sie schauten mehr auf die harten Zahlen, und die besagten: Der Nettogewinn sank gegenüber dem Vorjahr um neun Prozent auf 1,7 Milliarden Euro. Das ist immer noch üppig, aber eben weniger als im noch stärkeren Vorjahresquartal.

Die SAP-Zahlen waren gemessen an den nachfolgenden Unternehmen noch eines der stärksten Ergebnisse. Vor allem die vielen exportorientierten deutschen Konzerne spüren die sich abschwächende Weltwirtschaft in Form von sinkenden Aufträgen, dadurch fallenden Preisen und daraus resultierenden schwächeren Margen und Gewinnen.

Hinzu kommen erhebliche Risiken durch einen drohenden ungeordneten Brexit und einen schwächeren Welthandel infolge des von den USA ausgelösten Zollstreits. „Nun reicht eine gravierende Fehlentscheidung, und Europas wirtschaftliche Entwicklung wäre besonders gefährdet“, warnt der Hauptgeschäftsführer des Industrieverbandes BDI, Joachim Lang: „Das Risiko einer weltweiten Rezession ist deutlich angestiegen.“

Leidtragende wären die vielen exportstarken deutschen Industrieunternehmen. Die 100 größten deutschen börsennotierten Unternehmen erzielen gut zwei Drittel ihrer Umsätze in der Fremde, vor allem in den europäischen Nachbarstaaten, in den USA und in China – drei Großregionen, in denen sich die Nachfrage derzeit abschwächt.

Schon jetzt sind die Folgen sichtbar: Daimler musste im vierten Quartal eine Gewinnhalbierung auf 1,6 Milliarden Euro hinnehmen, Siemens ein Minus von 54 Prozent auf eine Milliarde Euro. „Das Umfeld bleibt äußerst herausfordernd“, blickte der scheidende Daimler-Chef Dieter Zetsche sorgenvoll nach vorn. Weder in der Autosparte noch bei den Transportern ist Daimler mit seinen Renditen zufrieden.


Bei Autobauern wie Daimler kommen schwächere Ergebnisse angesichts des Dieselskandals, der Probleme mit der neuen Abgasprüftechnik und einer erstmals seit zwei Jahrzehnten sinkenden Nachfrage aus China nicht ganz überraschend. Ebenso wenig bei den Zulieferern wie beispielsweise Continental. Die Hannoveraner hatten im vergangenen Jahr gleich zweimal ihre Aktionäre mit einer Gewinnwarnung überrascht.

Der Kabelspezialist Leoni, ebenfalls stark abhängig von den Autoherstellern, strich angesichts sinkender Erträge seine Dividende. Mehr und mehr wächst bei Anlegern, Unternehmen und in der deutschen Wirtschaft die Sorge, dass sich die Konjunktur in China nachhaltig abschwächt und Asiens Boomland künftig weniger Autos, Maschinen, Cremes und Halbleiter aus Deutschland kauft.

Denn die Schwäche ist mehr als nur eine Momentaufnahme und resultiert aus der abflauenden Weltmarktnachfrage, dem quälenden Handelskrieg mit US-Zöllen und chinesischen Gegenzöllen. „Die jahrelange Fokussierung der deutschen Industrie auf China rächt sich im Moment“, urteilt Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der Liechtensteiner VP Bank.

So verdreifachte Daimler in nur vier Jahren seine Verkäufe in China und setzte in seinem inzwischen größten Absatzland zuletzt jeden vierten Mercedes ab. VW verkauft weltweit jedes vierte Auto in China und betreibt dort 20 Standorte.

Die Fallhöhe ist groß – nicht nur für die Automobilwirtschaft. Im Schnitt erzielen die über drei Millionen deutschen Firmen rund sieben Prozent ihrer Umsätze in China. Allein die 30 Dax-Konzerne unterhalten dort rund 700 Tochtergesellschaften und erwirtschafteten nach Handelsblatt-Berechnungen knapp 16 Prozent ihrer Umsätze in China.


Das waren im abgelaufenen Geschäftsjahr rund 200 Milliarden Euro – so viel wie noch nie. BMW, Daimler und VW sowie der Halbleiterhersteller Infineon und der Spezialchemiekonzern Covestro setzen mehr als jeden fünften Euro in China um. Für sie ist China – noch vor Deutschland – der größte Absatz- und damit Einzelmarkt.

Was die Lage für die vielen exportstarken deutschen Industrie-, Handels- und Konsumkonzerne verschärft, ist das gleichzeitig schwächere Wachstum in den USA, dem zweiten großen Absatzland. Die Industrie in der größten Volkswirtschaft der Welt hat in den vergangenen Monaten an Schwung verloren.

Betroffen vom schwächeren Wachstum sind inzwischen alle deutschen Branchen. Im Gesundheitssektor stellt sich Fresenius auf schlechtere Zeiten ein, im Konsum- und Markengeschäft Henkel, im Stahlsektor Salzgitter – und in der IT Infineon: „Der Markt hat sich spürbar abgekühlt“, urteilte Konzernchef Reinhard Ploss nach Vorlage der Quartalszahlen.

Zuvor hatten bereits Wettbewerber wie Samsung in Asien, ST Microelectronics in Europa und Micron in den USA über sinkende Umsätze und Gewinne berichtet. Weltweit schwächt sich die Nachfrage nach Halbleitern ab, das drückt die Preise und Margen.

„Die bisher für das vierte Quartal veröffentlichten Ergebnisse konnten nicht überzeugen“, analysierte Markus Wallner von der Commerzbank – und das trotz günstiger Wechselkursentwicklung. Der Euro notiert rund drei Prozent niedriger zum Dollar als vor einem Jahr. Das lässt die im Dollar-Raum erzielten Erträge höher ausfallen, sobald die Unternehmen sie in Euro umrechnen.


Ohne den schwächeren Euro würden die Einbußen also größer ausfallen. Besserung ist nicht in Sicht, im Gegenteil: „Die Weltkonjunktur schwächt sich zunehmend ab“, beurteilte Ifo-Präsident Clemens Fuest die jüngste Befragung von knapp 300 Experten aus 122 Ländern. Zum vierten Mal in Folge kühlte sich das Weltwirtschaftsklima ab.

Dieses Mal schätzten die Experten die Lage und Aussichten in ihren Ländern so schlecht ein wie zuletzt vor sieben Jahren. Damit einher gehen weniger Aufträge für die deutsche Industrie. Sie verringerten sich im Dezember um 1,6 Prozent gegenüber dem Vormonat. Wie schon in der Vergangenheit sanken die Aufträge aus dem Ausland (minus 2,3 Prozent) stärker als im Inland (minus 0,6 Prozent).

Analysten reagieren auf die schlechteren Perspektiven und skeptischeren Ausblicke der Unternehmen – und kappen deshalb ihre Ertragsschätzungen: Innerhalb der vergangenen drei Monate fielen die Gewinnschätzungen für Siemens, Fresenius, Daimler, Continental und Bayer um mehr als fünf Prozent, für Henkel, den Chemiekonzern BASF und den Versorger RWE um mehr als zehn Prozent und für den Mischkonzern Thyssen-Krupp und den Spezialchemiekonzern Covestro sogar um rund 30 Prozent.

Doch trotz niedrigerer Gewinne und des sorgenvollen Ausblicks – auf eines verzichten die Unternehmen in dieser Situation nicht: Investitionen. So baut BASF seine Produktion in China abermals aus. Im ostchinesischen Werksverbund Nanjing will Europas größter Chemiehersteller gemeinsam mit seinem Joint-Venture-Partner Sinopec die Kapazitäten erheblich ausweiten und dazu einen zweiten Steamcracker bauen.

In solch einer Anlage wird Rohbenzin aufgespalten und daraus unter anderem Ethylen gewonnen – ein wichtiger Ausgangsstoff für viele chemische Grundprodukte. Mit einem Investitionsvolumen von zehn Milliarden Dollar wäre dies die größte Investition der Unternehmensgeschichte.


Der Pharma- und Spezialchemiekonzern Merck plant ein Innovationszentrum in der chinesischen Sonderwirtschaftszone Guangzhou im Süden des Landes. Die Eröffnung ist im September geplant. Merck beschäftigt in China mehr als 3500 Mitarbeiter. Auch BMW lässt sich sein China-Engagement einiges kosten. Für die Anteilsaufstockung bei BMW Brilliance Automotive um 25 auf 75 Prozent zahlen die Münchener 3,6 Milliarden Euro.

Für die Erweiterung der Produktion sind weitere drei Milliarden Euro vorgesehen. „Wir setzen unsere Wachstumsstrategie für China konsequent um“, stellt Konzernchef Harald Krüger klar, „mit kontinuierlichen Investitionen sowie der Entwicklung und Produktion elektrischer Fahrzeuge unterstreichen wir Chinas Bedeutung als dynamischer Wachstumsmarkt für uns.“

44 Milliarden Euro will VW bis 2023 in Elektromobilität, autonomes Fahren, Digitalisierung und neue Mobilitätsdienste investieren. „Volkswagen arbeitet mit Nachdruck an der Ergebnisverbesserung in allen Marken und Gesellschaften“, kündigte Vorstandschef Herbert Diess an.

Der Chemiekonzern Covestro plant am amerikanischen Produktionsstandort Baytown für 1,5 Milliarden Euro den Bau einer Produktionsanlage für harte Kunststoffschäume, wie sie als Dämmstoffe in Gebäuden verwendet werden. Es wäre die größte Einzelinvestition in der noch jungen Geschichte des Unternehmens.

Die vielen Investitionen zeigen: Deutschlands Unternehmen setzen weiter auf ihre Auslandsmärkte, trotz der sich abschwächenden Weltkonjunktur. Eine Alternative haben BASF, Merck, Volkswagen und Co. aber auch nicht. Ihr Binnenmarkt ist für künftiges Wachstum viel zu klein

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