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Deutsche Konzerne haben in der Krise ihr grünes Gewissen nicht verloren

Klimaschutz und Nachhaltigkeit gewinnen kommunikativ wieder an Bedeutung, zeigt eine Studie. Drei deutsche Konzerne fallen besonders positiv auf.

Der Handelskonzern ist der Sieger des diesjährigen Vergleichs. Foto: dpa

Die Fridays-for-Future-Bewegung hat die Kommunikationsabteilungen vieler deutscher Konzerne im vergangenen Jahr überrollt. Greta Thunberg und ihre deutsche Vorkämpferin Luisa Neubauer haben mit ihren Demonstrationen und Aktionen dazu beigetragen, dass das gesellschaftliche Bewusstsein für nachhaltiges Wirtschaften stark stieg.

Zudem haben sie en passant ein bisheriges Nischenthema ins Rampenlicht befördert: Die für die sogenannte Corporate Social Responsibility (kurz: CSR) verantwortlichen Abteilungen in den Konzernen wurden 2019 mit Anfragen und Themen überrollt.

In der Corona-Pandemie geriet der neue Nachhaltigkeitstrend kurz aus dem Fokus. Die Krisenkommunikation beherrschte das Tagesgeschäft. Doch nun gewinnen Klimaschutz und Nachhaltigkeit kommunikativ wieder an Bedeutung. Zu diesem Schluss kommt der aktuelle CSR-Benchmark 2020, den die Kölner Beratungsagentur NetFederation erstellt hat und der dem Handelsblatt vor Veröffentlichung exklusiv vorliegt.

„Seit Mitte April die Infektionszahlen langsam abnehmen und Unternehmen immer lauter nach Wegen aus der Krise rufen, rückt nachhaltiges und klimafreundliches Wirtschaften stärker denn je in den Mittelpunkt. Die Coronakrise als Chance für Nachhaltigkeit und Klimaschutz? Diese Hoffnung haben nicht nur Umweltaktivisten. Auch zahlreiche Vertreter aus Politik und Wirtschaft befürworten einen nachhaltigen Wiederaufbau nach der Krise“, sagt Christian Berens, Geschäftsführer von NetFederation.

Beim Petersberger Klimadialog vom 28. April betonte beispielsweise Bundeskanzlerin Angela Merkel, wie wichtig es nun sei, Konjunkturprogramme an den Klimaschutzzielen auszurichten und ebenso in diese zu investieren. Außerdem befürwortete sie ein ehrgeizigeres EU-Klimaziel und sprach sich dafür aus, die Emissionen bis 2030 um 50 bis 55 Prozent zu reduzieren. Bis dato waren nur 40 Prozent angestrebt.

Und den „Green Recovery Call“ des französischen EU-Abgeordneten Pascal Canfin haben bereits 80 CEOs europäischer Konzerne unterschrieben. Mit dabei sind unter anderem Covestro, Eon und die Allianz. Zum Thema hat sich auch Daimler-CEO Ola Källenius schon eindeutig positioniert: „Corona darf keine Ausrede für einen nachlassenden Kampf gegen den Klimawandel sein“, schrieb er in einem Beitrag auf dem Karrierenetzwerk Linkedin.

„Unternehmen sind nun gefordert, in Sachen CSR jeden Stein umzudrehen und sowohl nach innen als auch nach außen zu zeigen, dass sie es mit dem Thema Nachhaltigkeit ernst meinen und damit in der Lage sind, zukunftsfähig zu bleiben. Diejenigen, die diesen Weg bereits vor der Coronakrise eingeschlagen haben und ihre Nachhaltigkeitsthemen regelmäßig online publizieren, sind dabei sicherlich im Vorteil“, sagt Berens von NetFederation.

Optimierungsbedarf an einigen Stellen

Insgesamt habe sich auf den Internetseiten deutscher Konzerne in Sachen Nachhaltigkeit schon einiges getan. Besucher fänden inzwischen deutlich mehr und konkretere Informationen zu Klimaschutz und nachhaltigem Wirtschaften als noch im Vorjahr. Sieger des diesjährigen Vergleichs sei die Metro AG, gefolgt von der Hochtief AG und der Merck KGaA.

Für die Studie hat die Beratungsagentur überprüft, wie gut große Unternehmen ihre Maßnahmen zum Klimaschutz, zu sozialen Projekten und zum nachhaltigen Wirtschaften kommunikativ auf ihrer Website begleiten. Der Fokus lag dabei auf der inhaltlichen Aufbereitung der CSR-Themen.

Mit der Unterteilung der einzelnen Kriterien in die drei Hauptkategorien Haltung und Glaubwürdigkeit, Berichterstattung und Dokumentation sowie Fakten und Kennzahlen zeigt die Erhebung, wie umfassend die Nachhaltigkeitskommunikation in großen Unternehmen gestaltet wird und wer dabei die unterschiedlichen Interessengruppen am besten und weitreichendsten bedient.

Der Report listet zahlreiche beispielhafte Herangehensweisen auf. So präsentiert der Pharmakonzern Merck seine weltweiten Projekte zur gesellschaftlichen Verantwortung übersichtlich auf einer eigenen Seite. Der Halbleiterhersteller Infineon stellt seine Ausgaben für gesellschaftliches Engagement detailliert in einer Grafik dar. Und der Autobauer BMW gehört der Studie zufolge zu den wenigen Unternehmen, die Kennzahlen zur Aus- und Weiterbildung veröffentlichen und einen Mehrjahresvergleich anbieten.

Insgesamt attestieren die Kölner Berater der CSR-Kommunikation der Unternehmen ein gutes Zeugnis, weisen aber an einigen Stellen auf weiteren Optimierungsbedarf hin: „In der Berichterstattung sehen wir nach wie vor technische Defizite. Gerade einmal ein Viertel der untersuchten Unternehmen bietet ihren Nachhaltigkeitsbericht im HTML-Format an, alle anderen setzen weiterhin auf PDFs. Das entspricht bei Weitem nicht dem digitalen Standard moderner Reportings. Hier sollten Unternehmen schnellstmöglich nachbessern“, erklärt Berens. Ein gutes Bespiel hierfür sei der Nachhaltigkeitsbericht des Lebensmittelhändlers Rewe, der in HTML und auch noch optisch optimal daherkomme.