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Baubranche trotzt Corona – zumindest in Deutschland

Während viele Bauunternehmen in Österreich den Betrieb einstellen, geht die Arbeit am Bau in Deutschland trotz Corona größtenteils weiter. Wie ist das möglich?

Trotz Coronavirus geht die Arbeit an deutschen Baustellen weiter. Foto: dpa

In Österreich ist es in den vergangenen Tagen noch etwas ruhiger geworden, als es durch die Ausgangssperren und die dadurch verwaisten Straßenzüge ohnehin schon ist. Denn auch die Bohrgeräusche an den Baustellen sind nun fast flächendeckend verstummt. Am Mittwoch kündigte der österreichische Baukonzern Strabag an, sämtliche Baustellen in Österreich pandemiebedingt ruhend zu stellen. Weil der Konzern den Mindestabstand zwischen den Bauarbeitern nicht gewährleisten könne, die Lieferketten nicht sichergestellt seien und nicht zuletzt wegen der „gesellschaftlichen Verantwortung“ habe Strabag-Chef Thomas Birtel „diesen drastischen Schritt“ laut Aussendung setzen müssen. Einen Tag später stellte auch Konkurrent Porr aus Wien sämtliche seiner Baustellen in Österreich ruhend.

Die Entscheidung der österreichischen Baukonzerne ist nachvollziehbar und dient zweifelsohne dem Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Dennoch sorgt der Schritt bei manchen Branchenbeobachtern für Fragen: Denn während etwa Strabag sein Geschäft auf dem Heimatmarkt zurückfährt, lässt der Konzern auf seinen rund 2500 Baustellen in Deutschland größtenteils weiterarbeiten. Auch Porrs Baustopp bezieht sich ausschließlich auf den österreichischen Markt. Doch wie kann das sein? Sind Deutschlands Baustellen so viel anders organisiert als jene im Nachbarland? Und wie reagieren deutsche Baufirmen auf die Pandemie?

Welche Auswirkungen das Coronavirus auf die deutsche Baubranche haben könnte, versuchte Anfang März eine Schnellumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) zu ermitteln. Demnach gehen 75 Prozent der heimischen Bauunternehmen davon aus, dass das Coronavirus „aufgrund krankheitsbedingter Ausfälle, fehlender Waren und Dienstleistungen oder auch aufgrund von Liquiditätsengpässen in den kommenden Tagen und Wochen“ Auswirkungen auf den Baubetrieb haben werde. Während ein Zehntel der Unternehmen laut der Umfrage einen „erheblichen Umsatzrückgang“ erwartete, gab fast die Hälfte der befragten Bauunternehmer an, von keinem Umsatzrückgang auszugehen. Wohlgemerkt: Eine vor 14 Tagen erstellte Studie gilt in Zeiten von Corona mitunter bereits als veraltet.

Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB) betont deshalb, dass sich seit dieser Schnellumfrage des DIHK die Lage drastisch geändert habe. Laut HDB habe sich das „Stimmungsbild“ in der Baubranche seit dieser Studie „täglich“ verändert und dabei „eher verschlechtert“. Als Gründe für den gestiegenen Pessimismus führt der HDB neben möglichen Erkrankungen der Baubelegschaften auch mögliche Erkrankungen bei Mitarbeitern von Baustoff- und Baumaterialzulieferern an, die zu Werksschließungen und Lieferengpässen führen könnten. Zudem würden die aktuellen Grenzschließungen die Bauunternehmen „besonders“ treffen, da Personal aus EU-Nachbarländern nicht mehr auf die Baustellen komme.

Prinzipiell appelliert der Hauptverband unter dem Schlagwort „Normalbetrieb am Bau“ an die Politik, einen allgemeinen Baustopp mit Blick auf die massiven volkswirtschaftliche Konsequenzen zu verhindern und den Normalbetrieb so weit wie möglich und unter Schutzmaßnahmen aufrecht zu erhalten.

Die deutsche Bauwirtschaft scheint diesem Ruf – zusammen mit den hierzulande tätigen österreichischen Baufirmen – Folge zu leisten. So teilte Strabag mit, dass das Unternehmen zumindest bis Mittwoch in Deutschland „in der Bauausführung oder Lieferkette noch keine gravierenden Auswirkungen, Verzögerungen oder Beeinträchtigungen durch Corona“ verzeichne. Strabag verfolge „die Situation für jede einzelne Baustelle sehr engmaschig“. Zudem habe der Konzern „umfassende Vorsorgemaßnahmen“ getroffen, um seinen „Baubetrieb in Deutschland auch weiterhin bestmöglich fortzusetzen und zugleich auch die Interessen der Allgemeinheit hinsichtlich einer Unterbrechung der Infektionsketten zu schützen“.

Der Wiener Baukonzern Porr, der in Österreich den „allergrößten Teil“ seiner rund 1000 Baustellen eingestellt hat, begründet diesen Schritt mit dem „Schutz“ um die „Gesundheit“ der Mitarbeiter und Partner: „Da es von der Regierung in Österreich bis heute keine klare, einheitliche Regelung für die Schließung von Baustellen gibt, haben die meisten Auftraggeber und insbesondere öffentliche Bauherren im Laufe dieser Woche unsere Baustellen von sich aus eingestellt.“ Auf Fragen, was österreichische Baustellen von den deutschen unterscheidet, blieb Porr einsilbig: „In den internationalen Märkten der Porr wird aus heutiger Sicht der Baubetrieb fortgeführt“, teilte der Konzern dazu lediglich mit.

Auch die Baustellen des Essener Baukonzerns Hochtief werden trotz Pandemie weiter betrieben. Hochtief betonte, seine fortgesetzte Bautätigkeit mit „umfassenden Maßnahmen“ für die Sicherheit und Gesundheit der Mitarbeiter zu begleiten. So setze der Konzern nach Möglichkeit auf Home Office, erlaube Dienstreisen nur noch in „Ausnahmefällen“ und habe die Kantine am Konzernsitz in Essen geschlossen. Dennoch sei es für Hochtief „wichtig, dass der Betrieb auf den Bauprojekten trotz Einschränkungen und vieler Vorsichtsmaßnahmen fortgesetzt“ werde.

Das Bauunternehmen Max Bögl wollte den Umgang des Unternehmens mit der Pandemie nicht näher kommentieren. „Unser Vorstandsvorsitzender hat für den Augenblick entschieden, dass wir keine Anfragen zur aktuellen Situation beantworten. Im Fokus unseres Handelns liegt aktuell die interne Kommunikation zur Bewältigung der anstehenden Aufgaben“, hieß es von Max Bögl.

Die Baufirma Goldbeck aus Bielefeld zeigte sich trotz der Pandemie zweckoptimistisch. „Dank der umfangreichen Vorsichtsmaßnahmen und unserer stabilen Ausgangslage“ seien die Betriebsabläufe „aktuell nur in wenigen Fällen deutlich eingeschränkt“. So habe das Unternehmen trotz der Grenzkontrollen „keine Materialengpässe“ und könne „die meisten Baustellen mit wenigen Verzögerungen weiterführen“. Probleme bekomme Goldbeck derzeit jedoch „durch die Beschränkungen für Monteure und Handwerker aus zentraleuropäischen Staaten, die aufgrund von Quarantänevorschriften nicht mehr ihren vertraglichen Verpflichtungen nachgehen können“.

Der Forderung des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie, den „Normalbetrieb am Bau“ so gut es geht aufrecht zu erhalten, schließt Goldbeck sich an. Deutsche und österreichische Baufirmen scheinen hier unterschiedlichen Maximen zu folgen – zumindest auf dem Heimatmarkt.