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Warum deutsche Geldhäuser um Fusionen nicht herumkommen

·Lesedauer: 10 Min.

Die Coronakrise dürfte eine Konsolidierungswelle unter Europas Banken lostreten. Daten der EZB legen nahe: Gerade deutsche Institute haben einiges nachzuholen.

In Deutschland gibt es weiterhin zu viele Banken. Foto: dpa
In Deutschland gibt es weiterhin zu viele Banken. Foto: dpa

Für Banker kam in den vergangenen Monaten eine Hiobsbotschaft nach der anderen: Die Deutsche Bank will die Zahl ihrer Mitarbeiter von zuletzt knapp 87.000 bis Ende 2022 auf 74.000 senken, bei der Commerzbank sind Jobkürzungen von rund 10.000 Arbeitsplätzen und mehr im Gespräch.

Im deutschen Bankgewerbe ist seit Beginn der großen Finanzkrise im Jahr 2007 jede sechste Stelle weggefallen. Aber das ist noch nicht alles. Die aktuellen Abbaupläne dürften nur der Auftakt für noch deutlichere Einschnitte in der Bankenbranche sein.

Viele Banker, Bankenaufseher und Investoren halten die Coronakrise für einen möglichen Katalysator für eine neue Fusionswelle unter Europas Banken. Europas Institute sind nicht profitabel genug, häufig zu klein für wichtige Zukunftsinvestitionen und zum Teil zu einseitig aufgestellt. Vieles davon trifft besonders auf die Branche in Deutschland zu, zumal es gemessen an der Bevölkerung in Europas größter Volkswirtschaft auch überdurchschnittlich viele Banken gibt.

„Corona befördert zwar nicht kurzfristig den Konsolidierungsdruck, mittelfristig über die Zinsentwicklung und die damit sinkenden Zinserträge aber schon“, sagt etwa Dierk Brandenburg, Bankenexperte der Ratingagentur Scope.

Zugleich baue sich bei den Instituten ein großer Investitionsstau auf, gerade im Privatkundengeschäft. „Das erhöht den Druck, die Geschäftsmodelle anzupassen, gegebenenfalls auch durch eine Fusion, durch die das Geschäft skalierbar wird“, so der Scope-Analyst.

Auch Philipp Wackerbeck, Partner bei der Unternehmensberatung PwC Strategy & Deutschland, sieht in der Pandemie „einen Beschleuniger für eine Konsolidierung“. Er begründet das mit der im internationalen Vergleich geringen Profitabilität der Branche.

Im Jahr 2019 erwirtschafteten europäische Institute eine Eigenkapitalrendite von 4,1 Prozent, steht in einem Diskussionspapier von PwC Strategy & . US-Banken waren mit 9,1 Prozent mehr als doppelt so profitabel, chinesische Institute standen mit 12,4 Prozent Rendite sogar dreimal so gut da. Die Ertragslage wird sich in naher Zukunft wohl kaum verbessern. Durch die Rettungspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) dürften die Zinserträge noch länger schrumpfen.

„Der Konsolidierungsdruck ist insbesondere in den Ländern hoch, in denen die Profitabilität gering und die Marktkonzentration noch nicht so hoch ist“, sagt Unternehmensberater Wackerbeck. „Das sind im Wesentlichen Märkte wie Deutschland, Italien und in geringerem Umfang Spanien.“

Die geringe Profitabilität insbesondere deutscher Institute stört europäische Bankenaufsehern seit Längerem. Das liegt nicht zuletzt am harten Wettbewerb in Deutschland. EZB-Daten zufolge vereinen die fünf größten Geldhäuser des Landes gerade einmal gut 30 Prozent der Vermögenswerte auf sich.

In Frankreich und Italien liegt der Anteil der Top 5 bei knapp 50 Prozent, in Spanien sogar bei 67 Prozent. Das ist gut für die Verbraucher – aber nicht für die Ertragslage und damit die Stabilität der Finanzbranche.

„Die Preismacht großer Banken ist in Deutschland geringer als in Märkten wie Frankreich, Großbritannien oder Nordeuropa“, erklärt Christian Scarafia, Bankenanalyst der Ratingagentur Fitch. Das liege daran, dass ihre Marktanteile im Heimatmarkt deutlich niedriger sind.

Auch in Deutschland haben in den vergangenen Jahren viele Geldhäuser ihre Unabhängigkeit verloren. Allein in diesem Jahr waren es bislang 28 Institute. Seit der großen Finanzkrise von 2007 verschwand so etwa jedes vierte deutsche Geldhaus. Doch in Relation zu anderen großen europäischen Volkswirtschaften ist das nicht besonders viel: In Ländern wie Frankreich, Italien oder Spanien schrumpfte der Bankenbestand sogar um 40 bis 50 Prozent.

Im Moment sind es vor allem Institute aus Südeuropa, die den Auftakt für eine neue Fusionswelle machen. Mitte September hatten Bankia und Caixabank ihren Zusammenschluss zum größten Institut auf dem spanischen Markt bekanntgegeben. Die beiden kleineren Banken Unicaja und Liberbank nahmen daraufhin nach einem bereits gescheiterten Versuch ihre Gespräche wieder auf.

In Italien kaufte die Großbank Intesa Sanpaolo im Sommer die Ubi Banca. Außerdem will die französische Großbank Crédit Agricole die norditalienische Credito Valtellinese (Creval) übernehmen.

In Deutschland findet die Marktbereinigung dagegen eher im Kleinen statt. Gerade erst ging die Volksbank Reutlingen in die Vereinigten Volksbanken mit Hauptsitz in Böblingen auf, die Vereinigte VR Bank Kur- und Rheinpfalz in Speyer will mit der Raiffeisenbank Freinsheim zusammengehen, und die Volksbank aus Bad Oldesloe plant ihre dritte Fusion in vier Jahren.

Große Fusionspläne hat es seit der im Frühjahr 2019 geplatzten Commerzbank-Übernahme durch die Deutsche Bank nicht mehr gegeben. Zuletzt musste Sparkassenpräsident Helmut Schleweis bei seinem Versuch, die Landesbanken Hessen-Thüringen und Deka zu verschmelzen, wegen der Pandemie „die Pausentaste“ drücken.

Natürlich stemmen sich auch deutsche Banken gegen die permanente Ertragserosion. Nur nicht unbedingt durch Zusammenschlüsse. Dafür machen die Kreditinstitute immer häufiger einen Teil ihrer Filialen dicht. Jede dritte Zweigstelle ist seit dem Jahr 2007 in Deutschland verschwunden.

Damit lag Deutschland leicht über dem Durchschnitt in der Euro-Zone – und weit vor Ländern wie Frankreich, wo im gleichen Zeitraum nur jede zehnte Filiale schloss, oder Italien, wo 27 Prozent der Zweigstellen verschwanden.

Radikaler fielen die Einschnitte nur in Ländern wie Spanien oder Griechenland aus, die von der Euro-Krise 2012 besonders hart getroffen wurden. Oder auch in den Niederlanden, wo zwei Drittel der Filialen wegfielen, weil sich die marktbeherrschenden Großbanken seit einigen Jahren einem konsequenten Digitalisierungskurs verschrieben haben.

Doch auch in Deutschland dürfte sich das Filialsterben fortsetzen, zumal die Coronakrise viele deutsche Kunden an digitale Bankgeschäfte gewöhnt hat. Die Commerzbank, die lange an einem breiten Filialnetz festhielt, will ihr Zweigstellennetz nun radikal stutzen. Auch die Deutsche Bank, die ihr Filialnetz vor vier Jahren schon einmal kräftig ausgedünnt hatte, will weitere 100 ihrer verbliebenen 500 Zweigstellen schließen. Hinzu kommen jedes Jahr noch 50 Standorte der Deutschen-Bank-Zweitmarke Postbank.

Kostensenkungen über Filialschließungen lösen allerdings nicht alle Probleme der Institute. „Anders als bei einer Fusion lassen sich dadurch nicht Stellen in der Zentrale oder bei Verwaltungsaufgaben einsparen“, sagt Scope-Analyst Brandenburg.

Das legt auch ein Blick auf die Zahl der Filialen und der Bankangestellten im Verhältnis zur Einwohnerzahl nahe: Gemessen an der Bevölkerung gibt es in Deutschland gar nicht so viele Zweigstellen – eine Filiale auf mehr als 3000 Einwohner.

Der Durchschnitt in der Euro-Zone liegt bei gut 2600 Menschen je Filiale. Dafür gibt es aber umso mehr Bankangestellte: In Deutschland kommen auf jeden Beschäftigten in einer Bank 146 Einwohner, in Italien sind es 215, in Spanien sogar 272.

Zusätzliche Ertragsquellen lassen sich durch einen Rückzug aus der Fläche erst recht nicht erschließen. „Das wäre allerdings notwendig, da Einnahmen aus Versicherungs- oder Vermögensverwaltungsgeschäften in Deutschland eine geringere Rolle spielen als bei Banken in anderen europäischen Ländern“, erklärt Brandenburg.

Die traditionellen Ertragsquellen deutscher Geldhäuser sind nicht beliebig zu steigern: „Kontoführungsgebühren und ähnliche Dienstleistungen lassen sich nicht unbegrenzt erhöhen. Es gibt schließlich auch Challenger-Banken und Anbieter aus dem Nichtbankenbereich, die diese Produkte deutlich billiger anbieten können.“

Der Fitch-Ratingexperte Christian Scarafia teilt diesen Kritikpunkt. Von der starken Erholung im Investmentbanking 2020 habe nur die Deutsche Bank profitiert, argumentiert er. Lob findet er allerdings für die Sparkassen und Genossenschaftsbanken, die einen großen Teil der Erträge der Branche in Deutschland erwirtschaften. „Das liegt auch daran, dass die beiden Finanzverbünde einem Allfinanzkonzern am nächsten kommen“, erklärt er.

Denn neben ihren Bankprodukten vertreiben Sparkassen und Volksbanken auch Produkte ihrer jeweiligen Versicherer, Fondsanbieter oder Bausparkassen. So gehören die Provinzial Versicherungen, das Fondshaus Deka sowie die Landesbausparkassen zu den Sparkassen. Die R+V Versicherungen, die Fondsgesellschaft Union Investment sowie die Bausparkasse Schwäbisch Hall gehört ins Lager der Genossenschaftsbanken.

Allerdings entscheidet für das Gros der deutschen Banken – Volksbanken und Sparkassen eingeschlossen – nach wie vor das Zinsgeschäft über das wirtschaftliche Wohl und Wehe. Im Jahr 2019 machten Zinserträge laut Bundesbank knapp 70 Prozent des operativen Ergebnisses deutscher Banken aus.

„Die Institute bemühen sich seit Jahren darum, sich unabhängiger von den Zinserträgen zu machen, aber die Hoffnungen auf höhere Gebühreneinnahmen haben sich nie wirklich erfüllt, wenn man mal von der aktuellen Sonderkonjunktur im Wertpapiergeschäft absieht“, moniert PwC-Strategy & -Experte Wackerbeck.

Investitionen für die Digitalisierung

Das gilt gerade auch für das Corona-Jahr: „Das Ertragswachstum, das Banken zuletzt vorweisen konnten, war überwiegend von Kreditwachstum getrieben. Damit sind die Institute eher noch abhängiger von Zinseinnahmen geworden“, analysiert der Berater. Das mache es aber „unheimlich schwierig“, aus eigener Kraft ein langfristig nachhaltiges Kosten-Ertrags-Verhältnis von 50 bis 60 Prozent zu erreichen.

Mit Zukunftsinvestitionen tun sich kleinere Häuser ebenfalls schwerer. Dabei zwingt die wachsende Konkurrenz durch Technologiefirmen im Bankgeschäft die Geldhäuser zu mehr Investitionen in Digitalisierungsprojekte. Durch die Coronakrise ist der Druck, zeitnah das Geschäft zu digitalisieren, eher noch gestiegen. „Die notwendigen Investitionen dafür sind für große Banken aber leichter zu stemmen als für kleine Institute“, sagt Fitch-Experte Scarafia.

Das gilt umso mehr, weil gerade die Wettbewerber aus der Tech-Welt in den Feldern, in denen sie aktiv sind, Größenvorteile nutzen. „Banken können ihre Kosten vielleicht noch durch mehr Automatisierung und effizientere Plattformen reduzieren. Aber das steht in keinem Vergleich zu den Größenvorteilen, die entstehen würden, wenn Banken nach einer Fusion in bestimmten Segmenten wie dem Kapitalmarktgeschäft über ihre Maschinen zwei- bis dreimal so viel Geschäft abwickeln würden“, betont PwC-Berater Wackerbeck.

Doch Fusionen kosten zunächst einmal Geld. Die Integrationskosten für einen Zusammenschluss taxiert PwC Strategy & auf das 1,2-Fache bis das Doppelte der erhofften Kostensynergien, die sich langfristig damit erzielen lassen. „Wenn Banken kaum profitabel sind, ist es unter Umständen sogar schwierig, Fusionen anzustoßen, die langfristig sinnvoll sind, einfach weil man sie sich kurzfristig nicht leisten kann“, räumt Felix Becht, Bankenexperte bei PwC Strategy & Deutschland ein.

Schützenhilfe könnte allerdings vonseiten der EZB kommen. Deren Bankenaufseher haben im Sommer signalisiert, dass sie Fusionen gutheißen würden – und wie sie solche Vorhaben unterstützen könnten. Eine wichtige Rolle spielt dabei der sogenannte Badwill. Darunter versteht man eine Art Sondergewinn, der entsteht, wenn eine Bank ein anderes Institut zu einem Preis übernimmt, der noch unter dem Wert des Eigenkapitals der übernommenen Bank liegt.

Zu solchen Konstellationen kann es kommen, wenn der Börsenwert einer Bank, also ihre Marktkapitalisierung, deutlich unter dem Buchwert, also dem Wert des Eigenkapitals, liegt. Das ist derzeit bei sehr vielen Banken der Fall, wie das Diskussionspapier von PwC Strategy & zeigt. Danach liegt der Börsenwert von Banco BPM, Commerzbank, und Société Générale etwa bei einem Viertel des Buchwerts. Unicredit, Deutsche Bank und ABN Amro notieren etwa bei einem Drittel ihres Buchwerts.

Theoretisch steigert der Badwill also den Gewinn der Käufer-Bank und stärkt damit auch ihr Eigenkapital. Doch diese Sondergewinne entstehen zunächst einmal nur auf dem Papier. Deshalb war lange unklar, ob die Bankenaufseher solche Buchgewinne auch akzeptieren. Genau diese Bereitschaft hat die EZB nun in einem Leitfaden zu Fusionen signalisiert, der bis zum Jahresende final beschlossen werden soll.

„Das kann ein wichtiger Beschleuniger für Zusammenschlüsse werden“, betont Strategy & -Experte Becht. „Das ist nach meiner Einschätzung der Versuch der Bankenaufsicht, den Banken den nötigen Freiraum zu geben, um diesen notwendigen Klimmzug machen zu können.“

Dass der Startschuss für eine Fusionswelle nun unmittelbar fällt, glaubt er aber nicht. „Bevor sich Banken in Fusionen wagen, werden sie zunächst abwarten, bis sie mehr Klarheit haben, wo und wie stark sich die Coronakrise auf die Bankbilanzen auswirkt. Erst dann – vielleicht in sechs bis achtzehn Monaten – dürfte es klare Entscheidungen geben.“