Deutsche Märkte öffnen in 8 Stunden 20 Minuten
  • Nikkei 225

    27.781,02
    +497,43 (+1,82%)
     
  • Dow Jones 30

    34.838,16
    -97,31 (-0,28%)
     
  • BTC-EUR

    33.192,20
    -924,48 (-2,71%)
     
  • CMC Crypto 200

    951,68
    -9,21 (-0,96%)
     
  • Nasdaq Compositive

    14.681,07
    +8,39 (+0,06%)
     
  • S&P 500

    4.387,16
    -8,10 (-0,18%)
     

Das deutsche Solar-Auto entkräftet das Hauptargument der Elektro-Gegner

·Lesedauer: 5 Min.
Die Geschäftsführung von Sono Motors Jona Christians, Navina Pernsteiner und Laurin Hahn (v.l.n.r.) mit ihrem Modell Sion.
Die Geschäftsführung von Sono Motors Jona Christians, Navina Pernsteiner und Laurin Hahn (v.l.n.r.) mit ihrem Modell Sion.

Kaum rollt das schwarze Auto aus der dunklen Halle in die Sonne, fängt es schon an, Strom zu erzeugen. Auf dem Display rechts neben dem Lenkrad kann man es sehen: Erst färbt sich die Anzeige für die Solarzellen auf der Fronthaube gelb, dann das Dach, schließlich der ganze Wagen.

„Gestern hat es geregnet, da kamen wir noch auf etwa 80 Watt, das reicht zumindest für die Stereoanlage“, sagt Markus Volmer, neuer Technikchef des Startups Sono Motors. Jetzt steigt die Zahl auf dem Display aber deutlich höher auf 180, fast 200 Watt.

Die Außenhülle aus Solarzellen ist das wichtigste Merkmal des Elektroautos Sion, an dem das Münchener Startup Sono Motors seit sechs Jahren arbeitet. Das Auto ist derzeit das einzige ernst zu nehmende deutsche Autoprojekt, das sich außerhalb etablierter Autokonzerne abspielt.

13.000 Vorbestellungen von Kunden

Während in den USA und China Firmen wie Rivian, Neo und natürlich Tesla mit Milliardensummen und eigenen Fabriken operieren, beschränkt sich die deutsche Szene auf den Aachener Miniautohersteller e.GO und den Post-Lieferwagenbauer Streetscooter. Und eben auf Sono Motors.

In München, Berlin und Hamburg haben die Gründer der Firma, Laurin Hahn und Jona Christians, nun ihren aktuellen Prototypen und ihre teilweise neuen Co-Manager vorgestellt. Dabei haben sie nicht nur Journalisten und Experten getroffen, sondern auch Fans des Unternehmens, die in den vergangenen Jahren den Wagen bereits vorbestellt haben.

13.000 Bestellungen liegen dem Unternehmen für das Fahrzeug vor, knapp 3.000 Euro hat jeder Kunde im Durchschnitt dafür angezahlt. Unter anderem diese Anzahlungen haben Sono Motors Ende 2019 vor einer drohenden Pleite gerettet. Es gebe auch Interesse von Flottenbetreibern an den Wagen, sagt Hahn. Die ordern Fahrzeuge aber natürlich erst dann, wenn sie auch produziert werden.

Das ist beim Sion noch nicht der Fall, wie man am Prototypen erkennen kann, in dem manche Details noch nicht dem künftigen Serienmodell entsprechen. Immerhin: Die kleine Mooskultur hinter Plexiglas, die als Luftfilter im Cockpit dient, ist schon an Bord. Und die wesentliche Technik ist es auch, vor allem die Solaranlage, die Box für das sogenannte bidirektionale Laden und die zum Fahrzeug gehörige App.

Solarpanele am Auto liefern Strom für 245 Kilometer

Ab 2023, so der aktuelle Plan, soll die Produktion des Autos im schwedischen Trollhättan starten. Gebaut wird es dort von einem Auftragsfertiger namens Nevs in der ehemaligen Fabrik von Saab. 43.000 Fahrzeuge pro Jahr peilt das Startup an.

Auch in anderen Bereichen verlässt sich Sono Motors auf etablierte Unternehmen aus der Autobranche. Den Motor des Sion liefert die Continental-Tochter Vitesco. Es ist eine Elektromaschine, die in dieser Form bereits in Serienfahrzeugen unterwegs ist.

https://twitter.com/SonoMotors/status/1407302881334734849

Der Alu-Rahmen der Karosserie ist eine seit Jahrzehnten etablierte Technik. Die Bauteile darüber sind es nicht. In die Kunststoffkarosserie sind 248 kleine Panels mit Solarzellen eingeschlossen. Damit werde der Wagen pro Woche Strom für bis zu 245 Kilometer produzieren, sagen die Hersteller. Im Durchschnitt soll es Strom für 112 Kilometer sein – sofern das Auto nicht in einer Tiefgarage parkt.

Batterie kann andere Elektroautos aufladen

Auch bei der Batterie geht Sono einen neuen Weg. Statt dem bisher angekündigten – vergleichsweise kleinen – 35-Kilowattstunden-Speicher soll nun eine Batterie mit 54 Kilowattstunden eingebaut werden – und zwar ein Lithium-Eisenphosphat-Speicher. Die Reichweite steigt damit auf bis zu 305 Kilometer.

Solche Batterien werden in deutschen Fahrzeugen bisher nicht verwandt, weil die relativ alte Zellchemie weniger leistungsfähig war als andere Mischungen. Inzwischen wurden die Zellen allerdings deutlich weiterentwickelt. Der entscheidende Vorteil: Die Batterien sind robuster und enthalten keine problematischen Rohstoffe.

„Das ist für uns die Chance, auf Kobalt und Nickel komplett zu verzichten“, sagt Thomas Hausch, Sono-Chef für das operative Geschäft. Selbst bei schweren Schäden, beispielsweise wenn man sie mit einem Nagel durchbohrt, geraten Lithium-Eisenphosphat-Zellen nicht in Brand.

Im Sion soll die Batterie nicht nur als Speicher fürs elektrische Fahren da sein. Der Wagen hat an seiner Front auch zwei Steckdosen, an die sich beliebige andere Elektrogeräte anschließen lassen. Wahlweise kann auch ein anderes Elektroauto aus der Batterie des Solarwagens aufgeladen werden.

Anders als die beiden jungen Firmengründer haben die Manager Hausch und Volmer jahrzehntelange Erfahrung in der Automobilindustrie, beide haben unter anderem bei Daimler gearbeitet. Seit einer Finanzierungsrunde im Volumen von 53 Millionen Euro im Dezember ist das Unternehmen massiv gewachsen.

Kräftiges Mitarbeiterwachstum

„Wir haben nun mehr als 200 Mitarbeiter, im vergangenen Jahr waren es noch etwa 100“, sagt Co-Gründer Christians. „Das stellt uns vor ganz neue Herausforderungen.“ Vom kleinen Startup muss sich Sono Motors nun zu einer komplexeren Organisation weiterentwickeln. In den zwei Jahren bis zum Marktstart soll die Firma auf nahezu 600 Mitarbeiter wachsen.

Angesichts des angepeilten Absatzvolumens ist das immer noch ziemlich klein. Der Vertrieb der Fahrzeuge soll ausschließlich online laufen, bei Werkstätten denkt man an Service-Partnerschaften. Wobei das Ziel der Gründer ist, dass die Kunden viele Probleme am Wagen selbst beheben können. Für die meisten einfachen Reparaturschritte wird das Unternehmen Videoanleitungen ins Internet stellen.

Auch die Smartphone-App, die mit dem Wagen geliefert wird, spielt künftig eine entscheidende Rolle. Darüber sollen die Kunden ihr Fahrzeug in einem Carsharing-Modell verleihen können und unkompliziert Mitfahrer finden, die dann für die Fahrt bezahlen. Strom, den sie an andere weitergeben, können sie sich über die App bezahlen lassen.

Dabei soll der Wagen schon ohne solche Extraeinnahmen extrem günstig sein. Den Preis von 25.500 Euro hat Sono Motors schon länger festgesetzt. Zu den niedrigen Kosten trägt bei, dass es den Sion nur in Schwarz und ohne jede Wahlmöglichkeit bei irgendwelchen Extras geben wird.

„Heute kommt es für viele Kunden nicht mehr darauf an, sich mit einem Fahrzeug wie mit einer Gucci-Handtasche zu positionieren“, sagt Hausch. Damit sich die Kunden zumindest technologisch abheben können, muss die Firma jetzt noch die letzten Schritte schaffen bis zu einem serienreifen, zulassungsfähigen Auto.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Welt.de.

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.