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Der deutsche Job-Boom geht weiter

Die Zahl der Erwerbstätigen steigt in Deutschland seit 14 Jahren. Die Kehrseite: Auch der Mangel an Arbeitskräften nimmt stetig zu – und die Probleme werden größer.

Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist weiterhin gut. Foto: dpa
Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist weiterhin gut. Foto: dpa

Die Rekordserie am Arbeitsmarkt hält an: Im vergangenen Jahr gingen in Deutschland so viele Menschen einer Erwerbstätigkeit nach wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Im Jahresdurchschnitt hatten 45,3 Millionen Menschen einen Job oder waren selbstständig, teilte das Statistische Bundesamt mit. Das waren 402.000 oder 0,9 Prozent mehr als noch 2018.

Entscheidend für die positive Entwicklung war die Zahl der Arbeitskräfte, die 2019 um 475.000 wuchs. Ebenfalls eine gute Nachricht: Während die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten weiter anstieg, war die Zahl der marginal Beschäftigten weiter rückläufig.

„Damit setzte sich der nun seit 14 Jahren anhaltende Anstieg der Erwerbstätigkeit weiter fort, allerdings mit abgeschwächter Dynamik“, teilte die Statistikbehörde mit. 2018 hatte die Zahl der Erwerbstätigen noch um 1,4 Prozent zugelegt.

In der geringeren Zuwachsrate spiegeln sich die jüngsten Konjunktursorgen. Vor allem die Industrie steckt in einer Rezession. Im verarbeitenden Gewerbe erhöhte sich die Zahl der Erwerbstätigen lediglich um 59.000 oder 0,7 Prozent. Der Dienstleistungsbereich wächst hingegen weiter. Hier gab es mit einem Plus von 319.000 Personen den größten Zuwachs bei den Erwerbstätigen. Bei den Unternehmensdienstleistern, zu denen auch Leiharbeitsfirmen zählen, gab es dagegen sogar den ersten Rückgang seit 2009.

Die Konjunkturschwäche zeigt sich auch bei der Nachfrage nach Arbeitskräften. Das Stellenbarometer der Bundesagentur für Arbeit (BA) ging im Dezember den zehnten Monat in Folge zurück und lag 31 Punkte unter dem Vorjahreswert. Die gebremste Nachfrage nach Arbeitskräften mache sich vor allem in der Verkehrs- und Logistikbranche, der Industrie und der Zeitarbeit bemerkbar.

In konjunkturunabhängigen Bereichen wie der öffentlichen Verwaltung, dem Gesundheitswesen oder der Erziehung würden Arbeitgeber dagegen weiterhin verstärkt neue Mitarbeiter suchen. Im längerfristigen Vergleich befinde sich der Arbeitskräftebedarf nach wie vor auf hohem Niveau, teilte die BA mit. Die Behörde wird am Freitag ihre Bilanz für 2019 und den Ausblick auf das neue Jahr vorstellen.

2020 dürfte die Dynamik weiter nachlassen. Damit rechnet auch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). „Die Industrie leidet unter der abgeschwächten Exportnachfrage. Angesichts der Arbeitskräfteknappheit bleiben gravierende Konsequenzen bei der Arbeitslosigkeit aber aus“, sagte IAB-Experte Enzo Weber.

Der Beschäftigungsausblick bleibe trotz der konjunkturellen Schwäche positiv. „Der Arbeitsmarkt ist ein Stabilitätsanker für die Binnenkonjunktur. Wenn sich die Weltkonjunktur erholt, wird es 2020 in Deutschland wirtschaftlich auch wieder bergauf gehen“, sagte Weber.

Dass der Beschäftigungszuwachs dennoch weiter an Dynamik verlieren dürfte, liegt vor allem an der alternden Bevölkerung, die den Beschäftigungsaufbau bremst. Das Arbeitskräftepotenzial wird laut IAB 2020 nur noch um 40.000 Personen zulegen. In den vergangenen Jahren hatten die steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren und die Zuwanderung stets dafür gesorgt, dass immer mehr Menschen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung standen. Diese Entwicklung ist bald vorüber.

Im neuen Jahrzehnt droht daher der Fachkräftemangel zu einem großen Problem zu werden. Mitte Dezember gab es bereits im Kanzleramt einen Fachkräftegipfel, an dem neben Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und einigen Bundesministern auch Wirtschaftsvertreter, Gewerkschaften und die BA teilnahmen. Es ging vor allem darum, wie Hürden für ausländische Fachkräfte, die nach Deutschland kommen wollen, weiter abgebaut werden können.

„Mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz haben wir bald einen guten rechtlichen Rahmen für eine leichtere Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte aus Drittstaaten“, sagte Unionsfraktionsvize Carsten Linnemann (CDU). Nun müssten aber Taten folgen. „Wir brauchen zentrale Ansprechpartner für Fachkräfte und Unternehmen und vor allem schnellere Visum- und Anerkennungsverfahren.“

Beim Koalitionspartner sieht man das genauso. „Fachkräfte sind der Schlüssel für eine starke deutsche Wirtschaft“, sagte Eva Högl, stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagfraktion. Daher müsse man Beschäftigte qualifizieren und Fachkräfte aus der EU anwerben. „Angesichts des demografischen Wandels braucht es aber auch den Zuzug gut qualifizierter Fachkräfte aus dem außereuropäischen Ausland.“

Die Opposition forderte die Bundesregierung auf, mehr zu tun. „Die erneute Zunahme der Erwerbstätigen in Deutschland ist erfreulich – noch erfreulicher wäre es, wenn die Bundesregierung das 14. Jahr in Folge dafür nutzen würde, in guten Zeiten die Grundlage für das nächste Jahrzehnt zu legen, statt sich auf den Zahlen auszuruhen“, sagte FDP-Arbeitsmarktexperte Johannes Vogel.

Union und SPD sollten bei der Rente aufhören, so zu agieren, „als gäbe es kein Morgen.“ Beim Fachkräftebedarf müsse sich Deutschland stärker an Einwanderungsländern wie Kanada oder Neuseeland orientieren.