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Deutsche Unternehmen in Japan stellen sich auf eine lange Durststrecke ein

Die Coronakrise setzt auch der asiatischen Volkswirtschaft zu. Deutsche Firmen, die sich in Japan engagieren, stellen sich laut einer Umfrage auf schwierige Zeiten ein.


Bis zum Ausbruch der Coronakrise lief es für deutsche Unternehmen in Japan gut. Die Wirtschaft des Landes wuchs so lange wie nie zuvor. Davon profitierte insbesondere der deutsche Maschinenbau, der seine Exporte in die ostasiatische Nation mehrfach ausweitete.

Doch die hiesigen Firmen stellen sich nun auf eine Durststrecke in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt ein: Laut einer Blitzumfrage der deutschen Auslandhandelskammer, die dem Handelsblatt vorliegt, erwarten deutsche Unternehmen einen langen und tiefen Einbruch der japanischen Wirtschaft und damit ihrer Geschäfte.

Es ist die dritte Umfrage seit Beginn der Krise. Demnach rechnen 45 Prozent der befragten Firmen mit einer u-förmigen Konjunkturentwicklung: Sie erwarten also, dass die Wirtschaft einbricht, dieses Niveau eine Zeit anhält und es anschließend mit der Konjunktur wieder bergauf geht.

15 Prozent der Unternehmen gehen von einer w-förmigen Konjunkturentwicklung aus, bei der auf den Abschwung zunächst nur ein kurzer Aufschwung folgt, bevor sich die Wirtschaft erneut abschwächt. Erst dann folgt eine nachhaltigere Erholung. Nur zwölf Prozent der Befragten erwarten eine v-förmige Entwicklung, also dass auf den Abschwung sogleich eine nachhaltige Erholung der Konjunktur folgt.

Mehr als vier von zehn Unternehmen (42,9 Prozent) rechnen damit, dass Japans Wirtschaft frühestens in der zweiten Hälfte 2021 zu alter Stärke zurückfinden wird. Nur 1,2 Prozent der in Japan aktiven Firmen sind überzeugt, dass dies dem Land niemals gelingen wird.

Japan droht Wirtschaftseinbruch

Zwar hat Japan auf einen harten Lockdown verzichtet, sodass viele Unternehmen ihren Betrieb trotz Krise fortgesetzt haben. Und mit 900 Virus-Toten ist die Zahl der Opfer auch vergleichsweise gering.

Dennoch droht auch Japan ein Wirtschaftseinbruch: So erwartet die Investmentbank Goldman Sachs, dass die Wirtschaftsleistung der drittgrößten Volkswirtschaft in diesem Jahr um 6,5 Prozent zurückgehen wird. Die Umfrage der deutschen Außenhandelskammer macht einmal mehr deutlich, vor welch großen Problemen das Land steht.

Hauptgrund für die drohende Rezession ist der Einbruch der Exporte. Bereits im März führte Japan zwölf Prozent weniger aus als im Vorjahr. Im April sanken die Exporte um 22 Prozent, bedingt durch die geringen Autoausfuhren nach Europa und in die USA. Autobauer wie Nissan sind dadurch in die Verlustzone gerutscht.

Und auch der Konsum ist ein wesentlicher Faktor: Die Japaner kaufen weniger ein, da die Regierung die Bevölkerung bat, möglichst zu Hause zu bleiben. Schon vor Corona verschlechterte sich die Konsumlaune der Japaner, da im Oktober des vergangenen Jahres die Mehrwertsteuer erhöht worden war.

Durch den für 111 Länder geltenden Einreisestopp bleiben zudem die Touristen fern, die bislang einen wesentlichen Beitrag zum Konsum leisteten. Pro Jahr zählt Japan 40 Millionen Touristen. Unter dem Einreisestopp leiden nun vor allem Kaufhäuser in Metropolen und touristische Zentren.

Die Einnahmen der Kaufhäuser sind im April um 75 Prozent gesunken, die des Einzelhandels insgesamt um 13 Prozent. In der Krise gibt es nur wenige Gewinner: Supermärkte, Anbieter von Internetlösungen und Zulieferer von Chipproduzenten.

Die Folge: Allein im April drosselten Japans Unternehmen die Produktion um 9,1 Prozent und setzten sechs Millionen Menschen oder neun Prozent der werktätigen Bevölkerung auf Kurzarbeit. Ökonomen warnen allerdings, dass viele Arbeitnehmer bald ihre Jobs verlieren werden und sich die Arbeitslosenrate von 2,2 Prozent zu Jahresanfang auf vier bis über sechs Prozent bis Jahresende erhöhen könnte.

Die Angst vor dem US-China-Konflikt wächst

Auch die deutschen Unternehmen in Japan verzichteten bis auf sieben Prozent der befragten Firmen auf einen sofortigen Personalabbau. 17,9 Prozent der Befragten gaben an, „Anstellungsanpassungssubventionen“ der Regierung beantragt zu haben. Diese Maßnahme ist mit dem Kurzarbeitergeld in Deutschland vergleichbar. Nur 3,6 Prozent der deutschen Unternehmen nutzten Notkredite.

Rund sieben Prozent der Unternehmen erwartet stabile, fünf Prozent sogar steigende Umsätze. „Besonders Unternehmen, die im medizinischen Bereich oder der Fabrikautomatisierung unterwegs sind, könnten von der Krise profitieren“, meint Kammerchef Marcus Schürmann.

Für den Rest der Unternehmen steht Sparen auf dem Programm. 20,2 Prozent der deutschen Firmen befürchten Einbußen von bis zu zehn Prozent, 35,7 Prozent zwischen zehn und 25 Prozent. 14,3 Prozent der Unternehmen rechnen mit einem Rückgang zwischen 25 und 50 Prozent. 7,1 Prozent der Firmen sagen voraus, dass sie mehr als die Hälfte ihres Umsatzes verlieren werden.

Große Hoffnungen setzen die Unternehmen laut Umfrage auf einen Digitalisierungsschub. 83,3 Prozent der Firmen wünschen sich, dass Japan die Coronakrise nutzt, um die Bürokratie zu digitalisieren.

Zwei Drittel hegen hohe Erwartungen an eine stärkere Digitalisierung des Geschäftslebens und 68 Prozent der Firmen an mehr Telearbeitsmodelle. Eine Mehrheit (60 Prozent) rät Japan zudem dazu, Produktion ins Land zurückzuholen und die Abhängigkeit von China zu reduzieren.

Sorgen bereiten den deutschen Unternehmen allerdings das Hilfsprogramm der japanischen Regierung. Inklusive privater Investitionen beläuft es sich auf 40 Prozent der Wirtschaftskraft. Allerdings finanziert das am höchsten verschuldete Industrieland die Rettung durch noch mehr Schulden. In diesem Jahr plant die Regierung inzwischen, 56 Prozent der Staatsausgaben durch Staatsanleihen zu decken.

Die Regierung verspricht, so die Wirtschaft zu schützen. Die Hälfte der deutschen Umfrageteilnehmer befürchtet hingegen früher oder später eine Schuldenkrise.

An zweiter Stelle der Sorgenliste deutscher Firmen rangiert ein geopolitisches Risiko: die wachsende Rivalität zwischen den USA und China. 47,6 Prozent der Befragten glauben, dass es Japan immer schwerer fallen wird, die Beziehungen zum Nachbarn wie zum Alliierten auszubalancieren.

Zudem erwarten 39,3 Prozent der deutschen Unternehmen sinkende Exporte, 28,6 Prozent gehen davon, dass Japans Wettbewerbsfähigkeit zurückgehen wird.

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